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Samstag, 9. Juni 2012

Schuld und Sühne

Etwas kopflos sind uns unsere Großkopfeten schon immer vorgekommen. Nicht in den Kopf will Konrad Kustos aber der Umgang mit dem Fall Orhan S. Schließlich hat der junge Mann und Vater von acht Kindern in dieser Woche seine Frau, weil sie sich von ihm trennen wollte, nicht nur erstochen, sondern ihr anschließend auch noch den Kopf abgetrennt, und kommt nun vielleicht straffrei davon. Dass er dabei „Allah, Allah“ gerufen haben soll, tut hier ebenso wenig zur Sache wie der Umstand, dass auch noch ein Fuß dranglauben musste. Entscheidend ist ein Rechtssystem, das Unrecht nicht mehr zu einer angemessenen Rechenschaft zieht.



Orhan könnte ja schuldunfähig, weil irre sein, wird hochoffiziell vermutet, und schon würde aus dem Mord ein Totschlag und aus dem Knast eine psychiatrische Klinik - bis ein menschenfreundlicher Arzt Orhan wieder auf die Menschheit loslässt. Selbst eine „anschließende Sicherungsverwahrung“ haben die Menschenrechtsfreunde in Brüssel gerade weitgehend aus dem deutschen Strafrecht entfernt. Tatsächlich wurde Orhan inzwischen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, und garantiert bringen sich schmierige Anwälte und humane Mediziner längst in Stellung, um den armen Irren wieder herauszuhauen.


Natürlich ist jemand irre, der seiner toten Frau den Kopf abschneidet, aber warum ist das weniger schlimm, als wenn er klar im Kopf gewesen wäre? Weil die internationale Rechtsprechung eine lange Tradition hat, die auf der fatalen Konstruktion der „Schuldfähigkeit“ und der Idee eines „Freien Willens“ basiert. In meinem Buch "Chaos mit System" habe ich Beispiele aufgeführt:


Im Mai 2004 vergewaltigte ein 21-Jähriger in Rathenow eine 73-Jährige. Er bedrohte die Frau und rammte ihr die Faust in den Unterleib. Als er das Blut sah, flüchtete er. Eine Notoperation rettete der alten Frau das Leben. Ein halbes Jahr später gelang es der Polizei, den Täter zu fassen. Ein weiteres halbes Jahr später wurde er vom Landgericht Potsdam freigesprochen und erhielt eine Haftentschädigung. Die Staatsanwaltschaft legte keine Revision ein, weil das Urteil gut begründet sei. Eine Sachverständige hatte nämlich ein Jahr nach der Tat errechnet, dass beim Täter eine Alkoholisierung von mehr als drei Promille vorgelegen habe. Die Tat sei laut Gericht zudem „persönlichkeitsfremd“ gewesen, so der ‚humane‘ Befund.


Ein 20-Jähriger wurde 2004 durch zwei Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Ohne Zeichen von Reue landeten die 19-jährigen Täter Murat und Deniz vor Gericht. Um aber von einem Mordversuch zu sprechen, war für das Gericht entscheidend, ob zu Beginn der Straftat tatsächlich die Absicht stand, dem Niedergestochenen einen CD-Player zu rauben, denn nur Habgier belege in diesem Fall ein Mordmerkmal.


In England erdrosselte 2008 ein dementer Rentner seine Frau mit einem Schal, weil sie ihm kein Geld für den Pub-Besuch geben wollte. Der Richter ging davon aus, dass der Mann aufgrund seiner Behinderung sowieso nicht lange im Gefängnis sitzen würde, und verurteilte ihn nur zu einem Lokalverbot.


Geschichte schrieb die sogenannte Twinkie-Verteidigung in den USA. 1978 war ein Ex-Polizist durch ein Fenster in das Büro des Bürgermeisters von San Franzisko geklettert, wo er den Bürgermeister und den ersten schwulen Stadtrat der Stadt erschoss. Trotz des Doppelmordes wurde der Schütze nur wegen vorsätzlicher Tötung zu sieben Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Er sei nicht bei Verstand gewesen, argumentierte ein Gutachter: White habe große Mengen Twinkie-Snacks und anderer Süßigkeiten verzehrt, was seine depressive Grundstimmung verstärkt und zu der Bluttat geführt habe.


Der gesunde Menschenverstand hätte hier anders entschieden, vielleicht sogar übermotiviert und archaisch „Kopf ab“ gefordert. Natürlich ist es Aufgabe der Rechtsprechung in einem zivilisierten Wertesystem, nicht einem Mob die Strafzumessung zu überlassen, aber ebenso steht es ihm nicht zu, ein Verbrechen wegen der subjektiven Befindlichkeit des Täters in ein Nicht- oder Kaum-Verbrechen umzuwandeln.


Wer der Gesellschaft schadet, der muss von der Gesellschaft aus zwei Gründen angemessen bestraft werden: um ihm sein Fehlverhalten bewusst zu machen und um andere Täter abzuschrecken. Bei Orhan S. dürfte der erste Grund kaum in Betracht kommen, aber umso mehr der zweite. Wenn der Verzehr von Alkohol oder gar Süßigkeiten zur Strafmilderung oder - befreiung führt, ist nicht nur das Rechtsgefühl infragegestellt, sondern besteht ein struktureller Fehler in unserem Wertesystem.


Unsere Kultur ist aus dem Geist einer Religion gewachsen, der ‚Schuld‘ als zentrales Merkmal innewohnt. Der Mensch ist schuld an der Vertreibung aus dem Paradies, ist schuld an der Hinrichtung des Gottessohns und ist schuld an allem, was schiefläuft, denn der grundgute und perfekte Schöpfer kann ja keinesfalls schuldig sein. Deshalb ist unser Denken und Werten immer von der persönlichen Schuldfrage bestimmt.


Die Aufklärung hat dieses christliche Motiv ausgebaut und zu einem kognitiven umgelogen. Kant beispielsweise konstruierte eine „selbstverschuldete“ Abhängigkeit der Feigen und Faulen. Als Ergebnis glauben wir heute an ein grundlegendes Prinzip von „Sünde“ aus „freier Entscheidung“. Selbst die Deterministen, die eigentlich behaupten, dass alles vorherbestimmt ist, schließen sich dem an. Wenn es keinen Freien Willen gebe, so argumentieren sie, gebe es auch keine Verantwortlichkeit und deshalb auch kein Recht auf Bestrafung. Immer schwingt bei diesen Kopfgeburten wahrscheinlich auch das falsche Mitleid mit dem Täter mit, der ja eine schwierige Kindheit oder ähnliches gehabt haben könnte.


Egal, ob ein humanistischer, religiöser oder philosophischer Ansatz dahintersteckt: Er ist falsch. Er unterschlägt, dass sich immer alles aus etwas anderem, Vorhergehenden entwickelt. Jeder Mensch steht in einem Spannungsfeld aus gesellschaftlichen und biologischen Abhängigkeiten, das er nie verlassen kann. Warum also aufwändig im psychologischen Kaffeesatz lesen und danach entscheiden?


Vielleicht hat ein Verurteilter nur versäumt, auf seinen frühkindlichen Hormonhaushalt, die Strahlung seiner Mikrowelle oder die Verfolgung seiner Familie im Mittelalter hinzuweisen, was ihn genauso zum unschuldigen Mörder determiniert haben könnte. Aber all das ändert nichts an dem objektiven Fehlverhalten, das er fernab aller Weshalbs und Warums gegenüber der Gesellschaft ausgeübt hat.


Jeder Mensch muss vor der Gemeinschaft verantwortlich sein und verantwortlich gemacht werden, sonst löst sich diese Gemeinschaft auf, weil jeder tut, was er will. Dabei ist es völlig egal, ob und was ein Mörder dabei denkt, wenn er einen Menschen tötet. Die Tat muss das Maß aller Dinge sein, sonst kommt man über dieses moralische Diktat hinaus zudem unweigerlich in spirituelle Interpretationssphären. An diesem „Kybernetischen Imperativ“ ändert auch der Umstand nichts, dass einige der zu befolgenden Regeln von einem anderen Standpunkt aus durchaus falsch sein können.


Nach dem Soziologen Richard Thurnwald ist der Zusammenhang von Leistung und Gegenleistung ein Grundaspekt ethischer Gesellschaften und die Basis für jede soziale Vorstellung von Gerechtigkeit. Dazu gehört natürlich auch die Wiedergutmachung entstandenen Schadens durch den Verantwortlichen, eben Schuld und Sühne. In einem solchen Wertesystem kann eine Vorstellung von Schuld im Sinne von „freier Entscheidung“ keinen Platz haben. Sehr wohl aber im Sinne von Verantwortlichkeit für die Tat.


Sind vor diesem Hintergrund die dreieinhalb Jahre Haft für „fahrlässige Tötung“ angemessen, die gerade ein epileptischer Autofahrer in Hamburg erhielt, der vier Menschen totgefahren und drei verletzt hatte, als er mit 100 km/h bei Rot über eine Kreuzung raste? Selbst die Staatsanwaltschaft ging von einer „Schuldunfähigkeit“ im Moment des Unfalls aus, die Strafe gab es nur für das Autofahren des Behinderten an sich..


Schon die Vorgeschichte des sich einen Monat hinziehenden Verfahrens ist hanebüchen. Nach dem dritten durch den Mann bzw. einen seiner Anfälle verursachten Verkehrsunfall wurde ihm der Führerschein entzogen, doch konnte er ihn mit Gerichtshilfe zurückholen. Ein epileptischer Anfall am Steuer sei für ihn nicht vorhersehbar gewesen, hieß es damals zur Begründung des Kieler Landgerichts. Wenn man bei Wirtschaftsführern über eine Eigenhaftung diskutiert, müsste man es bei solchen Richtern wohl erst recht tun.


Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert und sich gute Chancen ausgerechnet. Schließlich habe der Epileptiker ja nicht mit einem Anfall rechnen können. Eher sei es ein Versehen, eine Unachtsamkeit gewesen - ausgelöst durch den Cannabiskonsum am Vorabend.

Kommentare:

  1. In eigener Sache: Eigentlich sollte dieser Post "Schuld-Kult" heißen. Zum Glück erfuhr ich ziemlich rechtzeitig, dass das eine Nazi-Parole ist. Deswegen hat Konrad Kustos den Titel schnell geändert - und Ihr wisst jetzt, dass auch Euer Lieblingsblogger ein ganz profaner PoCo ist :-(.

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  2. Lieber Konrad,

    keine Gesellschaft kann ernsthaft darauf verzichten wollen, Gewalt angemessen zu ahnden, aber sie sollte doch in erster Linie dafür Sorge tragen, dass ihrer Saat der Nährboden entzogen wird, bevor sie aufgeht.

    Hier aber sehe ich das wahre Defizit, denn dieses ganze System besteht aus nichts anderem als Gewalt gegen das Leben. Ob Menschen, Tiere, Pflanzen, es gibt kein Leben auf diesem Planeten, dem nicht permanent Gewalt angetan wird - was sollte anderes daraus entstehen als nur Gewalt und immer noch mehr Gewalt? Vielleicht ist das der heimliche Grund für die milde Bestrafung von Gewalttätern. Sie agieren innerhalb der geltenden Parameter.

    Für das System ist das Leben nur dazu da, um Profite zu erwirtschaften, hat aber von sich aus nicht den geringsten Wert. Die "Eliten" machen es vor, und solange die meisten Menschen immer noch Angst davor haben, ihre eigenen Gesetze zu machen, kann man Gewalttäter noch so hart bestrafen und wird trotzdem alles nur immer schlimmer machen.

    Es gibt keinen anderen Weg, als sich nach besten Kräften von diesem System abzukoppeln und statt ewiger Hatz nach einer verqueren Illusion von Wohlstand und Sicherheit wieder dem Leben selbst, in und um uns herum, die Wertschätzung und Liebe entgegenzubringen, die es verdient. Anders funktioniert es nicht.

    Beste Grüße
    Isa

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  3. Liebe Isa, wenn Du Dich für das Leben aussprichst, dann musst Du auch akzeptieren, dass Gewalt ein elementarer Bestandteil dieses Lebens ist. Das fing mal beim Einzeller an und hört jetzt nicht plötzlich auf, nur weil die Menschen eine rudimentäre Menge an Verstand angesammelt haben. Im Gegenteil: Ohne "Gewalt" hätte es keine Evolution gegeben, und wir wären bei den Einzellern stehen geblieben. Wenn man also die Gewalt als naturgegeben ansehen muss, kann es nur darum gehen, die Gewalt im Interesse der Menschen, also der Gesellschaft, anzuwenden, d.h. mit kollektiver Gewalt die individuelle Gewalt einzuschränken.

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