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Sonntag, 8. Januar 2012

Närrische Nebelschau

Tom Buhrow, der Möchtegerne-Entertainer von den Tagesthemen, ist ein Medienclown, dem die Information wenig, das eigene Profil viel bedeutet. Allerdings ist er dabei nur eine Spitze vieler Eisberge. Die journalistische Berichterstattung als solche bewegt sich nämlich ziemlich geschlossen unter der Oberfläche und lässt uns kalte Füße kriegen, wenn wir an die Folgen für die demokratischen Strukturen denken. Infotainment scheint das Gebot der Stunde, aber das Problem liegt tiefer: Der Journalismus hat sich verkauft – an die Mächtigen und an die eigene Eitelkeit.

Buhrow hat es keineswegs exklusiv, dass er auf Veranstaltungen der Etablierten (Siemens, Oetker, Banken oder Bauunternehmen) Vorträge hält und dafür viel Geld bekommt. Auf rund 10.000 bis 20.000 Euro werden die Zusatzeinkommen unserer Informationszwischenhändler pro Extraauftritt beziffert. Über mögliche Interessenskonflikte macht man sich offiziell keine Gedanken, schließlich ist ein TV-Moderator zumindest in der Selbstwahrnehmung eine über allen moralischen Zweifeln stehende Person. 

Ganz anders etwa als der Bundespräsident, der sich seit Wochen einem medialen Dauerfeuer ausgesetzt sieht. Wulff hat anscheinend ein verantwortungsvolles Amt mit privaten Vorteilen verknüpft, was sicher nicht besonders moralisch ist, aber genau das tun auch die Spitzen des Journalismus, nur eben ohne dafür kritisiert zu werden. Quis custodiet ipsos custodes?

Aber nicht nur und am wenigsten die materielle Vorteilsnahme ist das Problem. Der moderne Journalist, am Anfang seiner „Karriere“ rekrutiert als schlecht ausgebildeter und formbarer Vielarbeiter, verfälscht nämlich vornehmlich höchst unvornehm die Wirklichkeit aus Lust an der Wahrheitsbeugung. Schon vor vielen Jahren formulierte der damalige WDR-Intendant und spätere ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen den Freibrief dafür: „Wir müssen sortieren, um den Zuschauern zu helfen, zu unterscheiden zwischen Falsch und Richtig.“

Mittels dieser Arroganz wird die eigene beschränkte Weltsicht so Millionen als unanzweifelbare Wahrheit, schlimmer: als reine Realität, vermittelt, und diese Millionen lauschen ergeben. Viel zu oft wird in die Information ohne Not eine Botschaft, also Meinung, eingebaut. Früher gab es dafür den Kommentar, heute fühlen sich die „kritischen Journalisten“ bei jedem Verkehrsunfall zur Stellungnahme aufgerufen. Wir glauben ihnen all das, müssen ihnen folgen, weil unser System keine ernsthafte Alternative zur Informationsbeschaffung kennt (außer natürlich dieser Blog und ein paar andere).

Die Hierarchie des wissenden Medienmenschen gegenüber dem unwissenden Wissensempfänger verschafft den selbstgerechten Erfindern von Falsch und Richtig Gefühle, wie sie Filmstars oder angesagte Rocksänger haben. Macht macht eben Spaß, auch da, wo die Mächtigen eigentlich von der „Vierten Gewalt“ kontrolliert und korrigiert werden sollten.

Journalisten sollten keineswegs den Menschen die Welt erklären, jedenfalls nicht politische Journalisten oder all die anderen, die nicht ausdrücklich in der Wissensvermittlung arbeiten. Sie sollten ermöglichen, dass die Menschen sich unbeeinflusst eine eigene Meinung bilden können. Sie sollten den Manipulationsversuchen der Mächtigen und Einflussreichen die mächtige Waffe der Information und der Realitätsnähe entgegenhalten. Sie sollten die Welt als ein kompliziertes Phänomen darstellen, in dem es keine eindeutigen Wahrheiten - weder sachlicher noch weltanschaulicher Art - gibt. Sie sollten vor allem nicht selbst an ihre unbeholfenen Welterklärungsmodelle glauben, sondern sich an die Spitze einer Bewegung des immerwährenden Lernens, Neudenkens und Erkennens setzen.

Doch die Journalisten können diese Objektivität, selbst wenn sie wollten, ganz objektiv nicht aufbringen, denn sie sind Täter und Opfer zugleich im „Chaos mit System“. Sie tun nämlich nur das, was auch alle anderen tun: Sie kapitulieren vor einer immer schwerer zu verstehenden Welt und flüchten sich dabei in beruhigende Vereinfachungen. So ist ihr besonderes Problem letztlich nur, dass wir von ihnen mehr erwarten als von uns.

Ihr Pech, denn jeder sollte seinen Job ordentlich ausüben können oder wenigstens die Missstände angehen. Stattdessen wird schwadroniert, verkürzt, manipuliert, geschlampt und sich selbst in einer närrischen Nabelschau herausgekehrt. Das liegt auch, aber nicht nur, an den Produktionsbedingungen mit immer weniger Personal immer komplexere Aufgaben stemmen zu müssen. Im Ergebnis wird meistens gehuscht und häufig gepfuscht. Schreibfehler finden sich fast so häufig wie in einem Facebook-Chat und machen keineswegs vor den Überschriften halt. Eine wachsende Doublettenzahl wird dafür mit halben Sätzen kompensiert.

Am schlimmsten aber sind die inhaltlichen Unzulänglichkeiten. Dazu nur ein paar willkürlich herausgegriffene Beispiele aus dem Schaffen des Niedergangsjournalismus der letzten Wochen: Über den zu ertragsorientierten Bundespräsidenten wird berichtet, als wäre mitten im Winter das Sommerloch ausgebrochen - selbst wenn es tagelang nichts Neues gibt. Ein CDU-Politiker, der mit einer 15-Jährigen chattet, wird im Interesse seiner politischen Gegner kurzerhand zum Sittenstrolch umgeschrieben. Ein wegen vereinsschädigenden Verhaltens und eingestandener Lügen geschasster Bundesligatrainer wird zum Opfer einer inkompetenten Vereinsführung gemacht, weil diese sich geweigert hatte, die Medien im Minutenabstand über interne Vorgänge zu informieren.

Und unter der Überschrift „CO2-freies Berlin wird viele Milliarden Euro kosten“ erfährt der erstaunte Leser einer Berliner Zeitung nicht etwa, dass CO2-Freiheit weder möglich ist noch wünschenswert wäre, da das zu einer Umweltkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes führen würde, sondern er liest 1:1 die Politparolen der Regierung. Der Leser ahnt höchstens, dass hinter den im unseligen Schulterschluss von Verkünder und Vermittler zu Information gewordenen Träumereien die Absicht steckt, den menschgemachten CO2-Ausstoß (!) auf Null zu setzen (was natürlich ebenfalls völlig unmöglich ist, ohne auch das Atmen zu verbieten).

In den Tagesthemen vom vergangenen Dienstag versicherte uns mit treuem Blick und kunstvoll ungewaschenen Haaren Moderatorin Caren Miosga salbungsvoll zum medialen Dauerbrenner „Arabischer Frühling“(dem sich übrigens der Post vom kommenden Sonntag widmen wird): „’Frei’ bedeutet jetzt in Ägypten auch die Freiheit der Andersdenkenden.“ Aha, sie muss es ja wissen an ihrem dicken Schreibtisch. Sie scheint übrigens über alles bestens Bescheid zu wissen, was so in den Tagesthemen verkündet wird. Dabei gilt doch nur: Je weiter sie den Konsumenten von eigenen Informationsmöglichkeiten und eigenen Erfahrungen abgeschnitten wissen, desto hemmungsloser wird schwadroniert. Das ist zwar menschlich, doch gerade diesen inneren Schweinehund müsste ein guter Journalist überwinden. Müsste -aber welcher Journalist weiß heute noch, was ein Konjunktiv ist?

Noch einmal zurück zu Caren Miosgas Tagesthemen. In dem Beitrag zur Wahl in Ägypten erfahren wir natürlich kein bisschen über Freiheit, sondern höchstens, dass wohl die Moslembrüder die Wahl gewinnen werden und der Frühling erst bei der nächsten Wahl kommt (aber dann ganz sicher). Wenn es dann im Anschluss an die Medienerfindung vom demokratischen Aufbruch noch Wahlen geben sollte. Die Botschaft aus dem Sendestudio mit einer großen demokratischen Tradition lautet jedenfalls, das am Nil alles schlechter zu werden droht, aber wenigstens habe man dort jetzt eine Demokratie mitteleuropäischer Seligkeit.

Caren Miosgas, die auch mal ausgerechnet bei „Zapp“ gearbeitet hat, dem Medienmagazin, das einst die peinlichen Nebeneinnahmen ihres jetzigen Moderier-Partners Buhrow öffentlich machte, moderiert eigentlich gar nicht, sondern sie produziert – nämlich sich selbst. Können aber solche Theo-Waigel-Augenbrauen auch lügen? Wenn sie es doch nur könnten, wenn sie also wenigstens für ein wenn auch negatives Profil stünden! Aber die Medien des Niedergangs sind farblos, ahnungslos, prinzipienlos und wohl auch meist gewissenlos.

Was sie für Gewissen halten, ist das Nachplappern einer als Objektivität getarnten virtuellen Weltsicht der Etablierten. Die Meinung der Mehrheit, für die die Vierte Gewalt einer Demokratie sich eigentlich stark machen sollte, wird ignoriert oder verlacht. Die Pressefreiheit geht verloren, weil ihre schlimmsten Gegner die Journalisten des Niedergangs selbst sind. Diese Journalisten sind so, weil sie sich haben bestechen lassen. Nicht mit Geld, sondern mit dem Recht, zu den Etablierten dazugehören zu dürfen.

Kommentare:

  1. nix Anonym - Harun Raffael hat gesagt:

    Und ich behaupte: Die Journalisten haben sehr wohl die Aufgabe, den Zuschauer zu entmündigen und ihm vorgekaute Meinungen vorzusetzen. Bzw. ist die Entmündigung gar nicht mehr möglich, weil der Großteil des Publikums sich glattweg verweigert, mündig zu sein. Der durchschnittliche Nachrichtenkonsument ist nicht in der Lage, sich zu merken, was er zu demselben Thema vor einer Woche gehört hat. Oder mehr als die Schlagzeile gedanklich zu verarbeiten. Man braucht bloß die Denkqualität der Leute zu betrachten, die sich die Mühe machen, auf den Diskussionsthreads von Nachrichtensites ihre formulierte Meinung zu hinterlassen.

    Aber ich weiß ja, dass Herr Kustos eigentlich ganz meiner Meinung ist, dass das Volk entmündigt gehört und eine konstruktive Diktatur Not tut. Nur will er diese Entmündigung auf die islamischen Länder beschränken.
    Daran muss man noch arbeiten.

    Harun

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  2. Hallo Nix Anonym, richte mal dem Harun einen schönen Gruß aus. Leider hängt er genau der arroganten bürgerlichen, von der Aufklärung genährten Vorstellung an, nur wer ausgiebig studiere, könne mitreden. Dabei ist die Lebenserfahrung viel wichtiger und Expertenwissen verstellt oft den Blick auf die Wirklichkeit. Und: Warum sollten Journalisten die Aufgabe haben,den Zuschauer zu entmündigen? Im Interesse der Bilderberger oder einer ominösen jüdischen Weltverschwörung? Nein, die sind so doof und arrogant, wie es bürgerliche Schlaumeier eben sind (s.o.).
    Und abgehoben den Menschen vorzuwerfen, sie weigern sich mündig zu sein, verlangt geradezu eine Entmündigung des Schreibers.
    Deshalb ist "Herr Kustos" auch für die islamischen Länder der Überzeugung, dass die Menschen sich dort nicht von westlichen Medien oder Bombenflugzeugen entmündigen lassen sollten, sondern ihren eigenen Weg zu gehen haben. Mit Diktator, Revolution oder eben Islamismus, wenn sie nicht mündiger sind, als sich diese Scheiße anzutun.

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