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Samstag, 16. März 2013

Arbeit macht krank

In keinem anderen hochentwickelten Land der Welt ist die Wahrscheinlichkeit, dass man seinen 50. Geburtstag nicht mehr erlebt, so groß wie in den USA. Die (amerikanischen) Wissenschaftler, die das jetzt herausgefunden haben, sagen, sie wüssten nicht warum. Weil aber das Phänomen nach dem „Gesetz der kulturellen Zeitreise“, demzufolge die Amis alle Unarten rund zehn Jahre vor uns durchleben, in Kürze auch uns ereilen wird, lohnt es sich, in diesem Post einmal Kausalitätsforschung zu betreiben. Natürlich gibt es viele Ursachen, die zusammenspielen, aber der Favorit von Konrad Kustos sind die Arbeitsbedingungen, die der Niedergang mit sich bringt.

Andere Autoren würden vielleicht von den Folgen eines exzessiven Kapitalismus sprechen, doch der ist eben nur ein Teil des allgemeinen Verfalls. Die oben erwähnte Studie stellte jedenfalls fest, dass die USA im Vergleich mit anderen wohlhabenden Demokratien in praktisch allen Kategorien auf dem letzten Rang oder knapp davor liegen. So gibt es dort die höchste Kindersterblichkeit, die meisten Morde, die größte Zahl an schweren Verletzungen, die höchste Zahl sexuell übertragbarer Krankheiten, die meisten Drogentoten, die meisten Todesfälle durch Verkehrsunfälle sowie die meisten Herz- und chronischen Lungenkrankheiten. Und es wird schlimmer.

Auch bei uns. 56% der Arbeitnehmer klagen über wachsenden Stress im Job, das sind 4% mehr als im Jahr davor. Natürlich bedeutet Klagen nicht automatisch, dass es wirklich so schlimm ist (erst recht, wenn die Studie von einer Gewerkschaft in Auftrag gegeben wurde), aber das Ergebnis kann doch einen ernsten Verdacht nähren – besonders, wenn andere Faktoren dazukommen.

Nach dem von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz herausgegebenen Stressreport 2012 arbeitet jeder zweite Arbeitnehmer unter starkem Termin- und Zeitdruck. Bei den psychisch motivierten Krankmeldungen geben 70% den Zeitdruck als Hauptverursacher an. Die Renten- und Sozialkassen melden eine Zunahme von beruflichen Krankheitstagen aufgrund psychischer Störungen um 80% seit 1997. 53 Millionen sind es derzeit pro Jahr.

Weit mehr als jede dritte Frühverrentung – 41% im Jahr 2011– hat darin ihre Ursache. Allein die jährlichen Behandlungskosten für psychische Erkrankungen summieren sich auf etwa 28 Milliarden Euro, der Produktivitätsausfall wird hier erst gar nicht erfasst, soll aber im gleichen Zeitraum 5,9 Milliarden Euro betragen haben. Nach Angaben der Betriebskrankenkassen sind Krankheitstage aufgrund eines Burn-out-Syndroms innerhalb von nur 8 Jahren um das achtzehnfache gestiegen.

Negativ beeindruckend auch hier die Progression: Im Jahr 2000 hatte der Anteil der psychischen Erkrankungen noch bei 24% gelegen, bis 2010 war er auf 39% gestiegen. Wenn 40% der Frührentner mit diagnostizierten Depressionen in den Ruhestand geschickt werden, machen es sich die Arbeitgeberverbände zu einfach, wenn sie behaupten, es gebe nicht mehr psychische Erkrankungen, sondern lediglich mehr so lautende Diagnosen. Selbst unterstellt, die meisten Depressiven tricksten sich so nur in die Rente, müssten sich die Arbeitgeber schon aus eigenem Interesse fragen, warum es so plötzlich so viele sind…

Was nun an diesen Arbeitsbedingungen so krankmachend ist, ist leider wenig hinterfragt und belegt. Spontan fallen einem Mobbing und Arbeitsüberlastung ein, aber auch die Tatsache, dass die Arbeitsabläufe immer abstrakter, irrealer und offensichtlich kontraproduktiver werden. Wenn beispielsweise ein Arzt im Krankenhaus die größte Zeit seines langen Arbeitstages damit verbringt, Protokolle und Bewertungen auszufüllen sowie Krankenkassenabrechnungen zu fälschen, anstatt Menschen zu behandeln, sitzt der Frust bald tief.

Die Strukturen der Arbeit tun ein übriges: Klimanalagenbegaste Großraumbüros für unentwegte Beobachtung, unfähige Vorgesetzte mit absurden Ideen und dem Führungsreflex des Niedergangs, folgerichtige Katastrophen grundsätzlich dem Mitarbeiter in die Schuhe zu schieben, Überstunden (oft unbezahlt) und natürlich die bewusst geschürte Angst um den Job. Nach der Arbeit soll dann das Privatleben dies alles kompensieren können, was zu zusätzlichem Freizeitstress führt.

Wenn es denn noch Freizeit gibt. Die Segnungen der flexiblen Geschäftsöffnungszeiten haben schon manche Familie zerstört, ohne je die Geschäfte ankurbeln zu können, weil die sich ja nach dem Bedarf und nicht nach Ladenöffnungszeiten richten. (Was im übrigen gut ist, denn noch mehr Konsum würde diese Welt noch schneller aus den Nähten platzen lassen.)

Schicht- und Feiertagsarbeit jedenfalls liegt im Trend des Systems. Von 2001 bis 2011 stieg die Zahl der Schicht-Beschäftigten von 4,8 auf 6 Millionen. Für solche Schichtarbeiter steige das Risiko von psychischen Belastungen, zudem bestünden „erhöhte gesundheitliche Risiken", bemerkte kürzlich sogar die Bundesregierung. Außerdem arbeiteten nach Auskunft dieser Regierung zuletzt rund 9 Millionen Beschäftigte, also jeder vierte, ständig oder regelmäßig am Wochenende. Zwischen 23 und 6 Uhr mussten 3,3 Millionen Beschäftigte arbeiten, während zu Anfang des Jahrtausends lediglich 2,5 Millionen gezählt wurden.

Eine Tendenz, die es auch bei der wöchentlichen Mehrarbeit gibt. Mehr als 48 Stunden, also so wie vor Bismarck, standen 2011 rund 1,92 Millionen Beschäftigte dem Arbeitgeber zur Verfügung; 2001 waren es noch „nur“ 1,56 Millionen, was einen Zuwachs von 23% bedeutet. Entsprechend stieg die Zahl der Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz seit 2007 um fast 30% auf 12.424. Wohlgemerkt: Das sind die offiziellen Zahlen. Die durch die Angst um den Job (jeder zweite Arbeitnehmer geht deshalb auch krank ins Büro) verdunkelte Dunkelziffer will man schon gar nicht mehr wissen.

Wer einen Vollzeitjob hat, arbeitet heute im Schnitt 40,7 Stunden pro Woche, das liegt über dem EU-Durchschnitt und 40 Minuten über den Werten zu Zeiten der Wiedervereinigung. Wenn wir in Deutschland soviel Wohlstand und Funktionalität angehäuft haben, diese Frage sei nebenbei gestattet, warum schlägt sich das dann nicht auch in einer Lebensqualität für die normalen Leute nieder, die jenseits von Realeinkommen liegt (die tatsächlich ebenfalls einem negativen Vektor folgen)?

Wer erinnert sich heute noch an Gewerkschaftsforderungen nach einer 36-Stunden-Woche, bei der die attraktive Arbeit auf alle hätte verteilt werden können? Stattdessen gibt es nun die stressgeplagte Klasse der Festangestellten mit relativ hohen Löhnen und das stressgeplagte Teilzeitarbeit-Prekariat, das irgendwo um den nicht vorhandenen Mindestlohn herumdümpelt. Zu dem Thema folgt bei Gelegenheit noch ein Post, indem auf die „Qualität“ unserer deutschen Fast-Vollbeschäftigung eingegangen wird.

Wir bilanzieren heute vorerst, dass der Niedergang krank macht - auch und gerade durch seine Arbeitsbedingungen. Durch die destruktiven gesellschaftlichen Mechanismen, die ich in meinem Buch „Chaos mit System" unter dem Begriff „Niedergang“ zusammenfasse, sind diese Bedingungen struktureller Art und weder durch die Heilsarmee noch durch politische Maßnahmen substanziell zu ändern. Dazu bedürfte es eines globalen Umdenkens und Schaffung neuer Strukturen des Lebens und Zusammenlebens.

Gutwillig forderte dennoch der Betriebskrankenkassen-Geschäftsführer die Arbeitgeber zu Gegenmaßnahmen auf. Eine gute, gesundheitsgerechte Mitarbeiterführung sei unabdingbar für die psychische Gesundheit der Beschäftigten in Unternehmen. Und auch Gesundheitsminister Daniel Bahr, von der bekannt arbeitnehmerfreundlichen FDP ins Amt gehoben, forderte die Firmen auf, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen zu schaffen. Na, da kann ja nichts mehr schiefgehen.

Kommentare:

  1. Zusätzlich sollte man wissen, dass der Jobcenter zu 80% an Leihfirmen arbeitslose Menschen vermittelt und nur 20 % an klassische Arbeitgeber.

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  2. (Was im übrigen gut ist, denn noch mehr Konsum würde diese Welt noch schneller aus den Nähten platzen lassen.)
    Trauig aber war ^^

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  3. Als selbstständiger Mittelständler arbeitet man i.R. mehr als seine Arbeitnehmer, hat permanent existenzielle Ängste, nimmt weniger Urlaub und ist trotzdem wesentlich seltener krank...

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  4. Alles ist so sinnlos. Ich wundere mich, dass die Leute noch so viel Spaß haben. Überall wird Überstundenmachen erwartet und alles muss durchgeplant und zeitgemanaged werden.
    Und nur damit wir uns mit Konsumgütern vermummen können. Lippenstift, das allerneuste Smartphone, ein Auto (mit Versicherung, Reparaturen, Sprit, Todesopfer, Gestank, ...).

    Wer will das eigentlich? Ich jedenfalls nicht. Und wenn man sich mal die vom Glück gezeichneten Menschen in der UBahn oder in der Stadt ansieht, dann ahnt man, mit welcher Leidenschaft die Menschen jeden Tag ihr Maschinendasein fristen.

    Und anderswo verhungern die Leute oder werden qualvoll abgeschlachtet. Journalisten sind in diesen Gebieten nicht zu finden. Die USA treibt ihre Kriegsspiele auf der ganzen Welt fort. Niemand unternimmt was. Gardafi war ein Guter solange er "sein" Öl zum diktierten Preis verkauft hat. Als er plötzlich meinte, dass sein Land auch daran verdienen müsse, war er ein Hitler und wurde abgeschlachtet. Einen Den Haag Gerichtsprozess gab es nicht.


    Was ist das für ein krankes Spiel? Und wenn ich nicht mitmache, gehe ich unter. Wenn ich mitmache, versündige ich mich mit. Was natürlich schon geschehen ist, indem ich am Konsum teilhabe.

    Ich krieg nur noch das Kotzen. Es ist so ekelhaft, dass Menschen Glück empfinden können und es ihnen scheinbar nichts ausmacht, was die Schwestern und Brüder in den anderen Ländern erleiden müssen.

    Ich bin wohl nicht der erste, der der Meinung ist, dass nur die wirklich Depressiven keine kranken Menschen sind. Sie sind depressiv, weil sie dieses Kotzsystem nicht ertragen können. Was eine völlig gesunde Reaktion ist.

    Die, die sich selbst so verbogen haben, dass sie taub sind gegen Mitleid und Anstand, das sind die wahren Kranken. Und das sind wohl auch nicht wenige.

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  5. du sprichst mir aus der seele, ich kenne dich nicht, doch ich weiß, ich liebe dich für deine ehrlichen zeilen. es herrscht ein unertragbarer , absurder, ekelhafter zustand. nieder mit diesem ekelsystem! oi!

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