Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 2. März 2013

Leid-Zeit-Arbeit

Copyright: Alff-Cartoon
Unerhört! Da begnügt sich Amazon nicht damit, uns billige Artikel und bisweilen auch verbilligte Artikel nahezubringen, sondern beschäftigt selbst billige Arbeiter. Das konnte die Medienwelt nicht billigen und initiierte einen Aufschrei der Empörung. Nun fragt sich sicher nicht nur Konrad Kustos, warum dies ausgerechnet jetzt geschah, wo doch unterbezahlte Leiharbeit ein Strukturkriterium der Niedergangsgesellschaft ist, also überall und das schon seit längerem stattfindet. Die Antwort dürfte im Detail zu finden sein: Die betroffenen Menschen waren diesmal Polen und Spanier, und erst damit bekommt es eine politische Komponente außerhalb des blinden Flecks der täglich verschwiegenen Ausbeutung. Für deutsche Zeitarbeiter hätte es diese humanisitäre Betroffenheit nicht gegeben.

Der Name der Zeitarbeitsfirma („Hess“)  mag bei besonders aufrechten Zeitgenossen noch ein Quentchen Empörung dazugegeben haben, und vielleicht hat der Aufruhr auch etwas damit zu tun, dass den etablierten Händlern alter Prägung als Hauptinserenten der Medien die erfolgreiche Internetkonkurrenz ein Dorn im Auge ist. Der Konzern machte jedenfalls sofort einen Kotau nebst Rückzieher, was uns natürlich für die Arbeiter freut – und ebenso für uns Staatsbürger, falls die Arbeiter jetzt wieder in ihre Heimat reisen und dort statt hier arbeitslos werden. Am System wird sich jedoch nichts ändern.
Das liegt auch an Menschen wie dem Chef der Bundesagentur für Arbeitslosigkeit, Frank-Jürgen Weise, der sich scheinheilig empörte: „Amazon bewegt sich außerhalb dessen, was ich in der Zeitarbeit für den Arbeitsmarkt als richtig empfinde. Wir brauchen die Zeitarbeit, aber in einem Maße, das anständig ist.“ Was anständig ist, definiert dann aber er mit seiner Agentur und nicht die Moral.

So verschweigt er auch, dass seine Agentur bundesweit die Leiharbeit mit Hartz-IV-Zahlungen subventioniert, indem sie die gezahlten Hungerlöhne auf Existenzsicherungsniveau aufstockt. 308 Millionen Euro waren dafür 2011 fällig. Damit landeten knapp 16% der gesamten aufstockenden Hartz-IV-Leistungen bei Leiharbeitern – also indirekt bei zuwenig bezahlenden Zeitarbeitsfirmen und letztlich in den Taschen der Arbeitgeber. Dabei beschäftige die Zeitarbeitsbranche nur 3% aller Arbeitskräfte.

Die Idee der Zeitarbeit war, Produktionsspitzen abzufedern oder kurzfristigen Arbeitskräftebedarf zu decken, doch heute geht es um das Kostensparen und vor allem darum, die Löhne der Festangestellten unter Druck zu setzen. Lohnunterschiede von 40% sind keine Seltenheit.

Eine andere Methode, das Lohnniveau aus sozialeren Zeiten niedergangskonform anzupassen, sind die 1-Euro-Jobs. Es wird vorgegeben, sie dienten der Heranführung von Arbeitslosen an den Arbeitsmarkt, ganz ähnlich, wie schon zuvor die Demontage des Kündigungsschutzes begründet wurde. Aber die vorhandene Arbeit richtet sich letztlich nach dem Bedarf, nur kurzfristig nach Konjunkturprogrammen oder Konkurrenzvorteilen und schon gar nicht nach den Buchhaltungstricks der Arbeitsagentur. Diese sind nur versteckte Subventionen der Arbeitgeber, ohne damit die Menge vorhandener Arbeit mehren zu können (es sei denn, es gelänge so, diese Arbeit anderen Volkswirtschaften wegzunehmen).

Wenn der Arbeitsmarkt also gar nicht alle aufnehmen kann, ist der wohl auch gewollte Effekt solcher Maßnahmen, einen Zwei-Klassen-Arbeitsmarkt zu schaffen – den durch soziale Regeln noch einigermaßen kontrollierten und einen neuen für die Billiglohngeneration. Weil aber in solchen Konstruktionen selbst der Hartz IV-Satz höher liegt als die kleinen Einkommen, überschneiden sich hier zwei Phänomene: einerseits die Ausbeutung der Arbeitskraft und andererseits das Wegkaufen des Widerstandspotentials der Ausgebeuteten. Den Produktiven, also den Arbeitenden und den sozialverträglich operierenden Unternehmen, wird so nicht nur Geld abgenommen, um die Reichen reicher zu machen, sondern auch, um die Ausgestoßenen ruhig zu stellen. In diesem Spezialfall der Umverteilung wird in beiden Fällen der Sozialbruch subventioniert.

Menschliche Würde ist dabei wohl ein zu vernachlässigendes Element. Der moderne Arbeitsplatz und damit die Lebenskonzeption der einzelnen ist unsicher. Das hat negativen Einfluss auf die Produktivität der Wirtschaft, die Lebensqualität allgemein und auch das konfliktfreie Zusammenleben.

So meldet das Statistische Bundesamt, dass sich der Anteil der 25- bis 34-jährigen Erwerbstätigen mit einem befristeten Arbeitsvertrag binnen 15 Jahren von 10% auf 19% fast verdoppelt hat. 40% derjenigen, die 2011 seit weniger als zwölf Monaten bei ihrem aktuellen Arbeitgeber tätig waren, hatten einen befristeten Arbeitsvertrag.

Frauen werden nicht nur mit Rentenlüge und Kindergeld als Nachschublieferanten billiger Arbeitskraft instrumentalisiert, sondern gleichzeitig ökonomisch und ideologisch in die Arbeit gezwängt. Zwangsläufig wird der so generierte Nachwuchs emotional vernachlässigt, während das ganze Konstrukt virtuell unter Emanzipation und Gleichberechtigung geführt wird.

Die Diskussion um einen menschenwürdigen Mindestlohn wird so verhalten wie ergebnislos geführt, obwohl der sowieso kaum höher als das Hartz-IV-Äquivalent von fünf Euro netto die Stunde läge. Der würde dann aber wenigstens von den Unternehmen und nicht vom Steuerzahler beglichen.

Gleichzeitig muss der Unterprivilegierte damit leben, dass der Etablierte ihn für einen Versager und Faulpelz hält. Das schafft Misstrauen und Konflikte auf beiden Seiten und letztlich eine zunehmende Individualisierung. Sinnvoll ist das weder für das Wohlbefinden in einem Lande noch für dessen Prosperität. Die Basis von allem ist nämlich die Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten, nennen wir es hier einmal die nationale Solidarität.

Diese Solidarität ist umso einfacher herzustellen, je übersichtlicher die Beziehungen sind. Deshalb wird es sie auch nicht EU-weit geben können, weil der Laden unabhängig von den kulturellen Unterschieden dafür entschieden zu groß ist. In meinem Buch „Chaos mit System" habe ich mehr zu diesem Thema unter dem Stichwort „Konzentrische Kreise der Kooperation“ geschrieben. Hier mag die Kurzform genügen: Man hilft lieber da, wo zu erwarten ist, dass diese Ehrenschuld einmal zurückerstattet wird.

Eine Gesellschaft ist solange gesund und erfolgreich, wie die Kräfte im Gleichgewicht sind. Die Sozialgesetzgebung und die Sicherungssysteme entstanden nicht nur aus dem Kampf der Unterdrückten und dem Mitleid der Humanisten, sondern auch und vielleicht letztendlich überhaupt nur, weil die Unternehmer erkannt hatten, wie wichtig dieses Gleichgewicht ist. Sie wussten oder ahnten: Leute, die Haus und Familie haben, arbeiten zuverlässiger. Leute in Sicherheit sorgen für eine bessere Erziehung des Nachwuchses und damit Qualität der Arbeitskräfte. Leute, denen vertraut wird, versuchen das Vertrauen zu rechtfertigen. Leute, die anständig behandelt werden, wollen sich revanchieren.

Ein Sozialstaat schafft ein Klima selbstbewusster Stärke. Bloß müssen dafür solche Zusammenhänge auch von jenen modernen Mächtigen erkannt und akzeptiert werden, die derzeit lieber auf Statistiken, Wirtschaftsexperten, lineare Computermodelle und ihre Mittelmeeryacht setzen als auf das kybernetische, den menschlichen Faktor berücksichtigende Denken ihrer Vorläufer.

1 Kommentar:

  1. Die betroffenen Menschen waren diesmal Polen und Spanier, und erst damit bekommt es eine politische Komponente außerhalb des blinden Flecks der täglich verschwiegenen Ausbeutung. Für deutsche Zeitarbeiter hätte es diese humanisitäre Betroffenheit nicht gegeben.

    so ist es leider. 9 euronen pro stunde sind für millionen deutsche inzwischen ein traumlohn. allerdings sind deutsche hungerlöhne für spanier oder polen auch ausserhalb deutschlands relevant und könnten ansehen und anziehungskraft in anderen ländern ernsthaft gefährden. und politik und journaille können sich publikumswirksam echauffieren, da ja innerdeutsche mißstände nicht so eigentlich zu vermelden sind.

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