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Donnerstag, 6. September 2012

Nach-Gedacht: Beschneidung


Manchmal kann man gute und schlechte Dinge an ihrer Dynamik unterscheiden. Gut Ding will Weile haben, und es ist leichter eine Sandburg zu zertreten als sie aufzubauen. So gesehen kann man die Eile, mit der Berlin auf die Beschneidungsdiskussion reagiert hat, auch als Bestätigung der erst am Sonntag in diesem Blog geäußerten Kritik an der archaischen Praxis sehen. Noch bevor der bundesdeutsche Gesetzgeber Gelegenheit gefunden hat, sich landesweit dem Druck rückwärtsgewandter Religionsgemeinschaften zu beugen, schafft die Hauptstadt innerhalb ihrer Mauern als erstes Bundesland vollendete Tatsachen.

  Der Justizsenator gab bekannt, die Beschneidung bleibe hier straffrei. Drei von ihm genannte Einschränkungen mindern den Kotau vor dem religiös motivierten Unrecht keineswegs: Die Eltern müssen schriftlich zustimmen, die religiöse Notwendigkeit des Eingriffs muss dargelegt werden, und die Operation muss „medizinisch fachgerecht“ sowie „möglichst schmerzfrei“ erfolgen. Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass diese Formulierung auch Operationen in unkontrolliertem Umfeld und keineswegs schmerzfreie Eingriffe, sondern eben nur ein beliebiges „möglichst schmerzfrei„ zulassen. Damit geht Berlin wohl sogar noch weiter als der Bundestag gehen wird.

Das ist umso schmerzhafter, als die Berichterstattung jetzt erkennen lässt, dass durch die Kölner Rechtsprechung durchaus schon positive Veränderungen im Sinne der Zivilisation eingetreten waren. Viele Krankenhäuser hatten nämlich die Beschneidungen komplett gestoppt. Und der Chefarzt des Jüdischen Krankenhauses in Berlin sprach von einer (wirtschaftlichen) Katastrophe. Verstümmelung als Wirtschaftsfaktor also. Nun jubelt der Doktor mit dem problematischen Verständnis eines Hippokratischen Eides: „Ich bin sehr zufrieden mit der Lösung.“ Kein Wunder!

Natürlich muss man hier kybernetisch Fragen, ob bei einem Verbot die Beschneidungen im illegalen Rahmen mit schlimmeren Auswirkungen auf die Kinder stattfinden könnten. Solche Abwägungen sind immer schwierig und kaum zu leisten. Aber in jedem Falle bleibt die Frage im Raum stehen, ob man aus solcher Sorge heraus Unrecht dulden darf.

Nebenbei stellt sich auch noch eine Frage zum Procedere. Der Berliner Morgenpost zufolge wurde die Berliner Regelung vom Generalstaatsanwalt nach „Gesprächen mit dem (jüdischen?) Krankenhaus, dem Zentralrat der Juden und Vertretern der Muslime (welchen denn?) ausgearbeitet. Wird also künftig auch Straffreiheit gewährt, wenn der Generalstaatsanwalt zuvor mit den Vertretern von Einbrechern, Taschendieben und Hooligans gesprochen hat? Müsste nicht vielmehr Deutsches Recht die Grundlage für eine solche ohnehin voreilige Entscheidung sein. Und wenn man schon mit Beteiligten redet, warum dann nicht auch mit der Humanistischen Union, Menschenrechtsgruppen oder mit (noch zu bestellenden) mündigen Rechtsvertretern der betroffenen Kinder?

Den Korken schoss dann der Pankower Gutmensch Wolfgang Thierse ab, der ungefragt die neue Regelung schneidend kritisierte. Die Forderung an die Eltern, einen Glaubensnachweis zu liefern, widerspreche der im Grundgesetz festgelegten „Bekenntnisfreiheit“. Recht hat er - gleiches Recht für alle. Warum also sollten nicht auch christliche und atheistische Spaßvögel oder Sadisten ihren Kindern Leid antun dürfen? Inakzeptabel ist seiner Interpretation der neuen Regelung nach zudem, dass jüdische Beschneidungsspezialisten ihrem Gewerbe nicht mehr nachgehen können sollen. Genau: Am besten gleich nach altem Recht ohne Betäubung - und Blut muss fließen. Das wurde ja beim Schächten schon 2002 vom Bundesverfassungsgericht aus religiöser Pietät weitgehend legalisiert.

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