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Samstag, 4. August 2012

Neue Forst-Fürsten

Freundschaft ist ein hohes Gut und deshalb auch ein Statussymbol. Als Gregor Gysi, Michel Friedman und andere Prominente sich also im ZDF zur Talkshow versammelten, brüsteten sie sich mit ihrer Freundschaftsfähigkeit auch vor manchen natürlichen Feinden auf dem Stuhl gegenüber. Einig war man sich, dass man in Freundschaften Geduld und Toleranz einzubringen habe. Doch eine der Anwesenden hatte sehr spezielle Vorstellungen von dieser Toleranz.

Hatice Akyün stellte lächelnd und selbstbewusst klar: Wenn ein Mensch der FDP oder CSU angehöre, könne er nicht ihr Freund sein. „Never“. Da fiel selbst Gysi die Kinnlade runter. Und Frau Akyün legte noch stolz nach: Eine Freundschaft zu einer Freundin habe sie abgebrochen, weil die ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann nicht innerhalb von sechs Wochen, wie von ihr emp(be)fohlen, beendet hatte. Sportmoderatorin Müller-Hohenstein fragte etwas verzweifelt nach, ob es nicht gerade das Wesen einer Freundschaft ausmache, in kritischen Phasen hinter dem Freund zu stehen.


Solche Argumente konnten aber das überhöhte aggressive Selbstbewusstsein der Schriftstellerin nicht überwinden, was auch irgendwie tolerierbar wäre, wenn die Schriftstellerin und Journalistin nicht mehrfach mit Preisen wegen ihrer Toleranz oder wegen ihres Einsatzes für dieselbe ausgezeichnet worden wäre. Ihre ganze Toleranz zeigte die Muslima (jetzt wissen wir auch, von welcher speziellen PoCo-Toleranz bei den Preisverleihungen die Rede war) dann beispielsweise, als sie angesichts der von Sarrazin entfachten Integrationsdebatte „drohte“, in die Türkei auszuwandern.


Wie auch Philosophen sich in den Dienst politisch-korrekter Interpretation der Toleranz stellen, gab es bei Konrad Kustos’ Fürst Forst schon am 10. Juli 2011 zu lesen:


Karl Marx hat einst so griffig gesagt, die Philosophen hätten zwar die Welt ausgiebig interpretiert, aber nun käme es darauf an, sie zu verändern. Im historischen Rückblick schien dabei das Problem gewesen zu sein, dass es mit dem Verändern nicht so recht geklappt hat, wie vom ollen Marxen gedacht. Doch das viel tieferliegende Problem in seinem Postulat wurde dabei schlicht übersehen: Schon bei den Philosophen fängt das Problem an, denn sie waren mit ihrer Weisheit nicht nur nicht am Ende, sondern bestenfalls am Anfang.


Höchst unzureichend haben sie nämlich die Welt interpretiert. Manche wollten nur auffallen, manche versteckten sich hinter kaum verständlichen Formulierungen, andere stellten die Kausalität auf den Kopf, ohne dass es einer gemerkt hätte und wieder andere verbohrten sich in Detailansichten und ließen den Rest der Welt außer acht. Manchmal ein kluger Satz und dann 200 Seiten Gefasel.


So war es jedenfalls gestern. Heute sind Homer Simpson und Al Bundy der Wahrheit näher als jeder der früher wie heute meist beim König oder Staat festangestellten Auftragsdenker, die sowohl in ihren Themen als auch in ihrer Sprache weit weg von jeder Realität verharren. Einer dieser Experten der Weltfremdheit, Rainer Forst, hat sich nun auf das stromlinienförmige Gebiet der „Toleranz“ spezialisiert und baut diese zu einer neuen Heilslehre für eine virtuelle Gesellschaft aus, in der Konflikte nicht mehr beseitigt werden können, aber bestens weggeredet werden sollen.


Wie es sich für einen Experten des Niedergangs gehört, sieht er dabei den Forst vor lauter Bäumen nicht. Der Habermas-Schüler findet die Toleranz und besonders seine selbstgestrickte Variante davon ganz schick. Völlig unwissenschaftlich, also wie es der Art seiner Geistesdisziplin entspricht, argumentierte er dazu in einem großen Interview mit dem Tagesspiegel ausschließlich moralisch und phänomenologisch. Das macht der Autor dieses Blogs zwar auch gerne, doch fühlt der sich immerhin Gegenargumenten und der Komplexität des Lebens gegenüber verantwortlich.


Für Forst also ist Toleranz kein Aspekt eines komplizierten Mit- und Gegeneinanders verschiedenster sozialer Verhaltensweisen und Interessen, die sich auch an so etwas wie Gerechtigkeit und Situationsangemessenheit orientiert, sondern ein pauschales moralisches Leitbild. Er fragt nicht, ob die an sich segensreiche Eigenschaft Grenzen kennt. Er wählt ausschließlich Beispiele aus der Migrationsproblematik (die für ihn nur eine Toleranzproblematik ist) und fragt dabei nicht, wie weit diese Toleranz gehen soll, wie weit eine Kultur sich fremden Vorstellungen beugen oder gar unterwerfen muss, oder wann sie dabei ihre eigene Identität verliert.


Ja, er unterscheidet nicht einmal zwischen personaler und gesellschaftlicher Toleranz. Schließlich mag ein Wilmersdorfer Werbedesigner durchaus fremden Kulturen gegenüber tolerant gestimmt sein, bis er ganz persönlich in einem finsteren Neuköllner Hausflur von drei Menschen mit Migrationsvordergrund intolerant oder schlimmer als Schweinefleischfresser angesprochen wird.


Tatsächlich war Toleranz in der menschlichen Entwicklung (und ist es immer noch) ein wichtiges Element, gesellschaftliche Reibungsverluste zu minimieren und dadurch Sicherheit, Wohlstand und Fortschritt zu ermöglichen. Immer jedoch gab es den Punkt, der nicht umsonst „Toleranzschwelle“ genannt wird, an dem die objektive Unvereinbarkeit der Interessen durch die Toleranz nicht mehr abgefedert werden konnte. Zuviel Toleranz der Weltgemeinschaft gegenüber Hitler brachte der Welt millionenfachen Tod, Toleranz brachte Völkern über Jahrhunderte die Ausbeutung durch Gewaltherrscher oder herrschende Minderheiten, und hätten die deutsch-polnischen Truppen die Türken vor Wien 1683 nicht stoppen sollen?


Dazu einige Beispiele aus jüngster Zeit. Wie sollte beispielsweise eine Autofahrerin tolerieren, dass ein fünfjähriges Mädchen ihr mit seinem Fahrrad den Lack zerkratzte, und die höchstamtlich vom Amtsgericht München erfuhr, dass sie den Schaden selber zu zahlen habe, weil die Eltern des Mädchens recht daran taten, ihr Kind zur Selbstständigkeit im Straßenverkehr zu erziehen? Wir wissen es nicht, aber wir ahnen, dass Herr Forst sich freut wie alle anderen Berufstoleranten.


Was sagen die ungehörten Berliner - und nicht nur diese -, denen inzwischen an gefühlt den meisten Wochenenden des Jahres von einem feierseligen Senat mit irgendwelchen Straßenfesten, Schwulenumzügen, Festivals der Weltkulturen, Skatenights und Fahrraddemos die Innenstadt zugestaut wird? Wir wissen es nicht, weil Herr Forst und seinesgleichen nicht tolerant genug sind, auch die vom toleranzfordernden Tun Genervten in ihr Kalkül einzubeziehen.


Was sagen die Kinder und deren Eltern, denen jetzt unter dem Banner der Toleranz und dem neuen Modewort der „Inklusion“ in Berlin flächendeckend körperlich und geistig Behinderte in die Klassen „integriert“ werden? Kinder, die also zugunsten der Behinderten, um deren teure spezielle Förderung sich der Staat drücken will, auf einen weitern Teil ihrer im Niedergang ohnehin schon eingeschränkten Bildungschancen verzichten müssen. Ohne Herrn Forst zu kennen und kennenlernen zu wollen: Er findet es sicher toll, denn das System erweist sich in all diesen und unendlich vielen weiteren Fällen als anscheinend unbegrenzt dehnbar im Sinne der Toleranz.


Forst rennt damit anscheinend in Deutschland offene Türen ein. In einem „Global Customer Service Barometer“ der Kreditkartenfirma American Express werden die Deutschen als besonders „lässig“ bewertet, wenn es um das Verharren in einer Service-Warteschleife geht. In der Befragung in zehn Ländern bleiben 63% der Deutschen bei jeder Ungeheuerlichkeit stumm und höflich. Nur 25% sind es beispielsweise in Frankreich, 32% in Italien. In Nordamerika wird bisweilen sogar geflucht; unerhört diese Toleranzinkompetenz der Amis.


Mit der Selbstherrlichkeit eines vorabsolutistischen Adligen legt Fürst Forst aber darüber hinaus völlig neue Toleranzkriterien fest. Denn „Klassische Toleranzedikte“ forderten ja nur das Erdulden des eigentlich nicht Gewollten, bedeuteten also „Herablassung und Stigmatisierung“ für die Tolerierten. Fühlt der Mann sich nun der Sprache als Kommunikationsmedium nicht mehr verpflichtet oder hat er bloß kein Lexikon zuhause, in dem er nachschlagen könnte, dass Toleranz vom lateinischen ‚tolerare = erdulden, leiden’ kommt und eben gerade das Erdulden des Ungewollten bedeutet. Forst okkupiert einfach den festen Begriff für das kritiklose und beinahe freudige, in jedem Falle aber unbeteiligte Hinnehmen des nach eigenem moralischen Kodex Falschen.


Gesegnet mit der for(s)tentwickelten Toleranz hätte die Münchnerin mit dem verbeulten Auto sich über die Attacke des kleinen Mädchens genauso gefreut, wie der nichthippe Berliner über die Auswüchse dekadenten Dauerfeierns oder die Eltern über die pädagogisch verbrämten Sparbeschlüsse des Senats. „Toleranz“, so ein anderer Blog, dem Forsts politisch korrekter Angriff auf den gesunden Menschenverstand sauer aufgestoßen ist, „ist laut neuer Umdefinition nicht mehr, dass man etwas Andersartiges akzeptiert, sondern dass man etwas Andersartiges nicht akzeptiert und es bewusst gegen die eigene Auffassung ‚toleriert’. Also eine Art Vergewaltigung des Gehirns.“


Das Forstsche Konzept ist aber gar nicht so revolutionär, denn schon ein gewisser Jesus, oder jene, die diesen Namen für ihre Interessen verwendeten, hatte in der Bergpredigt gefordert, Aggressoren die andere Wange hinzuhalten und damit das Christentum zu einer bei Usurpatoren beliebten Religion gemacht. Diese neue Forst-Toleranz ist nur ein neuer Auswuchs alter christlicher Büßermentalität. Danach hätten wir als Erbsündige jedwede Schikane sowieso verdient und müssten für Strafe noch dankbar sein. Diese Toleranz ist eine neue Form der Selbstgeißelung, die im durch Hitler und seine Untaten ohnehin schwer verunsicherten Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden fallen muss. Windschnittig nutzt der neue Philosophenpatriarch, der immerhin in seiner Peergroup als Habermas-Nachfolger gefeiert wird, diese historischen Kräfte zum Aufbau seiner (Un-)Heilslehre.


Seine „Toleranz 2.0“ verschleiert also nicht nur die Notwendigkeit einer Ausgewogenheit zwischen dem Vertreten eigener und der Akzeptanz fremder Interessen, sondern er setzt damit zur bloßen Einseitigkeit noch einen drauf. Nun könnte ich auf die hanebüchene intellektuelle Substanz des ganzen Interviews eingehen, doch sprengte das die Länge eines ohnehin schon zu langen und anstrengenden Posts. Etwa wenn Forst auf die einzige kritische Frage, wie denn gegenüber den Spielformen des Islam der Tolerante die Toleranzfähigkeit der anderen erkennen solle, schlicht beweis(nas)führt, dass wir doch bitteschön nicht immer nach der Vertrauenswürdigkeit der anderen fragen dürften und unsere Städte doch der Beweis selbst seien, dass Religionen (er meint wohl eher Kulturen, kann das aber nicht unterscheiden) wunderbar miteinander zusammenlebten. Selbst der Kopftuchzwang, eines der klassischen Symbole archaischer Unterdrückung, ist für ihn Gelegenheit explizit Toleranz zu fordern.


Wenn es aber in den Städten keine Probleme gäbe, wo bliebe dann noch die Notwendigkeit der vehement geforderten Toleranz? Jedenfalls werde ich ihn, sollte das Schicksal mir eine Begegnung mit dem Waldweisen nicht ersparen, ordentlich anpumpen, da er ja nach meiner Vertrauenswürdigkeit nicht fragt. Und ich werde aus politischen Gründen und mit heimlicher Freude erstmals im Leben meine Schulden nicht begleichen. Er wird das sicherlich aufgeklärt und tolerant hinnehmen.


Das ist natürlich nur ein Spaß, denn, wie es in den Köpfen solcher Ideologen eben zugeht, versteht er bei der Reinheit der Lehre keinen solchen. So fordert er sogar, sozusagen als Inquisitor der Toleranz, seinen neuen Kodex zwar nicht zum Gesetz auszurufen, aber ihn zur allgemeinen moralischen Forderung zu erheben. So wird der Prophet der Toleranz unvermittelt zum Feind einer offenen Gesellschaft, der Meinungsvielfalt und des freien Austauschs.

Kommentare:

  1. Toleranz zu üben gilt denen gegenüber, die wissen, was Toleranz ist, und sich ebenso darum bemühen. So einfach ist das für mich und so kurz wäre mein Artikel dazu. Trotzdem schönen Dank dafür, er wirft viel Licht und regt zum Nachdenken an.

    Infoliner

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  2. Jetzt weiß ich endlich, warum manche Leute immer "tollerant" schreiben ...

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