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Samstag, 12. Januar 2013

Unnatürlich natürlich

Quelle: ARD
Seit einiger Zeit wissen wir, dass nicht nur Schokolade Fett enthält, sondern auch alkoholfreies Bier Alkohol. Die Verbraucherschützer von Foodwatch outeten in vorbildlicher Weise Clausthaler und Konsorten und fand bis zu 0,45 Volumenprozent Alkohol. Man mag gar nicht an die Prozesslawine denken, die es geben würde, hätten wir schon die 0-Promille-Regelung für Autofahrer, denn dann könnte man sich ja mit 20 Clausthalern subjektiv legal einen Rausch antrinken. Wir lernen daraus jedenfalls - und dazu brauchen wir ausnahmsweise mal keine Quantentheorie -, dass man nie weiß, was drin ist. Das gilt erst recht für all die Pillen und Tinkturen, die die Wohlfühlindustrie des Niedergangs zusammengerührt hat, denn die schleichen sich mittels des scheinbaren Gütezeichens „Natürlich“ unter unseren Skeptiker-Verteidigungslinien hindurch.

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnte kürzlich, dass jedes dritte im Internet gekaufte Nahrungsergänzungsmittel (ausländischer Herkunft) illegale und hochgradig gesundheitsschädliche Stoffe enthalte. Besonders schlimm seien dabei Schlankheits- und Potenzmittel. Aber auch fast alle Vitamine, die uns immer wieder zum bedenkenlosen Konsum zwecks Antiaging und Körperoptimierung eingeredet, oder besser: eingetrichtert, werden sollen, haben in klinischen Studien nicht nur keine Wirksamkeit bewiesen, sondern teilweise erhebliche Schäden verursacht.

So hat sich die ursprüngliche Annahme, die antioxidative Wirkung der Vitamine könne vor Krebs schütze, als haltlos herausgestellt. Im Gegenteil: Vitamin E erhöht das Prostatakrebsrisiko um 17%, die Vitamine E+A sorgen für 18% mehr Lungenkrebs bei Rauchern, und in 67 Studien kam heraus: Vitamin C hat keinerlei positiven Effekt. Stattdessen wächst der Verdacht, auch damit steige das Krebsrisiko. Selbst das bisher ungetadelte Vitamin D scheint sich nun als Krebsrisiko und förderlich für Knochenbrüche zu entpuppen.

Der Schweizer Medizinprofessor Peter Jüni schätzt laut Spiegel, dass der Konsum von Vitaminpräparaten in Deutschland „für mehrere tausend Todesfälle pro Jahr" verantwortlich sein könnte. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin rät gesunden Menschen, die keinen erhöhten Bedarf haben, davon ab, Vitaminpräparate zu schlucken.

Ähnliches kann man für mineralische Nahrungsergänzungsmittel sagen. Kalzium und Magnesium führen häufig zu Durchfällen. Eisen hat wie kaum ein anderer Nährstoff eine extrem enge Spanne zwischen lebensnotwendiger Zufuhr und schädlicher Dosis. Erhöhte Eisenwerte gelten beispielsweise als Risikofaktor für koronare Herzerkrankungen wie Arteriosklerose und Herzinfarkt, da freie Eisen-Ionen die Bildung von Sauerstoffradikalen fördern. Sie können Arteriosklerose verursachen und erhöhen vermutlich auch das Krebsrisiko.

Nur weil in dieser Schadensbilanz die künstlich hergestellten Mittel anscheinend besonders problematisch sind, heißt das nicht, dass mit natürlichen Mitteln die Natur eleganter ausgehebelt werden kann. Man denke nur an den armen Mann, der sich in Thailand von original asiatischer Medizin den Penis vergrößern lassen wollte: Nachdem ihm sein Ding um die Ohren geflogen war, fand man in dessen Resten erhebliche Spuren des Bangkoker Telefonbuchs.

Aber es gibt auch weniger exotische und dennoch umso verstörendere Berichte über diese sogenannten Phytopharmaka: Ätherische Öle rufen Allergien hervor, Ginko erhöht die Blutungsneigung, Kamille trocknet aus und reizt die Augen. Oft besteht für diese Mittel zudem überhaupt kein anderer als der behauptete Bedarf, und natürlich spielen sich auch dort chemische Prozesse ab, denn was wäre die Natur anderes als ein großes chemisches Labor. „Natürlich“ als „nicht künstlich“ zu definieren ist eine mehr als problematische Vereinfachung.

Alles, was wirkt, kann auch Neben- und Wechselwirkungen haben. Das hat mit natürlich natürlich kein bisschen zu tun. Wie wäre es sonst mit natürlichen Schwermetallen wie Blei, Quecksilber oder Arsen oder mit dem Gas Kohlenmonoxid? Und war im Schierlingsbecher, der Sokrates 399 v. Chr. den Tod brachte, nicht die pure Natur?

Meistens macht es eben, wie schon Paracelsus erkannte, die Dosis. Eher wird dabei die Naturmedizin zu schwach oder gar nicht wirken, aber wie das Beispiel Johanniskraut oder Baldrian zeigt, kann auch schnell überdosiert werden. Johanniskraut wird gerne als Beruhigungsmittel selbstverordnet, wo es doch emotional und körperlich anregend wirkt, weswegen es ja gerade als leichtes Antidepressivum erfolgreich ist. Angstzustände und Kontrollverlust können die Folge sein. Baldrian kann, anhaltend genommen, antriebslos machen. Fatal, wenn es, vermeintlich harmlos, Babies zur Beruhigung gegeben wird.

Das gute Image der sogenannten natürlichen Arzneimittel führt dazu, dass sie häufig bedenkenlos angewendet werden. Tatsächlich gibt es aber so gut wie überhaupt keine Risikoforschung und kein Risikowissen zu diesem Thema. Nebenwirkungen werden höchstens zufällig erfasst. Dennoch wurden im Jahr 2010 1,1 Milliarden Euro für rezeptfreie Phytopharmaka ausgegeben, und da sind die Mittelchen aus Drogerien, Supermärkten, Internet und Reformhäusern noch nicht mitgezählt.

Die Unwissenheit der Konsumenten, deren Verunsicherung durch das Gesundheitssystem wie auch ihr schlichter atavistischer und sicher auch berechtigter Wunsch, Leiden zu minimieren, macht sie zu Opfern einer neuen Form von Ausbeutung. Diese große Menschengruppe ist in der Sache unsicher und gleichzeitig ideologisch so hoch sensibilisiert wie weiter sensibilisierbar. Sie bettelt geradezu darum, betrogen zu werden.

Die Werbung spielt konsequenterweise mit und die „Natürlich“-Karte gnadenlos aus. „Prospan befreit pflanzlich“, heißt es, und es sei so wirksam, schnell und eben pflanzlich, weil es aus Efeu gemacht sei. Efeu aber wird seine Wirksamkeit höchstens bei Konrad Kustos entfalten, wenn es aus seinem Grab wächst. Bei Cranberry-Kapseln werden Restbedenken mit der Behauptung zerstreut, sie hätten keine Nebenwirkungen auf den Organismus (worauf eigentlich sonst?), da sie ja rein pflanzlich seien. In Google-Anzeigen wird ungestraft behauptet, mit einem Präparat den „Bluthochdruck nachhaltig senken“ zu können, weil es eben natürlich sei. Kein Wunder, wenn ein weiteres Mittel sich die Erfolgsbescheinigung schon im Namen „Biofitt“ (tatsächlich zwei „t“) ausstellt und ein anderes den Erfolg mit dem einzigen Argument: „ohne Chemie!“ zu versprechen können glaubt.

Die natürliche Medizin hat in dem Maße einen guten Ruf, wie sie ihn selten rechtfertigen kann. Dazu gibt es viel Lyrik, aber wenig überprüfbare Fakten. Wie auch bei esoterischen (Un-)Heilmethoden wie der Homöopathie oder der Bachblütentherapie stützen sich die Erfolgsmeldungen auf die Berichte jener Bekannten, die wieder gesund geworden sind, nicht weil, sondern obwohl sie mit irgendwelchen Präparaten herumgedoktert haben. Das Institute of Clinical Economics fand heraus: „Mehr als 90% der Patienten, die sich nichtschulmedizinischen Behandlungen (Homöopathie, Akupunktur, Heilpraktiker) unterzogen haben, waren nach der Behandlung beschwerdefrei oder hatten zumindest ein deutlich gebessertes Krankheitsbild“. 90%? Da wäre ja endlich das Paradies auf Erden angebrochen. Der Mensch sucht Muster und Kausalitäten - und er findet welche: irgendwelche.

80% der Deutschen ziehen nach einer (natürlich von einem Naturmedizin-Anbieter in Auftrag gegebenen) Emnid-Studie bei Erkältungskrankheiten, Schlafstörungen, Depressionen und Migräne ein Mittel der Naturmedizin vor. Als Gründe nannten sie eine gute Verträglichkeit und eine geringe Nebenwirkungsrate. 88% der Studienteilnehmer glaubten, dass Naturmedizin Beschwerden lindert, 82% waren der Ansicht, dass natürliche Arzneimittel eine Krankheit heilen.

Nichts davon ist irgendwo belegt, nur die Zahl der Warnungen wächst (siehe oben). Meistens wird Naturmedizin stattdessen in handelsüblichen Dosen bei ernsthaften Erkrankungen nichts Relevantes bewirken können, was allerdings auch bedeutet, dass sie dann wenigstens wenig Schaden anrichtet. Problematisch wird es in jedem Falle da, wo im Vertrauen auf eine angenommene größere Wirksamkeit eine möglicherweise wirksame schulmedizinische Behandlung vermieden wird.

Der Leser dieses Posts möge nun bitte nicht dem dyslogistischen Irrtum unterliegen, Konrad Kustos für einen Anhänger der derzeit praktizierten Schulmedizin zu halten. Das ist er mitnichten. Expertenwissen ist überall problematisch und die Herrschaft der Halbgötter in Weiß dafür ein fatales Beispiel. Doch der bloße Umkehrschluss, also naive Hoffnung und esoterisches Gesundbeten dagegenzusetzen, ist genauso fatal. So sehr in meinem Buch „Chaos mit System“ auch gefordert wird, dem Niedergang mit dem Vertrauen in die Intuition und in die Erfahrung, die in Traditionen gespeichert ist, zu begegnen, so sehr muss auch deren Missbrauch entgegengetreten werden.

Das Prinzip Hoffnung und die damit einhergehende Irrationalität ist in Gesundheitsfragen besonders groß. Das gilt für die Schulmedizin genauso wie für die Naturheilkunde. Aber während der Schulmedizin dann doch immer mal wieder kritisch auf die Finger gesehen wird, kann die Naturheilkunde in ihrem moralischen Refugium praktisch machen, was sie will. Deshalb ist sie auch längst von Beutelschneidern und Gesundbetern besetzt.

Die dann doch real existierenden relevanten Naturheilkräfte lassen sich in diesem Wust kaum noch mit vertretbarem Aufwand herausfiltern. So gibt es zwar die Diktatur der Ärzte, aber auch eine, die im eigenen Kopf sitzt: Die Diktatur des Selbstbetrugs. Oder zusammengefasst, wie wir früher gesagt haben: Blöd bleibt blöd, da helfen keine Pillen - nicht einmal natürliche.

1 Kommentar:

  1. Früher wusste man noch, welche Nebenwirkung z.B. Kamille hat. Ich habe das von meiner Mutter gelernt. Über den Daumen gepeilt kann man sagen: Was eine Wirkung hat, hat auch Nebenwirkungen, egal was es für Heilmittel sind. Nur auch das wussten wir eigentlich schon immer. Viele haben das leider vergessen und sind der Werbeindustrie, einschl. Ärzte, auf den Leim gegangen.

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