Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 15. Dezember 2012

Remember 20th November

In der Zeitung stand: „Ein 19-Jähriger hat in Berlin seiner Mutter aus ‚Hassliebe' die Kehle mit einem Küchenmesser durchgeschnitten.“ ‚Was?’, werdet Ihr fragen, ‚will Konrad Kustos jetzt mit solchen Themen Quote machen?’. Der Gedanke liegt nahe, nachdem in den vergangenen Wochen komplexe Texte über die Rolle der Frau in der Niedergangsgesellschaft nur eine mäßige Einschaltquote für diesen Blog brachten. Doch in Wirklichkeit geht es diesmal um ein Puzzle aus Schlagzeilen, die in einer einzigen Ausgabe der Berliner Morgenpost standen, nämlich der vom 20. November. Sie zeigen, dass unerfreuliche Vorfälle, die es immer schon gab, nun zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit werden. Sie zeigen nicht im einzelnen, aber in ihrer Gesamtheit, dass wir nicht nur auf dem Weg in den Abgrund sind, sondern schon ein gutes Stück weiter.

Kommen wir zurück zu jenem jungen Mann, der seine Mutter nachhaltig von der Alkoholsucht befreite. Er hat es wirklich schwer gehabt und seine Sozialisation im Trinkermilieu, in Obdachlosenquartieren und im Kinderheim erworben. Dabei gab es eine psychische Instabilität und Gewaltphantasien gleich umsonst dazu. Gerade war er volljährig und in seine eigene Wohnung gezogen, da packte ihn die Schwermut und er ein Küchenmesser ein, um seine Mutter zu bewegen, ihr ruchloses Leben zu ändern. Er fuhr in ihre Wohnung und schnitt der Uneinsichtigen, vermutlich von hinten, die Kehle beim Fernsehen durch. Das gerade laufende Programm ist nicht überliefert, dürfte sich aber irgendwo zwischen Shopping-Kanal und RTL bewegt haben. Das Gericht, dem der Vorfall sechseinhalb Jahre Jugendstrafe wert war, befand, das Jugendamt habe völlig versagt, denn einer muss ja schuld sein. Man fragt sich, was wohl ein toughes Jugendamt bewirkt hätte, vermutlich wäre aus dem Killer von Hohenschönhausen ein neuer Messias geworden.

Häufig geht es Müttern an den Kragen oder jedenfalls ans Leben, könnte man nun angesichts des Falls der Braunlager Küsterin mutmaßen, die trotz gottesfürchtigen Lebens und mit zehn Kindern übererfüllter Gebärpflicht weder weltliche noch göttliche Unterstützung fand, als ihr ihr eigens aus Griechenland angereister Ehemann die finale Empfängnisverhütung besorgte. Wenn sich die Dame so aufopfernd um ihre Kinder gekümmert hat, wie es die Nachbarn berichten, ist es natürlich doppeltes Pech, dass anscheinend einer ihrer Söhne dem Vater bei der Tat assistierte. Die wiederum hat möglicherweise in der Kirche stattgefunden, was auch eine schnell angesetzte Messe nicht aus der Welt schaffen konnte.

Im nächsten Fall kam sogar der Tod zu spät: In Schweden musste eine Frau ihren Liebhaber verlassen und vor Gericht erscheinen, weil es sich bei letzterem um ein Skelett handelte. Die 37-jährige erwerbslose Frau hatte in einem Internetforum zuvor ihr Recht betont, mit einem Skelett zusammenzuleben, das sie auf dem Boden ihres Apartments rekonstruiert habe. „Ich begehre einen Mann, so wie er ist, ob tot oder lebendig", fuhr sie fort. Eine psychiatrische Voruntersuchung behauptete, dass die Frau zurechnungsfähig sei. Im Fall einer Verurteilung drohen ihr zwei Jahre Haft wegen „diverser sexueller Aktivitäten". Pikant an der Geschichte ist, dass die Multisexfähige auch noch einen lebendigen Freund haben soll. Man kann sich die vorangegangenen Eifersuchtsszenen kaum vorstellen…

Ein ganz anderes Kaliber, aber ebenso ein Beispiel flächiger psychischer und moralischer Verkümmerung ist das Traumtor, das Luiz Adriano von Schachtjor Donezk an diesem denkwürdigen 20. November in der Fußball-Champions-League erzielte. Nach einer Spielunterbrechung hatte einer seiner Mannschaftskollegen einen in solchen Fällen üblichen Fair-Play-Rückpass auf den gegnerischen Torwart gespielt. Der erfolgshungrige Adriano erlief diesen Pass, umkurvte den verdutzten Torhüter und schoss unter den fassungslosen Augen aller anderen Akteure ein. Energisch ignorierte er auch die Anweisungen seines Trainers ans Team, nun dem Gegner ein Tor zu schenken. Doch hat Adriano vielleicht seinem Vorgesetzten nur in die Seele geblickt und ihn als Schauspieler erkannt? Denn wenn dieser wirklich ausgleichende Gerechtigkeit gewollt hätte, hätte er als erstes das Arschloch sofort auswechseln müssen.

Bis jetzt habe ich - wohl aus Hilflosigkeit – versucht, das Entsetzliche von der heiteren Seite zu beschreiben. Das muss spätestens scheitern, wenn eine 21-jährige russische Touristin in einer Gartenlaube vergewaltigt wird, und die beiden Täter sie anschließend verletzt und hilflos zurücklassen. Die Tat ereignete sich im Mai, im November stellten sich die beiden jungen Männer der Polizei, weil sie inzwischen, also sechs Monate später, mit Aufnahmen einer U-Bahn-Überwachungskamera im Internet gesucht wurden. Die Kamera hatte gezeigt, wie die beiden sich nach der Tat gut gelaunt voneinander verabschiedeten. Trotz inzwischen ergangenem Haftbefehl wurden sie danach von der Untersuchungshaft verschont.

Verbrechen gab es schon immer, auch brutale. Fassungslos macht, wie locker und beinahe selbstverständlich sich viele, meist junge Menschen herausnehmen, moralische Grundregeln zu übertreten und andere, meist unschuldige Menschen zum Opfer ihrer Gewaltlust zu machen, sie zu traumatisieren oder zu töten. Den schlimmsten Fall habe ich mir für das Ende dieses Horrorkabinetts eines mehr oder weniger zufällig gewählten Tages aufgehoben.

Der 22-jährige Patrick war mit rund zehn Kumpels, darunter Deutsche, Osteuropäer und ein paar Araber, in einer kühlen Märznacht aufgebrochen, um Streit zu suchen, was, wie man weiß, inzwischen häufig passiert. Als die Gruppe am S-Bahnhof Warschauer Straße fündig wird, sticht Patrick ohne Warnung mit einem Messer auf einen 24-Jährigen ein, verletzt ihn lebensgefährlich und flüchtet mit seinen Begleitern. So weit, so schlecht, unfassbar allerdings, dass der Gewalttäter danach nicht wimmernd zu seiner Mutter rennt, weil er erfühlt, wenn schon nicht erfasst, was er soeben getan hat.

Nur wenige Straßen weiter wiederholt sich das Spiel mit dem Entsetzen. Während die Ärzte noch um das Leben des ersten Opfers ringen, provozieren die inzwischen nur noch zu dritt auftretenden Freaks andere Passanten, wobei Patrick zwei weitere Menschen niedersticht und einen davon lebensgefährlich verletzt. Vor Gericht wirkt Patrick (geboren in Clausthal-Zellerfeld, kein erlernter Beruf, derzeit kein Job) schüchtern, schreibt die Zeitung, wir erfahren nichts über eine schwere Kindheit; das wird bei Bedarf, spätestens bei der Urteilsverkündung wohl noch folgen.

Ein Mörder wird Patrick dann vermutlich nicht sein, denn das erste Opfer hatte großes Glück. Ein Sicherheitsmitarbeiter der Bahn, so wird erzählt, fand das in einer Blutlache liegende erste Opfer „zufällig“ im Menschengewühl. Wenn man das glaubt, hat es also weder eine Panik noch Hilferufe der Umstehenden gegeben. Ein dickes Fell scheinen nicht nur die Gewalttäter zu haben. Ein Notarzt rettete dann das Leben des fast Erstochenen. Ein Mörder nach juristischer Diktion wäre Patrick aber auch sonst nicht geworden, denn die Staatsanwaltschaft wirft ihm lediglich versuchten Totschlag vor. „Niedere Motive“ haben also für den Staat nicht vorgelegen.

Wenn nicht nur die zahlreichen Opfer hilflos am Boden liegen, sondern auch die Moral, was kann dann noch getan werden? Die Strukturen sorgen für die Enthemmung und die Verrohung und die Strukturen sind in der Hauptsache kein Ergebnis böser Machenschaften, sondern eine naturgesetzliche Entwicklung, wie man im Buch „Chaos mit System" nachlesen kann. Was bleibt, ist der tapfere Verteidigungskampf der Ordnung gegen das Chaos, und die erste Verteidigungslinie ist der Schutz potentieller Opfer.

Nicht nur der Fall der Prügelszenen auf dem Bahnhof Friedrichstraße im April, die dank der Überwachungskameras deutschlandweit für Aufsehen sorgten und bei dem das Drohpotential dieser Überwachung dazu führte, dass die Täter sich stellten, hat gezeigt, dass eine angemessene Kontrolle abschreckt und Täter überführen kann. Schutz und Gerechtigkeit sollten ausreichende Argumente für einen Ausbau dieses Kontrollsystems sein. Moment mal: Ausgerechnet Konrad Kustos, der sonst keine Gelegenheit auslässt, für die Freiheit zu polemisieren, fordert plötzlich eine Überwachung – wie geht das denn?

Schon richtig, freie Beweglichkeit ohne Kontrolle ist im Prinzip ein hohes Gut, dass auch drastischen Einzelfällen nicht automatisch geopfert werden sollte. Aber was wird hier denn „geopfert“? Sollen die mich doch filmen, ich habe auf öffentlichen Bahnhöfen und Plätzen nichts zu verbergen. Meine Bankdaten sind transparent, meine Medizindaten sind transparent, meine Wohndaten sind transparent, was soll es mich da stören, beim von rechts nach links Gehen gefilmt zu werden, solange ich nicht vorhabe, fremde Leute aufs Gleisbett zu schubsen.

Und der Staat wird auch nicht die Kavallerie losschicken, wenn da einer mal einen Joint raucht. Problematisch würde es erst, wenn die Daten entweder kommerziell ausgewertet würden oder wenn ein Unterdrückungsstaat das Netz übernähme, um die Regimetreue seiner Bürger zu überwachen. Gegen die erste Befürchtung kann man aber gesetzliche Mittel finden und die letztere ist derzeit kein Thema, weil die Unterdrückung im Niedergang ganz anders, nämlich über die Köpfe der Unterdrückten direkt funktioniert und gar keine Überwachung braucht. Sollte sich daraus dennoch einst ein echter totalitärer Staat entwickeln, wäre der auch ohne U-Bahnkameras ruckzuck in der Lage, ein tiptop totales Überwachungssystem aufzubauen.

Nun hat das die Berliner BVG erkannt und will die Bahnhöfe mit besseren Kamerasystemen so ausrüsten, dass höher auflösbare Bilder und schnellere Hilfen möglich werden. Bisher waren ja eher Geisterbilder Grundlage der Ermittlungen. Das gefällt den virtuellen Verteidigern der Demokratie, den Datenschützern, gar nicht. Während keiner das Finanzamt hindert, meine geheimsten Einnahmen zu kennen und Schufas unkritisiert wissen und speichern und weitergeben dürfen, wenn ich schon lange keine Einnahmen mehr hatte, soll auf den U-Bahnhöfen nun plötzlich die Freiheit verteidigt werden. Polizisten dürfen die Bilder deshalb nicht prophylaktisch, sondern nur im Falle einer Gefahr im Verzug sehen, und die Aufnahmen sollten nach 24 Stunden gelöscht werden, was nun immerhin mit einer Gesetzesänderung auf ganze 48 Stunden gedehnt wurde. Das Ganze erinnert an den lächerlichen Aufstand der Berufsparanoiden als das geniale und nützliche Google Streetview ans Netz ging.

Von Juni 2012, als die erlaubte Speicherfrist verdoppelt wurde, bis Oktober dieses Jahres konnte die BVG in mehr als 2100 Fällen aufgezeichnete Bilder für Ermittlungen zur Verfügung stellen. Durchschnittlich mehr als zehn Anfragen nach Videomaterial und entsprechend viele Notlagen gibt es pro Tag. Zusätzlich wird im Durchschnitt alle zehn Minuten die Notruftaste gedrückt. Es ist also höchste Zeit, die technischen Möglichkeiten für die Sicherheit der Menschen einzusetzen.

Oder man tut wieder das, was früher auch möglich war, nämlich Menschen zu beschäftigen, die auf den Bahnhöfen oder anderswo Präsenz zeigen. Doch die sind längst verlorenene Geschichte, weil wegrationalisiert. Die Notlösung "Videobilder" hat allerdings einen interessanten Nebeneffekt: Durch die Bilder des Schreckens kann öffentlich gemacht werden, was der Niedergang mittlerweile anrichtet. Damit am Ende keiner sagen kann, er habe von all dem nichts gewusst.

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