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Sonntag, 26. Februar 2012

Kinder-Krieger


Da haben aber kürzlich die CDU/CSU-Nachwuchspolitiker für Aufsehen gesorgt. Eine geburtenfördernde Zusatzsteuer fordern sie, die jeder zahlen muss, der sich nicht durch Kinderkriegen einen Ablass besorgt. Ein Prozent vom Einkommen für alle über 25 ist angedacht. Mit diesem Versuch, den Klapperstorch zu bestechen, soll nicht nur dem von Demografen prognostizierten Aussterben der Deutschen begegnet, sondern auch dem angeblich aus demografischen Gründen notleidenden Sozialsystem auf die Sprünge geholfen werden. Sprünge macht allerdings nur diese Argumentation, denn kybernetisch betrachtet, erweist sich der Vorschlag als untaugliches und unberechtigtes Mittel, welches obendrein Freiheitsrechte ignoriert und die menschliche Würde mit Füßen tritt.

Weil dumme Gedanken schnell Kinder kriegen, meinte auch der schon lange sinnzeugungsunfähige Franz Müntefering (SPD) noch einmal etwas für den Nachwuchs tun zu müssen und forderte Steuermodelle, die Eltern begünstigten. Derzeitige Kronsöhne und -töchter der politischen Landschaft wie Merkel, Gabriel und Seehofer protestierten allerdings energisch gegen die übrigens nicht neue Idee, wohl weil viele Möchtegern-Kinderlose bei einer Politik der Zwangszeugung Wahlverhütung betreiben würden.


Damit könnte der Post hier zuende sein, ist er aber nicht, weil noch zu ermitteln bleibt, wes Geistes Kind diese Attacken auf den freien (Kinder-)Willen sind. Der Grundgedanke ist in der Tat nachvollziehbar: Wer Kinder bekommt, investiert damit auch in das Gemeinwesen, welches ja auf Nachwuchs angewiesen ist, um zu überleben und jemanden zu haben, der sich auch später um die Alten kümmert. Im Prinzip ist das die Institutionalisierung der archaisch üblichen Methode, Kinder zu bekommen, um später eine Altersversorgung zu haben. Dieser Gedanke treibt auch Verfassungsrichter immer wieder, entsprechende Aufträge an die Politik zu erteilen.


Schon im sogenannten Schreiber-Plan, der 1957 mit dem „Generationenvertrag“ den heute geltenden Aderlass junger Erwerbstätiger zugunsten einer Rentenzahlung für Ältere begründete, war eine Kinderrente bis zum 20. Lebensjahr vorgesehen, wurde dann aber nicht verwirklicht. Schließlich würden Eltern ja Entbehrungen auf sich nehmen, so der Gedanke, und damit alleine die zukünftige Produktivität des Landes und das Vorhandensein von Renteneinzahlern sichern.


Es ist also nicht alles falsch an der Idee, aber die Wahrheit liegt mal wieder in der Mitte. Die Technokraten des aus bloßer Statistik gezeugten Zeugungszwangs vergessen (unter anderem), dass es beim Kinderkriegen und Kinderhaben auch um Liebe, Entwicklungsmöglichkeiten und biologische Imperative geht. Welcher Geisteszustand einer Gesellschaft lässt zu, dass diese Faktoren ausgerechnet von den Sozialmoralisten ausgeklammert werden, ohne dass ein Sturm der Entrüstung losbricht? Einen solchen Vorschlag gibt es wohl nirgends in der Welt, und selbst Hitler hat sich sowas für die Befeuerung seiner Kriegsmaschine nicht einfallen lassen (immerhin erfand er 1936 das Kindergeld).


Wie kann man Menschen finanziell dazu nötigen - und nichts anderes bedeutet hier die Zwangssteuer oder der Euphemismus „Steueranreize“ -, Kinder zu zeugen, die sonst gar nicht gewollt wären. Die Kinder werden es merken, auch wenn es niemand offen aussprechen wird. Auch die gesellschaftspolitischen Folgen wären fatal. Die gut ausgebildete und/oder gebildete, leistungsfähige Mittelschicht wird sich weiter den Luxus der Kinderlosigkeit gönnen, während Teile der Unterschicht in Ermangelung anderer Erfolgserlebnisse das tun, was sie schon immer getan haben, nämlich sich zu vermehren. Doch dann noch prämiert und beflügelt mit dem Geld der Steuerzahler.


In meinem Buch „Chaos mit System“ habe ich dafür den Ausdruck vom „tendenziellen Fall der Kulturrate“ geprägt. Gegen eine solche permanente Negativauswahl kommt das beste Bildungssystem nicht an - egal welcher wissenschaftlichen Meinung man anhängt, ob sich die Dummheit nun genetisch oder sozial bedingt fortpflanzt. Vielleicht wird Deutschland so wieder etwas voller, aber die benötigten Fachkräfte und die Denker für eine Zukunft im Zeichen der Informationslawine kommen so eher nicht in die Welt.


Wenn überhaupt Förderung der Fertilität, dann nicht mit dem Ziel Menge, sondern Qualität. Bloße Kinderprämien auszuloben bedeutet, Anreize für diejenigen zu schaffen, die schon jetzt das Sozialsystem belasten. Immerhin fördert schon jetzt das Kindergeld in bestimmten Schichten besondere Gebärfreudigkeit.


Allerdings wäre das Problem bei einer Koppelung einer potenziellen neuen „Kinderrente“ an die Steuerzahlung wenigstens teilweise entschärft, denn im Tiefland der Gesellschaft, wo kaum eingezahlt und gern genommen wird, wäre dann nicht so viel zu holen. Oder man könnte die Bevorteilung auf deutsche Mittelschicht-Eltern beschränken, aber auf welchem PoCo-freien Planeten sollte das in die Praxis umsetzbar sein?


Selbst dann - wie will man andere moralische und rechtliche Probleme beim forcierten Indieweltschaffen aus der Welt schaffen? Was ist mit denen, die Kinder kriegen wollen, aber nicht können - mit Singles oder Homosexuellen etwa? Bekommen auch erbgutgeschädigte Behinderte die Prämie für das Erzeugen behinderten Nachwuchses? Was ist nach den Wechseljahren oder bei Impotenz - muss die Steuer dann weitergezahlt werden? Brauchen wir, um alle Sonderfälle zu verwalten, eine Big-Mother-Behörde, die die Zeugungsfähigkeit jedes einzelnen durchleuchtet und dann eine Agentur für Fertilität Ausnahmegenehmigungen von der Gebärpflicht ausstellen lässt? Und muss es nach dem Wehrdienstverweigerungsrecht noch ein Zeugungsverweigerungsrecht geben, wenn jemand es moralisch nicht verantworten will, Kinder in eine übervölkerte und zugrundegehende Welt zu setzen?


Natürlich hat der Staat im Interesse aller eine Unterstützungspflicht für Kinder, bzw. deren Eltern. Er hat zum Beispiel für Gesundheit, Sicherheit und Ausbildung des neuen Bürgers zu sorgen. Rund 100.000 Euro beispielsweise kostet allein die Ausbildung eines jungen Deutschen den Steuerzahler - gleichermaßen den mit und den ohne Kinder - im Durchschnitt. Rund 40 Milliarden Euro fließen schon jetzt jedes Jahr als Kindergeld, dazu kommen etliche andere direkte und indirekte Transfers vom Staat an die Eltern. Da so zu tun, als müssten Eltern bisher alle Lasten alleine schultern, ist ziemlich dreist.


Wenn Elternteile dem Gemeinwesen mit ihren Kindern helfen, indem sie berufliche Ziele zurückstellen, scheint mir immerhin eine Berücksichtigung der aufgewendeten Zeit in der Rentenversicherung durchaus sinnvoll. (Teilweise ist das schon umgesetzt, aber nur zum Vorteil der Mütter, gab’s da nicht mal was mit Gleichberechtigung?)


Umgekehrt ist aber schon eine Kindergartenplatzförderung problematisch, weil es auch eine einseitige gesellschaftliche Weichenstellung ist: Die Eltern können beide berufstätig sein, Geld für den Konsum erwirtschaften und dem Kind dadurch zumindest zeitlich Geborgenheit, Fürsorge und Liebe entziehen. Das hat die Evolution nicht so vorgesehen, wohl aber die arbeitsteilige entwickelte Gesellschaft. Auch hier sollten möglichst die Eltern die Freiheit haben zu entscheiden und nicht durch eigens eingeführte ökonomische, ideologische oder institutionelle Bedingungen determiniert werden.


Rein provokativ sei auch noch gefragt (und die Antwort ausdrücklich offengehalten), ob das Kinderkriegen wirklich eine förderungswürdige Wohltat für die Allgemeinheit ist, denn Kinder werden dem biologischen Imperativ folgend sowieso geboren, die Frage ist nur, wieviele es denn sein sollen. Die herrschende Argumentation baut ausschließlich auf dem hier und schon vor einer Woche ins Gebet genommenen problematischen Generationenvertrag auf, und die Frage der Überbevölkerung, die in einer Art „Bevölkerungstrilogie“ hier in der kommenden Woche besprochen werden soll, wird völlig ignoriert. Letztlich handelt es sich um eine unauflösbare Konkurrenz zweier beim Thema Wachstum konträrer Philosophien.


Das Hauptproblem bei der Debatte ist aber für mich die stillschweigende Voraussetzung, dass das Kinderkriegen „nützlich“ sein muss. In diesem Denkschema leisten Eltern eine Arbeit für den Staat und erhalten dafür einen Lohn oder eine Erschwerniszulage oder wie man das Kind auch immer beim Namen nennen mag. Eltern aber folgen spätestens seit Erfindung der Pille viel mehr einem ganz privaten Kinderwunsch. Sie wollen dieses Wunder des Lebens erleben, sie wollen wichtig sein für eine neue Kreatur, sie wollen Liebe geben und empfangen.


Das bedeutet natürlich auch Arbeit, Verzicht, Sorgen und Probleme, aber es bedeutet auch Glück, Erfüllung und die Hoffnung, im Alter jemanden zu haben, der mal mit den Enkelkindern zu Besuch kommt. Das alles lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen, es ist auch mal mehr und mal weniger erfolgreich, aber es ist in der Gesamtbetrachtung mindestens ein Nullsummenspiel wenn nicht sogar ein Glücksgenerator. Warum also muss es dann noch Kinderprämien geben? Man sollte besser aufpassen, dass Kindergegner nicht plötzlich mit der Forderung nach einer Vergnügungssteuer um die Ecke kommen.


Die Singles und Kinderlosen verschließen sich in einer immer individualistischer werdenden Gesellschaft zwar vor dieser Lebenserfahrung, aber das macht sie nicht automatisch zu Gewinnern. Und eine Kinderprämie setzt sie keineswegs mental in die Verfassung, als Eltern Verantwortung zu übernehmen. Finanzielle und andere Hürden sind wahrscheinlich sogar ein sehr gutes Kriterium, um sicherzustellen, dass das Kind auch wirklich gewollt ist - und dieser Wille entscheidet grundlegend über das weitere Schicksal des neuen Menschen und neuen Staatsbürgers.


In einer offenen Gesellschaft muss jeder das Recht haben, diese Schlüsselentscheidung unter den vorgegebenen gesellschaftlichen Bedingungen frei von Lenkungsversuchen welcher Art auch immer zu treffen. Eine Subventionsmentalität, ohnehin ein Kardinalfehler dieser Gesellschaft, ist hier nicht nur falsch, sondern fatal. Die Lust auf Kinder muss die große Antriebskraft sein, oder wie Novalis sagt: „Ein Kind ist eine sichtbar gewordene Liebe.“

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