Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Sonntag, 8. April 2012

Oster Poster

Zu Ostern wird uns wieder ein Ei ins Nest gelegt: Wir kriegen eine „Demografiestrategie“. Die Nestbeschmutzer, die das planen, sitzen in der Regierung und streiten sich gerade, ob das Unternehmen mit oder ohne Demografiesteuer für die gesamte arbeitende Bevölkerung ab 25 Jahren einhergehen soll. Sicher können wir schon jetzt sein, dass, egal wie das ausgeht, es auf unsere Kosten sein wird.

Gegen eine Strategie zum demografischen Wandel ist ja nichts zu sagen, außer dass unter diesem Schlagwort erneut mit faulen Eiern der Umverteilungsideologen zu rechnen ist. Einen demografischen Wandel gibt es nämlich schon lange, relevant mindestens seit der Industrialisierung, doch den Begriff erst seit wenigen Jahren. Begriffe entstehen, wenn jemand sie braucht, um die Welt zu er- oder verklären. Uns soll damit verklärt werden, dass wir für Dinge zu bezahlen haben, die früher, selbst in Zeiten des wildesten Manchesterkapitalismus, von der Solidargemeinschaft des Volkes übernommen wurden.


Wie hat man also früher die Zunahme der Lebenszeit bei gleichzeitiger Abnahme der Pro-Kopf-Arbeitszeit geschultert? Bevor wir uns um diese Frage kümmern, sollten wir noch einen Blick auf die aktuelle Debatte werfen. Die Projektgruppe „Demografie“ der Unionsfraktion dringt auf eine „solidarische Demografierücklage“. Keine Ahnung was daran solidarisch sein soll, denn wie schon bei der Pflegeversicherung sollen bisherige Leistungen weiter gewährt, aber zusätzliche Abgaben dafür entrichtet werden.


Nicht über eine zusätzliche Abgabe, sondern über den Verzicht auf gesetzmäßig anstehende Senkungen der Renten- und Krankenkassenbeiträge möchte das der Chef der saarländischen Staatskanzlei, Andres Storm (ebenfalls CDU), lohntütenunauffällig regeln. Tatsächlich gibt es derzeit sowohl in der Rentenversicherung als auch in der Krankenversicherung trotz des beschworenen demografischen Wandels Milliardenüberschüsse, die man einerseits für die Rente verjuxen könnte, die andererseits aber schnell verbraucht sein werden, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen.


Bundeskanzlerin Merkel setzt statt auf Steuern durch Steuer auf Appelle an die Wirtschaft, doch bitte mehr Ältere zu beschäftigen, und droht schon für den 25. April eine Absage der Frühverrentung an – eine Illusion, die eine antisoziale Zäsur legitimieren soll. Die CSU hat noch Sorge um den sozialen Frieden, und die FDP will „die Systeme selbst demografiefest“ machen, also „das Sozialsystem weiter umbauen“. Was das genau bedeutet, weiß Konrad Kustos nicht, aber er rechnet mit dem Schlimmsten.


Die tragikkomischsten Vorschläge sind die, die hier kürzlich schon Thema waren und auf neue Kinder-Krieger setzen. Ein spontan hereinbrechender Kindersegen würde sich schließlich überhaupt erst in 20 Jährchen auswirken und positiv auch nur, wenn bis dahin für den mit unabsehbarem Milliardenaufwand und unsicherem Erfolg irgendwie zu qualifizierenden Nachwuchs auch Arbeitsplätze zur Verfügung stünden.


Wenn die Mächtigen eine Umverteilung planen, bemühen sie heutzutage die Wissenschaft, am besten in Form von Empirie und Statistik, weil man damit alles erklären kann und weil die Wissenschaftler sich auch nicht lange zieren, helfend zur Hand zu gehen. Zu den offiziellen Horrorszenarien einer plötzlich überalterten Gesellschaft und ihrer Unfähigkeit zu überleben, sollen hier ein paar mühsam aus dem Netz gesuchte Zahlen etwas Gegeninformation bieten.


Der stärkste Anstieg der Lebenserwartung lag in Deutschland zwischen 1900 und 1950. Inzwischen flacht die Kurve immer mehr ab. Suggeriert wird uns aber eine durch die Zimmerdecke schießende Hyperbel der – unbestritten existierenden - Überalterung. Suggeriert wird auch, dass es keine gegenläufigen Prozesse in der Entwicklung geben könnte, z.B. mehr Sterbefälle durch ungesunde Ernährung oder das in rund 15 Jahren endende Missverhältnis aus Pillenknick und Babyboom aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.


Wie naturgegeben wird auch immer in alle Modelle eingerechnet, dass die Rentenfinanzierung eine nach dem Generationenvertrag sein müsse, also dass die Kinder die Rente der Älteren zu zahlen haben. Den Blödsinn hat die CDU aber erst 1957 hierzulande eingeführt und ebenso schnell könnte man den Spuk wieder abschaffen. Adenauers Politik war ein Vorgriff auf heutige üblich gewordene Schuldenpolitiken nach dem Motto ‚heute ausgeben und irgendwann bezahlen, wenn ich es nicht mehr zu verantworten habe’. Eine seriöse Rentenpolitik kann aber nur ein Kombinationsmodell aus staatlicher Unterstützung, unternehmerischer Inverantwortungsnahme und individuellen Sparleistungen sein, bei der jeder für sich selber verantwortlich ist. Dann ist die Überalterung der Gesellschaft vielleicht immer noch problematisch, aber kein bisschen mehr renterelevant!


Stattdessen rechnen uns die Experten wie selbstverständlich vor, was uns mit dem Generationenvertrag droht: „Wollte man den Altenquotienten auf dem heutigen Niveau halten, müsste rein rechnerisch das Renteneintrittsalter bis 2050 auf nahezu 75 Jahre erhöht werden“ (Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung). Das, so wird vorausgesetzt, sei ja auch kein Problem, weil die neuen Alten lange fit und leistungsfähig bleiben. Als wenn trotz aller Vorsorge und Sterbeverhinderung durch die Mediziner sich die Alterungs-Gene an die (gewollten oder nicht gekonnten) Berechnungen kurzsichtiger Demografen halten würden…


Und was soll das eigentlich über unsere Altvorderen sagen? Ich finde, unsere Eltern waren ganz schön lange fit, haben Kriege, das Wirtschaftswunder und sogar die 68er ausgehalten. Sie waren trainiert durch das Leben und nicht dekadent, burgersüchtig, bildungsresistent und an der Fernbedienung klebend wie die sich abzeichnende Generation potenzieller Renteneinzahler. Vielleicht waren sie abgearbeitet nach einem harten Leben, aber ein angenehmeres Leben, wenn es denn eines gegeben hat, hilft den Neualten beim Altern auch nicht, wenn es bei ihnen mal hart auf hart kommt.


Letztlich spielen aber alle diese Gesichtspunkte kaum eine Rolle, wenn man über die Alterungskurve jene des Produktivitätszuwachses legt. Lag die deutsche Produktivität pro Kopf und Jahr 1950 bei 1000 Euro, so war sie 2008 bei mehr als 31.000 Euro angekommen. Die Inflation ruhig mal rausgerechnet, stieg die Produktivität (wie übrigens auch schon seit dem 19. Jahrhundert) um ein Vielfaches. Setzt man Löhne und Produktivität für 1995 auf den Indexwert 100, so lagen die Löhne 2005 bei Index 112 und die Produktivität bei stattlichen 148.


Dieser gemeinsame aus Fortschritt gewachsene Gewinn ist lange Zeit zu einem kleinen Teil bei den Produzierenden in Form von weniger Arbeitszeit und steigendem Wohlstand und zu einem großen Teil bei den Produzenten in Form von Geld angekommen. Jetzt, wo die Wachstumsmodelle mit der Globalisierung ihre letzte Karte ausgespielt haben und das System endgültig in die Krise gerät, sollen die Produzierenden des Mehrwerts allein die Folgen tragen.


Selbstverständlich sollte es hingegen wie in allen Zeitaltern davor sein, einen Teil des durch Information und Industrialisierung gewonnen Produktivitätszuwachses in die Versorgung der Alten zu stecken. Doch das einzige, an dem sich alles ausrichten muss, ist das Wachstum der Unternehmensgewinne. Das liest sich hier furchtbar ideologisch, aber es ist eine ebenso furchtbare Wahrheit wie die, dass es keinen Osterhasen gibt. Die Gemeinschaft, die immer weniger eine solche ist, privatisiert plötzlich die Kosten des Alterns. Wenn sie es doch wenigstens mit offenem Visier täte, ohne uns immer wieder diese Jammerlitanei vom demografischen Wandel vorzusingen.


Wem das alles zu theoretisch ist, der hört vielleicht auf den über jeden Systemkritikverdacht erhabenen Ökonomiedemografen Axel Börsch-Supan. Er meint, die Überalterung könne volkswirtschaftlich entspannt gewuppt werden, wenn man nur mehr Menschen in Beschäftigung bringe. In der Schweiz oder in Dänemark hätten 77 beziehungsweise knapp 76 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung eine Arbeit. In Deutschland liege diese Quote um rund zehn Prozentpunkte niedriger. Wie man aber weiß, sind ausgerechnet die älteren Arbeitnehmer von diesem Beschäftigungsmanko besonders betroffen, und daran zeigt sich die ganze Perversität der Politik einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit (und natürlich auch der des Kinderkriegens zur angeblichen Finanzierung der Rentenlücke).


Wer aber bei der Gelegenheit noch ein bisschen weiter, kybernetischer denken will, dem sei gesagt, dass der in keiner der gängigen Theorien eine Rolle spielende informationelle Wandel die Bedeutung des demografischen weit übersteigt. Durch das Wachstum der Information, also den wissenschaftlich-technischen Fortschritt, wird immer mehr Arbeit von Maschinen und Programmen erledigt werden. Das betrifft, wenn auch in geringerem Maße, ebenso den Faktor Dienstleistung (oder hat jemand in letzter Zeit mal einen Schaffner gesehen?). Die Arbeit schafft sich ab. Eine neue Gesellschaft, die nicht nur die Alten alimentiert, sondern auch weite Teile ihrer jungen Angehörigen, wird immer mehr zu einer Überlebensnotwendigkeit. Solche Transferempfänger werden immer mehr Rentner, aber auch immer mehr Hartzer sein.


Man müsste also möglichst globalisiert weltweit oder alternativ inländisch auch mittels Handelssteuern den durch Fortschritt erzielten Mehrwert wieder den Menschen zugänglich machen. Das wird wohl kaum funktionieren, wie die Kräfteverhältnisse heute verteilt sind, doch diese Zusammenhänge sollten uns bewusst sein. Wir sind jedenfalls nicht Schuld an der Krise, nur weil wir uns erkühnen, alt zu werden. Und: Alle gängigen, offiziell gehandelten Theorien dienen dazu, materielle Werte in die falsche Richtung umzuverteilen. Eierdiebe sind am Werk, und wissenschaftliche Eierköpfe helfen ihnen dabei – nicht nur zu Ostern.


Damit passiert genau das Gegenteil eines nötigen informationellen Umsteuerns, und das System steuert weiter auf den ökonomischen Zusammenbruch zu. Eine zeitlang lässt sich das mit der jetzt eingeschlagenen Schuldenpolitik kaschieren, am Ende verlieren die kleinen Leute sicher ihr Geld - vielleicht auch die großen. Wenn das Geld aber nichts mehr Wert ist, müssen wir uns auch um die Rente keine Gedanken mehr machen.

1 Kommentar:

  1. Das "Missverhältnis zwischen Pillenknick und Babyboom" mag sich zwar irgendwann wieder ausmitteln, aber eine gegenwärtige Fertilitätsrate in Deutschland von 1,3 bis 1,4 (nicht, wie manche Quellen behaupten, 1,7) führt neben Rentenproblemen (die sich ja vielleicht wirklich durch eine höhere Produktivität bis hin zur Singularität lösen lässt) vor allem zu einem kulturellen und Machtproblem.

    Eine immer konservativer werdene geistige Landschaft beobachte ich schon jetzt. Und in den bisherigen politischen Strukturen findet sich die Jugend auch nicht mehr wieder - gerade die Linke ist ein perfektes Beispiel von Vergreisung. Verzweifelte Jugendliche, die sich der FDP an den Hals werfen, sind ebenfalls ein unschönes Bild. Selbst bei den Grünen sieht es inzwischen mau aus. Deswegen sehe ich das schwarz-orangene P auch als Versuch an, sich eigene Strukturen zu schaffen, in denen noch nicht alles durch Babyboomer und 68-er besetzt ist. Das schöne dabei ist, dass die Hacker und Geeks sich auch gegen die Medienmehrheit Gehör verschaffen können, und, wenn es irgendwann nicht mehr anders geht, auch gegen die Regierenden und die hinter ihnen stehenden Wähler Macht.

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