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Samstag, 25. August 2012

Arm dran


Das Jahr 2012 ist ein Jahr der sportlichen Höhepunkte. Olympische Spiele in London, Fußball-Europameisterschaft, diverse Weltmeisterschaften und eine Schach-Olympiade. Und es gibt auch noch, ebenfalls in London, die Paralympics als Juniorpartner der Olympischen Spiele. In 22 Disziplinen von Rollstuhlfechten bis Boccia treten Menschen an, denen das Schicksal mehr oder weniger übel mitgespielt hat. Sie zeigen, dass sie mit Willenskraft Leistungen vollbringen, dass sie Spaß und Erfolg haben können. Sie praktizieren ein Stück Integration und versuchen Normalität zu leben. Doch Konrad Kustos wäre nicht Konrad Kustos, wenn er nicht auch da Chaos mit System entdecken würde.

Braucht man beispielsweise wie in Vancouver 2010 bei den Winterparalympics ein großes Tamtam, einpeitschende Stadionsprecher und HipHop-Tänzer auf Krücken zur Eröffnung? Eine Zeitung schrieb, es habe „stehende Ovationen für einen Mann ohne Beine“ gegeben. Das könnte ein missratenes Wortspiel sein oder ein Freudscher Verschreiber, beides aber durchaus analog zum Event selber, denn die ganze Veranstaltung hatte eine Aura von Peinlichkeit, weil man sich übereifrig verkrampft normal geben wollte.


Doch so toll die Leistung der Athleten angesichts der Behinderung auch sein mag: Es ist kein realer Spitzensport, der echten Enthusiasmus erwarten ließe, sondern nur Spitze im Rahmen der beschränkenden Definitionen. Könnte einer der Parathleten im Kreis der Gesunden mithalten, würde er es tun. Stattdessen gibt es genug Anlässe beim Blindenfußball oder beim Radfahren ohne Beine tiefstes Mitleid zu empfinden. Stattdessen werden aber von den Offiziellen und den Medien gute Laune verordnet und Defizite totgeschwiegen statt sie selbstbewusst anzunehmen.


Man feiert also eine große Party, wie sie schon bei den „richtigen“ Spielen nervt, und kopiert, was nicht kopiert werden sollte. Ähnlich wie bei der gerade abgefeierten Frauen-Fußball-WM wird dadurch gerade die Leistung der Sportler verzerrt, weil nicht Vergleichbares verglichen wird und der oder die körperlich Schwächere einem Erwartungsdruck ausgesetzt ist, den er/sie nie erfüllen kann. Und die öffentlich-rechtlichen Sender setzen noch einen drauf, indem sie stundenlang über sportliche Leistungen berichten, die ohne die Behinderung als moralischer Trittleiter des Berichtens kein bisschen berichtenswert wären.


So wird aus dem so sinnvollen sportlichen Kräftemessen unfreiwillig eine Freakshow und die Protagonisten lassen sich darin bereitwillig integrieren. In Vancouver wurde ein 60-jähriger Teilnehmer der Disziplin Rollstuhlcurling des Dopings überführt. Mein Gott: Curling ist schon bei den Nichtbehinderten nur mit viel gutem Willen als Sportart anzusehen, und hier können alte Männer im Sitzen mitmachen und meinen, sich dafür auch noch dopen zu müssen. Solch unangemessen aufgeputschter Ehrgeiz lässt dann auch Unbekannte einem Biathleten (der selbst schon 2002 als Gedopter aufgefallen war) das Visier mit Schokolade beschmieren (oder der hat es selbst getan, um sein Versagen zu verschleiern).


Zu den Paralympics 2004 in Athen und 2008 in Peking wurden Menschen mit geistiger Behinderung nicht mehr zugelassen, nachdem im Jahr 2000 in Sydney die spanische Basketballmannschaft mit geistig Behinderten die körperlich Behinderten der anderen Nationen aus der Halle fegte. Nicht nur hier wäre angesichts des wie gesagt objektiv zweifelhaften sportlichen Werts mehr Lockerheit und ein olympischer Gedanke vom Fair Play ein tolles Alleinstellungsmerkmal für den Behindertensport.


Stattdessen putscht die unangemessene Konstruktion von „Weltspielen“ und ein Verschweigen der qualitativen Unterschiede die Sportler zum kranken Ehrgeiz des Profisports. Auch der materielle Aufwand ist gigantisch, wenn die Beteiligten aus der ganzen weiten Welt nach London kommen. Oder wenn die Leistungen etwa bei Läufern oder Springern nur mit hochtechnisierten Prothesen oder Spezialgeräten erbracht werden können. Oder wenn ein Spitzenbehinderter monatlich 1500 Euro Förderung einstreicht.


Sowieso ist die Nichtvergleichbarkeit der Leistungen auch innerhalb der Behindertensportarten, trotz aller Versuche mit „Klassifizierungen“ die unterschiedlichen Grade der Behinderung auszugleichen, ein großes Problem. Ist überhaupt ein echtes Leistungsmessen möglich, wenn der eine schlecht und der andere gar nichts sieht, oder wenn dem einen ein Finger fehlt und dem anderen zwei Beine? Letztlich könnten Gehörlose (die haben ihre eigenen Weltspiele) prima den 100-Meter-Lauf gewinnen und Blinde das Gewichtheben. Um bei einem ernsten Thema mal zu scherzen: Der Paranoide müsste beim 100-Meter-(Weg-)Laufen auf und davon sein.


Schon bei gesunden Sportlern gibt es häufig Einstufungsprobleme, etwa bei den Gewichtsklassen der Boxer oder bei testosterongeschwängerten Frauen. Den Klassifizierungen bei den Behindertensportlern haftet eine unvermeidbare Hilflosigkeit an, als würde man beim regulären Basketball je nach Körpergröße des Spielers bei dessen Wurf den Korb hoch oder runterfahren. Oder man würde in der Wirtschaft Betriebe subventionieren… Äh, das ist ja Realität, schnell Themawechsel.


Im Spitzensport jedenfalls, wo es per Definition immer um die höchstmögliche Leistung geht, kann es kein solches Verrechnen geben. Halb-absolut oder behindert-absolut geht nicht. Anders sieht es aber aus, wenn alles auf dem menschlichen Maßstab des Breitensports angesiedelt wird, wo es mehr auf die Freude als auf das unbedingte Siegen ankommt. Goldmedaillen, Nationenwertung, Siegeszeremonien und pompöses Fahnenschwenken sind beim Behindertensport jedenfalls dysfunktional.


Spitzensport und Behindertensport passen nicht zusammen. Das hat auch „Die Zeit“ erkannt, die schrieb: „Nimmt man die wissenschaftlich akzeptierte Definition von Behinderung ernst – ‚die dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe einer Person’ (Wikipedia) - dann sind die Paralympiker eigentlich nicht behindert, denn ihnen gelingt ja gerade, trotz ihrer "nur" körperlichen und gut kompensierten Beeinträchtigung, genau diese soziale Teilhabe und Anerkennung, welche die meisten anderen Behinderten nicht haben.“


So demoralisieren ein paar Vorzeige-Behinderte die große Masse der sporttreibenden Normal-Behinderten, die ohne den (künstlich aufgeblasenen) Star-Appeal auskommen müssen. Paralympics sind also im Grunde ein Fake und dennoch ein unbehindertes Spielfeld für Gutmenschen. Diese feiern hinter den Kulissen oder auf den Stadionsitzplätzen nominell die Schicksalsgeprüften, am meisten aber sich selber. Vor diesem Hintergrund blühen natürlich die politisch-korrekten Meinungsdiktate. Als der Triathlet Normann Stadler 2005 bei der Wahl zum Sportler des Jahres hinter einem Behinderten platziert wurde, grantelte er „Ich habe mir 17 Jahre lang den Hintern aufgerieben, und dann kommt wegen irgendeiner Story ein behinderter Sportler, der das seit zwei Jahren macht, da vorne rein, weil er in Athen den Kanzler umarmt hat.“ Eine beispiellose Kampagne brach daraufhin über den Quasi-Weltmeister der härtesten Sportart der Welt herein. „Du gehörst verbrannt“ schrieb ihm einer, und der Bundeskanzler sprach von einem „bösartigem Foul“. Obwohl Stadler sofort öffentlich bereute, suspendierte ihn sein Verein.


Nicht viel besser erging es dem Formel-1-Fahrer Nico Rosberg, der auf die Fangfrage von Journalisten, ob er sich denn für die Frauenfußball-WM interessiere, zwar wohlausgewogen retournierte: "Man schaut doch auch Paralympics – also Menschen, die nicht ganz so große Leistungen bringen können", aber der Falle nicht entgehen konnte. Wenn einer zwei Tabu-Themen miteinander vergleicht, kann er im Poco-Staat nur verlieren. Dabei ist das Rosberg-Statement durchaus tricky: Ist dieser vollkommen wahre Satz nach der Doktrin gutmeinender Problemleugnung nun eigentlich frauen- oder behindertenfeindlich?


Die Grundidee der Paralympics, zu zeigen, welche erstaunlichen Leistungen auch Behinderte vollbringen können, und damit zur Integration beizutragen, ist an sich eine prima Sache. Aber im kybernetischen Kräftefeld der Wirklichkeit musste sie scheitern. Auch nette Lügen helfen keinem.


Dennoch muss dem Menschen, dem eine natürliche Ablehnung allen Krankens innewohnt, im Zivilisationsprozess diese Scheu wegtrainiert werden. Doch wie soll das gehen, wenn man wegweisende Wahrheiten nicht aussprechen darf? Dabei gibt es Möglichkeiten und Vorbilder. Man denke nur an die Freude der Beteiligten und das enorme Auf- und Ansehen von Marathonläufen für jedermann. Dort kommt es für die Mehrheit der Sportler nicht aufs Gewinnen, sondern auf das Mitmachen, die Gemeinsamkeit mit Gleichgesinnten und die Herausforderung der eigenen Leistungsfähigkeit an.


Das geht auch bei Behinderten: Sich vor Ort um Höchstleistungen zu bemühen, im gegebenen Rahmen, individuell oder im Team, in Konkurrenz oder gegen den inneren Schweinehund. Dazu braucht es keine Reisen rund um die Welt, teure Ausrüstungen und Sponsoren und vor allem keinen verlogenen Medienzirkus. Denn damit wird ein finanzielles und emotionales Geschäft mit den Behinderten gemacht, also die Sache schlichtweg behindert.







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