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Samstag, 23. Juni 2012

Frustball total

Aus der Europameisterschaft der schönsten Nebensache der Welt wird mehr und mehr die Europameisterschaft der unschönen Nebensächlichkeiten der Welt. Fußballfunktionäre und Medien lassen keine Gelegenheit aus, sich zu profilieren, während die Spieler vordringlich Ihren Egotrip optimieren. Währenddessen feiern die Zuschauer eine Party nach der anderen, ohne so richtig verstehen zu wollen, was da auf dem Platz passiert. Kein Wunder, dass die Spiele eher spannend als schön sind, und dass das Fußballspiel hier mal wieder als lebendiges Beispiel für den umfassenden Niedergang herhalten muss.

Viele Spieler sind so tätowiert, dass sie aussehen wie laufende Tapeten, wie finstere Knastbrüder, die sich dann gerne auch mal als Schlüpferstürmer die Hose auf den Knien hängen lassen, damit die Fernsehzuschauer den Namenszug eines Wettanbieters auf der Unterhose lesen können. Andere haben sich darauf spezialisiert, ihren Ellbogen irgendwo im Gesicht des Gegners unterzubringen; das Zerren am Trikot empfinden sie nicht als Unsportlichkeit, sondern als Notwendigkeit. Und wieder andere entblöden sich nicht, nach dem brutalen, vorsätzlichen Foul ihr hollywoodreifes Engelsgesicht aufzusetzen und ihre Paraderolle, „Ich würde doch so etwas nie tun“, zu geben. In der virtuellen Gesellschaft glaubt niemand, dass die Lüge noch wirkt: Sie gehört zum guten Ton.


Doch sich auf solche Beobachtung zu beschränken hieße, den Ball zu flach zu halten. Die dies beobachtenden Journalisten selbst werden zu unglaubwürdigen Jahrmarktssprechern der Eitelkeit. Die Kommentatoren sprechen am wenigsten über das Spiel, dafür prahlen sie umso mehr mit ihrer aus dem Computer abgefragten Fachkenntnis. Die Reporter quälen die armen Spieler mit Fragen wie: „Freuen Sie sich über den Sieg?“ Die Moderatoren präsentieren sich derweil als Showmaster und überlassen die Fachkompetenz neid- und alternativlos den Experten.


Wenn dann, sozusagen aus Versehen, einer dieser Experten, in dem Falle Mehmet Scholl, tatsächlich klug und witzig ist und dem deutschen Mittelstürmer attestiert, dass dessen Bewegungsmangel bald erfordere, ihn zu wenden, damit er sich nicht wundliege, dann wird er von Spielern und den meisten Medien in der dünnen Luft der Virtualität zerrissen.


Über das Spiel selbst, seine Dynamik, seine Wendungen, seine Strategien, seine Ästhetik redet kaum einer. Vielmehr geht es um Erfolg, um Emotionen, um das Bessersein als die anderen, die Gelegenheit zum Feiern und vor allem um das permanente Wiederholen von Plattitüden. Es geht darum, den Einflussreichen nahe zu sein und ihnen dabei keineswegs auf die Füße zu treten. Solches Foulspiel würde nämlich strengstens mit der roten Karte für den jeweiligen Journalisten geahndet.


Dieses Spiel kennen wir schon aus der Politik, und hier beim Fußball ist es ebenso perfide, wenn auch vielleicht mit geringerer Tragweite. Der Journalismus vergisst seine Aufgabe, nämlich zu informieren und zu hinterfragen; er versteht sich als ein Motor der Spaßgesellschaft. Kein Wunder, dass dann Jogi Löws lockeres Spielchen mit dem Balljungen das lange vor dem Anpfiff stattfand, kurzerhand in die spannendste Phase des Spiels geschnitten wird. Wunderlich hingegen ist es schon, dass ausgerechnet die ARD, die solche Verfälschungen regelmäßig in ihrer Sportschau betreibt, sich am lautesten darüber aufregt.


Immer wieder fragt sich Konrad Kustos, ob diese Medienmenschen ihr Publikum auf dieses Niveau herunterziehen können oder ob sie glauben, dessen Interessen zu vertreten. Wahrscheinlich beides. Jedenfalls gilt es, über die Entwicklung des Publikums ebenfalls zu klagen. Norbert Elias hat in einem bemerkenswerten Aufsatz beschrieben, wie der Fußballsport sich parallel zur Entwicklung der Zivilisation immer weiter fortentwickelt hat. Nun erleben wir anscheinend einen weiteren, allerdings negativen Evolutionssprung im Zeichen des Niedergangs.


Früher war Fußball eine Sportart, die der Unterschicht notgedrungen zugestanden wurde, und hier kamen seine sportlichen Qualitäten zur Reife. Die „besseren“ Jugendlichen spielten Handball, Hockey und Tennis. Nun aber ist Fußball ein schichtenübergreifendes Phänomen geworden, das mit Public Viewing und VIP-Logen neuen Nutzern unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Es hat eine Zellteilung stattgefunden: So wie die Gesamtgesellschaft einerseits auf eine ökonomische und kulturelle Krise zusteuert und gerade deshalb andererseits in einen permanenten Feiermodus geschaltet hat, so erhält der Fußballsport neben seinem Sportcharakter noch einen Eventcharakter.


Im sportlichen Wettkampf werden von Aktiven und Zuschauern funktionale Alternativen gesucht, d.h. die Menschen können ihre archaischen Bedürfnisse, die in der geregelten Gesellschaft nicht mehr statthaft sind, in modifizierter Form ausleben. Dies ist ein wichtiges, ein überlebenswichtiges Element in der und für die Realität. Im Event wird stattdessen eine ungeliebte Realität kurzfristig weggefeiert. So wichtig die Rolle ist, die auch das Feiern in der Gesellschaft spielt, so ist dessen gegenwärtige manische Übersteigerung mehr als problematisch, weil sie durch ihren Fluchtcharakter die konstruktive Gestaltung der Gesellschaft unterbindet.


Die meisten der 500.000 Menschen auf der Fanmeile am Brandenburger Tor interessieren sich zwei Jahre lang nicht besonders für Fußball, bis es ihnen wieder eine Meisterschaft ermöglicht, sich als elementarer Bestandteil einer großen Menschengruppe zu fühlen. Ähnlich hat sich übrigens auch das Publikum in den Fußballstadien verändert. Die unter ihrer alltäglichen, nur kurzfristig, also scheinbar vorteilhaften Individualität Leidenden haben hier eine neue funktionale Alternative entdeckt und befriedigen ihr Bedürfnis, Bestandteil einer Gruppe zu sein.


„Für uns ist es eine Ehrensache, die deutsche Mannschaft in der Hauptstadt auf der Fanmeile zu unterstützen“, sagt Bianca in der Berliner Morgenpost. Als wenn es der deutschen Mannschaft helfen würde, wenn Bianca am Brandenburger Tor herumgrölt. Das hat in etwa soviel mit Ehre zu tun wie der Ehrenmord. In dieser Feiermasse ist es vollkommen egal, ob man versteht, was da gerade vor sich geht. Deshalb sind ja auch so viele Frauen hier, denn niemand käme auf die Idee, sie zu fragen, was die Abseitsregel bedeutet. „Ganz im Gegenteil“, meint Betack aus Treptow, „es ist doch super, wenn so viele Frauen plötzlich auf Fußball stehen, da lernt man gut mal jemand kennen.“

1 Kommentar:

  1. Und nicht zu vergessen: Wir Verballhornen die deutsche Sprache und gleich die englische mit dazu. Wir finden uns ein zur Öffentlichen Leichenschau und nur, weil, faux amis, die englischen Worte so klingen, als ob wir gemeinsam Fußball schauen wollten. Gestandene Männer und Frauen kleiden sich clownesk und bilden sich ein, in einer großen, volkstümliche Gemeinschaft sich wiegen zu können. Danach gehen die wieder auf Arbeit, die noch dürfen, manche scheffeln Geld, andere kommen kaum über die Runden oder gar nicht. Danach können wir wieder alle gegeneinander hetzen. Teile und herrsche - der Fußball hilft dabei.

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