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Samstag, 22. Juni 2013

Die Arroganz der Intendanz

"Lächeln für den Niedergang"
Die gute Nachricht ist: Tom Buhrow moderiert nicht mehr die Tagesthemen. Die schlechte: Er ist jetzt Intendant des WDR. In der vergangenen Woche nahm er Abschied vom Bildschirm und muss nun nicht mehr sein eigenes Gesicht zeigen, wenn es um schlechten Journalismus geht. Stattdessen, wie es der Niedergang von ihm verlangt, ist er nun in höchster Position für diesen schlechten Journalismus verantwortlich. Eben noch dafür zuständig, die Probleme der Welt virtuell wegzulächeln, verfügt er nun über den größten und mächtigsten Sender der ARD mit einem Jahresetat von 1,4 Milliarden Euro. Bei einer solchen Ausgangspositionen ahnt man schon kybernetisch, dass diese Fehlbesetzung kein Fehler ist, sondern „Chaos mit System“.

Fehlbesetzt war Buhrow schon als Moderator, worüber hier schon ausführlich referiert wurde. Mit seinem Schwiegersohnlächeln gelang es ihm, die schlimmsten Katastrophen ins Familientaugliche zu konvertieren, aufkeimende Kritik an politischen Selbstdarstellern mit einem jovialen Nicken zu beschwichtigen. Er war die fleischgewordene Abkehr vom kritischen Journalismus, von wertungsfreier Berichterstattung und vom demokratischen Selbstbewusstsein der vierten Gewalt.

Wie man hört, hat er sich nach dem Posten nicht gedrängt. Das passt, denn diejenigen, die an den Fäden ziehen, können einen Strohmann ohne Führungserfahrung gut brauchen. Und er kann den Job gut brauchen, wo wir doch wissen, dass seine Vorgängerin Monika Piel pro Jahr mehr als 53.000 Euro verdient hat und der Wert ihrer Altersversorgung mit 2,14 Millionen Euro beziffert wird.

Dabei ist bei seiner Bestallung vom Gärtner zum Bock alles niedergangsmäßig korrekt vorgegangen: 41 von 47 Stimmberechtigten votierten für ihn. Da wir uns die Interessenorientierung in diesem Gremium gut vorstellen können, war das ungefähr so demokratisch, wie wenn Architekten in den Jurys von Architekturwettbewerben über die Architekten bestimmen, die unsere gebaute Umwelt noch ein bisschen hässlicher machen dürfen. Letztlich ist das auch so demokratisch, wie wenn Erich Honecker einstimmig zum Generalsekretär gewählt wurde. Kein Wunder, dass die Unterschiede zwischen Tagesschau und Aktueller Kamera jenseits ihrer politischen Polarität kaum noch bemerkenswert sind.

Buhrow hat also keine Ahnung von seinem neuen Job, aber er hat als Korrespondent in Amerika sein berühmtes Servicelächeln und die entsprechende Systemkonformität erworben. Natürlich will er nun ein „Intendant zum Anfassen“ sein und fordert „Mut zu Experimenten“. Er scheut sich nicht einmal zu sagen „Ich liebe den WDR“. Kann man eine Rundfunkanstalt lieben? Und was sagt seine Ehefrau dazu?

Doch die geliebte Anstalt schreibt derzeit rote Zahlen. Deshalb ist der ehemalige News-Showmaster in Wirklichkeit dazu da, nun auch im öffentlich-rechtlichen System die Strukturen des Postkapitalismus einzuführen - Strukturen wie sie die restliche Medienlandschaft schon vollzogen hat. Kurz gesagt: weniger Mitarbeiter, weniger hohe Gehälter, weniger Information, dafür mehr Show, Unterhaltung und verordnete Meinung.

Ein windschnittiger Mann wie er mag auch dafür vorgesehen sein, der verstörten Öffentlichkeit zu erklären, warum das neue Rundfunkbeitragsgesetz den öffentlich-rechtlichen Anstalten noch mehr Geld zukommen lässt, obwohl diese seit vielen Jahren kaum etwas anderes tun, als die privaten Sender aufs peinlichste zu kopieren. Werbende Spielfilmeinblendungen, hysterische Trailer, Gewinnspiele zur Produktwerbung und ein durch Volksmusik schlecht kompensierter Jugendwahn; die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

Ruth Hieronymi, die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats, bestätigte diese Mutmaßungen zur Funktion des neuen Intendanten gleich nach der Wahl Buhrows: „Die anstehenden programmlichen und finanziellen Herausforderungen erfordern eine zukunftsorientierte Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und eine hohe Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft nach innen und außen.“ Will sagen: Nach innen braucht man einen Hampelmann und nach außen einen Grüßaugust.
Kritiker aus dem WDR-Umfeld bezeichnen den Neuen als Laiendarsteller, der keine Führungskompetenz habe. Selbst seine praktischen Erfahrungen werden als eingeschränkt betrachtet, denn er hat ausschließlich Fernsehen gemacht und das auch noch ausschließlich in der aktuellen Berichterstattung. Doch so ist es ja in der freien Wirtschaft auch: Der Lenkwaffen-Manager geht zur Unterhosenfirma, der Würstchenfabrikant zu Microsoft. Ihre Qualitäten haben nicht auf der Ebene der Konstruktivität zu liegen, sondern auf der der Selbstdarstellung und des Wegbeißens von Konkurrenten. Das Interessanteste an all dem ist das Phänomen, das ich in meinem Buch mit dem Begriff Paul-Prinzip zu beschreiben versucht habe: Die Funktionäre des Niedergangs steigen nicht mehr wie früher nach dem Peter-Prinzip bis in eine Position, in der sie inkompetent sind, sondern sie steigen überhaupt nur, wenn sie von Anfang an in Bezug auf ihre formalen Aufgaben inkompetent sind.

Dies ist eben die neue Äußerlichkeit, und das ist nur konsequent in der virtuellen Gesellschaft. Sonst könnte man ja auf die Idee kommen, nach Möglichkeiten zu suchen, Probleme zu lösen, statt sie wegzulächeln, wegzulügen oder zu verschweigen. Doch das ist mega-out. Ein viel genanntes Argument allerdings, das Buhrows Medienkompetenz und seine zugreifende Art dann doch noch beweist, wurde bisher hier unterschlagen: Er ist glühender Tatort-Fan.

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