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Sonntag, 15. April 2012

Statistik im Stau

Verkehrsminister Ramsauer macht sich gerne mit unmodernen Positionen unbeliebt, was ihn bei Konrad Kustos geradezu beliebt macht. Leute, die gegen den Mainstream-Verkehr fahren, sollten schon wegen dieser „bewusstseinserweiternden“ Funktion von uns Skeptikern ein paar Ampeln auf Grün geschaltet bekommen – selbst wenn sie bei ihrer Fahrt auch mal in Sackgassen landen können. Diesmal ist sein Versuch zu loben, der Verkehrssicherheit nicht weiter mit der populären Verbots- und Verregelungspraxis, sondern mit derzeit so unpopulären wie umso notwendigeren Themen, beispielsweise einem „Appell an Verstand und Verantwortungsbewusstsein“, zu dienen. Hintergrund des ganzen ist die diesjährige Zunahme von Verkehrsunfällen mit Personenschaden, die von Statistikern des Niedergangs zu Horrorszenarien aufgeblasen wurde und auf eine weitere Demontage von Freiheit zielt.



Kürzlich hatte Ramsauer in diesem Blog schon damit Pluspunkte gesammelt, einmal nicht die Autofahrer zu Alleinschuldigen an Unfällen umzudefinieren, sondern auch unaufmerksame Fußgänger und andere in eine Gesamtbilanz einzubeziehen. Nun will Ramsauer den „7. Sinn" wieder im Fernsehen sehen, eine von 1966 bis 2005 über Jahrzehnte in der ARD gelaufene Reihe kurzer, informierender Verkehrsspots. Der WDR hatte bei der Einstellung angekündigt, das Konzept der Sendung zu überarbeiten. Seitdem ist nichts geschehen. Ramsauer jedenfalls setzt damit auf Erziehen, nicht Verbieten; er hat Hoffnung auf eine bessere Verkehrsmoral – was für ein wohltuend altmodischer und positiv denkender Ansatz, allerdings unerhört in einer protototalitären Gesellschaft wie der unseren.


Der Rest der Meinungsführer setzt auf die Wirkung des Schreckens und nutzt eine willfährige Statistik zur Konstruktion emotionaler Horrorszenarien. Gerade wurde uns so in allen Medien vorgetragen, dass es im vergangenen Jahr eine Steigerung der Verkehrstode um neun Prozent auf 3900 gegeben habe. Dass die Unfallzahlen in den vorangegangenen sechs Jahrzehnten nur eine Richtung kannten, nämlich steil nach unten, und es deshalb schon statistisch irgendwann eine Umkehr geben musste, wurde überall verschwiegen – und auch in früheren Jahren nur in Randnotizen gemeldet. Um es einmal politisch inkorrekt zu relativieren: 3900 Tote im Jahr, das sind elf Tote am Tag - bei 51 Millionen Kraftfahrzeugen in Deutschland und bei geschätzt 50 Millionen Verkehrsbewegungen täglich ein beinahe homöopathisches Verhältnis. 1970 waren es noch 19.000 Tote. Mehr als 2300 Menschen sterben in Deutschland übrigens täglich ohne Verkehrsunfall.


3900 Tote sind natürlich immer noch eine große, eine zu große, eine erschreckende Zahl, wozu dann aber die dramatisierende Fehlinformation? Und dieses statistische Schummeln war kein Einzelfall, sondern ist Methode. Unerwähnt blieb beispielsweise, dass die Gesamtzahl der Unfälle um zwei Prozent zurückging. Dafür wird gemeldet, dass nur in Polen mehr Menschen im Verkehr starben, aber aussagekräftig ist natürlich nur die Zahl der Opfer bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Da liegt Deutschland mit 45 pro einer Million Einwohner geradezu glänzend im Rennen. Die Österreicher kommen auf 65 und die Amerikaner gar auf 105, wo doch da keinerlei Alkohol am Steuer erlaubt ist, hohe Strafen bis zur Todesstrafe für Unfallverursacher drohen und die Geschwindigkeiten extrem reglementiert sind.


Das hindert die moralischen Kriegsgewinnler nicht daran, die neuesten Zahlen zu nutzen, weiter gegen Freiheit und Verantwortungsbewusstsein aufzurüsten. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat forderte umgehend ein absolutes Alkoholverbot am Steuer, obwohl hierzulande im Gegensatz etwa zu Frankreich der Alkohol relativ selten als Verursacher auftritt und dann meist in Fällen, in denen den Fahrern jeder Grenzwert längst egal ist. Der hier schon mehrfach unangenehm aufgefallene Automobilclub ACE schlug ebenso irrational innerörtliche Tempolimits vor, obwohl die schlimmen Unfälle außerorts (meist auf Landstraßen) doppelt so stark zugenommen haben wie innerorts.


Die statistischen Werte werden einfach solange gesiebt, bis das übrig bleibt, was den Lebenslügen interessierter Kreise passt. Diese Kreise bestehen meist aus Verbänden, in denen Funktionäre dafür bezahlt werden, den Zeigefinger und notfalls den Knüppel zu schwingen, um die Menschheit zu ihrem Glück zu zwingen. In diesen intellektuellen Notstandsgebieten erhält Verbot und Strafe den unbedingten Vorzug gegenüber Erziehung und Vertrauen in einen sich autonom aus Erfahrung entwickelnden Fortschritt.


Zu diesen Funktionären gehört auch der vor 14 Tagen hier ausführlich zu Wort gekommene Verkehrsrechtler Gerrit Manssen, den wir uns nun noch einmal antun müssen. Der will nämlich nicht nur Haftstrafen für „Raser“, sondern auch stärkere Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Autobahnen. Gäbe es „zwingende Beschränkungen“, so behauptet er, würden jährlich 100 Menschen weniger sterben. Zur Relativierung dieser unprüfbaren Zahl ein Gegenwert: 300 Todesfälle wären nach Statistikers Bekunden vermeidbar gewesen, wenn sich die Autoinsassen angeschnallt hätten. Es ließe sich aber auch knallhart fragen, ob bei 217.000.000.000 pro Jahr gefahrenen Autobahnkilometern und 645 Autobahntoten die Autobahn nicht schon jetzt ein fantastisches Sicherheitsinstrument darstellt.


Aber schon verweist Manssen im Bemühen, uns oder vielmehr die politischen Entscheidungsträger zum „Zwingen“ und „Beschränken“ zu motivieren, dreist auf unsere europäischen Nachbarn, an denen wir uns ein Vorbild zu nehmen hätten. Die regeln in der Regel das Autobahntempo nämlich auf 130 Stundenkilometer oder weniger. Dabei scheinen gerade hier die letzten verfügbaren Zahlen zu beweisen, dass solche Beschränkungen gar nichts oder statistisch gesehen sogar das Gegenteil bringen. Deutschlands Autobahnen bilanzieren nämlich 2,97 Tote pro gefahrenem Milliardenkilometer (nach der Schweiz und Frankreich) eine weit über dem europäischen Schnitt (3,65) liegende Sicherheit. 4,8 Tote sind es beispielsweise in Belgien und Österreich, in Tschechien 7,2 und in Portugal 15,1. Aber man kann’s ja mal versuchen beim medialen Schummellieschen.


Der Vollständigkeit halber seien noch ein paar Werte zur Jahresunfallstatistik zitiert, die wenigstens der Focus veröffentlichte: Die Zahl der Getöteten auf Autobahnen (Manssen, aufgepasst) ist um sechs Prozent zurückgegangen. Besonders betroffen in der Gesamtstatistik sind die noch gar nicht Auto fahrenden Jugendlichen mit 23 Prozent (!) mehr Todesfällen, was die Unaufmerksamkeitsthese Ramsauers bestätigen dürfte. Kinder unter 15 Jahren dagegen sind 25 Prozent seltener gestorben, vielleicht weil sie durch die Versuchung eines sicherer gewordenen Verkehrs noch nicht versaut sind wie die auf Bedenken und Verantwortung gerne verzichtenden Pubertierenden? Schließlich gelten auch die Fahranfänger als Hauptrisikofaktor für unser und ihr Leben sowie die Todesstatistiken.


Wer von Euch erinnert sich, Relativierungen wie diese von Medien und Funktionären gehört zu haben, und wem unter den Medienverfolgern unter Euch ist stattdessen nicht vielmehr ein Mord- und Totschlagszenario in Erinnerung? Diese vielleicht nicht bewusst lancierte, aber wirksame Methode der Fehlinformation ist ein gesellschaftliches Phänomen, das weit über den Straßenverkehr hinausreicht.


Eine verunsicherte Gesellschaft, die einer lawinenhaft wachsenden Menge von nicht mehr beherrschbaren Informationen ausgeliefert ist, klammert sich an die Statistik, wie der kleine Junge sich ans Bein des Vaters bei der Gegenüberstellung mit dem Weihnachtsmann. Zahlen können doch nicht lügen, glauben die Leute und erst Recht die ebenso überforderten Politiker. Dabei ist die Wirklichkeit viel zu groß, um sie mit Formeln und erst recht mit Statistiken erklären zu können. Zahlen können Hinweise liefern, die aber noch mit Verstand und Erfahrung zu etwas Höherem vernetzt werden müssen.


Wer Statistik nicht äußerst behutsam als Hilfsmittel für die Analyse komplexer Verhältnisse benutzt, sondern sich aus den Daten heraussucht, was er braucht, um seinen bescheidenen Geist zu befried(ig)en und seinen Regulierungswahn zu begründen, der bleibt natürlich bei „offensichtlichen“ Zwangsmaßnahmen wie Null-Promille, Autobahnhöchstgeschwindigkeit, Tempo 30 als Standardgeschwindigkeit, Schilderwald, Aufrüstung der Polizei und Verschärfung des Strafrechts stehen.


Den kann auch nicht mehr interessieren, dass das Allianz-Zentrums für Technik ganz andere Gefahrenpunkte ausgemacht hat (was auch durch die hohen Unfallzahlen Jugendlicher und junger Erwachsener bestätigt werden dürfte): Danach ist Telefonieren, SMS-Schreiben oder Musikhören für 18- bis 24-jährige Fahrer eher die Regel als die Ausnahme. Ablenkung am Steuer sei die Hauptursache von jedem zehnten Autounfall. 40 Prozent der Autofahrer telefonierten ohne Freisprechanlage, ein Fünftel schreibe SMS. In etwa einem Drittel aller Unfälle spiele Unaufmerksamkeit allgemein eine Rolle. Paradoxerweise scheint also gerade die moderne Sicherheit des Verkehrs dessen Teilnehmer leichtsinnig und überheblich zu machen.


Verkehr hat (wie der Sport) in der kontrollierten Gesellschaft noch etwas vom ursprünglichen, „wirklichen“, von der Evolution bestimmten Leben. Hier gibt es atavistische Gefühle, intuitives Funktionieren, Wettbewerb, Gefahr und rauschhaftes Erleben auch ohne Drogen. Das alles ist für die Kontrolleure ein unerträglicher Angriff auf die Ideale der Aufklärung, nach der ein vernunftbestimmter Mensch alle Probleme der Welt mit dieser Vernunft lösen könne. Doch diesen idealen Menschen gibt es zum Glück nicht, denn er wäre ein von seinen Wurzeln getrennter Krüppel. Das hindert die kurzsichtigen Ideologen einer theoretischen Welt nicht daran, eben mit Gewalt nachzuhelfen, wenn sich die Vernunft nicht so einstellt wie bestellt.


Ramsauer, der bayerische Bauchmensch, hält anscheinend dem aufgeklärten Intellektuellengequatsche ab und zu mal den gesunden Menschenverstand entgegen. Er setzt auf die, die am Verkehr teilnehmen, und nicht die, die ihn domestizieren wollen. Er möchte, dass jeder Einzelne sein Tun bedenkt und Verantwortung übernimmt. Er lässt sich vom Zahlenzauber der Experten nicht blenden. Für ihn lag die Zunahme der folgenreichen Unfälle 2011 übrigens wesentlich am Wetter. Na ja. Keiner hat gesagt, er habe immer den siebenten Sinn.

1 Kommentar:

  1. Vielleicht kennt Ramsauer ja eine Statistik, die Dir durch die Lappen gegangen ist. Denn dass es im vergangenen Jahr sehr lange sehr kalt war (was unabhängig vom Wahrheitsgehalt beim Klimahype auch eine schon riskante Aussage ist), steht außer Frage. Und dass es sehr viele Tage mit Glatteis gab, auch. Es wäre nicht unlogisch, dass sich an diesen Tagen besonders viele tödliche Unfälle ereignet haben. Insofern bräuchte Ramsauer dafür keinen siebten Sinn, sondern nur ein geschärftes Auge für den richtigen Blick in die Statistik.
    Ich hatte im vergangenen Jahr übrigens selbst einen Glatteis-Unfall - der erst Crash seit 20 Jahren.

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