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Montag, 10. September 2012

Nach-Gedacht: Paralympics

Die Zeitung schrieb über Gänsehaut-Atmosphäre in vollbesetzten Arenen, eine Metropole voller fröhlicher Menschen und einen begeisterten Präsidenten: „Die Londoner haben uns das Gefühl gegeben, dass die Paralympics das zweite Olympia waren. Und zwar nicht in der Reihenfolge, sondern nebeneinander stehend.“ Diese Wahrnehmung wollen wir dem Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes lassen, aber wie schon zu Beginn der Spiele in diesem Blog angesprochen, scheint hier trotz aller Freude über die Leistungen der Aktiven vieles durch die virtuelle Brille betrachtet. Wenn alles perfekt zu sein behauptet wird, muss geradezu etwas faul sein.

2,7 Millionen Zuschauer sind in der Tat eine stattliche Zahl. Die sportlichen Leistungen waren in der Tat beeindruckend. Dieser Wille, sich über ein schlimmes Schicksal hinwegzusetzen, ist in der Tat bewunderungswürdig. Der Nutzen, Behinderung als Phänomen unserer Gesellschaft für die ganze Gesellschaft erfahrbar zu machen, ist in der Tat gar nicht hoch genug zu bewerten. Warum also diese Zweifel?

Weil es sich gleichzeitig um eine künstlich geschürte „positive“ Hysterie handelt, die nicht mehr erlaubt, Probleme anzusprechen oder anzuerkennen und die auf der Oberfläche Probleme löst, nur um darunter neue Probleme zu schaffen. Das Vorgehen erinnert Konrad Kustos an jenes einiger Klimaforscher und -aktivisten, die selbst gar nicht an die Klimaerwärmung glauben, aber hoffen, dass ihre Kassandrarufe die Leute zu höherem Umweltbewusstsein antreiben. Das Gegenteil ist der Fall: Lügen, wie gut gemeint sie auch sein mögen, haben kurze Beine, und die hinterlassen gerne mal Scherbenhaufen.

Eine Lüge ist, wenn behauptet wird, Behindertensportler erbrächten dieselben Leistungen wie gesunde. Eine Lüge ist, wenn so getan wird, als sei die Zahl der Konkurrenten ebenso groß wie im „Normalsport“. Eine Lüge ist, wenn so getan wird, als interessierten die Menschen sich für diesen Nischensport ebenso wie für die richtigen Olympischen Spiele und sie würden sich daran gleichermaßen erfreuen. Ein grandioser Irrtum schließlich ist es, als müssten sich für diese spezielle Variante des Sports Menschen aus aller Welt zu aufwändigen Spielen treffen.

Letzterem liegt ein grundsätzlicher Irrtum zu Grunde: Der wesentliche Sinn des Sports für die Menschheit ist einerseits die Körperertüchtigung und andererseits die Freude an der Bewegung (sowohl für den Aktiven als auch über die Ästhetik für den Zuschauer). Der Drang Wettbewerbe zu veranstalten liegt ebenfalls in der menschlichen Natur, verkommt aber in Zeiten des Niedergangs vom direkt empfundenen Ereignis immer mehr zum Event. In jedem Falle läuft der menschlichen Natur zuwider, körperliche Beeinträchtigung wahrzunehmen. Es ist sogar ein evolutionärer Zwang wegzuschauen oder sich zu ekeln. Das ist aus heutiger Sicht beklagenswert, dürfte aber aus der Gesamtsicht nicht verbannt werden.

Da wir das zwar nicht mehr aussprechen dürfen, aber eigentlich gegen unsere Programmierung gar nicht ankönnen, kann es nur zwei Gründe für den Zuschauerzuspruch in den Stadien geben. Entweder es kamen bloße Event-Zuschauer, die dabei sein wollen, um darüber reden und sich präsentieren zu können, oder sie wollen sich an ihrer eigenen Gutartigkeit aufrichten, d.h. sie kommen aus Mitleid. Mitleid aber ist das schlechteste Kriterium, wenn es um Integration und Akzeptanz von irgendwas und erst recht von Behinderungen geht. Letztlich wurden die Paralympics dadurch nur zu einer neuen Variante historischer Freakshows: Der Zuschauer staunt, was es so alles gibt, und freut sich, dass es ihm besser geht. Die damalige Variante erscheint mir da um einiges ehrlicher.

So groß war das Interesse dann aber auch gar nicht. Trotz euphorischer Medienberichte war die Eröffnungsfeier der Paralympics nach Meinung von Medienstatistikern nur ein mittelgroßer Erfolg. So verfolgten sie zwar 1,8 Millionen Menschen, aber bei den 14- bis 49-Jährigen fiel die Übertragung durch: Nur 0,35 Millionen schalteten ein. Auch der Vergleich ist interessant: Eine ältere deutsche Komödie generierte vor der Übertragung noch 3,59 Millionen Zuschauer. Die wahre Meinung der Medienführer kommt auch darin zum Ausdruck, dass sie zwar 65 Stunden Behindertensport über den wehrlosen Fernsehzuschauer hereinbrechen ließen, aber dafür nur die zweite oder dritte Garnitur ihrer Journalisten bereitstellen.

Ihre zwölfte Paralympicsmedaille gewann gerade Marianne Buggenhagen im Alter von 59 Jahren. Bei allem Respekt vor ihrer persönlichen Leistung: Dies als eine dem Normalen vergleichbare Höchstleistung ausgeben zu wollen ist makaber. Die Tatsache, dass zu ihren Lebzeiten schon Schulen nach ihr benannt wurden, während sonst der zu Ehrende schon einige Jahre tot sein sollte, ist ein Hinweis, dass Übereifer hier die Moral ersetzt.

Das ist eben eine Crux des Behindertensports: Die Konkurrenz ist eigentlich nicht messbar, weil sie immer vom Grad der Beeinträchtigung abhängt. Mit komplizierten Kategorien versuchen die Organisatoren aus der Zwickmühle zu kommen. Da gab es zum Beispiel Laufdisziplinen nicht nur für Beinamputierte, sondern auch für Armbehinderte (T45). Aber wie will man messen, wie viel Nachteil eine fehlende Hand, ein fehlender Arm, oder zwei fehlende Arme ausmachen. Wie will man die Ungerechtigkeit kompensieren? Komplizierte Punktsysteme sollten hier Abhilfe schaffen. Das alles ist weit weg vom ursprünglichen Gedanken des Sports, dass der Bessere gewinnen möge.

Eigentlich müsste es dann auch Olympische Spiele für Senioren, zeitlich Behinderte (etwa Manager) oder beispielsweise Spastiker geben. Ein weites Feld. Wie wäre es für unsere virtuellen Weltverbesserer eine Mathematikolympiade für Hauptschüler, ein Wettliegen für Komatöse oder Armdrücken für Leprakranke zu designen?

Behinderte definieren sich gerade dadurch, dass sie Sport wie auch ihren Alltag nur eingeschränkt betreiben können. Dafür verdienen sie unsere Anerkennung und unsere Unterstützung - so zu tun, als wären ihre objektiven Leistungen mit denen von Gesunden vergleichbar, macht den Behinderten den Alltag nicht leichter, sondern schwerer. Die Gesunden müssen nämlich lernen, dass Behinderte es schwerer haben und daraus ein Recht und eine Pflicht auf Rücksichtnahme und Hilfestellung folgt.

Weill Olympische Spiele sich durch Perfektionismus und ultimate Spitzenleistungen zum Vorzeigen qualifizieren, rechtfertigen sie bei aller Skepsis von Konrad Kustos auch Welttitelkämpfe, finanzielle Förderung, gewaltigen Aufwand und das Medieninteresse. Wenn aber Marianne Buggenhagen fordert: „Wir wollen irgendwann gleichgestellt sein“, ist das nicht nur eine Anmaßung, sondern geradezu ein Oxymoron. Die 7500 € Prämie, die ein deutscher Paralympics-Goldmedaillengewinner von der Sportförderung diesmal einstreichen konnte (was dem der Olympioniken nahekommt) ist so ein Schritt in die falsche Richtung.

Schon jetzt wird das Geld häufig verwendet, um Prothesen aufzurüsten. Von diesem „Techno-Doping“ können „normale“ Behindertensportler natürlich nur träumen. Der deutsche 100-Meter-Goldmedaillengewinner Heinrich Popow hat drei unterschiedliche Prothesen: eine mit Fuß, eine mit Spikes und eine für den Weitsprung. Er sagt: „Der technische Support ist viel wichtiger als jeder Physiotherapeut.“ Inzwischen gab es sogar schon Streit und Eifersucht unter den Aktiven über die Leistungen der technischen Ausrüster. Allerdings könnten Rollstühle aus dem Windkanal durch die Grundlagenforschung irgendwann auch der Allgemeinheit zugute kommen.

Umgekehrt zeichnet sich ein weiteres Niedergangsphänomen ab: Behindertensportler werden dank ihrer technischen Ausstattung leistungsfähiger als die Nichtbehinderten, klagen sich dafür schon bei den regulären Wettbewerben ein. Angesichts des Wahnsinns mit dem der Hochleistungssport an sich vorangetrieben wird, dürften die ersten Cyborgs bald an den Start gehen. Ein Albtraum ist die Vorstellung von jungen, kerngesunden Sportlern, die sich auf Druck ihrer erfolgsgeilen Verbände amputieren lassen, um Platz zu schaffen für optimierende Prothesen.

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