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Samstag, 28. April 2012

Top Job

Noch nie gab es in Deutschland so viele Menschen in Lohn und Brot - das behauptet jedenfalls die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). Das mit dem Lohn wollen wir mal glauben, aber auch Brot? Trocken Brot, wenn man genauer hinschaut. Im Überschwang einer zyklischen Hochphase der Wirtschaft sammeln sich allerhand Trittbrettfahrer des Niedergangs: Lohndrücker, Sozialdemonteure und andere Reformer, um mit dem Aufschwung das zu machen, was in der Rezession sowieso passiert: Druck auf die kleinen Leute auszuüben.

Die Wirtschaft ist seit der Jahrtausendwende ordentlich gewachsen, die Gewinne und Vermögenseinkommen sind insgesamt sogar kräftig gestiegen, schreibt dazu das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) in einer Studie. Doch bei den meisten Erwerbstätigen sei von diesem Wirtschaftswachstum nichts angekommen. Im Gegenteil: Das durchschnittliche Realeinkommen ist im Zeitraum von 1995 bis 2008 brutto um ganze 2,2 % gestiegen, netto sogar um 2,6 % gesunken. Besonders massive Realeinkommenseinbrüche mussten untere und mittlere Einkommensschichten hinnehmen


Nun steigen die Löhne wieder: 2010 um 1,5 Prozent, im vergangenen Jahr noch einmal um 1,1 Prozent. Es ist der stärkste Reallohnzuwachs seit zwei Jahrzehnten, doch im Schnitt verzeichnet der Aufschwung immer noch ein dickes Lohn-Minus. Das DIW hat errechnet, dass im Vergleich mit den anderen entwickelten Ländern sich in Deutschland die Einkommensunterschiede überdurchschnittlich schnell entwickeln. Auch das Armutsrisiko ist danach in den vergangenen zehn Jahren hierzulande deutlich gestiegen: Jeder Siebente verfügt über weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens.


Nun gibt es also wenigstens mehr Jobs; „einige hunderttausend Arbeitsplätze“ seien entstanden, schreibt hilfreich präzise das Wirtschaftsministerium und sieht die Rekordzahl von derzeit 40,88 Millionen Erwerbstätigen als einen „Indikator dafür, dass die Lohnzurückhaltung und die Flexibilisierung am Arbeitsmarkt zum Beschäftigungsaufbau beigetragen“ habe.


Und auch das DIW freut sich über die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften, die maßgeblich dazu beigetragen habe, dass in Deutschland mehr Arbeitsplätze entstanden seien. Die müss(t)en es ja wissen, obwohl die Kausalität eine vertrackte Angelegenheit ist und ihre Logik sich Konrad Kustos nicht ganz erschließt.


Fakt bleibt immerhin, dass wir es mit einer wundersamen Arbeitsplatzvermehrung mitten in der internationalen Wirtschaftskrise zu tun haben. Ende 2011 sank die Zahl der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger auf unter 4,5 Millionen (niedrigster Stand seit der „Reform“). Parallel dazu lag die Zahl der Arbeitslosen im Februar mit 3,11 Millionen so niedrig wie seit 21 Jahren nicht mehr.


Doch Arbeitsplatz ist nicht gleich Arbeitsplatz, wie die Statistiker des Systems dann gleich einräumen. Die neuen Jobs sind mit überwiegender Mehrheit im Bereich Minijob, Ein-Euro-Job, Zeitarbeit und Teilzeitarbeit meist im Dienstleistungssektor zu suchen. Laut dem Statistischen Bundesamt haben sie zu 75 Prozent zum Beschäftigungswachstum zwischen 2009 und 2010 beigetragen - mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze entstanden in der Zeitarbeit, also bei diesen Agenturen, die wir früher sarkastisch „Sklavenhalter“ nannten.


So erklärt sich dann auch das statistische Bild vom weiter sinkenden Lohnniveau in den unteren Einkommensklassen: Mehr Leute, die weniger verdienen, verschieben das durchschnittliche Einkommen der Gesamtbeschäftigten nach unten. Dagegen ist nichts zu sagen, solange die gezahlten Löhne über einer bestimmten Schamgrenze sind.


Doch da hapert es. Der von der Gewerkschaft anvisierte Mindest-Stundenlohn von 8,50 Euro ist oft Makulatur. Laut DIW erhält ein Drittel der jungen Arbeitnehmer Deutschlands inzwischen nicht mal mehr einen Niedriglohn (=zwei Drittel des Durchschnittslohns, West: 9,53 Euro, Ost: 7,22 Euro) - bei fallender Tendenz. Auch als Wiedereinstieg ins geregelte Berufsleben taugen die neuen Jobs nicht viel. Die „Abgangsrate“ (was für ein schönes Wort!) in den ersten Arbeitsmarkt liegt bei zwei Prozent. Apropos Abgang: Unstrittig ist, dass sich diese neuen Jobs bei der nächsten Krise wieder in Luft auflösen.


Aber es geht nicht nur um das Geld, sondern auch um den Zersetzungsprozess, den diese Sorte Jobs auf in Jahrzehnten gewachsene Systeme sozialer Sicherheit (Kündigungsschutz, Betriebsräte, allgemeine Kooperation) und unser Zusammenleben haben. Es geht um die Schere zwischen Upper class und Prekariat, es geht um den Verlust des bürgerlichen Mittelstandes als Stabilisator eines komplexen Systems, es geht um sanfte Werte wie Vertrauen und Lebenszufriedenheit möglichst vieler, die nach fester Überzeugung von Konrad Kustos auch die Produktivkräfte eines Landes befördern.


Dafür versteht Konrad Kustos nicht, warum billige Arbeitskraft ein Wachstumsfaktor sein soll. Das Verhältnis von Kaufkraft und Preisniveau (in das der Faktor Lohn einfließt) ist immer ein Nullsummenspiel, das sich nach den Bedürfnissen der Käufer ausrichtet. Ist mehr Geld zum Kaufen vorhanden, kann mehr oder teurer produziert werden. Deshalb transferiert das System der Dummverteilung ja schon so viel Steuergeld in die Alimentierung von Arbeitslosen, um Kaufkraft beim Mittelstand abzuschöpfen und an den Konsum weiterzureichen (und natürlich, um die Schlechtgestellten ruhigzustellen). Höchstens globalisiert gesehen würden hohe Löhne deutsche Waren nachteilig verteuern, aber den Wettbewerb mit der arbeitsintensiven Billigproduktion der Schwellenländer haben wir doch sowieso längst verloren.


Das einfache Prinzip des Gleichgewichts von Kaufkraft und Verkaufkraft hat schon Henry Ford erfolgreich praktiziert, der seinen Leuten mehr bezahlte, damit sie seine Autos kaufen konnten. Für diese Form des im Niedergang unserer Zivilisation aussterbenden Denkens in Zusammenhängen gibt es ein noch eindrucksvolleres Beispiel, das auch den Zusammenhang mit der Jobvermehrung durch Aufteilung der verfügbaren Arbeit zeigt: 1932 gab es in den USA eine Bewegung für die 30-Stunden-Woche, der sich viele Unternehmer freiwillig anschlossen, weil sie dadurch die Kaufkraft erhöhen wollten.


Kellogg’s, Sears und Standard Oil führten sogar von sich aus die 30-Stunden-Woche mit einem 6-Stunden-Tag ein. Bei Kellogg’s wurden zur Erhaltung des Lohnniveaus dafür die Stundenlöhne um 12,5 % erhöht. 1935 konnte das Unternehmen vermelden, dass die Arbeitsfreude und die Leistungsfähigkeit gestiegen und die Unfälle um 40 % zurückgegangen waren. Gleichzeitig sanken die Stückkosten um 10 % und die Allgemeinkosten um 25 %. 300 neue Arbeitsplätze wurden geschaffen.


Ausgerechnet auf Druck der konservativen Gewerkschaften mussten die Unternehmen dann das zukunftsweisende Erfolgsmodell beenden und zur 40-Stunden-Woche zurückkehren. Heute undenkbar? Die Weitsicht der Unternehmer vielleicht, aber nicht die Dummheit der Abhängigen. Gerade haben die Schweizer in einer Volksabstimmung erneut gegen eine Verlängerung des gesetzlichen Urlaubsanspruchs entschieden.


P.S.: Am Montag kann, wer will, den Internationalen Tag der Arbeitslosen feiern.



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