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Samstag, 15. Juni 2013

Armes Deutschland

Die gute Nachricht ist: Nur 5% der Deutschen fühlen sich laut einer EU-Studie arm. Die schlechte Nachricht lautet: 20% sind es. Nun gibt es Armutsdefinitionen reichlich, doch nach den Kriterien der EU bedeutet es, dass in Deutschland bei rund 16 Millionen Menschen „erhebliche materielle Entbehrungen" oder eine „sehr geringe Erwerbsbeteiligung", also Geldmangel, vorliegen. In der Zahl enthalten sind von Armut Bedrohte, deren Einkommen unter 952 Euro monatlich liegt – das sind allein 15,8% der Bürger eines immernoch reichen Landes. Auffällig auch, dass es Jüngeren eher schlechter geht, was sowohl eine Aussage über einen nach unten gerichteten sozialen Vektor ist als auch eine über den Sinn der Geburtenbeförderungspolitik. Fakt ist, dass Armut nicht nur ein Problem für die Menschen mit Arschkarte ist, sondern durch ihre Auswirkungen und besonders durch die Umstände, die sie möglich gemacht haben, ein Alarmsignal für das ganze Gemeinwesen.

Wenn es den Jüngeren besser geht, heißt das noch nicht, dass es den Älteren gut geht. Die gut 1,6 Millionen Rentner mit Erwerbsminderung sind nach einer Studie der Deutschen Rentenversicherung überdurchschnittlich stark von Armut bedroht. Danach sind 37% der Personen, die in Haushalten von Erwerbsminderungsrentnern leben, von Armut gefährdet. Bei den „normalen“ Renten haben laut Alterssicherungsbericht 1,8 Millionen Geringverdiener wenig Chancen, eine Rente über Sozialhilfeniveau zu erwerben. 48% der deutschen Rentner erhalten weniger als 700 Euro und sind damit ein Fall für Hartz IV, falls sie nicht anderweitig vorgesorgt haben. 812.000 Menschen über 65 Jahre sind derzeit Minijobber, bei den älter als 74-Jährigen wurden noch 128.000 gezählt - Tendenz stark steigend.

Dieser Betroffenenkreis wird schon deshalb weiter wachsen, weil im Jahr 2030 der Durchschnittsverdiener wird über 32 Jahre lang Beiträge eingezahlt haben müssen, um überhaupt das Niveau der Grundsicherung zu überschreiten, so ein Gutachten der Hans-Böckler-Stiftung. Schon jetzt hat die Zahl der Grundsicherungsempfänger bei einer Steigerung zum Vorjahr von 5,9% einen neuen Höchststand erreicht. Rund 844.000 Menschen in Deutschland waren 2011 auf diese Hilfe vom Staat angewiesen. Doch 382 Euro im Monat für Leute, die möglicherweise jahrzehntelang ihr Bestes gegeben haben, sind in einem entwickelten Land nicht hinnehmbar.

Weil das für dieses Land peinlich ist, hat die Bundesregierung im Zuge der Virtualisierung der Gesellschaft und auf Drängen interessierter Kreise auch gleich ihren eigenen Armutsbericht gefälscht. So fehlt nun die ursprüngliche Aussage „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt" in der Einleitung des Regierungsdokuments. Entfernt wurden auch kritische Aussagen zur Lohnentwicklung, etwa: „Die Einkommensspreizung hat zugenommen", was „das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung" verletze. Besonders zynisch die Korrektur von: „Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken“ zu der Aussage, dass sinkende Reallöhne „Ausdruck struktureller Verbesserungen" am Arbeitsmarkt seien. Wir hatten das vor einiger Zeit schon thematisiert.

Natürlich sind 382 Euro plus Wohngeld im Verhältnis zum Einkommen des vielbesungenen Reisbauern in Indien viel Geld, aber Deutschland ist eben auch immernoch ein reiches Land. Ein relativ starkes soziales Netz ist hier möglich, und, wie gleich noch gezeigt werden wird, auch nötig. Wenn wir hier über Armut nachdenken und ausnahmsweise auch mal die Moral ins Spiel bringen dürfen, muss das Einkommen der Ärmsten auch irgendwie mit dem des Durchschnitts und vor allem dem der Reichen in einen angemessenen Zusammenhang stehen, wenn die Gesellschaft im Gleichgewicht funktionieren soll. Auch hier ist der Vektor interessant, denn solange Konzerngewinne steigen und die Armut nicht ab- oder gar zunimmt, findet eine nicht hinnehmbare Umverteilung statt.

Angesichts dieser Umverteilung ist es ein unglaublicher Euphemismus, bei der Alimentierung der Armen von „Transferleistungen“ zu sprechen. In der protestantischen Denkweise, die besonders das amerikanische System stützt, ist, wer arm ist, eben selber schuld. Dabei ist diese christliche Schuldvermutung, die auch unsere Rechtsprechung auf ein totes Gleis geführt hat, völlig irrelevant, solange kein funktionsfähiges Schuldmessgerät zur Verfügung steht (danach übrigens auch, siehe dazu mein Buch "Chaos mit System"). Wer ist denn eigentlich „schuld“? Der, der in Armut und gegebenenfalls Dummheit hineingeboren wird? Der, der nicht gelernt hat, sich zu verkaufen? Der, der Opfer einer verfehlten Integrationspolitik geworden ist? Solche Fragen führen ins philosophische Nirgendwo.

Das Sozialwesen muss die Schwachen also in gewissen Maßen stützen, obwohl das natürlich unvermeidlich auch potentielle Nassauer zum nassauern animiert oder solche gar erst hervorbringt. Schon zu Urzeiten wurden die Schwachen und Alten vom Stamm trotz ihrer scheinbaren Nutzlosigkeit mitgeschleppt. Die kollektive Weisheit des Stammes, also seine Zivilisiertheit, wusste es meistens besser, sie erkannte den Überlebensvorteil, den auch die Schwachen für das Gemeinwesen bedeuten.

Umgekehrt kann man heute davon ausgehen, dass diejenigen, die in verschuldeter oder unverschuldeter Armut gehalten werden, ein negatives Potential für die Gemeinschaft bedeuten. Kriminalität, Aggression und Aufruhr sind mögliche, Fatalismus, Verweigerung und Destruktivität sichere Folgen. Über das individuelle Schicksal hinaus entstehen so sich aufschaukelnde, negative gesellschaftliche Strömungen mit Auswirkungen auf Produktivität und Lebensqualität. Eine Gesellschaft, die ihre Schwachen ignoriert, kann nicht stark sein.

Kommentare:

  1. Besonders bedrückend finde ich, dass die objektiv vorhandene Armut von vielen Betroffenen den Zahlen nach (5% zu 20%) nicht mehr wahrgenommen wird. Offensichtlich funktioniert die Brot-und-Spiele-Maschinerie weiter wie geschmiert, hauptsache der Fernseher liefert bunte Bilder.

    Die immer noch recht gedämpfte öffentliche Wahrnehmung der sozialen Ungleichheit liegt aber auch sicher daran, dass diejenige Partei, die am deutlichsten gegen diese kämpft, die Linke, historisch völlig diskreditiert ist.

    Diejenigen, die es schaffen, eine zumindest hierzulande unbelastete und einfach verständliche Ideologie mit der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit zu verbinden, sind langfristig unschlagbar. Allah sei mit uns... wobei mir der "Marsianismus ohne Marsianer" nach Kurd Laßwitz deutlich lieber wäre.

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  2. Werter dingodog,

    bei aller geforderten Höflichkeit, aber sind Sie von allen guten Geistern verlassen, dass Sie auf die Idee kommen, noch mehr soziale Gerechtigkeit zu fordern. Wieviel denn noch, um Himmels Willen. Haben Sie denn noch immer nicht verstanden, dass "Soziale Gerechtigkeit" ein dummes Füllwort ist, dessen sich Alle bedienen und unter dem jeder etwas Anderes versteht. Mehr soziale Gerechtigkeit wird nichts, aber auch gar nichts bringen. Wer Armut subventioniert, der bekommt mehr davon. Ist das wirtschaftliche Denken Ihnen schon so fremd, dass Sie nicht einmal mehr diese einfachen Zusammenhänge verstehen?

    Wenn Sie schon auf die Barrikaden wollen, dann kämpfen Sie gegen den Euro oder die irrwitzigen EU-Subventionen. Dort wird mehr Geld verballert als für Ihre sog. "sozgerechtigkeit" nötig wäre.

    Hoffnungsvoll, Ihr

    Christopher Beyer

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  3. Werter Herr Beyer,

    es ist mir nicht bewußt, das ich in meinem Kommentar "mehr soziale Gerechtigkeit" fordere. Ich weise nur auf die unbesetzte Lücke im aktuellen Politikspektrum hin, die mit dieser Forderung in Verbindung mit irgendeiner Ideologie erfolgreich gefüllt werden könnte. Je größer die Lücke, desto extremer die Ideologie, die sie füllen wird. Südeuropa ist da mittelfristig ein spannendes Experiment.

    Allerdings würde ich unabhängig von meinem Kommentar durchaus die Forderung nach einer bestimmten Art von sozialen Gerechtigkeit unterschreiben. Die Lage von Menschen, die für 5 Euro die Stunde arbeiten, und eine Rente unter Hartz-4-Niveau erwarten, ist sicher nicht "sozial gerecht". Und dadurch, dass deren Lohnniveau noch weiter gedrückt wird, wird die Wirtschaft auch nicht wirklich erfolgreich. Das sage ich als jemand, der neben dem Angestelltendasein noch zwei profitable Kleinunternehmen führt - das zum Thema wirtschaftliches Denken.

    In den 70er Jahren habe ich in der Schule gelernt, dass es in Deutschland (West) keine Klassen mehr gibt, sondern nur noch offene Schichten. Inzwischen weiss ich, das das eine Lüge war, und dass die unteren Klassen einfach durch Brot und Spiele von ihrer Lage abgelenkt werden. Die oberen Klassen in Politik und Wirtschaft grenzen sich gut nach unten hin ab, zwar nicht mehr absolut durch Geld & Adel, aber durch Habitus, Denkweise und durchaus durch Geschlecht & äußere Merkmale. Soziale Gerechtigkeit ist für mich, diese Strukturen aufzubrechen und zu öffnen, auf jeder Ebene. Überraschenderweise sind die USA da weiter als wir.

    Beste Grüße vom Rande des Outbacks,

    Dingodog

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