Kustos kommentiert nicht mehr -
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Samstag, 2. Februar 2013

Sex-ist Mist

Antisexistischer Schutzwall
Unerhört, was dieser Brüderle von sich gegeben hat: „Manche glauben, wir wären das schwache Glied in der bürgerlichen Regierung“. Mit solchen männerfeindlichen Synonymen wollen wir nichts zu tun haben, wir fordern den Zwangsaustritt aus der FDP und die Deportation nach Hamburg. Möge er dort sein Himmelreich finden. So, das könnte der Post für heute gewesen sein. Doch weil das für Konrad Kustos' Blog eindeutig zu kurz wäre (Achtung: 'kurz' ist hier keine sexistische Anspielung), reden wir noch etwas über den vorangegangenen Brüderle-Fauxpas, über Dirndl, Kultur und kollektive Mundtotmachung und dessen Folgen für unser Zusammenleben.

Kurz zu den merkwürdigerweise überall bekannten Fakten: Der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle wollte vor einem Jahr an einer Hotelbar beim abendlichen Zusammensein einer Sternjournalisten ein Kompliment machen und gab ihr zusätzlich einen Handkuss. Das sollte weltmännisch und geistreich sein, aber es war plump, peinlich und aufdringlich. Weil aber, besonders in diesen Kreisen, vieles peinlich und aufdringlich ist, hat das keinen weiter interessiert. Dummerweise wurde vor dann kürzlich Brüderle zum Spitzenkandidaten seiner Partei gekürt, so dass die Journalistin und ihr Arbeitgeber, der Stern, beschlossen aus der Banalität eine Erfolgsstory zu machen.

Das ist unschön, aber legal. Erschütternd ist erst, dass sie damit Erfolg hatten. Über die Moral der Medien wird an anderer Stelle noch zu reden sein, heute geht es erst einmal um Sexismus oder was die Gesellschaft dazu macht. Dazu zwei Fakten: Erstens sind Männer und Frauen genetisch unterschiedlich, was eine Quelle permanenter Missverständnis ist. Zweitens hat sich aus diesem Problem heraus eine komplexe Kultur des Umgangs entwickelt, die permanent in Veränderung begriffen ist.

Mit diesem Kulturkampf gilt es zu leben und ihn nicht hierarchisch-ideologisch zu betreiben. Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Viele Frauen tragen Dirndl oder zeigen anderweitig ihr Dekolleté, während Männer vollmundig ihre Qualitäten preisen. Dies ist ein ganz normales evolutionär bedingtes Spiel, dessen Ziel die Erhaltung der Art ist. Dabei folgen alle atavistischen Reflexen und nicht dem Verstand. Solche Emotionalität ist den Intellektuellen, und das nicht nur im aktuellen Fall, ein Dorn im Auge. Sie schüren lieber die durch die Aufklärung kreierte Illusion, der menschliche Geist könne jederzeit das Fleisch dominieren.

Tatsächlich ist der Konflikt der Geschlechter ein Machtkampf geboren aus Unverständnis, in dem beide Seiten auch mit unangemessenen Mitteln kämpfen. Zum Beispiel reizen Frauen gerne ihre männlichen Opfer, um sie nach deren „Anbeißen“ fallenzulassen. Meines Wissens ist weder dies bisher als Sexismus definiert worden noch der Trend in entwickelten Gesellschaften, sich aufreizend zu kleiden. Im Gegenteil gilt Letzteres (und zwar zurecht) als ein Ausdruck der Befreiung der Frau.

Wenn der Begriff Sexismus überhaupt sinnvoll sein soll, muss er für echte Übergriffe angewendet werden, die dem Mobbing oder der Nötigung gleichkommen. Wenn nun auch ein unbeholfener Flirt dazu gerechnet wird, nimmt man sich die Möglichkeit, echte Übergriffe zu beschreiben und zu bekämpfen.

Stattdessen beeilt sich die stellvertretende SPD-Vorsitzende so windschnittig wie unpräzise zu sagen: „Der alltägliche Sexismus in all seinen Facetten ist völlig inakzeptabel.“ Die Chefin der Grünen ergänzt kongenial: „Sexismus ist herabwürdigend, verletzend, diskriminierend und in keiner Form oder Ausprägung in Ordnung". Auf dieser intellektuellen Niveauebene bleibend, forderte sie noch gleich die Einführung einer Frauenquote in Unternehmen, Medien und Parteien. Dies sei das beste Mittel, „um verbohrten Machos Benehmen beizubringen“.

Auf der Suche nach einer Definition für das Wort Sexismus hilft auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz nicht weiter: „Es liegt eine Belästigung vor, wenn unerwünschte Verhaltensweisen die Würde einer Person verletzen.“ Aha! Dazu gehört laut AGG beispielsweise das Zeigen von Nacktbildern. Was für ein unglaubliches Vergehen in einer Gesellschaft, die unter öffentlicher Nacktheit und Pornographie fast zusammenbricht.

Wenn der Begriff aber gar nicht definiert ist, darf ein Vorwurf dann überhaupt so formuliert werden? Oder kann die Frau jederzeit selbst entscheiden, was sie dafür hält? Zählt sie in subjektiver Rechtsfindung dann anzügliche Blicke dazu, die vielleicht nur in ihrer Wahrnehmung stattfinden oder die sie durch Kleidung oder Verhalten provoziert hat? Um ein bisschen Objektivität sollten sich die aufgeklärten Intellektuellen schon bemühen. Schließlich wird die Erklärungsnot desto größer je diffuser, subjektiver und beliebiger die Vorwürfe werden, das liegt in der Natur der Sache.

Sicher steckt hinter der Kampagne politisches Kalkül, sicher geht’s um Auflagenzahlen und auch um die Rolle der Frau. Aber so wie sie geführt wird, steckt dahinter kulturpsychologisch gesehen die staubige Inkarnation mittelalterlicher christlicher Prüdität. Sie ist auch ein Rückfall in die auf eben diesen Wurzeln fußende Verbissenheit der Emanzipationsbewegung der 70er-Jahre. Sie ist in der Hauptsache ein Ausdruck tiefsitzender Lust- und Sexualfeindlichkeit, der im übrigen viele PoCo-Ideologien entstammen.

Selbst der Stern online schreibt relativierend zu dem Bericht seines Mutterblattes: „Zur vollen Wahrheit gehört allerdings auch, dass in manchen Redaktionen junge, attraktive Frauen strategisch eingesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um einen anderen, weiblichen Blick, sondern darum, eine größere Nähe zu Politikern herzustellen, eine anders geartete Nähe. Offenherzigkeit gegen tiefes Dekolleté und klimpernde Wimpern.“

Man stelle sich mal vor, ein Mann hätte eine Frau so derb ins Bett geschickt, wie die Pressereferentin von Brüderle es damals an diesem peinlichen Abend tat. Frauen dürfen sich eben vielerorts mehr herausnehmen , weil sie die Karte vom schwachen Geschlecht ausspielen können. Die Thematik schlummerte übrigens auch schon im Post der letzten Woche bezüglich des Jahres-Unwortes „Opferabo“.

Das Geben und Nehmen in diesem Wechselspiel von Herrschaft und Ausnutzung lässt sich schlecht auf die Waagschale legen, aber wenn man ein solches Thema aufgreift, müsste eine solche Dialektik wenigstens versucht werden. In wunderbarer Weise hat dies die Journalistin Inga Griese getan. Sie berichtet aus ihren eigenen Erfahrungen in den vergangenen Jahrzehnten und differenziert, dass es bei Wohl- oder Fehlverhalten in jedem Fall auf den Rahmen ankommt. „Party oder Büro, spielerisch oder plump, Herr oder Mann? Wann wird die Schote zu Zote, wann wird der Flirt zur sexuellen Belästigung, wann wird das Harmlose politisch und wann politisch missbraucht?“

Sie beschreibt Brüderle als alten Charmeur aus einer Generation, in der das unverfängliche Anbaggern zum Gesellschaftsspiel gehörte. Er sei der joviale Genussmensch, der zu jeder Tischdame reizend ist und dessen Komplimente auch schon Frau Griese gefallen konnten. Sie gibt zu, dass sie auf einer Veranstaltung bei Ministerpräsident Barschel inmitten von Männerwitzen durchaus ihren Spaß hatte. Hans Dietrich Genscher habe ihr in großer Runde zur Gaudi aller gesagt, dass er gerne wüsste, wie ihr Lippenstift schmeckt. „Es war für niemanden peinlich.“

Und sie weiß zu unterscheiden und schildert, wie schlimm es war, als Willy Brandt ihr unter dem Tisch die Hand aus Knie legte. Solche Unterscheidungen gehen in der gegenwärtigen Diskussion nicht unter, es gibt sie nicht. Zu diesen Unterscheidungen gehört auch Grieses Satz: „Frauen sind nicht per se Opfer, es gibt nicht wenige, die wissen, was sie wann wofür tun.“ Und sie warnt: „…wir müssen auch aufpassen, dass die Empörer nicht jedes Terrain besetzen.“ Altersweise ergänzt die Schauspielerin Senta Berger: „Macht und Machtmissbrauch hat es immer gegeben. Es liegt an jedem selbst, sich dagegen zu wehren.“

Wenn ein Flirt tabuisiert wird, werden die atavistischen Bedürfnisse in sprach- und kulturlose Regionen des Unterbewusstseins verschoben und damit völlig unbeherrschbar. Hier in der Freiheit des Netzes darf vielleicht mal ungestraft „sexistisch“ davon ausgegangen werden, dass viele, wenn auch nicht alle Frauen mehr oder weniger dezent angebaggert werden wollen, weil das wichtig für ihr Selbstbewusstsein ist. Dann aber stellt sich die Frage, wie Männer ohne das kommunikative Vorspiel des Flirts denn wissen sollen, was frau von ihnen erwartet.

Ein 67-Jähriger wie Brüderle ist jedenfalls kein testosterongesteuertes Monster, sondern er braucht all sein restliches Testosteron, um überhaupt seinen Schniedel zum Pinkeln zu finden. Deswegen war der Mann in der Hotelbar auch nicht geil, sondern er folgte kulturellen Gewohnheiten und Reflexen. Ein Mann wie er sucht auf allen Ebenen Bestätigung (deshalb arbeitet er ja auch in der Politik), und wo es die männliche Ausstrahlung eines 67-jährigen nicht mehr hergibt, vertraut er auf den Charme der Macht und die ignorante Erinnerung an alte „Glanzzeiten“.

Brüderle ist schlicht sozialisiert, und so ist eben seine Anmache. Das ist aber eher ein Stilproblem als ein sexistisches. Er stützt sich auf eine Konvention, die die Zeit schon mehr oder weniger verworfen hat. Und wenn er dabei Blödsinn redet, sei die Frage erlaubt, ob er nicht in anderen Situationen, zum Beispiel im Bundestag, viel mehr Blödsinn redet, über den es zu lamentieren gälte.

Er will altväterlich charmant sein. Früher machte man das eben so - nicht nur zum Flirten, sondern in der Hauptsache, um der Frau Komplimente zu machen. Sollte dies zudringlich sein oder von einer Frau als zudringlich empfunden werden, besteht für sie die Möglichkeiten, dem an Ort und Stelle, heftig oder dezent, verbal entgegenzutreten - und das war's dann auch schon, wenn es angemessen bleiben soll. Bei Beleidigungen steht der Rechtsweg offen. Frauen wagen aber oft nicht den direkten Widerstand, was auch ein evolutionäres Phänomen ist, und sagen dann erst hinterher, der Mann habe Verwerfliches getan. Aber wie sollte der das denn merken, wenn es ihm nicht gesagt wurde?

Solange Kommunikation unsere einzige Chance ist, Konflikte zu minimieren, muss der Mann lernen, ein Nein als nein zu verstehen, und die Frau, dann nein zu sagen, wenn sie nein meint (dass die Situation im zwischenmenschlichen Balzverhalten durchaus komplizierter ist, soll hier einmal vernachlässigt werden).

Natürlich darf die enorme Resonanz, die das Thema anscheinend auf Twitter findet, nicht ignoriert werden. Natürlich ist vieles im Argen im Verhalten der Männer, natürlich wird die Schwäche der Frauen ausgenutzt, natürlich gibt es etliche Traditionen, die frauenfeindlich sind. Aber dieses Problem wird nicht gelöst, indem Herr Brüderle ungerechtfertigt ideologisch notgeschlachtet wird und damit der Mann an sich gleich mit.

Vielleicht wird man dem Thema am besten gerecht, wenn man es einmal jenseits aller Debatten betrachtet. Bernd Guggenberger hat in einem genialen Buch beschrieben, dass es ein Menschenrecht auf Irrtum geben muss. Unsere ganze Kultur entwickelte sich aus einer unablässigen Folge von Fehlern, die im Rahmen der sozialen Evolution beseitigt wurden - nicht ohne gleich wieder neue Fehler zu begehen. Der Versuch, solche Fehlerlosigkeit einzufordern, ist nicht nur müßig, sondern führt zur Verkrampfung und zu neuen Fehlern.

Wenn Brüderle dann also einen Fehler begangen haben sollte, tat er dies, weil er glaubte in einem scheinbar unverkrampften Beisammensein so sein zu können, wie er ist. Deshalb steht sein Verhalten auch für etwas, das immer mehr verlorengeht - nämlich die naive, spontane, ungetrübte Lebensfreude.

Kommentare:

  1. Lieber Konrad Kustos,

    von "mittelalterlicher christlicher Prüdität" kann keine Rede sein. Die Badehäuser verschwanden zeitgleich mit dem Aufkommen der Inquisition zu Beginn der Neuzeit.
    Erhellend zum Thema: Joachim Fernaus "Und sie schämeten sich nicht".

    Beste Grüße, Marc

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  2. Lieber Marc, vielen Dank für den Hinweis. Der Fehler war einer gewissen historischen Orientierungslosigkeit geschuldet, bei der die Inquisition noch "tiefstes Mittelalter" ist... Wieder was gelernt.
    LGKK

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