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Samstag, 26. Januar 2013

Unwort-Unart


Wer einem „Opfer-Abo“ zum Opfer fällt, für den kommt jede „Rettungsroutine“ zu spät. Dieser Satz ist nicht die Weisheit eines geistig Behinderten (oder politisch-korrekt korrigiert: eines „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“), sondern eine typische Sprachoptimierung im Zeichen des Niedergangs. Beide Begriffe sind die jüngsten Unwörter und Wörter des Jahres - und eigentlich auch wechselseitig verwendbar. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat so entschieden, und die will es ja wissen. In Wirklichkeit will sie natürlich nicht der Sprache dienen, sondern in den Medien präsent sein, und deswegen ist sie sich auch für keine Dämlichkeit zu schade. Interessant ist, dass sich aus den Wortschöpfungen dieser Gesellschaft einerseits ablesen lässt, welchem politischen Duktus man folgen muss, um gehört zu werden, und andererseits, welche neue Sprache sich interessierte Kreise zu schnitzen versuchen, um ihr Regime auch ideologisch unangreifbar zu machen.

Den Begriff Opferabo kreierte Jörg Kachelmann, wobei er weitaus treffsicherer war als in seinem früheren Leben als Wetterprophet. Er beschreibt damit die selbst leidvoll erfahrene Tatsache, dass des öfteren Frauen den Umstand, dass tatsächlich viele Frauen vergewaltigt werden, dazu nutzen, missliebige Männer mit entsprechenden Vorwürfen unter Druck zu setzen.

In einem gruseligen Dyslogismus wird nun irgendwie unterstellt, dass jemand, der einen solchen Begriff benutzt, die furchtbare Realität leugnet, dass Frauen häufig schlimme Gewalt angetan wird. In Wirklichkeit beschreibt Kachelmann aber nur einen Folgeeffekt davon. Er spricht über Trittbrettfahrerinnen und ist dabei in der Tat grenzwertig pauschal, aber jeder Begriff ist pauschal, solange er nicht mit Inhalten gefüllt wird. Diesen Ansatz zum Trittbrett-Effekt nun per Unwort-Dekret zu tabuisieren bedeutet aber, nicht nur die Wahrheit zu verbieten, sondern schon den Versuch, sich ihr sprachlich zu nähern.

Aus dem hilflosen Wunsch, das Böse aus der Wirklichkeit zu entfernen, erwächst der hilflose Versuch, das Böse aus der Wahrnehmung zu entfernen. Konrad Kustos nennt das Virtualisierung. So sind es immer wieder naive Gutwillige, die sich einer kritischen Auseinandersetzung mit komplexen Problemen in den Weg stellen. Mit einem so kreierten „Gutmenschen-Abo“ aber verschaffen sich Dunkelmänner und -frauen aller Couleur Kontrolle über uns.

Erst kürzlich ging durch die Presse, dass einige Verlage Kinderbuchklassiker umschreiben lassen, weil beispielsweise das Wort Neger darin vorkommt. Dies tun sie, weil sie nicht unterscheiden können, wann ein Wort positiv oder negativ gemeint ist, weil sie keinen Respekt vor sprachlichen Kunstwerken haben, weil sie glauben, einen historischen Lernprozess unsichtbar machen zu müssen, weil sie den Mechanismus nicht verstehen, dass nicht Wörter böse sind, sondern immer nur die Gedanken, mit denen sie gefüllt werden. Wegen all dieser Ignoranz wird eben in den Büchern von Otfried Preußler, Astrid Lindgren und demnächst Erich Kästner rumgepfuscht.

Das Wort Neger war vor wenigen Jahrzehnten noch ein unstrittiger Fachbegriff ohne negative Konnotation und wurde dann in der Tretmühle der PoCo nacheinander ersetzt durch den Schwarzen, den Farbigen, den Menschen afrikanischer Herkunft usw. Inzwischen muss man sich fast hüten, überhaupt zu erwähnen, dass es Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gibt. Im Übrigen setzen auch viele Schwarze oder überhaupt Ausländer, pardon: Migranten, auf das Kachelmannsche Opferaboprinzip.

Das Opferabo-Surfen kann auch seine Vorteile für die Allgemeinheit haben. Als bornierte Stadtplaner in Berlin den Neubau des Jüdischen Museums verhindern wollten, spielte der Architekt Daniel Libeskind die jüdische Opferkarte und hatte ruckzuck freie Hand. Doch diese Beobachtung widerlegt nicht den Grundsatz, dass eine ideologische Zensur von Sprache eine Auseinandersetzung mit bestehenden Problemen verhindert und damit auch den notwendigen Reifeprozess. Dieses Herumbasteln an Sprache versucht eine Krankheit an den Symptomen zu kurieren.

Selbst das absolut positiv besetzte, fast zärtliche Wort „Negerkuss“ ist dank politisch-korrekter Intervention längst aus dem Sprachschatz der Menschen und der Rechtschreibprogramme verschwunden. Demnächst kommt dann noch Shakespeare unter die Schere, und dann hat auch dessen Mohr seine Schuldigkeit getan. Wo ist da der qualitative Unterschied zu den Taliban, die die Buddhastatuen von Bamyian politisch nicht korrekt fanden und sie deswegen gesprengt haben?

Auch hier müssen wir die Frage stellen: Wer profitiert von dieser orwellschen Virtualisierung der Sprache? Weitere Beispiele von Wörtern und Unwörtern in den vergangenen Jahre geben dazu Hinweise. Beim Wort des Jahres muss man bis ins Jahr 1993 zurückgehen, um mit dem Wort „Sozialabbau“ einen systemkritischen Begriff zu finden. Davor hatte man 1992 noch erkannt, dass es eine „Politikverdrossenheit“ gibt. Immerhin gab es 2002 noch einen „Teuro“ zu bewundern, aber ansonsten gab man sich entweder wertfrei (Hartz IV, Stresstest, Wutbürger, Abwrackprämie) oder man erfreute, je näher es an die Jetztzeit rückte, die Gutmenschen-Gemeinde mit „Bundeskanzlerin“, „Fanmeile“ und „Klimakatastrophe“.

Während man dem Jahreswort die beanspruchte Wertungsferne erst widerlegen muss, spicht beim Jahresunwort schon die Bezeichnung Bände. Hier wird per definitionem gewertet und moralisiert, aber eben zeitgeschmäcklerisch. 2011 klagte man über „Döner-Morde“, was in der Tat ein Unwort ist, sich aber wohl in der Hauptsache an ein eher unkritisches Betroffenheitspublikum wenden sollte.

Dies legt auch der bei der Unwortauslese nur knapp gescheiterte „Gutmensch“ nahe. Ausgerechnet ein solcher Begriff, der ein entscheidendes Zeitphänomen treffend wie kein anderer beschreibt, wird zum Unwort-Kandidaten diskriminiert. Ein Jahr zuvor tabuisierte man scheinbar „alternativlos“ den „Integrationsverweigerer“, den es anscheinend nicht geben darf. Was waren das noch gar nicht so lange zurückliegende Zeiten, als man wirklich präzise menschenverachtende Begriffe wie „Entlassungsproduktivität“ und „Humankapital“ geißelte?

Die Sprache zeigt hier eine Tendenz, die nur eine reale Entwicklung der Gesellschaft nachvollzieht. Da liegt die fünfköpfige Jury, die sich anmaßt, über Wörter und Unwörter von 80 Millionen mehr oder weniger gut Deutsch Sprechenden zu entscheiden, schon richtig. Themen, die wirklich Wohl und Wehe der Bewohner dieses Landes behandeln, rücken im Niedergang an den Rand des Gesichtsfelds, während Virtualitäten größte Bedeutung zugestanden wird. Das hat System, denn es ist Ausdruck der intellektuellen Flucht vor einer immer komplexer und immer weniger beherrschbaren Realität.

Opfer-Ikone Kachelmann hat den unbeholfenen Versuch gewagt, über Realität zu reden - damit musste er scheitern. Das Primat der so virtuellen wie humanistischen Gesellschaft ist es, demonstrativ und oberflächlich einige Schwache zu schützen, während es in der Wirklichkeit mehr und mehr allen Schwachen an den Kragen geht. Als Schwächere anerkannt werden dabei nur die, die die Macht der Profiteure des Niedergangs nicht infrage stellen.

Der Mensch, besonders der humanistische, steht, solange er nicht von den Mächtigen profitiert, psychologisch meist auf der Seite der Schwächeren. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese auch im Recht sind. Ein PoCo-System, das solches Denken institutionalisiert, verschiebt die Rechtsmaßstäbe: Die nominell Schwachen können sich dann fast alles erlauben, selbst dann, wenn sie aufgrund eines weltanschaulichen Rückenwindes längst zu den Bevorteilten gehören sollten.

Der durch die Gehirnwäsche seitens der ideologischen Wortführer anrüchig gewordene gesunde Menschenverstand, wenn er sich überhaupt noch zu weltanschaulichen Fragen äußert, führt dagegen zur Ächtung - entweder durch ein Prädikat „Unwort“ oder, wie hier vor einer Woche zu lesen stand, auch schon mal zur Deportation.

Das ist nicht nur ungerecht, sondern fatal. Soziale Evolution entsteht aus einem so schmerzhaften wie konstruktiven Konflikt unterschiedlicher Meinungen und wird nun einfach durch einen Papiertiger ersetzt. Schlimmer noch: PoCo schafft eine gesamtgesellschaftliche Schizophrenie. Es entsteht bei den Menschen parallel ein öffentliches Bewusstsein und ein privates Bewusstsein. Man lernt bei jedem Blödsinn lächelnd zuzustimmen, und zuhause wird geschimpft - wie in jeder anderen Diktatur eben auch.

Kommentare:

  1. Die Kinderbücher werden doch nur deswegen nicht verbrannt, was ihre Gegner am liebsten täten, weil das schon einmal Leute gemacht haben, von denen die Gutmenschen sich doch angeblich unterscheiden wollen. Deportationen, Meinungsterror über Sprachregelungen - all das hatten wir auch schon einmal.

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  2. Worte diskriminieren. Das ist eigentlich die Idee dahinter - Worte werden dazu gebraucht, unterschiedliche Sachverhalte und Gegenstände auseinanderzuhalten. Gerade bei der Erwähnung von dunkelhäutigen Menschen ist eine Zensur der Sprache ziemlicher Unsinn, da das als Ersatz gewählte Wort sofort wieder einen diskriminierenden Klang bekommt.

    Viel wichtiger, als der Jugend vorzugeben, mit welchen Wörtern sie zu denken hat, ist, sie überhaupt zum Denken zu bringen. Weichgekochte Kuschelbücher helfen da sicher weniger als Klassiker, über die man dann aber auch diskutieren sollte.

    Allerdings sollte man sich schon in die Lage des jeweiligen Gegenübers versetzen können. Eine Gesellschaft, die bestimmte Gruppen regelmäßig sprachlich ausgrenzt, züchtet Konflikte, die nicht immer zu ihrer Weiterentwicklung beitragen, sondern manchmal auch zu ihrer Zerstörung. Auch eine Art "sozialer Evolution", könnte man sagen. Aber es würde zum Beispiel in Nordirland helfen, wenn sich die jeweiligen Seiten nicht als Papisten oder Gottlose bezeichneten.

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