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Sonntag, 29. Januar 2012

Schlecker-Wecker

Hier wird oft über die schlimmen Dinge des Niedergangs berichtet, aber diesmal gibt es eine gute Nachricht: Schlecker ist pleite. Möglicherweise winkt die völlige Zerschlagung der einst größten deutschen Drogeriemarktkette, die seit den 70er Jahren für negative Schlagzeilen von Mitarbeiterausbeutung über ein zweifelhaftes Warensortiment bis hin zum aggressiven Ausbreitungswahn gesorgt hat. Doch der Niedergang der Gesellschaft wäre nicht der Niedergang, den wir kennen, wenn er sich nicht auch prächtig in der Schlecker-Abwicklung entwickeln könnte.


Mit 7200 Filialen und einem Umsatz von schätzungsweise noch knapp sechs Milliarden Euro im vergangenen Jahr war Schlecker zuletzt Nummer zwei im deutschen Drogeriemarkt hinter „dm“. Ursprünglich war das selbsterklärte Ziel des Anton Schlecker sein Namensschild statt wie andere Leute unter seiner Hausklingel zu platzieren, es im Abstand weniger hundert Meter flächendeckend über alle Siedlungen der Republik wuchern zu lassen. Klein, abgelegen und billig waren die gesuchten Standorte, und nach ähnlichem Muster wurden auch die Beschäftigten ausgesucht.

Wer das Pech hatte, nicht anderswo sein Geld verdienen zu können, musste bei Schlecker Einzelschichten schieben, auf Telefon und Gewerkschaft verzichten und konnte von Tariflöhnen höchstens träumen. Gut träumen lässt sich aber schlecht, wenn das Risiko, überfallen zu werden, angesichts der Arbeitsbedingungen von Einzelhaft mit Telefonentzug hier besonders hoch war.

Doch nun kommt der versprochene mutmachende Effekt: Mitarbeiter und Verbraucher haben es durch ihr Verhalten wohl geschafft, den aggressiven Postkapitalismus Schleckers zu zerschlagen. Umfragen unter Verbrauchern zeigen ebenso wie die sinkenden Umsätze, dass die Kette seit Jahren vom absteigenden Ast hing. Derzeit werden die Imagewerte von Schlecker mit minus 37,8 Punkten gelistet. Zum Vergleich: Die Konkurrenz punktete mit plus 79,4 („Rossmann“) und sogar plus 88,3 („dm“).

Doch auch wenn Schlecker keiner mehr haben will, hindert es unser Niedergangssystem nicht daran, es retten zu wollen. Das geschieht natürlich mit Geld, und zwar dem ehrlich verdienten Geld anderer Leute. Die Schleckers streben eine „Planinsolvenz“ an, bei der sie so weitermachen können wie bisher, nur dass sie auf Staats- und Bürgerkosten ihre Ausgaben reduzieren. Gläubiger müssten dann auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichten, und in den ersten drei Monaten nach Antragstellung übernähme das Arbeitsamt die Gehälter der rund 30.000 Mitarbeiter.

Gleichzeitig wäre mit dem Insolvenzantrag ein eigentlich noch bis Mitte des Jahres geltender Beschäftigungssicherungspakt ausgehebelt, also könnten durch Filialschließungen überflüssig gewordene Kassiererinnen (und poco: auch die Kassierer natürlich) gekündigt werden. Schließlich träfe das kurzfristige Kündigungsrecht auch die Vermieter von Filialen. Nicht von ungefähr war die Belegschaft bereits Mitte Dezember gebeten worden, vorübergehend auf Gehalt zu verzichten, um das Unternehmen zu retten.

Was aus solch staatlich finanzierter Insolvenzverschleppung resultiert zeigt der Schleckerfall gleich mit, denn die rechtlich unabhängige Tochter „Ihr Platz“, sozusagen die Schleckersche Edelmarke, ist nach vollendeter Sanierung vor fünf Jahren nun gleichfalls und schon wieder insolvent. Damals erhielten die Mitarbeiter drei Monate lang ihre Gehälter von der Arbeitsagentur, womit die Firma rund 15 Millionen Euro Personalkosten sparte. Trotzdem wurden 100 Filialen geschlossen und insgesamt 1400 Mitarbeiter entlassen. Wie oft soll dieser Millionentransfer aus den Taschen der Allgemeinheit in ein privatwirtschaftliches Unternehmen noch vonstatten gehen?

Wir fassen zusammen: Alles was ein auf Leistung, Marktwirtschaft, Rechtssicherheit, Glaubwürdigkeit und Sozialstaat ausgerichtetes Zusammenleben ausmacht, wird im Krisenfall kurzerhand außer Kraft gesetzt. Warum erinnert mich das alles an das, was sich im großen Maßstab gerade unter der Überschrift „Europäische Union“ abspielt?

Nun ist im Fall Schlecker anscheinend ein nicht unerhebliches Privatvermögen vorhanden, das rein rechtlich ebenfalls der Pleitegeier aufschlecken müsste. Lassen wir uns überraschen, ob das geschieht. Die Schleckers müssten eigentlich schön blöd sein, wenn sie ihr Geld nicht schleckerschlucksicher beiseitegelegt hätten.

Immerhin gibt es nach dem erfolgreichen Konsumentenwiderstand noch eine zweite gute Nachricht: Dass es im Umkehrschluss Unternehmen gibt, die sich mit einer verbraucher- und mitarbeiterfreundlicheren Politik und unter Verzicht auf besondere Steuergeschenke nicht nur am Markt behaupten, sondern sogar glänzend dastehen. Dirk Roßmann, die künftige Nummer zwei in der Branche nach „dm“ hatte sich sogar kartellrechtlicher Angriffe (5,8 Millionen Euro gefordertes Bußgeld) zu erwehren, weil er es gewagt hatte, Shampoo unter Einkaufspreis weiterzuverkaufen. Erst vor einem Jahr ging das Verfahren gegen Roßmann und seine Rossmann-Kette siegreich für den wehrhaften Unternehmer zu Ende, ein Verfahren, in dem der zuständige Richter das Bundeskartellamt sogar tadelte, es sei unverantwortlich, einen Wirtschaftsteilnehmer einem Prozess auszusetzen und seine Reputation zu beschädigen, ohne die Tatsachen ausreichend ermittelt zu haben.

Das Manager-Magazin schrieb schon 2004 über soziale Verantwortung: „Anders als Schlecker hat Rossmann nicht den Fehler gemacht, auf Kosten seiner Angestellten zu wachsen. Von Drangsalierungen der Mitarbeiter weiß der zuständige Gewerkschaftsvertreter nichts zu berichten.“ Roßmann selbst spricht von der besonderen Verantwortung für Unternehmer und würde auch eine Reichensteuer zahlen wollen. Seinen Beschäftigten zahlt er Tariflöhne, was eigenen Angaben zufolge wegen der Konkurrenz das Höchste der Gefühle sei. Wollen wir ihm das ausnahmsweise mal glauben.

Verantwortung für die Gesellschaft übernimmt er auch außerhalb des täglichen Geschäfts, z.B. ist er Mitbegründer der Stiftung Weltbevölkerung, deren Ziel es ist, Menschen zu helfen, sich selbst aus der Armut zu befreien, und damit der Überbevölkerung entgegenzuwirken. Deshalb unterstützt sie Familienplanungs- und Aufklärungsprojekte in Afrika und Asien. 2007 gründete er den „Anti-Mobbing-Award“, um Mobbing in der Arbeitswelt zu bekämpfen. Über seinen Charakter sagt vielleicht am meisten eine Anekdote aus: Der trotz Wehrdienstverweigerung zur Bundeswehr eingezogene junge Mann verweigerte solange den Befehl, bis er für vier Wochen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde. Danach war Schluss mit Wehrdienst.

Eine von Roßmanns Maximen beim Aufbau der Firma war ein verkraftbares Wachstum und nicht der Turbokapitalismus Schleckers. Der hat nun wenigstens bewiesen, dass Gier und Aggressivität auch in der Niedergangsgesellschaft kein Patentrezept ist. Andere werden vielleicht daraus lernen, aufgeweckt werden sozusagen. In jedem Fall werden nun hoffentlich die Städte von den optischen Anmaßungen seiner Läden repariert werden können. Keine großen Pappschilder mehr in denkmalgeschützten Altstadtkernen oder strahlenden Einkaufspalästen, auf denen blaue Blockschrift wie mit Pinsel und Schablone von Hand aufgetragen zum Schleckern auffordert. Und nicht zu vergessen der psychologische Faktor, dass wir nie wieder bei einem Seifenladen gezwungen sein müssten, ans Schlecken zu denken.

Kommentare:

  1. Und gleich ein Nachtrag, der in den Ramschladen des Niedergangs passt: Ungefragt hat der Wirtschafts- und Finanzminister Baden-Württembergs angeboten, für Schlecker eine Bürgschaft zu übernehmen. Das wäre dann Konkursverschleppung auf Kosten des Steuerzahlers und besonders auf Kosten der marktwirtschaftlichen Konkurrenten. Vielleicht hilft da der Gang vors Verfassungsgericht?

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    1. Es hätte mich ja auch überrascht, wenn der SPD-Minister in Baden-Württemberg auch nur für fünf Pfennig (bewusst nehme ich in Deinem Blog die alte Währung ...) nachgedacht hätte. Das tut er ja bei Stuttgart-21 auch nicht. In beiden Fällen werden Milliarden versenkt.

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  2. Ein feiner Blogeintrag, habe ich gern gelesen!

    Eine Frage hätte ich als jemand ohne Immatrikulationshintergrund aber: Was ist Postkapitalismus?

    Sind nicht beides Ausprägungen einfach nur des Kapitalismus, einmal in der unanständigen Variante und einmal in der anständigen?

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  3. Nun, nach bisher gängiger Lesart ist Postkapitalismus etwas, das es gar nicht geben kann, nämlich sowas wie Sozialismus, der nicht wehtut. Ich wollte diesen schönen Begriff nicht den ewigen Träumern überlassen und ihn lieber sinnvoll definieren. Bei Konrad Kustos ist Postkapitalismus also der Kapitalismus, der sich seines Grundwesenzuges - Selbstkorrektur durch Marktwirtschaft - entledigt hat. Also ein Kapitalismus, der alle ihm eigenen Unarten beibehalten, jedoch seine kreativen, wertschöpfenden Fähigkeiten aufgegeben hat. Postkapitalismus ist ein Niedergangsphänomen und deshalb nicht auf die Existenz von Monopolen angewiesen. Ich wollte demnächst mal was Grundsätzliches dazu schreiben und habe den Begriff hier nur als Testballon eingestreut. Prompt bist Du aufmerksamer Leser zu recht darüber gestolpert.

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  4. Ah, danke fürs Erste. Dann warte ich mal ebenso gespannt wie skeptisch auf die grundsätzliche Erleuchtung!

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