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Samstag, 19. Mai 2012

Experten Exkremente

Obwohl sie es nicht nur zum ersten weiblichen britischen Regierungschef gebracht hat, sondern auch soeben zu einer berührenden Verfilmung ihrer Lebensgeschichte, konnte Margaret Thatcher natürlich auch irren. Ein Recht, von dem sie ausführlich Gebrauch gemacht hat, nicht nur als sie 1974 sagte „Es wird noch viele Jahre dauern - und dies nicht zu meiner Lebenszeit - bevor eine Frau britischer Premierminister wird". Experten, Fachleute, Spezialisten, Verantwortliche – sie alle können irren, sollten es aber möglichst nicht. Schlimm wird es, wenn sie fahrlässig, böswillig oder in Überschätzung ihrer Fähigkeiten oder Möglichkeiten ihre Schlüsselposition missbrauchen.

Harald Uhlig beispielsweise ist einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler und Professor in Chikago. Er empfahl der Bundesregierung 2010, die gestiegenen Staatseinnahmen nicht etwa zur Rückzahlung von Schulden oder für Investitionen in staatliche Produktivmechanismen wie Schulbildung, Energiepolitik oder Straßenbau zu verwenden, sondern in Steuersenkungen umzuwandeln. Jeder verschenkte Euro, das hätten er und seine Kollegen zweifelsfrei wissenschaftlich ermittelt, würde über kurz oder lang durch die Stimulierung der Wirtschaft zur Hälfte wieder hereinkommen. Leute, die am zuverlässigsten von Börsen und Wirtschaftskrisen überrascht werden, wollen so etwas Komplexes wissenschaftlich ausrechnen können?


Selbst wenn wir mal davon ausgehen, dass Uhlig glaubt, was er sagt, stellt er sich mit seiner Forschung in den Dienst von Ideologie und Umverteilung. Er folgt unhinterfragt dem Dogma des permanenten Wachstums, er unterschlägt, dass auch staatliche Investitionen die Wirtschaft mindestens gleichermaßen ankurbeln, er nährt den Irrglauben, dass komplexe, fast chaotische Prozesse mit den Mitteln der Wissenschaft beherrschbar sind. Beinahe zynisch fügte er seinem Statement hinzu, dass Steuersenkungen ja auch deshalb gut seien, weil der Staat angesichts sonst weiter wachsender Schulden dadurch zum Verzicht auf „weniger sinnvolle Ausgaben“ gezwungen werde. Sind weniger sinnvolle Ausgaben denn nicht dennoch sinnvoll? Sinnvoller jedenfalls als Geschenke, von denen das meiste bei denen ankommt, die ohnehin immer reicher werden.


Und überhaupt, als wenn eine Regierung in der Not nicht gerne bei den sinnvollen Dingen sparen würde. Womit wir schon beim nächsten Beispiel, dem der Bildungsexperten, sind. In ihrem Bildungsbericht 2011 stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), die ich gerne als den ideellen Gesamtkapitalisten bezeichne, Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus. Hierzulande hätten ja nur 25,7 Prozent der Bevölkerung einen höheren Bildungsabschluss, während es in den USA (woher die OECD ziemlich sicher das meiste Geld bekommt) 41,1 Prozent seien. Wenn der deutsche Wert schon fragwürdig hoch ist, ist der US-amerikanische absurd. In einem Land, in dem jeder siebente Analphabet ist, also kein Formular ausfüllen kann (und die haben die da reichlich), und in dem selbst einfachste Dienstleistungen an der Dummheit der Zuständigen scheitern, sollen mehr als 40 Prozent derart gut ausgebildet sein?


Ein Land, das für das grottenschlechte Niveau seiner allgemeinbildenden Schulen sprichwörtlich ist, steckt nach der Statistik 7,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die Bildung (international Platz 5) und verweist Deutschland mit 4,8% auf Platz 27, also auch weit hinter Länder wie Brasilien, Chile, Portugal und Mexiko. Beschönigende Zahlenakrobatik ersetzt bei dieser Wissenschaft die Realität – und keiner, der da was zu sagen hat, benutzt seinen gesunden Menschenverstand und seine Lebenserfahrung, um zu sagen: Da stimmt doch was nicht.


Weiter aus der Gerüchteküche der Welterklärer. Ein Psychologe lässt Leute auf Fotos das Alter der Fotografierten schätzen und kann daraus schließen, dass Lachen jung erhält. Die asiatische Entwicklungsbank veröffentlicht eine Studie, nach der innnerhalb von zwei Jahren 42 Millionen Menschen im Pazifikraum vor dem Wetter geflohen sind. Ob die inzwischen zurückgekommen sind, weiß die Studie nicht. Klar ist ihr zufolge aber, dass die Erderwärmung schuld ist. Ein Londoner Wirtschaftswissenschaftler will wissen, dass beim Elfmeterschießen diejenige Mannschaft einen kleinen Vorteil hat, die zuerst schießen darf. Und wer will das sonst noch wissen? Der Arbeitszeitenreport der EU hat ermittelt, dass nicht die Griechen, sondern die Deutschen die meiste Freizeit haben. Zwar haben sich die Europaspezialisten auch noch verzählt, aber wenigstens geht es den Griechen nun mental besser, und die Deutschen wissen: Freizeit steigert anscheinend die Produktivität.


Dieses Potpourri unergiebiger, uninteressanter und schlampiger, vor allem aber oft im Auftrage eines bestimmten Interesses hergestellter Expertisen könnte hier beliebig weitergeführt werden. Es gibt sogar einen Ig-Nobel-Preis für besonders skurrile Forschung. Die Preisträger 2010 hatten z.B. herausgefunden, dass Fluchen erleichtert („Wir denken, dass beim Fluchen, eine innere Reaktion in einem selbst erzeugt wird, die das Nervensystem anregt.“) Oder, dass Flughunde Oralsex betreiben. Oder dass sich mathematisch beweisen lässt, dass jene Organisationen am effizientesten arbeiten, die Beförderungen nach dem Zufallsprinzip vornehmen.


Gleich 200 Wissenschaftler wollen jetzt weltweit analysieren, wo Gefühle herkommen, und dabei haben Literaturwissenschaftler aus Berlin endlich herausgefunden, dass der Reim im Gedicht beim Adressaten gut ankommt. In einer Gefühlsschule habe sich gezeigt, „Jungen profitieren von dieser Intervention und zwar fast (!) stärker als Mädchen.“ Vorläufiges Gesamtergebnis bei diesem Spatzenschießen mit Kanonen: Ästhetik ist empirisch nachweisbar (und der Spatz lebt).


Natürlich sind das alles nur böswillig zusammengetragene Beispiele, und es gibt mit Sicherheit auch eine knallharte, funktionierende angewandte Wissenschaft, denn ich schreibe dies auf einem funktionierenden Computer am anderen Ende der Welt, wo ich mit einem nicht abgestürzten Flugzeug hingekommen bin. Aber dass es diese Beispiele gibt, ist ein Zeichen, dass im Überbau etwas schiefläuft. Täuschung und Bluff sowie eine unglaubliche Bereitschaft der Menschen, sich Täuschung und Bluff auszuliefern, sind ein elementarer Pfeiler der Niedergangsgesellschaft.


Um mich dazu frei aus einem anderen Post selbst zu zitieren: Eine verunsicherte Gesellschaft, die einer lawinenhaft wachsenden Menge von nicht mehr beherrschbaren Informationen ausgeliefert ist, klammert sich an die Verlautbarungen der Experten, wie der kleine Junge sich ans Bein des Vaters bei der Gegenüberstellung mit dem Weihnachtsmann. Meine Mutter übrigens sagte immer, sie finde die moderne Kunst nicht schön, aber das läge daran, dass sie nicht klug genug sei, um sie zu verstehen. Mit dieser Untertanenmentalität treten wir nun an die noch geheimnisvollere Instanz des Expertentums heran: Wer, wenn nicht die Studierten, so denken wir, soll uns denn sonst durch diesen Wust an täglich Neuem leiten, für das wir nicht genug Erfahrungswissen zur Einordnung und Verarbeitung besitzen?


Das Problem ist nur, dass es Probleme gibt, die man lösen kann, wenn man immer genauer hinschaut, und andere, die genau dazu im Gegenteil den größtmöglichen Überblick verlangen. Das klassische Verständnis elaborierter Problemlösung in der westlichen Welt kennt aber nur den Weg permanenter Vertiefung in Details. Ich nenne das in meinem Buch "Chaos mit System" den „Zoomeffekt“ und stelle ihm das vernetzende „Kybernetische Denken“ gegenüber. Mit diesem untauglichen Zoomeffekt wollten schon die Scholastiker des Mittelalters herausbekommen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. In einem solchen Mikrokosmos wird vieles ersichtlich, nur keine Zusammenhänge – und genau derer bedarf die komplexe Informationsgesellschaft.


Stattdessen müssen wir uns von Werbeprofis ausrechnen lassen, was Liebe kosten würde. Ein „Ich liebe Dich“ ist danach 190.000 Euro wert und ein Lachen 125.000. Ein Kind bringt nur einen Gegenwert von 143.000 Euro, da nehme ich lieber zwei Lachen. Oder wir müssen ertragen, dass sich „Gähnforscher“ (Chasmologen) zu einem Weltkongress in Paris treffen, und eine der gewonnenen Erkenntnisse ist, das Gähnen habe etwas mit Müdigkeit zu tun. Für den einen Forscher wird dadurch das Gehirn gekühlt, für den anderen werden die Muskeln erwärmt. Man rechnet mit Jahrzehnten weiterer Forschung. Bei diesem Kongress dürfte viel gegähnt worden sein.


Die Experten merken natürlich, dass sie die Priester einer neuen Endzeitreligion sind, und wie die alten Schamanen nutzen sie das gründlich aus. Ihr Ego ist groß, und ihr Vermögen, sich selbst und eigene Erkenntnisse in Frage zu stellen, ist umgekehrt proportional (um es einmal wissenschaftlich auszudrücken). Obwohl man die anderen Experten nicht leiden kann, stabilisiert man gemeinsam geheimbündlerisch das System der Erkenntnisverwaltung.


Wer nicht detailbesessen den Mikrokosmos untersucht und wer die wirkliche Welt in die virtuellen Konstruktionen einfließen lässt, wird von den Kollegen ausgegrenzt. Das System nimmt einen Logencharakter an: Wir, die Wissenden, sind weder den Menschen noch der Welt verantwortlich – höchstens den Vergebern von Drittmitteln.


Nur ein Studium oder beruflicher Erfolg qualifizieren zum Experten, Leistung zählt nicht nur nicht, sondern ist suspekt. Kein Wunder, dass selbst bei Google unter dem Stichwort „Expertenfehler“ nichts Substanzielles aufpoppt. Höchstens dieses: „Tipps der Experten: Fehler vermeiden“.

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