Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Donnerstag, 7. Juni 2012

Nach-Gedacht: Fraglicher Frühling


Als Chefin der Grünen fühlt sich Claudia Roth berufen, weltweit für die Freiheit zu kämpfen (außer in Deutschland, wo das Regelwerk von ihr gern enger gezurrt wird). Nun war sie in Libyen und konnte sich persönlich vom Erfolg des Freiheitskampfes der Araber überzeugen: Eine Miliz besetzte mit einem Panzer den Airport Tripolis und verhinderte ihr planmäßiges Entschweben.

Im Januar hatte Konrad Kustos ein düsteres Erwartungsszenario hinsichtlich der Chancen einer freiheitlichen Entwicklung in den Ländern der arabischen Revolutionen gezeichnet. Ein paar Stichwörter aus den letzten Tagen geben keinen Anlass zur Entwarnung.


Auf 100 Milliarden Dollar wurden schon zu Ostern die wirtschaftlichen Einbußen für die betroffenen Länder geschätzt. Tourismus, Industrie und Moral liegen am Boden. Arbeitslosigkeit grassiert. Die tapfere oder auch unternehmungslustige, aber nun definitiv nicht flugfähige Frau Roth beschäftigte immerhin einen ganzen Konvoi bei einer Fahrt übers Land nach Tunesien. Dabei konnte sich von Ruinenlandschaften und immer noch fröhlich in die Luft ballernden Milizionären ein Bild machen und sich von Überfällen und Drogenschmuggel erzählen lassen.


In Syrien ist weiter völlig unklar, von wem die Gewalthandlungen hauptsächlich ausgehen. Nur unsere Medien berichten weiter in unglaublicher und auch nirgends nachvollziehbarer Parteilichkeit. Man erfährt von Massakern, aber nicht, von wem sie verübt wurden. Ohne Kenntnis wird einfach vorausgesetzt, dass es die Militärs waren. Ähnlich wird bei der Bombardierung von Städten verfahren. Ein mir gut bekannter, in den Revolutionsprozess eingebundener Araber fragte mich kürzlich entsetzt, warum die deutschen Medien verschwiegen, dass der syrische Widerstand inzwischen weitgehend unter der Kontrolle von Al-Kaida und anderen islamischen Extremisten stehe. Bei der Antwort musste ich passen.


In Ägypten soll es Mitte Juni eine Stich-Präsidentenwahl geben, doch haben sich die Parteien immer noch nicht darauf verständigt, welche Befugnisse der neue Präsident haben soll. Das Militär hat schon gedroht, selbst eine Verfassung vorzulegen, wenn die Parteien dazu nicht in der Lage sind. Für die Verzögerung gibt es Gründe: Die verbliebenen an einer freiheitlichen Entwicklung interessierten Gruppen hatten ihren Boykott einer Verfassungsgebenden Versammlung erklärt, weil sich die Muslimbrüder und die radikal-islamischen Salafisten darin schon eine dominierende Rolle gesichert hätten. Derweil demonstrierte auf den Straßen der Mob und forderte „Revolutionsgerichte“ für den schwerkranken Expräsidenten Mubarak, weil ihnen dessen in einem politischen Prozess ausgesprochene lebenslange Freiheitsstrafe nicht ausreicht.


Fachleute denken inzwischen über die bloße Islamisierung und Entdemokratisierung der arabischen Länder hinaus. Weil die von den Kolonialmächten einst gezogenen willkürlichen Grenzen nichts mit ethnischen und historischen Verläufen zu tun haben, könnte es nun leicht zu Kriegen untereinander kommen.


Der 88-jährige Nah-Ost-Experte Peter Scholl-Latour ist einer der wenigen Freidenker, dessen revolutionärer Enthusiasmus durch seine Kenntnis der Lage in engen Grenzen bleibt. Er hält den Begriff „Arabischer Frühling" sogar für zynisch. „Arabiens Stunde der Wahrheit und die eigentliche Auseinandersetzung kommt noch", prophezeit er. Besonders problematisch sei der Zerfall Libyens, von wo aus „gefährliche islamistische Bewegungen" die ganze Sahelzone ins Unglück stürzten. „Von Senegal bis Somalia haben wir nur noch Chaos." Ein Frühling sieht in der Tat anders aus.

Kommentare:

  1. Sehr guter Artikel und mir aus dem Herzen gesprochen. Die Interessen des Westens in Syrien werden enttäuscht werden, wenn Assad wirklich geht. Der Irak lässt grüßen in seinem nie enden wollenden Chaos. Nachplappernd stehen die Medien auf der Seite von mordenden Söldnern.

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  2. Divide et impera könnte eine Begründung für das eingeschränkte Hinsehen sein.

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  3. Welche Entdemokratisierung der arabischen Länder? Mir fällt keine Demokratie ein, die durch den "arabischen Frühling" gestürzt wurde, da waren nur Diktaturen.

    Wenn man durch dauerhafte Unterdrückung der - auch islamistisch orientierten - demokratischen Meinungen der arabischen Völker den kommenden großen Krieg verhindern könnte, gerne. Aber es ist genauso wie bei der Forstwirtschaft - wenn man über Jahre und Jahrzehnte Waldbrände verhindert oder schnell löscht, sammelt sich viel Totholz, und der Feuersturm wird umso schlimmer.

    Libyen ist jetzt instabil, und die Folgen von Gaddafis Irrsinn breiten sich in der Sahara aus, aber der wirkliche Krisenherd ist das Diktaturen-Dreieck aus Syrien, Iran und Saudi-Arabien, mit dem atomar bewaffneten Israel und dem instabilen (dank Amerika) Irak als Joker mittendrin.

    Man sollte immer an Europa vor und nach 1914 denken - der Zerfall der großen Reiche hat langfristig zu mehr Stabilität geführt, der 2. Weltkrieg ging nicht von Ungarn oder von Litauen aus, sondern von den beiden übriggebliebenen diktatorischen Großstaaten. Genauso sehe ich es gelassen, wenn Libyen, der Irak oder der Jemen zerfallen sollten - viel schlimmer sind die "stabilen" großen Diktaturen.

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  4. Tja, wenn man langfristig genug denkt, ist nach der Supernovawerdung der Sonne ewiger Frieden auf Erden. Mit dem langfristigen Denken ist das so eine Sache, weil es dann doch anders kommt. Politische Entwicklungen in den entwickelten Ländern Europas vor 100 Jahren kann man nicht mit denen in Ländern vergleichen, die gerade vom Schwellenland ins emotionale und intellektuelle Mittelalter zurückgeführt werden. Oder einfacher ausgedrückt: Mir ist eine Diktatur lieber und ich empfinde sie als demokratischer, also im Interesse der Menschen handelnd, die Frauen nicht steinigt, bloß weil sie Auto fahren.

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