Kustos kommentiert nicht mehr -
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Samstag, 3. November 2012

Dick ist doof


Der dickste Mann der Welt wog 570 Kilo, jetzt hat er 230 Kilo abgenommen. Beeindruckend. Würde Konrad Kustos versuchen 230 Kilo abzunehmen, wäre er schon nach einem Drittel der Distanz verschwunden. Die wenigsten kommen auf die Idee oder in die Lage, so viel abzunehmen. Nach Erhebungen des Robert-Koch-Instituts haben zwei von drei Männern in Deutschland Übergewicht und jede zweite Frau. Unabhängig von diesen individuellen Schicksalen kommt es auch für die Gemeinschaft dicke: Übergewichtige belasten das Gesundheitssystem laut einer Studie mit 17 000 000 000 Euro. Und auch hier stellt sich die übliche Frage: Wie konnte das passieren, und was machen wir nun?
Weltweit führend in der Problemliga ist mal wieder die USA (hier mit ihrem Juniorpartner Kanada). 127 Milliarden Dollar kosten die ungewollten Dimensionen das Land der Superlative im Gesundheitswesen und noch einmal 115 Milliarden durch so verursachte Erwerbsunfähigkeit. Tendenz steigend. Auch in Deutschland gingen schon 2003 statistisch rund 500 000 Erwerbstätigkeitsjahre verloren, weil übergewichtige Menschen invalide oder arbeitsunfähig wurden oder weil sie frühzeitig verstarben. Mindestens 10% der gesamten Gesundheitskosten werden durch die Folgekrankheiten von Übergewicht verursacht.

Die meisten Probleme entstehen durch auffällig starkes Übergewicht. 2009 waren das in Deutschland 13,4% der Bevölkerung (zehn Jahre zuvor lediglich 10,7%). Es handelt sich dabei um eine Krankheit, die eigentlich mehr ein Resultat der Niedergangsgesellschaft ist als ein individuelles Problem und von Fachleuten Adipositas genannt wird. Damit meinen sie ausdrücklich keine Sportschuhmarke. Und hier sind wir schon mitten in der Problembeschreibung, denn wenn solche Tarnwörter entwickelt werden müssen, um Fettleibigkeit nicht mehr Fettleibigkeit zu nennen, ist man in einer Gesellschaft angekommen, die sich solchen Phänomenen gar nicht mehr stellen will.

Hierzulande wird immer behauptet, die Amerikaner wären so häufig dick, weil sie zu viele Hamburger äßen. Was für ein Unsinn – sie sind so dick, weil sie alleine Portionen verdrücken, von denen in Deutschland eine komplette Kleinfamilie satt würde. Noch jedenfalls, denn wir holen auf im ungesunden Essverhalten. Warum aber essen die Amis soviel (und trinken hemmungslos Zuckerbrausen)? Unter anderem deshalb, weil die politisch korrekte Virtualität in dieser Gesellschaft schon lange so etabliert ist, dass niemand es wagen würde, einem Dicken zu sagen, dass er dick ist. Im Gegenteil man lobt eher seine schicke Jacke oder sein faltenloses Gesicht.

Wenn die Gesellschaft keinen Druck gegen Fehlverhalten aufbaut, baut sich eben das Fehlverhalten auf. Actio und reactio. Das geht schon bei der Kindererziehung los, wenn man den „kleinen Persönlichkeiten“ freistelllt, sich von Pommes und Ketchup zu ernähren („weil, sonst isst er ja nichts“) oder sich mit Süßigkeiten Folgsamkeit erkauft, statt sie einzufordern.

Doch noch mal zurück zu den Fakten. Nach einer Gesundheitsstudie ist der Anteil der krankhaft Fettleibigen, vor allem unter den jungen Erwachsenen, seit 1998 „besorgniserregend“ gestiegen, adipös mit einem Body-Mass-Index von über 30 ist demnach mehr als jeder fünfte Deutsche. Das hat Folgen, am häufigsten in Form von Diabetes, Herz-Kreislaufkrankheiten oder Gelenkschäden. Gerne wird aber auch vergessen, was das Übergewicht alltäglich mit sich bringt: Verlust des Selbstwertgefühls, Schmerz, Depressionen oder ganz allgemein der Verlust an Lebensqualität.

Der Professor für Bioethik an der Princeton-University Peter Singer hat aber auch vorgerechnet, dass wir alle mitleiden: Ein Schlanker muss beispielsweise für leichtes Übergewicht seines Gepäcks am Flugschalter teuer bezahlen, der physisch Übergewichtige fliegt zum Normalpreis. Das, so rechnet der „Bioethiker“ weiter, kostet die Fluggesellschaft bei einem Airbus A380 im Jahr eine Million Dollar mehr für Treibstoff– bzw. wird auf alle Passagiere umgelegt. Stattdessen solle besser jeder für die Kosten aufkommen, die er verursache.

Und Singer kommt auch jenseits des Fliegens weiter in Fahrt. Wenn die Menschen größer und schwerer werden, passten weniger in einen Bus oder einen Zug, was die Kosten für den öffentlichen Transport in die Höhe treibe. Krankenhäuser müssten stärkere Betten und OP-Tische bestellen, extra große Toiletten bauen und sogar extra große Kühlfächer in ihren Leichenhallen installieren.

Der Wissenschaftler fordert deshalb eine Politik, die einer Gewichtszunahme entgegenwirkt. Er hält eine Besteuerung von Lebensmitteln, die überdurchschnittlich Fettleibigkeit erzeugen, für erforderlich. Doch damit doktert der Professor nur an den Symptomen herum. Als Wissenschaftler glaubt er, alles ließe sich mit Elektronenmikroskop und Atomuhr messen, dabei können die Gründe von Fettleibigkeit vielgestaltig sein. Fordert er bald auch vom Epileptiker und Rollstuhlfahrer Kostenneutralität? Wo sind die Grenzen solcher Rechenkunststücke?

Vor zwei Jahren forderte der CDU-Nachwuchs-Bundestagsabgeordnete Wanderwitz, der auch schon griechische Inseln zur Staatssanierung verkaufen lassen wollte und Steuern für Kinderlose forderte, höhere Gesundheitsbeiträge für Dicke. Das war zum Glück bisher nicht mehrheitsfähig. Stattdessen schlägt Konrad Kustos vor, der lustige Sachse möge für die Kosten aufkommen, die er mit seinen drei Kindern der Gemeinschaft auferlegt – grobgerechnet eine knappe Million Euro.

Unions-Kollege Singhammer ließ sich Beitragsminderungen in der Krankenversicherung einfallen für Dicke, die erfolgreich eine Diät machen. Muss ich mich dann also erst dickfressen, um hinterher Rabatte zu kriegen? Auch die Vorbeugung von Übergewicht soll finanziell belohnt werden. Wie soll dass denn gehen, mit eidesstattlichen Erklärungen? Vorher müssen wir überhaupt erstmal nachrechnen, ob Dicke nicht sogar eher sterben und damit die Rentenkasse entlasten. Dann müssten sie wohl zu Lebzeiten noch was rausbekommen.

Sehr richtig antwortete der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem auf solche Patentrezepte von Niedergangspolitikern, dass höhere Beiträge für Fresslustige nicht funktionieren könnten, solange man nicht auch eine Gesundheitspolizei einführen wolle. Aber man könnte sehr wohl gesundheitsschädliche Konsumgüter höher besteuern (Alkohol, Schokolade, Drachenflieger). Das wiederum ist natürlich (bis auf den Drachenflieger) Quatsch, denn man kann sehr gut auch über zuviel Brot, Margarine und alle anderen gängigen Lebensmittel dick werden. Aber da einen Druck aufzubauen kann vielleicht nicht schaden.

Das Problem ist nur, dass die Gründe fürs Dickwerden gar nicht wirklich bekannt sind. Gerade erschien eine Studie, die behauptet, maßvolles Schokoladeessen mache schlank. Müsste man jetzt eine Schoko-Steuer wieder abschaffen? Wer entscheidet und wer legt die Kriterien fest? Darf man eigentlich die individuelle Entscheidungsfreiheit bei Lebensgrundfunktionen wie Essen und Trinken durch staatliche Regeln einschränken, wenn das Individuum sich oder andere damit schädigt? Darf man diese in einem freiheitlichen Land überhaupt einschränken, selbst wenn es, woher auch immer, sichere Erkenntnisse zu einem Fehlverhalten gäbe? Muss gar, wie in unserer Rechtsprechung sonst auch üblich, sogar die Schuldfrage geklärt werden, also ob die Gewichtszunahme genetisch-krankhaft bedingt oder durch unmoralischen Lebenswandel verursacht ist?

Der Staat hält sich mit solchen Regelungen besser zurück, aber die Gesellschaft ist gefordert. Sie muss einen Lebensstil ächten, bei dem Schulkinder Geld statt Pausenbrote bekommen, bei dem die Freizeitorientierung Jugendlicher auf Computer, TV, Abhängen und bestenfalls Shoppen reduziert wird, bei dem Zuckerbrausen als cool beworben werden.

Die Gewichtsstatistiken beschreiben nur die Spitze des Fettbergs: Nach einer Analyse der Sporthochschule Köln sind schon 800 000 Kinder in Deutschland fettleibig. Die 18- bis 29-Jährigen sitzen täglich 360 Minuten auf dem Stuhl – ein Spitzenwert unter allen Altersgruppen (über 65-Jährige = 240 Minuten). Dies zeigt, dass wir über einen Systemfehler zu reden haben und nicht über individuelles Versagen. Inzwischen werden schließlich auch die Chinesen durch die Verwestlichung dick und krank.

Der Mensch kommt weder mit dem (gesellschaftlichen) Wohlstand noch mit der (individuellen) Armut klar. Nicht umsonst ist Fettleibigkeit ein Unterschichtphänomen (wobei, dieser Dyslogismus sei vermieden, natürlich nicht jeder, der dick ist, zur Unterschicht gehört und umgekehrt). Obwohl die Abhängigkeit von der Gesellschaftsschicht unstrittig ist, wird in den Debatten zum Thema darüber nachhaltig geschwiegen. Wörter wie „Unterschicht“ nimmt man in PoCo-Diskursen eben nicht gerne in den Mund. Es klingt doch viel besser, wenn die Cola oder der Hamburger schuld am Dilemma ist.

Die Realität ist aber noch paradoxer (falls sich ein Paradox steigern lässt?). In den armen Ländern ist die Fettleibigkeit seltener als in den entwickelten Ländern und hat auch eine geringere Dynamik, obwohl in den reichen Ländern gerade die Armen betroffen sind. So hat das Dicksein eine politische Dimension, entsteht aus der Spannung von Möglichem und Unmöglichen. Verkürzt gesagt: Weil manche Menschen mit dem Luxus vor der Nase, den sie sich nicht leisten können, überfordert sind, fressen sie sich einen Kummerspeck an.

Und damit ist es eben auch ein Niedergangsphänomen, das aus der Diskrepanz von evolutionärer Prägung und neuzeitlicher Entwurzelung entsteht. Es wird zuviel gegessen, weil die Evolution im Grundsatz nur Mangelsituationen kennt. Wenn dann doch mal ausreichend Nahrung verfügbar ist, so lehrt sie uns, müssen wir uns den Bauch zur Vorratsbeschaffung vollschlagen. Das ist nichts anderes als ein Überlebensmechanismus.

Die moderne Überflussgesellschaft dagegen kennt als Korrektiv die soziale Prägung, um diesen evolutionären Reflex einzuschränken. Diese Prägung, die auf Tradition, gesellschaftlichen Druck und Erziehung aufbaut, ist aber in Auflösung begriffen. Wenn soziale Prägungen nicht mehr funktionieren, etwa durch einen Vertrauensverlust in die prägenden Institutionen oder durch psychische Überlastung, oder wenn neue prägende Mechanismen wie ein Primat der Lusterfüllung und die Akzeptanz des Kontrollverlustes entstehen, wird eben wieder dem Gesetz der Evolution gefolgt und gefressen, bis für einen oder für alle eben noch das dicke Ende kommt.

Kommentare:

  1. Eh nee, das meinen Sie doch nicht ernstlich. Wer heutzutage schon als dick eingestuft wird, war vor mehreren Jahren noch vollschlank. Man schaue sich die Models z.B. der 50er Jahre an. Normale Frauen waren das damals noch. Naturvölker, die keine Beziehungen zur "wirklichen" Welt haben, sind, solange sie nicht in einer Hungerregion wohnen, vollschlank (damals gab es den Begriff eben noch). Unser Vorbild sind die Menschen der Sahelzone. GesundheitsÖKONOMEN - schon der Begriff - wollen Geld machen. Die ganze Pharma- und Nahrungsmittelindustrie ebenso. Da wird einem eingeredet, man muss so und so aussehen, sonst würde das alles mit den Abnehmmittelchen kaufen, den Diäten nicht funktionieren. Der BMI ist eine Erfindung der amerikanischen Versicherungsindustrie und nachweislich für Frauen zu tief angesetzt. Da wird einen eingeredet, dass man nur noch so und so viele Kalorien zu sich nehmen sollte, obwohl Molke z.B. Kalorien gegen Null hat und für die Tiermast eingesetzt wird. Solche Widersprüche gibt es noch und nöcher. Das Thema Fett ist auch so eines. Ohne Fett, kein gesunder Körper. Immer ist es das Mittelmaß, auch wenn man dann keine normierte Figur hat. Wir sollten alle zwangloser mit unserem Körper umgehen und uns in ihm wohlfühlen. Ich glaube auch, dass die vielen Zusatzstoffe in der Nahrung für manche Menschen, deren Stoffwechsel anders läuft, Gift ist. Keine Wurst ohne Zucker und nicht mal nur so Zucker, sondern deren minderwertigen Abkömmlinge, die nur dick machen, kaum ein Lebensmittel ohne Maltodextrose, immer und überall, auch wo man es nicht vermuten würde. Manches Mal weiß ich nicht mehr, zu welchen Nahrungsmitteln ich greifen soll. Als an den Menschen immer nur herumzuerziehen, sollte man endlich versuchen, herauszubekommen, warum einige Menschen essen können, was und wieviel sie wollen und NICHT dick werden. Übrigens, ich gehöre auch schon zur Apositas, obwohl früher das vollschlank genannt wurde, bin körperlich gesund und habe nur die "Leiden", die ich schon als junges Mädchen, sehr schlank, hatte.

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  2. Nur gemach, da passt was nicht zusammen. Na klar gibt es den Schlankheitswahn, so wie diese Gesellschaft immer mehr Gegensätze produziert. Aber das Fettleibigkeitsproblem bleibt trotzdem offensichtlich und lässt sich mit der gegenteiligen Partialbeobachtung nicht weghexen. Gerade hier in Amerika, wo ich gerade bin, sieht man diese Tendenz (inklusive der Gegegnsätze), dass einem angst und bange werden kann. Wie ich durchaus geschrieben habe, handelt es sich um ein schichtenspezifisches Problem; die wohlhabenden, gebildeten Leute, besonders Frauen folgen tatsächlich oft dem Schlankheitswahn, nur sind leider oder zum Glück die wenigsten schlank und gebildet. Gerade weil die Niedergangsgesellschaft die Massen verdummt, gibt es das dicke Problem. Auch hat "vollschlank" nichts mit Apositas zu tun - auch wenn wir den BMI nach oben korrigieren müssten. Und wenn man jetzt noch keine Probleme hat, wenn man jenseits des real Vollschlanken ist, heißt das nicht, dass man die nicht noch bekommen kann. Der Körper hält eine Weile allerhand aus... Über die Verstrickungen der Gesundheits"ökonomen" in die Sache wird an dieser Stelle demnächst noch einiges erscheinen.

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