Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 11. August 2012

Neues peinliches Schlucken

Der australische Rat für Bildungsforschung hat kürzlich ermittelt, dass viele Schüler glauben, Joghurt wachse auf Bäumen. Nun erstaunt das Kenner des Niedergangs nicht besonders, auch nicht dass immerhin knapp 20 Prozent der Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren dachten, Nudeln würden aus Tieren gewonnen und Rührei stamme von Pflanzen. Drei Viertel der Befragten gab an, dass Baumwolle von Tieren stamme – wahrscheinlich gewonnen bei der jährlichen Baumschur.

Andere Schwachsinnsideen gehen selbst bei Erwachsenen in Deutschland problemlos als Tatsachen durch. Über den hierzulande beliebten Glauben an die Wirksamkeit wirkungsloser Medikamente gab es bei Konrad Kustos’ Peinliche Pillen schon am 17. Juli 2011 einiges zu lesen:


Die Bundesärztekammer ist so etwas wie das Zentralkomitee der Ärzte und als solches dem Wohlergehen der Ärzte so verpflichtet wie das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei den Kommunisten. Wohlgemerkt also nicht denen, für die sie vorgeben, tätig zu sein: den Menschen allgemein. Der Eid des Hippokrates wird eben immer mehr zu einem Medienfake hinter dem sich eigene Interessen verstecken - neben monetären durchaus auch psychologische, aber dazu vielleicht ein anderes Mal.


Diese Bundesärztekammer also hat den verstärkten Einsatz von Scheinpräparaten, sogenannten Placebos, empfohlen. Zugrundegelegt wird die weit verbreitete Illusion, dass der Glaube an die Heilkraft mehr bewirken kann als eine richtige Medizin. Dies mag zwar insofern eine nachdenkenswerte Aussage sein, dass möglicherweise richtige Medizin häufiger schädlich als nützlich ist, doch bekommt ein Placebo dadurch noch lange keine Heilkraft.


In einer immer virtueller werdenden Gesellschaft, d.h. einer solchen, die die Wirklichkeit immer mehr zu ignorieren versucht, ist das Placebo allerdings durchaus das Mittel der Wahl. Die Menschen wollen glauben (egal was), die Verantwortlichen wollen sich das Leben leichter machen (egal wie). 88% Prozent der Ärzte in Bayern verschreiben inzwischen wirkstofffreie Medikamente, eine Zahl die wohl die ebenso wirkstofffreien Homöopatica oder Bachblüten noch nicht einmal einschließt.


Die Verfechter dieses Hokuspokus verweisen auf Studien, nach denen Placebos wirken und führen die „Selbstheilkräfte“ des Organismus an. Letzteres will ich gar nicht in Abrede stellen, nur scheitern diese spätestens dann, wenn ernsthaftere Fehlfunktionen des Organismus vorliegen. Wird uns denn gesagt, bei welcherart Krankheit diese Studien im allgemeinen gewonnen wurden? Bei Verspannung, Depression, Kopfschmerz oder bei Blutvergiftung, Karies, Darmkrebs?


Viel schlimmer aber: Wie messen diese Studien eigentlich den Erfolg eines Medikaments oder Nichtmedikaments? Um echte Medikamente zu testen, werden Vergleichsgruppen gebildet zwischen Pillen mit und ohne Wirkstoff. Wie vergleicht man aber Pillen ohne und solche ebenfalls ohne Wirkstoff? Was wohl getan wird ist, die Leute zu fragen, ob es ihnen nach einem Placebo besser gehe. Und die Antworten sind dann natürlich ungefähr so aussagekräftig, als hätte Stalin einen gefragt, ob er den Kommunismus gut findet. Selbstverständlich glauben die meisten leidenden Menschen unbesehen, dass egal welche Maßnahmen der weiße Halbgott auch ergreift, diese für sie von Nutzen sind.


Kein Wunder, dass eine solche Studie ermittelte, dass in 59% der Fälle Patienten mit Magengeschwüren geholfen werden konnten. Robert Jütte von der Bundesärztekammer jedenfalls glaubt laut Berliner Morgenpost, dass Scheinmedikamente „erwünschte Wirkungen maximieren und unerwünschte verringern“, um dann zum zentralen Anliegen zu kommen: Sie sind billiger! Wenigstens nennt er den Hauptgrund der Schönrednerei von Zuckerpillen: auf Kosten kranker Menschen Kosten zu sparen.


In dem Morgenpost-Artikel bekennt ein Mediziner freimütig, dass er am liebsten homöopathische Mittel verschreibe, die er zwar für ebenso wirkstofffrei halte, die aber aussähen wie richtige Medikamente und einen richtigen Beipackzettel hätten. Kein Wunder, dass nun auch die Krankenkassen zunehmend Homöopatica in ihre Listen aufnehmen. In jedem Fall können die Krankenkassen damit ihre kranken Kassen therapieren. Scheinmedikamente helfen ihnen, Scheine zu sparen.


Wenn das nicht schon genug ungesunde Moral wäre, kommt der eigentliche Skandal erst beim zweiten Hinsehen ans Licht. Weil das Scheinmedikament ja nur wirken können soll, wenn der Patient dem Schein erliegt, muss er belogen werden. Er wird der Entscheidungsfähigkeit beraubt, indem ihm wesentliche Informationen notwendigerweise vorenthalten werden. Er kann sein Schicksal nicht mehr selber mitgestalten, sondern wird zu Verfügungsmasse eines anonymen Apparats, der sich sein Mandat dazu kurzerhand selbst ausstellt.


Der schon zitierte Mediziner sagt dann auch, er verschreibe Wirkstoffloses nur denen, „zu denen ich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe“. Auf Deutsch: Ich belüge nur die Patienten, die mir besonders vertrauen. Bei solcher moralischen Brisanz hat sich natürlich auch die eingangs erwähnte Bundesärztekammer damit auseinandergesetzt, kommt aber zum zumindest sie selbst beruhigenden Ergebnis, das alles in Ordnung sei, wenn der Patient nur über alle Risiken aufgeklärt werde. Das ist dreist, denn wie kann aufgeklärt werden, wenn die Lüge Voraussetzung für die behauptete Wirksamkeit ist?


Unwahrheiten hat es schon immer gegeben, doch jetzt wird die Lüge, die Täuschung und der Betrug institutionalisiert. Und der ideologische Apparat dahinter funktioniert wie geschmiert. Wir haben es in der Tat mit einer Krankheit zu tun, die weder mit noch ohne Placebos zu heilen sein wird: dem Niedergang unserer moralischen Grundsätze.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen