Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 10. November 2012

Essen ist menschlich

Die Formel für gesunde Ernährung.
Je länger die Menschen leben, je sicherer dieser Leben wird, desto hysterischer wird ihre Angst, diese Qualität aufs Spiel zu setzen. Dafür nehmen Autofahrer dann Tempo-30-Zonen-Terror in Kauf, Eltern bringen die Kinder fast bis zum Abitur in die Schule und jede Erdbebenwarnung in Peru lässt hier den Adrenalinpegel in die Höhe schnellen. Die Besserwisser, die stattdessen lieber S-Bahn surfen oder Free-climben sind kein Gegenbeweis, sondern nur eine Bestätigung des Phänomens in seiner exzessiven Umkehrung. Und natürlich ist das Essen - als wohl unsere wichtigste Verhaltensweise - in den Focus dieser (Über-)Lebensparanoia gerückt. Wenn dabei alles so wäre, wie es scheint, dann wäre das Essen inzwischen ja geradezu lebensgefährlich.
Die Dynamik ist verblüffend. Fast 80% halten neuerdings laut einer Studie Übergewicht für ein großes gesellschaftliches Problem; vor zwei Jahren waren es nur 65 Prozent. Dabei hat das Übergewicht in diesem Zeitraum kaum zugenommen, nur die Wahrnehmung der Ernährung ändert sich rasant. Das Problem dabei ist, dass zwar alle über gesunde Ernährung reden, aber keiner wirklich weiß, was wirklich für ihn (und erst recht nicht für andere) gut ist. Wenn die oben schon Zitierten zu 75% eine Lebensmittelampel befürworten, bei der mit grünen und roten Markierungen angeblich gute von angeblich schlechten Lebensmitteln unterschieden werden sollen, gruselt es Konrad Kustos schon ganz erheblich.

Schließlich wurde uns jahrelang erzählt, dass ein Glas Rotwein am Tag allen möglichen Krankheiten vorbeuge und das Leben verlängere, und schwups, lesen wir in der neuesten Studie, dass das nur bei Fadenwürmern so sei, aber schon bei Fruchtfliegen nicht mehr funktioniere. Ein ebenso relativierender Klassiker ist die einst in irgendeinem Lehrbuch verrutschte Kommastelle beim Eisengehalt von Spinat, der daraufhin von denen, die schon zum alten Eisen zählten, Generationen von jungem Gemüse hineingezwängt wurde.

Die Irritation ist so groß, weil diverse Profiteure des Gesundheitswahns ungeniert mit ihrem Halbwissen hausieren gehen. Bei der Osteoporose empfehlen die einen Milch und Käse wegen des Kalziums, die anderen warnen davor wegen der dadurch erzeugten knochenraubenden Übersäuerung. Der Ernährungspsychologe Thomas Ellrott hat 300 Studien zum Dickwerden studiert und musste feststellen: „Es gibt viele Vermutungen, aber keine Beweise.“ Der Ernährungsnotstand ist in Wirklichkeit ein Erklärungsnotstand.

Dennoch ist sich der Gesundheitsapparat einig, dass eine falsche Ernährung diverse Krankheiten begünstigt. Arteriosklerose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Darmerkrankungen, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Gallensteine, Gicht, Hämorrhoiden, Verstopfungen, Osteoporose und Sprue, um nur einige zu nennen. Im Grunde wird vieles davon schon stimmen, aber in den Betrachtungen wird der Einzelfall ausgeklammert. Das geht schon da los, wo die Aufzählung aufhört: Die Sprue entsteht aus einem Gendefekt, für andere ist der Brotkonsum nicht nur harmlos, sondern wichtig.

Solches Relativieren gilt auch für die wichtigsten, immer wieder genannten potentiellen Krankmacher unter den Lebensmitteln, also Alkohol, Fett, Salz und Zucker. Wer auf Salz verzichtet, soll sich nicht wundern, wenn ihn Krämpfe plagen. Zucker kann uns einen notwendigen Energieschub verschaffen. Fett ist nicht nur ein elementarer Ernährungsbaustein, sondern als eine von nur sechs Geschmacksrichtung auch für das mentale Wohlbefinden erforderlich. Und selbst der Alkohol hat bekanntlich zwei Seiten. Wer mit dem Suchtgen ausgestattet ist, sollte eher die Finger von ihm lassen als der gerne mal beschwipste Lebemensch.

Wenn aus den USA verlautet, dass 20% aller Krebserkrankungen auf Übergewicht und Fettsucht zurückzuführen seien, hilft uns das für die eigene Lebensentscheidung nicht wirklich weiter, denn die Statistik kann nicht andere Risikofaktoren wie Rauchen, Blutdruck, Blutzucker aufschlüsseln und sie berücksichtigt auch nicht den Fitnesszustand, die genetische Disposition und schon gar nicht den privaten und sozialen Hintergrund.

Die Angst vor Krankheiten geht schon so weit, dass die Lebensmittel nicht als indirekte, sondern als direkte Krankheitsquelle, also als Krankheitsüberträger angesehen werden. Essen und Ängstigen – das klingt nicht gesund. Berührungsängste mit unserem täglich Brötchen gibt es schon im Supermarkt, wo wir sie jetzt mit der Zange aus der Kiste klauben sollen. Oder die Bäckersfrau fasst das Brot mit (umwelt- und hautunfreundlichen) Wegwerfhandschuhen an, die schon den ganzen Tag das Geld in die Kasse gezählt haben. Dabei werden Lebensmittel nun mal ziemlich unhygienisch, nämlich von Menschen und oft aus Tieren hergestellt, besonders die ökologisch korrekten unter ihnen. Können wir denn dadurch plötzlich alle Pest und Cholera bekommen, oder sind die Leute früher dadurch reihenweise krank geworden?

Kommen nicht eher die vielen neuen Allergien von der durch ein Übermaß an Hygiene erzielten Schwächung des Immunsystems? Bald können die Gesundheitsbewussten – und wer ist das nicht – nicht mehr Bahn fahren oder zur Arbeit gehen angesichts der bedrohlichen Keime überall. Küssen geht so schon gar nicht mehr, höchstens mit Kondom. Gäbe es doch nur eine Schutzimpfung gegen alle eingebildeten Krankheiten.

Gibt es aber nicht, weshalb die einen auf den Ernährungsnotstand mehr oder weniger mit weniger oder mit mehr reagieren: mit Diäten oder Nahrungsergänzungsmitteln. Letzterem Thema wird sich demnächst ein weiterer Post widmen, fest steht schon jetzt, dass das Handeln der hysterischen Heilsuchenden von Profiteuren ausgenutzt und befördert wird. Gesundheitsblätter und -webpages, Pharma- und Pseudopharma-Anbieter, Physiotherapeuten, Ärzte, Apotheken und Esoteriker aller Couleur verdienen an der Angst genauso wie die rasant boomenden Bio-Lebensmittel (-Ketten) und andere Bio-Produktanbieter, beispielsweise jener Öko-Lacke, die nach einem halben Jahr wieder von der Wand fallen.

Da wird dann auch eine Margarine schon mal als cholesterinsenkendes „funktionales Lebensmittel“ beworben, aber verschwiegen, dass die Pflanzensterine, die den Effekt bewirken, selber Arterien verstopfen (was dann aber nicht mehr messbar ist). Nur am Rande bemerkt, scheint sich dieses ganze Cholesterin-Geschrei sowieso als Fake oder zumindest als unnötige Angstmacherei zu entpuppen, was hier natürlich auch ins Bild passt.

All das gehört in einer Marktwirtschaft und in einer komplexen Gesellschaft vielleicht noch zum üblichen Irren und Wirren. Problematisch wird es, wenn staatliche und andere Institutionen anfangen, darüber nachzudenken, den Bürger zu seinem Glück zu zwingen. Glück ist nämlich nicht nur von der Gesundheit und schon gar nicht nur von der Ernährung abhängig. In Dänemark wurde dennoch eine Fettsteuer eingeführt. In der Schweiz ist nur knapp ein „Präventionsgesetz“ gescheitert. Als nächstes wird dann die Beschneidung eingeführt und Fluor dem Trinkwasser beigesetzt, bis eine neue Studie nachweist, dass den Leuten davon langfristig die Zähne ausfallen.

Rotwein, Kaffee, Vitamine – die Studien mit konträren Aussagen überschlagen sich geradezu. Wüsste man wirklich, was gut für den Einzelnen ist, was er isst, wäre der moralische Spielraum solcher Eingriffe vielleicht nicht ganz so eng. So aber ist ein staatlicher oder institutioneller Eingriff eine potentielle Körperverletzung im Namen der guten Sache. Die Schriftstellerin Juli Zeh hat 2009 dazu in Romanform eine Schreckensvision namens „Corpus Delicti“ entworfen, in der der totale Gesundheitsbegriff zur Grundlage einer totalitären Gesellschaft wird. Eine junge Biologin steht vor Gericht. Sie hat ihren Schlafbericht und ihren Ernährungsbericht nicht eingereicht, ihre häusliche Blutdruckmessung und die Urintests nicht durchgeführt und viel zu lange den Heimtrainer gemieden. Und geraucht hat sie auch noch.

Die naturnotwendigen und eigentlich bekannten Messfehler sind an allen Ecken und Enden offensichtlich. Ein muskulöser Sportler gilt nach geltenden Gesundheitsstandards als übergewichtig oder sogar als fettsüchtig, ein untrainierter Kettenraucher geht als normalgewichtig durch. Statistische Erhebungen zeigen, dass Menschen mit leichtem Übergewicht die höchste Lebenserwartung haben. Und wie man ausgerechnet haben will, dass weltweit genau 4% aller Todesfälle auf Alkohol zurückzuführen seien, möge man mir mal seriös erklären.

Die Offiziellen sollen ruhig versuchen, die Leute mit Informationen über den gegenwärtigen Stand des Gesundheitswissens auf den rechten Weg zu bringen. Statistisch gesehen wird man da nicht viel falsch machen können. Selbst die britischen Pläne, einen Mindestpreis für alkoholische Getränke einzuführen, könnten sinnvoll sein, wenngleich andere Länder bei niedrigeren Alkoholpreisen geringere Probleme mit der Droge haben (Spanien, Frankreich). Doch die Tendenz ist gefährlich: Erst kommt die Ampel, dann kommen die Anreize und dann kommt die Anweisung.

Der Verlust von Freiheit kann schmerzhafter sein als der Verlust des Idealgewichts. Dabei ist der Zusammenhang von Zwang und Heilsamkeit noch nicht einmal nachweisbar. Wenn Salz so schädlich ist, warum haben dann Menschen mit geringem Salzkonsum eine erhöhtes Risiko für Herzleiden? Und das mit der gesunden Schokolade hatten wir schon vergangene Woche behandelt. „Bei Ernährung oder Bewegung weiß eigentlich niemand, ob das, was da empfohlen wird, mehr nützt als schadet“, fasst der oberste deutsche Arzneimittelprüfer Jürgen Windeler die Faktenlage zusammen. Deshalb gebe es auch kaum eine Grundlage, „diktaturähnliche, sanktionierte Empfehlungen abzugeben“.

Mit der Kausalität ist das eben so eine Sache. Ich vermute mal, dass nicht nur Alkoholiker zu gescheiterten Existenzen werden könne, sondern dass auch gescheiterte Existenzen in ihrer Not dem Alkohol zusprechen. Nimmt man denen ihr „Beruhigungsmittel“ könnte die Situation auch eskalieren. In Deutschland jedenfalls ist der Alkoholkonsum pro Kopf seit Jahrzehnten rückläufig - auch ohne Zwangsregelungen -, manchmal ist die Zeit eben reif dafür. Auch das Rauchen hätte sich nicht so leicht tabuisieren lassen, wäre seine Akzeptanz nicht sowieso schon im Sinken gewesen.

Das einzige, was man sicher weiß, ist, dass wir nicht optimal essen, weil einerseits die Zivilisation uns von den natürlichen Nahrungsquellen entfernt hat und weil sie uns andererseits neuen Versuchungen und Zwängen unterwirft. Wir kompensieren unsere Überforderung in einer zu schnellen und nur scheinbar beherrschbaren Welt mit den Mitteln früherer Evolutionsstadien, z.B. mit allen zugänglichen oralen Befriedigungen. Das ist aber keine Alternative zum Problem, nicht mal eine Funktionale Alternative (siehe: Konrad Kustos "Chaos mit System"), sondern ein niedergangsrelevanter Offenbarungseid.

Der Fanatismus mit dem um ein Phantombild von Gesundheit gerungen wird, lässt sich ebenso nur mit dem Niedergang erklären. Früher vertrauten die Menschen auf Gottes Fügung, und nun sind sie Dank der Aufklärung mit dem ganzen Elend der Welt nicht nur alleingelassen, sondern auch noch für alles selbst verantwortlich. Das überfordert den Einzelnen ebenso wie das Kollektiv. In der heutigen Hybris hinsichtlich seiner realen Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, ignoriert der Mensch das Gewicht der Natur und deren Einfluss über Gene, Zufälle und Schicksalsschläge.

Also braucht er eine Ersatzreligion oder besser gleich zwei: das Primat des Individuums, das trotz seiner Glorie scheinbar zu sinnvollen Entscheidungen gezwungen wird, und die Wissenschaft, deren neue Priester die Experten sind, auf die sich scheinbar verlassen muss, wer dem Schicksal trotzen will. Alternativ füllen diese Rolle auch die Esoteriker und andere Wundergläubige aus, die schon an irgendetwas glauben, bevor sie wenigstens den Versuch gemacht zu haben, die Realität zu begreifen.

Kann man da noch was dran drehen? Frau Zeh hätte da einen Vorschlag: „Das ändert sich an dem Tag, an dem es uns richtig schlecht geht. Wenn Panzer rollen und Bomben fallen, wenn etwas ganz Grauenvolles passiert, wir wieder hungern, frieren, nicht wissen, wo unser Haus ist, und wenn wir uns um unsere Liebsten sorgen, dann hört das sofort auf – es ist nämlich ein absolutes Dekadenzphänomen.“

1 Kommentar:

  1. Bravo genauso ist es. Und, wie sagte man früher: Die Kinder, die sich immer und überall dreckig machen, sind die Gesündesten. Ich habe früher wilden Rhabarber gegessen mit Kohlenstaub "verseucht". Hat uns nichts ausgemacht, uns Kindern. Wichtig wäre in meinen Augen, dass man selbst kocht und nicht irgendwie die Tüte in Anspruch nimmt oder irgendwelchen Industriefraß. Dort kann man bestimmen (in Maßen), was auf den Teller kommt und kochen macht Spaß und raubt wirklich keine Zeit, wenn man alles richtig organisiert.Ich höre z.B. nicht auf sogenannte Studien. Die wollen einen nur irgendetwas verkaufen, nicht mehr und nicht weniger.

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