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Sonntag, 11. September 2011

Ekel-Menetekel

Schon klar, dass uns was fehlt. Uns fehlt das Jagen in der Steppe, das Hangeln durch die Bäume, das Hungern, Frieren, die Schmerzen und das frühe Sterben. Wir haben all das durch die Evolution in unseren Genen, nur lässt die Zivilisation diese elementaren Kicks nicht mehr zu. Wir säen nicht mehr; wir ernten nicht, sondern lassen ernten; wir sammeln nicht auf Konten, sondern konsumieren um die Wette. Und die irdische Mutter ernährt uns frei nach Matthäus doch (der Evangelist, nicht der Fußballer). Was bleibt uns vollversorgten Dekadenzkandidaten da noch? S-Bahn-Surfen, Freeclimbing, Skinheads-Beleidigen?


Ganz so gefährlich soll es dann doch nicht sein, dachten sich wie jedes Jahr einige Handvoll Berliner und zogen am Sonntag zur Oberbaumbrücke, die die Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg malerisch und verkehrsumtost verbindet. Sinn (!) ihres Treffens war, sich gegenseitig mit Eiern, faulem Obst und Stinkbomben zu bewerfen. Obwohl so ein nachgestellter Überlebenskampf eigentlich nur Verlierer kennen kann, scheint er Gefallen zu finden. Die Menschen bestimmt immer mehr nicht der Kampf ums Überleben, sondern der Kampf ums Erleben.


So standen sie sich auf der von der Polizei eigens für diesen Zweck gesperrten Brücke gegenüber, schlugen sich mit Schwimmnudeln und schützten sich mit abgerissenen Wahlplakaten. Die faulen Akteure hatte aber kaum faules Gemüse mitgebracht, so dass es eher eine Drängelei und Schubserei wurde, die die Kreuzberger gewannen, weil Friedrichshainer etwas schlauer zu sein scheinen und deshalb zahlenmäßig stark unterlegen waren.


Wir lernen aus dieser Soft-Prügelei, dass in der modernen Eventgesellschaft kein Anlass dämlich genug ist, seine Anhänger zu finden. Das dahinterstehende Bedürfnis, sozusagen als „funktionale Alternative“ Urbedürfnisse zu befriedigen, soll damit hier nicht abgewertet werden - im Gegenteil. Doch stand in archaischen Zeiten immer ein Sinn hinter dem Leiden: Nahrungsbeschaffung, Verbesserung der Lebensqualität und eben Überleben. Heute können Sport, das Lösen von eigentlich nutzensfreien Aufgaben oder selbst Videospiele das ersetzen. Dies setzt auf Befriedigung durch das Erbringen einer Leistung unter Stressbedingungen und hat als Ziel das Gewinnen - gegen sich selbst oder andere.


Solch praktischer Nutzen erschließt sich mir an der Oberbaumbrücke sowenig wie beim Betrachten von Splatterfilmen. Gespielt wird hier wird in einer dysfunktionalen Alternativlosigkeit mit Blut, Gewalt und Ekel. Das dafür offiziell der wichtigste Berliner Innenstadtring stundenlang blockiert wurde, sei am Rande erwähnt. Erfolgserlebnisse gab es immerhin für die Mitarbeiter der Stadtreinigung, die die Brücke nach diesem Höhepunkt zeitgenössischer Eventkultur auf Kosten der Steuerzahler anschließend säubern durften.

1 Kommentar:

  1. Wie wohltuend: Endlich einmal etwas anderes an diesem Datum...

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