Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Schwiriche Wirrsicht

Kürzlich hat sich Udo Lindenberg politisch geäußert: Die Demonstrationen gegen die Banken begrüße er. Da war die Welt dankbar, dass sich hier ein Mann der komplexen Analysen und der vorbildlichen Lebensführung klar positioniert hatte. Er finde die neue deutsche Protestkultur „geil“, fügte er noch erklärend hinzu. Soweit, so na ja. Doch dann fügte er etwas hinzu, was nicht nur wegen des wirren Satzbaus den entschiedenen Protest dieses Blogs hervorrufen muss: „Deutschland ist auf einem guten Weg. … Jetzt müssen wir nur noch das Individuum heiligsprechen, dass jeder Mensch eine absolute Kostbarkeit ist.“ Wie bitte: In einer vom Individualismus zerfressenen Gesellschaft soll das Individuum jetzt auch noch heiliggesprochen werden?

Dass die Rechte des einzelnen und die Bedeutung der Gemeinschaft sich in unserer Gesellschaft immer weiter voneinander entfernen mag den verschiedensten Faktoren des Niedergangs, die im herrschenden „Chaos mit System“ wirken, geschuldet sein, doch dass dafür auch noch Werbung gemacht wird ist empörend. Apropos Werbung - die heizt den Zug der Zeit schon eine ganze Weile an. „Du bist Deutschland“, die große Medienkampagne, nach der jeder Deutscher ist, der sich im Transit an der Tankstelle eine Tafel Schokolade kauft, behauptet zwar, an das Ganze zu denken, spricht aber ausdrücklich das Individuum an. „Du bist ein Teil von Deutschland“ hätte funktioniert, aber so wird so kontraproduktiv wie beabsichtigt die Wichtigkeit des Individuums hervorgehoben.


Ist das noch verschwurbelt genug, um darüber hinweggehen zu können, wird es bei einer bekannten Bank schon deutlicher: „Dibadiba DU“ säuselt Basketballer Dirk Nowitzki und meint, dass diese Bank an nichts anderem Interesse hat, als genau Dir einen Gefallen zu tun. Den anderen kann Herr Nowitzki den Brotkorb dann ruhig höherhängen. „+ich“ hat Google jetzt links oben auf seiner Hauptseite zu stehen und glaubt damit, Facebook und Twitter Konkurrenz machen zu können, als wären die nicht schon narzisstisch genug orientiert.


Spitzenreiter der Anbiederung an die Ich-Fixierung ist aber unzweifelhaft die Postbank. Seit Monaten bombardiert sie uns mit der Parole „Unterm Strich, zähl ich“. Nicht die Volkswirtschaft, nicht die Kunden dieser Bank oder wenigstens die Bank selber und schon gar nicht die Familie zählen, sondern das Zentrum des Universums: ICH. Das dass Konto unentbehrlich sei, mag man noch hinnehmen, doch dass es sprachwitzelnd auch noch leistungsfähich sein soll, zeigt, wie ich-fixiert hier wirklich gedacht wird. Konrad Kustos als sonst zufriedener Postbankkunde meint dazu: Ich höchstpersönlich finde das nur peinlich, entbehrlich und sogar eklich.


Warum wird nicht mal mit Personalpronomen geworben, die das Interesse der Gemeinschaft betonen, zu der ja auch alle beteiligten „Ichs“ gehören, also mit „wir“, „ihr“ oder meinetwegen „sie“? Das wäre zwar wirklich nötig (nötich?), um wieder auf Synergieeffekte setzen zu können, doch können wir darauf in den Wirren des Niedergangs wohl lange warten.


Das bisher Gesagte mag eher wie eine Wortspielerei wirken, die sie ja zum Teil auch ist, doch das Phänomen offenbart eben auch Wahrheiten. In einer Gesellschaft, die das Wort „Toleranz“ dazu benutzt, jeden Trittbrettfahrer sozialer Errungenschaften (vom Steuerzahlen bis zum zivilisierten Schlangestehen) von Verantwortung und Kritik freizustellen, mussten Werbeverantwortliche geradezu auf diese Idee kommen.


Ein zweiter Grund kommt hinzu: Je schwerer es für den einzelnen wird, sich in einer nicht nur komplizierter, sondern auch irrationeller werdenden Gesellschaft zurechtzufinden, desto mehr braucht seine verwirrte, verunsicherte und verletzte Psyche Rückendeckung. So erwarten die Werber in ihrer bekannt kurzschrittigen Denkweise, positive (Konsum-)Gefühle mit der virtuellen Stabilisierung des Ego zu erzielen. Aber so sehr das Individuum in seiner Selbstwahrnehmung dadurch auch gestärkt wird, bleibt diese Stärkung in der wirklichen Welt doch eine scheinbare.


Der Nachteil für die Gemeinschaft aber ist durchaus real, wenn sich alle plötzlich vorrangich durch den Berufsverkehr nach Hause drängeln. Deswegen ergeht hier der Appell an das Massenpublikum dieses Blogs: Pflanzt den Wir-Wirus in die Köpfe Eurer Mitmenschen, lasst Euch von der Ich-Werbung nicht verwirren und ersetzt die Wirtualität der Propaganda durch wirkungsvolles Miteinander. Und setzt den Protest-Rentner Lindenberg in den Sonderzug nach Pankow, wo er sich dann meinetwegen ganz individuell heilich sprechen kann.


Kommentare:

  1. Am besten gefällt mir "schWIRich" :-D

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  2. Du bringst etwas durcheinander. Wir haben heute absolut keinen Individualismus, sondern die totale Gleichschaltung der Massen. Erst auf dem Boden dieser Gleichschaltung ist Egoismus und Konkurrenz erst möglich. So führt Gleichschaltung dann zu Vereinzelung. Eine Gesellschaft besteht hingegen aus Individuen, die sich ergänzen und gegenseitig wertschätzen.

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  3. Wieso soll Udo denn nach Pankow? Hier ist es derzeit (noch) erträgl-ich. Nicht alle Menschen, aber doch einige helfen sich gegenseitig. Es ist bürgerl-ich im guten Sinne. Obwohl auch hier einige Unsitten, die den fortschreitenden Niedergang symbolisieren, nicht aufzuhalten sind. Aber einen Egoisten wie Lindenberg brauchen wir hier nicht :-) Der soll schön in seinem Hotel bleiben...

    PS: Der Gedanke des anderen "Anonym" ist sehr interessant.

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  4. nix Anonym - Harun Raffael hat gesagt:

    Etwas zu schlICHt argumentiert.

    XD -aufdenBodenklopf-
    Nein, ich kann, will und werde an keinem Kalauer vorbeigehen.

    Aber ernsthaft (andernfalls wäre das hier nur egoistische Ulkbelästigung), der arme Udo will doch nur die Menschen vor dem kriminellen Egoismus der Banker in Schutz nehmen. Und deren Verhalten ist doch gerade ein Beispiel des krankhaften Egoismus auf Kosten der Gesellschaft. Kustos-Kommentare: Richtiges Anliegen bei falschem Anlass?

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