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Mittwoch, 16. Mai 2012

Beobachtungen 10


Diesmal sind es gleich drei in kurzer Folge gemachte Beobachtungen, aber sie gehören alle zu einem Thema. Vordergründig geht es ums Radfahren und um Radfahrer, aber es geht diesmal nicht um überfahrene rote Ampeln oder das Fahren ohne Licht, sondern um ein Phänomen dahinter. Lest selbst:

1. Eine Radfahrerin schiebt ihr Rad aus einem in die Hauswand integrierten U-Bahn-Eingang auf einen rechtwinklig dazu liegenden, schmalen und extrem vollen Bürgersteig. Mit Schwung, schließlich kommt sie ja von rechts (jedenfalls für die Hälfte der Passanten), wuchtet sie das Rad in die Menge, die sich mit Sprüngen und schnellem Bremsen in Sicherheit bringt. Einer aber tritt ihr - mit Absicht oder nicht? - in die Hacken. Reaktion: „Ey du Arsch, wie bist denn du drauf. Ich hab doch keinen berührt.“


2. Ein Vater und sein kleines Kind fahren auf ihren Rädern auf dem Bürgersteig. Eine Passantin sagt freundlich zu dem kleinen Jungen, dass er doch etwas sehr eng und gefährlich an ihr vorbeigefahren sei. Zornige Reaktion des Vaters: „Dann lauf doch auf der anderen Straßenseite. Kleine Kinder können das noch nicht wissen.“


3. Ein Radfahrer-Pärchen fährt auf einem acht Meter breiten Bürgersteig nicht auf dem durchaus vorhandenen Fahrradweg, sondern direkt an der Hauswand entlang. Es ist dunkel und sie fahren ohne Licht. Ein aus einem Hauseingang kommender älterer Mann kann von seiner Begleitung im letzten Moment vor dem Zusammenstoß bewahrt werden. Er ruft den beiden empört hinterher. Reaktion: Die Radfahrer drehen um, und verbitten sich den Zornesausbruch. „Wir haben uns gerade so gut unterhalten und deshalb nicht aufgepasst. Da kannst Du ruhig mal zurückstecken und uns unseren Spaß lassen.“


Drei Beobachtungen in schneller Folge, die beliebig aus dem Erleben davor und danach ergänzt werden könnten. Ihr ahnt schon, worum es auf der Metaebene geht: Anscheinend ist vielen Menschen die Fähigkeit zur moralischen Selbsteinschätzung abhandengekommen. Wenn also so auffällig viele Radfahrer, um auf das Beispiel zurückzukommen, einfach nur rücksichtslos wären, ja, selbst wenn sie durch ihr Verhalten „bloß“ sich und andere in Gefahr brächten - man würde sich daran gewöhnen und es in dem Bewusstsein abbuchen, dass das Leben weder ein Kindergeburtstag noch eine Fahrradsternfahrt ist. Doch diese demonstrierte Selbstgerechtigkeit ist erschütternd und sicher nicht auf rücksichtslose Fahrradfahrer beschränkt.


Ganz im Sinne der Aufklärung fühlt sich das Individuum zunehmend als Maß aller Dinge und scheinbar per Definition nicht zu Fehlverhalten in der Lage. Jedenfalls jeweils das Individuum, das man selbst darstellt. Und weil die spätestens in den 70er Jahren aufgekommene Ideologie von der Toleranz als oberste moralische Disziplin die meisten Opfer rücksichtslosen Verhaltens davon abhält, zu protestieren oder sich zu wehren, erfahren diese Leute, die gerade der sozialen Gemeinschaft verlorengehen, auch nicht mehr, dass ihr Verhalten aus der Sicht des Zusammenlebens nicht korrekt ist.


Weil also nur einer der Dränglerin in die Hacken tritt und normalerweise gar keiner, weil der Radfahrervater seinem Sohn Rücksicht gar nicht beibringen will und weil der beinahe Angefahrene sprachlos dem entspannt weiterfahrenden Pärchen hinterherblickt, definiert die alte Parole ‚Frech kommt weiter’ mehr und mehr den Normalzustand. Moralische Einschätzungen werden ohne Einmischung von außen einfach in einen virtuellen subjektiven Bereich verlagert, in dem der Handelnde immer recht hat. Wer diesen Stil nicht übernimmt, hat verloren.


Was daraus erwächst, lässt sich nur mit einem Wort - schon jetzt meinem Wort des Jahres - beschreiben: „Dreistigkeit“. Das System des Niedergangs hat die Vermehrung dieser Dreistigkeit sozusagen in seinem genetischen Code. Zombies in der modernen Mythologie vermehren sich, indem sie gesunde Menschen beißen und reduzieren damit gleichzeitig die Zahl der Gesunden am Ende auf Null. Wenn wir der Dreistigkeit nicht entgegentreten, werden wir schneller, als wir denken, auch zu solchen sozialen Untoten.

1 Kommentar:

  1. hi zusammen,

    witzig.

    da wollte ich eben in der propagandatagesschau im ersten nur etwas über deren/ihre sicht der dinge zur blockupy-frankfurt-situation erfahren, bekomme anschließend im so wichtigen röttgen- brennpunkt was vom klimawandel und unsicheren stadien vor die nase gesetzt und nachdem ich mir dann selbst woanders bilder über die aktuelle situation in frankfurt gemacht hab, lande ich durch zufällige rad- und gedankenwege hier. und weil ich gestern selbst fahrrädriges im kopf hatte, bin ich hier jetzt mal in den kommentar geradelt. ;-)

    http://glaubdir.blogspot.de/2012/05/fahrradmatrix-fahrt-ins-nix.html

    dann mal einfach weiter gute fahrt zusammen. ;-)

    sonnige grüße
    glaubdir ;-)

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