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Samstag, 11. Mai 2013

Arbeitende Arme - Arme Arbeitende

Die Grünen, die mit ihrem Kumpel Gerhard Schröder einst die Minijobs eingeführt haben, wollen diese nun auf 100 Euro im Monat begrenzen. Nach der Logik des Systems müssen dann demnächst wohl die „kurzfristig Beschäftigten“, wie sie offiziell heißen, für ein Viertel des bisherigen Stundenlohns arbeiten. Okay, das ist Sarkasmus, aber der ist auch angebracht, angesichts der Tatsache, dass mit den Minijobs ein zweiter Arbeitsmarkt entstanden ist, der keineswegs wie behauptet, die Brücke zur Vollbeschäftigung schließen hilft, sondern basierend auf wirtschaftlicher Not, ein Heer von rund sieben Millionen Menschen mit Minilöhnen und maximaler Verfügbarkeit ermöglicht hat.

Für einige, etwa nebenbei jobbende Studenten oder Lebenskünstler, sind 450 abgabenfreie Euro im Monat sogar eine feine Sache, doch entscheidend sind die gesellschaftlichen Strukturen: Was damit bezweckt werden soll, warum das überhaupt funktioniert, und was es für die Betroffenen bedeutet. Der Zweck, der die Mittel heiligt, ist relativ klar und schon oben sowie kürzlich im Post zur Leiharbeit angesprochen: jederzeit verfügbare Arbeitskraft bereitzustellen, die möglichst wenig sozial und finanziell geschützt ist, sowie grundsätzlich soziale Regelsysteme außer Kraft zu setzen.

Es funktioniert, weil der Niedergang den Menschen individualisiert hat und dieser sich deshalb als Individuum machtlos gegenüber dem System fühlt; es funktioniert, weil dieses Individuum auch tatsächlich machtlos ist, denn Globalisierung und technische Entwicklung machen ihn schnell ersetzbar; und es funktioniert, weil der Mensch durch den Niedergang programmiert ist auf Lebenslust, Feiern und Belanglosigkeit und deshalb gar keine Synapsen mehr frei hat für nachhaltige Strategien wie den Widerstand gegen ihm abträgliche Lebenssituationen. Der letzte ihm verbliebene Widerstand ist Verweigerung und Kündigung und dadurch gegebenenfalls die Verhartzung, die Verelendung oder der Gang in die Illegalität (Schwarzarbeit oder mehr).

Hart ist dieses System aber besonders für diejenigen unter den so Ausgegrenzten, die ihr Leben weiter gestalten wollen, die durch Arbeit, Initiative und Moral am Gemeinwesen teilhaben wollen. In der Berliner Morgenpost fand sich kürzlich eine berührende Reportage, wie der Arbeitstag des Minijobbers Bauer sich so gestaltet.

Dieser Herr Bauer ist 60 Jahre alt und trägt morgens von 3-6 Uhr Zeitungen aus. Nachmittags tritt er seinen Hauptberuf als Wachmann an, für sieben Euro die Stunde Tariflohn. Bei 50 Stunden die Woche kommt er so monatlich auf 1400 Euro brutto. Deshalb hat er den Minijob davorgeschaltet, der bringt 250 Euro im Monat extra, was einem Stundenlohn von rund vier Euro entspricht.

Bei rund zwölf Stunden Arbeit am Tag bleibt keine Zeit für Dusche und Frühstück. Wenn der 60-Jährige rennt, schafft er mehr Zeitungen, also rennt er. Er ist erstaunlich fit, wenn man bedenkt, dass er zwischen seinem Arbeitsschluss als Wachmann und dem Minijob knapp drei Stunden Nachtruhe hatte.

Bauer hat einen kleinen Holzengel im Auto hängen als Glücksbringer aus der Zeit, in der er mit einem eigenen Papeterie-Laden sein Glück in der Selbständigkeit suchte und pleite ging. Das Auto braucht dringend Reparaturen, aber dafür reicht das Geld nicht. Deshalb wohl der Glücksbringer.

Die meisten von Bauers Kollegen sind Rentner, die etwas zu ihren Altersbezügen dazuverdienen müssen. Er selbst hat sich sein Leben auch anders vorgestellt, aber er verdrängt die Tristesse der Gegenwart. Eigentlich hatte er im Osten Schlosser gelernt, und später noch Groß- und Außenhandelskaufmann. Fachkräfte werden gesucht, lautet die offizielle Propaganda, doch Bauer muss seine Kenntnisse nun in die Hilfsarbeiten als Wachmann und als Zeitungsjunge einbringen. Seine Frau, gelernte Reisebüro- und Bankkauffrau, minijobt ab und zu als Verkäuferin.

Ist das noch lebenswert? Welche Alternativen haben die Bauers? Wie geht es weiter, wenn Bauer seinen ehrlich „verdienten“ Herzinfarkt hat? Fragen, die mit der Logik der Agenda 2010 oder überhaupt in der Politik unseres Landes vernachlässigbar geworden sind. Das System läuft auf Pump, auch in Bezug auf die körperlichen und seelischen Möglichkeiten der Bürger. Kybernetisch könnte man jetzt zwar spekulieren, dass die Menschen sich im Zeitalter des Niedergangs auch selbst ruinieren würden, wenn es nicht andere für sie täten, doch klammern wir das mal für einen anderen Post aus.

Festzuhalten ist, dass schon 7,4 Millionen Menschen in Deutschland minijobben, davon 2,6 Millionen zusätzlich zu einem Hauptberuf. Der Trend zum amerikanischen Modell der „Working Poor“ ist offensichtlich. Die Minijobs sind in diesem Ausmaß überhaupt nur möglich, weil viele Hauptbeschäftigungen nicht mehr ermöglichen, den Lebensunterhalt zu decken. Fast jeder Vierte in Deutschland arbeitet laut Nationaler Armutskonferenz inzwischen zu einem Niedriglohn, 1,4 Millionen sogar für weniger als fünf Euro in der Stunde.

Minijobs sind aber auch eine Tarnkappe für den Zustand des Systems. Sie entlasten das Arbeitsamt finanziell und vor allem die Arbeitslosenstatistik (im Falle von mehr als 15 Stunden Arbeit wöchentlich). Nach dem Muster fallen übrigens auch Arbeitslose über 58 Jahre, Arbeitslosengeldbezieher, Ein-Euro-Jobber, Schulungsteilnehmer, Kranke sowie durch Agenturmittel in einen Job Hineingekaufte aus der Statistik. „Stille Reserve“ nennt sich das, was damit stillschweigend an der Wirklichkeit vorbeigerechnet wird.

So wird die Arbeitslosigkeit minimiert, indem entweder ganze Bevölkerungsgruppen aus der Rechnung entfernt oder arbeitgeberfreundlich und aus dem Volksvermögen finanziert mit Arbeit versehen werden. Mit einem freien Spiel der Kräfte, für das der gesunde Kapitalismus einmal stand, hat das nichts mehr zu tun.

Damals wie heute ist Arbeitslosigkeit allerdings systemgewollt. Die Methoden, dies zu erreichen, sind vielfältig. Beispielsweise müssen die Privilegierten mit Vollzeitjob länger als bisher arbeiten, ausländische Arbeitskräfte werden importiert, die Geburtenrate wird stimuliert und mit Minijobs eben wird entrechtete Arbeitskraft generiert. Hauptsache, keine regulären Arbeitsplätze mit den entsprechenden sozialen Kosten und Verpflichtungen schaffen.

Gestrickt wird so die offizielle Lesart, dass der Arbeitsmarkt super ist, nur die Arbeiter eben scheiße sind. Auf den Nachdenkseiten heißt das in einem informativen Text: „Man tat so, als habe man ein Vermittlungsproblem und kein Arbeitsmarktproblem, und man beschloss tatsächlich, die Arbeitslosen – Opfer der Entwicklung – stärker zu drangsalieren. Das war wissenschaftlich begründet, so dass niemand ein schlechtes Gewissen haben musste.“

Fakt ist aber, dass die europäisierte Arbeitslosigkeit trotz aller Rechenkünste (nach ILO-Werten fällt auch noch jeder aus der Statistik, der innerhalb zweier Wochen mal eine Stunde gearbeitet hat) jährlich in zweistelligen Prozentzahlen wächst. Das bedeutet derzeit ca. 26 Millionen Arbeitslose EU-weit, wobei pikanterweise die Euro-EU-Länder schlechtere Quoten haben als die restlichen. Aber das liegt, wie in den Mainstreammedien kolportiert, natürlich an der „Schuldenkrise“, als wenn es ohne die Schuldenmacherei nicht längst eine weitaus schlimmere reale, ungefälschte, ja desaströse Arbeitslosigkeit gäbe.

Die, die unsere virtuelle Weltwahrnehmung formen, haben auch dafür ihre Tricks: Im Armutsbericht der Bundesregierung wurde die dort eigentlich bilanzierte Verschlechterung der Situation werktätiger Menschen vor der Veröffentlichung auf politisches Geheiß kurzerhand korrigiert. Nun heißt es systemkonform, dass sinkende Reallöhne „Ausdruck struktureller Verbesserungen" am Arbeitsmarkt seien. Schließlich hätten Erwerbslose durch die Schaffung neuer Vollzeitjobs im unteren Lohnbereich eine Arbeit bekommen. In Kurzform: Operation gelungen, Patient tot.

Kommentare:

  1. Egal, von welcher Seite das Thema Arbeit - Hartz IV - Armut etc. thematisiert wird, wird die eigentliche Ursache für die zunehmende Verarmung der Bevölkerung außen vor gelassen.

    1. Wenn ein Arbeitnehmer heute 2000,- Euro netto verdienen möchte, muß sein Arbeitgeber ca. 4500,- Euro bezahlen. Das auf dem Lohnzettel ausgewiesene Bruttoeinkommen stellt eine glatte Lüge dar, um den Arbeitnehmern nicht das wahre Ausmaß der ganzen Zwangsabgaben offenzulegen. Also gehen schon an dieser Stelle mehr als die Hälfte an den Staat bzw. an staatliche Institutionen. Und dann stehen noch die ganzen anderen Steuern an wie Mehrwert, Mineralöl etc.
    Resultat dieser Abgabenhöhe ist die Staatsquote, die bei uns mittlerweile die 50% Marke überschritten hat. Und genau diese Staatsquote läßt die Menschen verarmen, erstickt jede Leistungsbereitschaft und wird das ganze System kollabieren lassen. In Frankreich werden wir in den nächsten Monaten beobachten können, wie das geht, denn dort ist die Staatsquote noch deutlich höher als bei uns.

    2. Der vielgepriesene Mindestlohn hilft niemandem, am allerwenigstens den Arbeitnehmern, denn wenn ein Arbeitsplatz unbezahlbar für den Arbeitgeber wird, muß er ihn streichen.

    3. Wir geben heute gigantische Summen für Soziales aus. Von diesem Geld erreicht jedoch nur ein kleiner Teil die Bedüftigen. Der Rest versickert in der Sozialindustrie und der Verwaltung. Aus der Gesamtsumme ließe sich ein vergleichsweise üppiges Bürgergeld finanzieren.

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  2. Es gibt eine Apartheid in Deutschland meine Meinung im blog :
    http://my.opera.com/almistgenervt/blog/2013/05/12/es-gibt-eine-apartheid-in-deutschland
    @ Seneca ich vermute Eine FDP Nähe, oder Mitgliedschaft. Es stimmt leider, was Sie sagen, Fakt ist aber, es gibt Wohlstand in Deutschland. Und wie soll denen, die ein unwürdiges Leben fristen, eine Verbesserung erfahren, wenn nicht über Steuern.
    Eigentlich versagt, nach dem Sozialismus, nun auch der Kapitalismus.

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    1. In unserem Land ist genug für alle da, auch mit einem fairen Steuersystem, das Leistung nicht bestraft. Das Wirtschaftssystem funktioniert aber zunehmend ineffektiv,ungerecht und zerstörerisch. Leistung muss ermöglicht und gerecht bezahlt werden und die vorhandenen Steuermittel dürfen nicht so einseitig kanalisiert werden. Dann reichte das derzeitige Steueraufkommen auch aus, den Laden in Schwung zu halten.

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