Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 6. April 2013

Rosa-Zukunft

Angela Merkel hat sie nicht, denn sie muss in nächtelangen Sondersitzungen die Europäische, die Christlich-demokratische oder ihre persönliche Union retten. Günther Jauch hat sie nicht, denn er muss ununterbrochen die Intellektualität der Fernsehunterhaltung und nebenbei noch die Potsdamer Stadtlandschaft retten. Denis Scheck und Dieter Moor haben sie nicht, denn sie müssen die Kultur nach ihrem Gusto vor allen Missetätern retten. Konrad Kustos hat sie erst recht nicht, denn er muss wöchentlich die Welt ein bisschen vor dem Niedergang retten. Was mag dieses kostbare Gut sein, das uns allen fehlt? Es ist natürlich die Zeit, die umso flüchtiger wird, je mehr wir von ihr haben. Dass diese Knappheit an Zeit aber keineswegs eine Folge des Tuns notwendiger Dinge ist, sollte schon die anfängliche Aufzählung nachgewiesen haben, vielmehr handelt es sich um ein Strukturproblem der Niedergangsgesellschaft.

Natürlich ist es immer problematisch, meine Leser mit solchen eher abstrakten Themen zu konfrontieren, denn sie sind mehrheitlich ganz scharf darauf zu lesen, wie die EU in Grund und Boden geschrieben wird, oder wahlweise der Postkapitalismus oder die PoCo-Gesellschaft. Nicht zu oft möchten sie auf die theoretische Metaebene gezerrt werden, wo sich aber eigentlich die wirklich wichtigen, die strukturbestimmenden Dinge abspielen. Heute aber müssen sie aus gegebenem Anlass alle mal mit, denn Konrad Kustos hat spät, aber nicht zu spät Hartmut Rosa entdeckt.

Der Jenaer Soziologe hat, obwohl im linearen Wissenschaftsbetrieb tätig, eine so umfassende und kluge Theorie der Beschleunigung unserer Gesellschaft und deren fatale Folgen entwickelt, dass sie hier, wenn auch in eigentlich unzulässiger Kürze und Verschränktheit mit kustosschen Ideen, umgehend vorgestellt werden muss. Rosa hält sich nicht mit dem linearen Ansatz der Kollegen auf, nach dem fehlende Zeit nur mit falschem Zeitmanagement und fehlenden Prioritäten zu tun hat. Er denkt, möglicherweise ohne den Begriff so zu kennen, kybernetisch, also intuitiv, erfahrungsorientiert und themenübergreifend. Er begreift, dass Zeitwahrnehmung und Gestaltung keine individuellen Leistungen sind, sondern immer von kollektiven Erwartungen abhängen.

Seit dem 18. Jahrhundert, so legt er dar, vollziehe sich eine systematische Beschleunigung unserer gesellschaftlichen und individuellen Prozesse, die ursächlich mit der Steigerungslogik der modernen Gesellschaft verknüpft sind. „Die moderne Gesellschaft ist auf Horizontvergrößerung angelegt. Produktion und Konsumption steigern sich ständig. Wir haben die Güter, die Kontakte und Optionen vermehrt, aber die Zeit ist die gleiche geblieben: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.“

Wir können vieles haben und wollen deshalb möglichst alles und zwar gleichzeitig und sofort. Weil uns dazu aber die Zeit fehlt – und immer fehlen wird – rennen wir wie ein Hamster im Laufrad der Befriedigung und dem Kick hinterher. Rosa vergleicht das mit einer Sucht, und in der Tat sind wir längst kicksüchtig geworden. Wenn der Job uns nicht genug den Atem nimmt, oder gerade weil er dies tut, machen wir uns zum Sklaven des Konsums von Waren, von Freizeitbeschäftigungen, von Freundschaften und Erfolgserlebnissen sowie der permanenten Optimierung unserer Lebensqualität. Wir halten nicht inne, um die wahre Schönheit, den wahren Genuss, die wahre Befriedigung an uns heranzulassen. All dies muss man kommen lassen, denn wenn man dem hinterherrennt, reagiert es wie ein Reh auf der Waldlichtung.

Die Beschleunigung ist weniger eine Falle als ein Fakt. Die phantastische Menge der Möglichkeiten der Niedergangsgesellschaft überfordert den Menschen objektiv. Konrad Kustos beispielsweise würde sich jetzt gerne hinsetzen, und das gesamte Schaffen von Hartmut Rosa zur eigenen Erbauung und geistiger Reifung studieren. Doch der Mann hat mehr geschrieben als man mit oder ohne Beschleunigung lesen kann – und dann bliebe ja auch keine Zeit, für Euch diesen Blog zu schreiben. Also muss ich mit einem Versagen leben, und so geht es weiter mit vielem weiteren Versagen.

Der vormoderne Mensch war zufrieden in seiner Beschränktheit zu arbeiten und sonntags in der Kirche zu singen, bestenfalls mal mit der Nachbarin beim Maifest zu flirten, der moderne Mensch war auf der Suche, aber er hatte auch noch das Gefühl, zum Ziel kommen zu können. Der postmoderne Mensch leidet unter der Sinnlosigkeit der Beschleunigung, doch er kann und will auch nicht in die Beschränktheit zurück. So löst sich für Rosa der Fortschritt auf und mit ihm die Moderne. Geschichte verformt sich zu einer Dynamik ohne Richtung. Wir leben im Zeitalter des simultanen Nebeneinanders von Gegensätzen und Beliebigkeiten. Entsprechend entsteht ein neuer Menschentyp, der immer flexibel ist, damit er sich dem gerade Gültigen schnell anpassen kann.

Die unendlichen Möglichkeiten sind in Maßen genutzt ein Gewinn, aber wir haben das Maß verloren und verlieren uns weiter in der Maßlosigkeit. Das ist für Rosa keine zu verurteilende moralische Angelegenheit des Individuums, sondern er sieht uns alle als ein Opfer des Systems der Beschleunigung. Was möglich ist, wird hier auch versucht. Das exzessive Streben nach Höherem, habe uns die Aufklärung beschert, aber inzwischen gebe es eben unendlichfach mehr Möglichkeiten zu streben, als jemals Ziele zu erreichen. Das sieht Konrad Kustos im übrigen ein bisschen anders, denn nicht die Aufklärung, die diesen historischen Imperativ nur formuliert und beschleunigt hat, ist letztlich schuld, sondern die Evolution, die uns nicht in die Lage versetzt hat, mit dem Wachstum unserer Möglichkeiten mitzuwachsen.

In Unternehmensstrukturen kennt man das Phänomen schon länger als das Peter-Prinzip. Nach dem steigt jeder in der Hierarchie solange auf, bis er überfordert und damit in entscheidender Position inkompetent ist. In der rasend beschleunigten Gesellschaft beinhaltet die Jagd nach dem Kickpunkt so zwangsläufig das Scheitern, denn dieser Punkt ist mindestens so flüchtig wie die Schildkröte in Zenons Paradox. Wie der Hochspringer irgendwann die Latte reißen muss, so steht bei uns am Ende die Enttäuschung, die wir mit neuen Zielen zu kompensieren suchen, die uns dann lawinenartig nur noch mehr unter Druck setzen.

Wir quittieren das, indem wir noch heftiger gegen unsere Natur ankämpfen. Wir wollen immer informiert sein, wir wollen immer erreichbar sein und tun alles dafür, dass möglichst viele uns auch erreichen wollen. Kein Mensch hat vor wenigen Jahrzehnten so sehnsuchtsvoll auf das Telefon gestarrt, wie die Generation Klingelton auf ihre Handys heute. Überhaupt die Jugend: „Der Jugend fehlt in gewisser Weise die Phase der Entfremdung. Es ist die wichtige Phase, in der sie den Lebensentwurf ihrer Eltern infrage stellen. Auf diesem Weg erhält sich eine Gesellschaft ihre Dynamik. Wenn aber die Entfremdung nicht mehr stattfindet, weil die Jugend damit beschäftigt ist, im System mitzulaufen, untergräbt eine Gesellschaft ihre Dynamik.“

Einerseits wolle man dazugehören und dem Tempo folgen können, aber hinter dieser Hektik stehe auch die Angst, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden, mit sich selber klarzukommen. „Wir leben auf einer illusionären Oberfläche, unter der die Angst lauert, darunter könnte nichts Substanzielles sein. Es ist die Angst, sich selbst und seiner Endlichkeit ausgesetzt zu sein.“

Diese wiederum ist aber auch ein Motor der Beschleunigung, denn das Urtrauma der Moderne sei die Panik vor dem größten aller „Optionenvernichter“, dem Tod, und indem wir immer schneller Handeln, glauben wir, in der verfügbaren Lebenszeit mehr Leben unterzubringen. So versuche sich die Moderne einen säkularen Ewigkeitsersatz zu schaffen. Dies allerdings vergeblich, denn dieselbe Technik und Organisiertheit, die uns das Tempo ermöglicht, sorgt dafür, dass das Gefühl von Erfülltheit beständig abnimmt. Die Basis unseres Existenzgefühls formuliert Rosa daher so: ‚Ich habe ganz viel zu tun; ich kann nicht tun, was mir wichtig ist.’ Dabei drohten wir zu vergessen, was uns wirklich wichtig ist.

Rosa sieht allerdings im Gegensatz zu Konrad Kustos eine reale Hoffnung, die Strukturen beherrschen zu lernen. Wir müssten „Beschleunigungsoasen“ der Verweigerung errichten. Wir müssten neue Indikatoren für Lebensqualität entwickeln, merken, was uns wirklich gut tut, und wir müssten unser ökonomisches System umkrempeln, weil der bestehende Wettbewerbskapitalismus den Steigerungswahn geradezu immanent habe.

Im Kapitalismus greifen für Rosa der Wachstums- und der Beschleunigungszwang ineinander. Was in der Produktion immer schneller geht, muss im Konsum wieder umgesetzt werden. Weil aber der Bedarf weitgehend gedeckt und der Markt gesättigt ist, dreht die Produktion leer und wird zum Selbstzweck. Da hilft es dem System, dass wir schon gar nicht mehr konsumieren, sondern nur noch kaufen als Vorgriff auf das ersehnte Konsumptionsgefühl, für das wir dann nicht mehr die Zeit haben.

Und dann wird Rosa noch richtig politisch und politisch richtig: „Lange Zeit bildete der ‚langsame’ Nationalstaat das stabile Flussbett, um den reißenden Strom der Beschleunigung zu kanalisieren und zu bändigen – seine Statik war paradoxerweise die Bedingung für das Dynamische.“ Den stabilisierenden Nationalstaat hat ja nun die Globalisierung erfolgreich zersägt. Deshalb haben wohl auch die derzeit Mächtigen nicht wirklich auf Rosas Umgestaltungsvorschläge des Kapitalismus gewartet. Und deshalb kommt der Philosoph dann doch noch zu einem ähnlich düsteren Fazit wie Konrad Kustos: „Man kann die Entwicklung wie ein Krebsgeschwür betrachten, das wuchert, bis sein Träger tot ist.“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen