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Samstag, 14. Juli 2012

Neue feine Freunde

Das Internet ist ein gefährlicher und feindseliger Ort - so wie die ganze Welt. Kein Wunder, dass man sich da sicherheitshalber bei Facebook mit einer dicken Schicht schützender Freunde umgeben möchte, doch auch das kann nach hinten losgehen, wie der Fall des 43-jährigen Herrn Mindermann zeigt, der mit einer 15-jährigen Minderjährigen rumgefacebookt hatte.

Wenn so einer CDU-Politiker und damit latentes Opfer einer notgeil sensationslüsternen Öffentlichkeit ist, wird aus einem Chat, indem nach dem Aussehen eines Kleides oder dem Vorhandensein eines Boy-Friends gefragt wird, schnell eine versuchte Vergewaltigung, bzw. noch schlimmer: „Er wird seiner Vorbildfunktion nicht mehr gerecht“, wie die eigene Fraktion der Presse diktierte. Der reuige Mindermann, immerhin vorher niedersächsischer Landtagsabgeordneter, verschwand Anfang des Jahres sang- und klanglos aus der Politik, notgeschlachtet von den Medien und der eigenen Partei.


Doch dass es auch für das namenlose Facebook-Fußvolk Risiken bei der Nicht-Kommunikation über Facebook bestehen, gab es bei Konrad Kustos’ Feine Freunde schon am 3. Juli 2011 zu lesen:

Es gab mal eine Zeit, da hatten die Eltern Sorge, dass ihre Kinder – vertieft in Rollen- und Zivilisationsspiele zu lange vor dem Computer sitzen. Die Zeiten sind vorbei: Erstens macht sich kaum noch einer Sorgen, was mit dem Nachwuchs passiert. D. h. Sorgen macht man sich schon, aber man unternimmt nichts dagegen, weil das Kind ja auch seine Persönlichkeitsrechte hat und man schließlich noch ein eigenes Leben mit Karriere und Vergnügen zu leben hat. Behütetes Aufwachsen in der Familie statt im Kindergarten ist so beinahe schon suspekt geworden. Als die in der Tat etwas merkwürdige Eva Herman 2007 forderte, das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen zu lernen, wurde sie jedenfalls mit ein paar Zitatfälschungen kurzerhand zur Nazi-Schlampe umformatiert.

Zweitens aber, sind die Zeiten vorbei, in denen die Jugend sich um den Aufbau virtueller Zivilisationen Gedanken machte. Heute geht es stattdessen um den zivilisationsfreien Aufbau virtueller Freundschaften.

Dabei zählt die Anzahl der Freundschaftsbekundungen bei Facebook oder andernorts mehr als Qualitäten wie "Wir können uns gut unterhalten" oder "Er ist immer für mich da". Weil ein Klick nichts kostet, gibt es plötzlich auch viel mehr Freundschaften, und weil in einer Gesellschaft, in der Wahrheit mit Statistiken bewiesen werden kann, Behauptungen nicht mehr gewichtet und bewertet werden können, ist das auch vordergründig kein Problem.

Eher umgekehrt. Als eine bald 16-jährige Australierin per Facebook zu ihrer Geburtstagsfeier einlud, meldeten sich innerhalb von 24 Stunden 20.000 potentielle Partygänger bei ihr an. Als die 200.000er-Marke überschritten war, löschte der Vater der Freund-Rundum-Versorgten die Facebook-Seite, sagte die Party ab und bestellte die Polizei zur Freundesabwehr vor die Haustür. Im vergangenen Monat passierte einer 15-jährigen Hamburgerin das gleiche. Dafür widmeten ihr Internet-Poeten gleich einen Song auf You Tube.

Wie groß muss eigentlich das Bedürfnis nach persönlichen Beziehungen sein, oder umgekehrt ausgedrückt, wie groß muss die Unfähigkeit zum Aufbau derselben sein, wenn in solchen Größenordnungen Oberflächlichkeit praktiziert wird? Verzweifelte Eltern berichten von vergeblichen Versuchen, den Unterschied von Freundschaft und Facebook-Freundschaft zu vermitteln. In der virtuellen Welt des Nachwuchses ist jeder Kontakt ein echter Freund. Das Unterscheidungsvermögen über das bloße Wort hinaus geht verloren und die Fähigkeit, sich ein Umfeld zu schaffen, dass in dunkleren Momenten praktische und emotionale Hilfestellung geben kann.

Wenn man aber einmal den Freundschaftsaspekt beiseitelässt, stellen sich die im Internet wuchernden Kommunikationsplattformen sogar als große Chance dar. Sie sind vielleicht sogar eines der besten Mittel, dem Niedergang entgegenzutreten. Schließlich habe ich in meinem Buch "Chaos mit System" die Überforderung durch die Lawine unsortierbaren Fremdwissens als einen der wesentlichen Gründe der drohenden Katastrophe beschrieben. Immer mehr unkontrollierbares Expertenwissen formt derzeit unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und unsere Handlungen. Abhilfe vermag nur der individuelle Erfahrungsaustausch der Anwender solchen Wissens zu schaffen – die Kopfgeburten können so auf die Füße gestellt werden. Und kein anderes Medium als das Internet bietet die Möglichkeit, diesen Erfahrungsaustausch derart massenhaft herzustellen – selbst wenn es auf ein banales "Gefällt mir!" reduziert ist. Wie dämlich die Bewertungen oder Ratschläge im einzelnen auch sein mögen: In der großen Zahl sind sie geballtes Sinn-Wissen. Wikipedia, wo Laien eine Enzyklopädie hergestellt haben, die nicht nur umfangreicher, sondern auch fehlerärmer als jedes andere Nachschlagwerk der Welt ist, hat es vorgemacht.

Derlei Zukunftshoffnung soll jetzt aber nicht vom hier eigentlich angeschnittenen Thema ablenken: der emotionalen Verkümmerung, wahlweise ausgelöst durch die modernen Medienmöglichkeiten oder eben nur mehr schlecht als recht durch sie kompensiert. Eine weitere Alarmmeldung in diesem Zusammenhang ist die Rückkehr des Tamagotchis in Online-Form. Massenhaft werden inzwischen virtuelle Haustiere adoptiert und gepflegt. Kühe und Schweine sollen dabei der Renner sein. Das französische Vacheland.com nennt sich bei mehr als 500 000 Nutzern den weltweiten Marktführer; in Deutschland operiert Haustierstall.de als Ableger des schwedischen Djur.nu. Da wird dann überall gefüttert und gestreichelt, ohne sich die Finger schmutzig zu machen, ohne gebissen zu werden, ohne streng zu riechen - und ohne dass es einen realen Nutzen hat. Wir warten auf Facebook-Freundschaften mit virtuellen Haustieren.

1 Kommentar:

  1. Leider kann man sozial auch verkümmern, wenn man sich auf das Nomadentum des modernen Arbeitsmenschen einlässt. Ich habe in der halben Welt gearbeitet und ohne Übertreibung weit über 1.000 Bekannte. Die echten Freunde werden aber aufgrund dieses Lebenswandels immer weniger. Es ist banal, aber ich sehne mich nach Heimat und denke immer öfters an die Plätze und Wege meiner Jugend.

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