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Sonntag, 25. März 2012

Regeln in der Radarfalle

In den USA gibt es einen neuen Trend: das hektisch blinkende Stoppschild an unbedeutenden Kreuzungen. Diese visuelle Umweltverschmutzung beginnt bei jedem anfahrenden Auto sein nervendes Tun und das pro Auto gleich viermal (rechts, links, oben, unten). Das ist natürlich gut gemeint, aber es entspringt einem nicht nur in Amerika wuchernden, als Sicherheitsdenken getarnten Regelwahn. Kybernetisch gesehen bewirkt es das Gegenteil des Proklamierten, denn alle anderen, noch nicht blinkenden oder heulenden Stoppschilder werden dadurch in der Wahrnehmung der Autofahrer auto-matisch an Bedeutung verlieren. Auf der Metaebene schließlich bedeutet das umsichgreifende Regulieren um jeden Preis aber auch einen elementaren Verlust von Freiheit.

In dem Beispiel verliert der Autofahrer die Freiheit, mit Hilfe eines normalerweise ausreichend auffallenden Verkehrsschildes angemessen zu reagieren, er wird – jedenfalls bis sich sein Wahrnehmungssystem darauf eingerichtet hat, extreme Signale aus Selbstschutz zu ignorieren – zu einer Extremreaktion gezwungen.


Das wäre noch gar nicht so schlimm, wenn wir nicht inzwischen überall zu einem überkandidelten Sicherheitsverhalten gezwungen würden. So sind Raucher nach der Doktrin der Supersicherheit nicht nur Selbstmörder, sondern potentielle Totschläger, deren Tun nicht nur (zu recht) aus Restaurants und vom Arbeitsplatz, sondern gleich (zu unrecht) von jedweder Öffentlichkeit fernzuhalten ist. Autofahrer, die fünf Stundenkilometer zu schnell fahren, sind im Polizeibericht „Raser“, die zu verfolgen sind, weil die Regel gilt und nicht die Würdigung der konkreten Situation, also beispielsweise von Tatzeit und –ort (leere Straße mitten in der Nacht). Mann hat sich in die Hose zu pinkeln statt an einen Baum, selbst wenn es mitten im Wald geschieht, weil ja irgendwo eine sensible Dame lauern könnte. Und wer seinen Orangensaft aus einer Wegwerfflasche trinkt, sieht sich statt staatlicher Regelwerke und Überwachung einem diffusen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, der wohl am besten mit Political Correctness umschrieben wird.


Dem steht die gesellschaftliche Praxis gegenüber, dass ansonsten jeder macht, was er will, wenn es denn nur nicht offiziell oder öffentlich über eine Poco-Doktrin geregelt ist. Das ist nicht nur ungerecht, es fördert auch den Niedergang, weil eine im Übermaß gebeugte Freiheit die Menschen deformiert. Also ist es an der Zeit, dazu ein paar Worte zu verlieren. Freiheit, genauer gesagt die Gedankenfreiheit, ist in diesem Blog natürlich sowieso das über allem schwebende Thema, doch heute nehme ich mir die Freiheit, sie einmal grundsätzlich und abstrakt zu betrachten.


Natürlich kann in einer komplexen Gesellschaft nicht jeder tun, was er will. Aber wer entscheidet, was erlaubt und was verboten ist? Und was wird damit bezweckt? In den genannten Beispielen finden wir den untauglichen Versuch, die Unwägbarkeiten einer komplexen Welt auf schlichte Regeln zu reduzieren. Das ist zwar irgendwie verständlich, aber so hilflos wie der Versuch, die Qualität eines Fußballspiels oder eines Kunstwerks mit statistischen Daten erfassen zu wollen. Der Versuch wäre dennoch beinahe rührend, wenn er nur bei blinkenden Stoppschildern das Gegenteil bewirken würde.


Ein Mensch in einer offenen Gesellschaft muss freiheitsfähig sein und dazu muss er lernen, selbst entscheiden zu können. Steifes, autoritäres Dirigieren macht ihn hingegen zum sturen Befehlsumsetzer solange die Autorität hinsieht –und wenn sie wegsieht, wird er zur Wildsau. Auch für dieses Phänomen sind die USA ein blinkendes, real existierendes Warnsignal. Was für ein Vertrauen in den Überbau wird beispielsweise der dort lebende 20-jährige Mensch (wehrtauglich ab 15 Jahren) noch haben, wenn er kein Restaurant nach 22 Uhr betreten darf - nicht einmal in Begleitung seiner Eltern. Erst wenn der freie Mensch sich nachhaltig unfähig zur gesellschaftlichen Freiheit erweist oder wenn die Erfahrung es als sicher erscheinen lässt, muss die Gesellschaft Grenzen setzen oder den das Vertrauen Missbrauchenden zur Rechenschaft ziehen.


Schon vorher allerdings muss sie Freiheitsfähigkeit formen, etwa durch nicht institutionalisierte, zwischenmenschliche Erziehung oder ebensolche Kritik, denn mittels dieser Informationen bekommt der Mensch erst die Chance, seinen Freiheitsrahmen zu definieren. Genau hier aber versagt die Gesellschaft des Niedergangs, denn die derzeit herrschende, aus den 60er/70er Jahren stammende unqualifizierte Freiheitsvorstellung orientiert sich am Individuum und nicht an der Gemeinschaft. Dieser Freiheitsbegriff verurteilt konstruktive Kritik am Individuum als spießig, autoritär oder – besonders populär – als intolerant.


Weil es aber ohne Ordnung auch in dieser heilen Welt nicht geht, soll in einem paradoxen Umkehrschluss dann der Staat für die Einschränkung ausufernder Freiheit zuständig sein, doch der ist dafür so geeignet wie das Grundgesetz zum Kuchenbacken. Erziehung zur Freiheit ist eine Frage der Feinabstimmung, die nicht durch zwangsläufig grobe Regelwerke, sondern nur durch ein aus kollektiven Erfahrungen gespeistes situationsangemessenes Handeln zu erreichen ist. Oder anders ausgedrückt: Das Erlaubte muss sich aus der Alltagsvernunft entwickeln und nicht aus Ideologien oder Denkstuben heraus verordnet werden. Diese Alltagsvernunft nenne ich in meinem Buch „Chaos mit System" im übrigen die „Kollektive Kybernetische Kompetenz“ (KKK) und beschreibe sie als einen der wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Niedergang.


Freiheit besteht so aus dem Recht, bei der Selbstverwirklichung Fehler (aus der Sicht der Gemeinschaft) zu begehen und der Pflicht, diese Fehler zu korrigieren. Jenseits einer Unfreiheit durch fremde Machthaber und Herrschaft freiheitsfeindlicher Ideologien gibt es auch in der offenen Gesellschaft Kräfte, denen soviel selbstbestimmte Freiheit nicht passt. Das sind entweder die, die in alten Autoritätsstrukturen erstarrt sind, oder die, die Kraft ihrer selbsterklärten Kompetenz die Welt verbessern wollen.


Diese Weltverbesserer haben in einem langen Prozess seit 1968 die ideologische Führung in unserem Lande übernommen. Aus der außerparlamentarischen Opposition der Studentenbewegung ist eine außerparlamentarische Machtstruktur entstanden, der sich auch die wechselnden Regierungen mehr und mehr unterwerfen und deren aalglatter Rhetorik das Volksbewusstsein nicht gewachsen ist.


Sie predigen Freiheit für alle und dulden keinen Widerspruch. Sie wollen die Menschen zu ihrem eigenen Besten gängeln und vergessen dabei, dass sie 1. dazu kein Mandat haben und dass 2. so etwas noch nie funktioniert hat. Allein die aus sehr ähnlichen Denkschulen stammende Phrase vom „guten Führer“ sollte ihnen ausreichend zu denken geben.


Stattdessen liegen sie in ihrer aus Selbstgerechtigkeit gewebten Hängematte und geben Anweisungen: Was man wie sagen darf, was politisch korrekt ist und wer im Apparat nach oben darf. Sie fordern statt einer Selbständigkeit des Denkens eine Einübung des Erduldens, nicht bedenkend, dass Freiheit eine Triebkraft für individuelle Initiative und Entwicklung ist. Sie ignorieren, dass nur aus dem Zusammenspiel individueller Freiheiten neue, der gesellschaftlichen Entwicklung angepasste, Strukturen des Zusammenlebens entstehen können.



Die Funktionsfähigkeit dieser Gesellschaft ist ihnen in ihrer intellektuellen und ideologischen Beschränktheit nicht wichtig, solange sie nur virtuell die Welt verbessern können. Und deshalb setzen sie sich auch über bewährte Modalitäten des Miteinanders hinweg, indem sie etwa der Sprache das Binnen-I oder Rechtschreibreformen aufzwingen oder indem sie festlegen, dass auch moderater Alkoholkonsum am Steuer moralisch gleich nach dem Kindesmissbrauch kommt. Dabei interessiert sie natürlich nicht, dass nach jeder gesetzlichen Senkung der Promillezahl die Unfallrate in die Höhe schoss und dass gerade eine Studie ergab, dass auch Radarfallen die Unfallzahlen nicht senken können.


Interessant ist die Argumentation dieser Studie aber sehr wohl. Danach sind nicht die zu schnell fahrenden „normalen“ Verkehrsteilnehmer signifikante Verursacher von Unfällen mit schlimmeren Folgen (und übrigens auch nicht die normalen Über-den-Durst-Trinker), sondern schlecht sozialisierte Fahranfänger, nüchtern wie besoffen, die sich auch durch ein dichtes Überwachungsnetz nicht von ihrer Todessehnsucht auf nächtlichen Landstraßen abbringen lassen.


Das wiederum lässt eben den Rückschluss zu, dass die Weltverbesserer zwar den Anspruch erheben, die Welt mit ihren Kommandos verbessern zu können, sie aber real dazu so wenig wie jeder andere in der Lage sind. Dies ist nicht zufällig, sondern naturnotwendig so, weil komplexe Prozesse sich dem einzelnen nicht ausreichend erschließen. Die Weltverbesserer reduzieren deshalb die Wirklichkeit auf ihren Tunnelblick – und sie reduzieren dafür unnotwendig persönliche und gesellschaftliche Freiheitsgrade.


Natürlich muss es Regeln geben, aber die müssen sich in einem langen Prozess von Versuch, Irrtum und Auslese bewähren. Sie müssen hauptsächlich intuitiv funktionieren und sollten nur als grober Rahmen in Gesetzesblättern niedergeschrieben werden. Ein solcher grober Rahmen kann nicht jeder Situation angemessen sein, weswegen ein „sozialmündiges Regelbrechen“ im Vertrauen auf die KKK durchaus angemessen ist, man denke beispielsweise an die unterschiedlichen Erfordernisse einer Straße am Tage und in der Nacht.


Leider verschiebt sich im Niedergang auch die Weisheit der KKK, umso wichtiger ist schnellstmöglicher Widerstand gegen jedwede unangemessene Freiheitsbeschränkung. Dazu gehört auch, Regeln zu übertreten, wenn sie als schlechte Regeln erkannt werden. Das ist im Kleinen so wie im großen der Kampf gegen eine Diktatur. Das blinkende Stoppschild sollte uns anspornen, endlich Stoppzeichen zu setzen.

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