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Montag, 10. Juni 2013

Neu Nach-Gedacht: Fukushima

Das war ja eine heftige Reaktion auf mein kürzliches Nach-Gedacht zu den ausbleibenden Fukushima-Toten. In den Kommentaren sind die Meinungsgegensätze ebenso gut abgebildet wie die unterschiedlichen Differenzierungsniveaus der einzelnen. Da hilft jetzt kein Nachkarten, aber die Frage bleibt, warum bei manchen Themen manche Leute so fest glauben, ohne zu wissen warum. Einem famosen Hinweis von Frank nachgehend möchte ich daher beispielhaft an der Position des IPPNW versuchen zu zeigen, wie Manipulation an der Grenze zur Gehirnwäsche funktioniert.

Die IPPNW begann als Organisation von „Ärzten gegen den Atomkrieg“. Wegen des Ausbleibens eines solchen erweiterte sie ihr Zuständigkeitsspektrum, erhielt 1985 den Friedensnobelpreis und fühlt sich nun zuständig für alles, was in ihrer selbstgewählten sozialen Verantwortung liegt oder zu liegen scheint. Mit rund 8000 Mitgliedern allein in Deutschland ist sie hierzulande die größte Friedensorganisation. Am 6. März, also nicht lange vor der Veröffentlichung der UN-Studie, nach der es in Fukushima weder Tote noch Verletzte aufgrund von Strahlenbelastungen gegeben habe, legten sie ein sechsundzwanzigseitiges faktenreiches Papier vor, das zu ganz anderen Ergebnissen kam.

Außerordentlich detailliert (teilweise gibt es Werte aus unterschiedlichen Hochhausgeschossen) werden radioaktive Belastungen in Japan nach der Reaktorkatastrophe aufgelistet, die wir nicht prüfen können, aber hier einmal als korrekt voraussetzen wollen. Doch schon hier beginnt unter dem Mantel strenger Wissenschaftlichkeit die Unseriosität. Seitenweise regionale Strahlenbelastungen und Grenzwerte aneinanderzureihen, aus denen dann gesundheitliche Folgen hochgerechnet werden, ist natürlich problematisch, denn Grenzwerte werden immer bewusst niedrig angesetzt, um Folgen zu vermeiden. Sie sind nur ein Anhaltspunkt, und deshalb ist an Grenzwerten noch nie jemand erkrankt. Durch die schiere Fülle wird aber Glaubwürdigkeit und Informiertheit suggeriert, ohne dass inhaltlich über bloße Behauptung hinausgegangen wird.

Nicht an einer Stelle des Papiers werden reale Erkrankungen oder gar Todesfälle benannt, dennoch liest es sich wie die Beschreibung des Weltuntergangs. Als ernsthafteste Folge wird tatsächlich eine Abnahme der Lebendgeburten in ganz Japan konstatiert (4362), ohne die normale statistische Schwankungsbreite darzuzustellen. Tatsächlich lag die Geburtenrate bei 7,31 und folgte damit linear dem sanften Fall der vorangegangenen Jahre. Interessanterweise, und von der IPPNW bewusst verschwiegen, stieg sie schon 2012 auf sensationelle 8,39 und damit auf einen Wert, der seit 2006 nicht mehr erreicht wurde. Müssen wir nun vermuten, dass die anhaltende Strahlung die Fertilität befördert hat?

Und weiter geht der Missbrauch der Statistik in dem Anti-Atom-Papier. Um ganze 75 Menschen sei in Japan die Säuglingssterblichkeit gestiegen, da brauche ich nicht nachzuschlagen, um zu wissen, dass ein solcher Wert keine statistische Relevanz hat. Dann werden Schilddrüsenzysten bei Kindern aufgeführt, natürlich ebenfalls ohne Vergleichswerte anderer Jahre oder anderer Regionen Japans und ohne nachweisen zu können, dass damit überhaupt eine relevante gesundheitliche Beeinträchtigung einhergeht.

Und dann ist schon Schluss mit „Fakten“ und es geht weiter mit „erwarteten“, also beliebig fantasierbaren Horrorzahlen, die sich natürlich beeindruckend lesen. Selbstverständlich stammen diese „Erwartungen“ nicht von unabhängigen Wissenschaftlern, sondern von IPPNW-eigenen oder assoziierten „Experten“.

Weiter wird auf die manipulative Kraft der Zahlen gesetzt. Wenn etwas mehr als 18.000 Arbeiter im Kraftwerk eingesetzt waren, wird hochgerechnet, dass 17.000 von denen an Krebs erkranken werden. Dabei sind bisher nicht einmal bei den Rettungskräften, die teilweise in Straßenkleidung in die radioaktive Brühe gejagt wurden, irgendwelche Schäden bekanntgeworden. Auf diese Zahlen kommt man, weil schlichtweg die radioaktive Belastung mit der von Tschernobyl gleichgesetzt wird, obwohl, wie wir von Frank dankenswerterweise wissen, dort wesentlich gefährlicheres spaltbares Material eingesetzt wurde und deshalb die Katastrophe auch in Zehnerpotenzen schlimmer war.

In Tabelle 12 spricht die Überschrift noch von den schon bekannten „zu erwartenden Krebserkrankungen“ aufgrund von Nahrungsmitteln. In der Tabelle ist dann aber plötzlich schon von „Inzidenz“ die Rede, also einer tatsächlichen Zahl der Neuerkrankungen. 4809 sollen das in der Fukushima-Region sein, 37.266 in ganz Japan. Dass das eine blanke Lüge ist, sieht man schon daran, dass die Untersuchung nicht gleich mit einer solchen dramatischen Zahl beginnt. Interessant auch, wie scheinbar präzise auf den Einzelfall genau die Zahlen zu sein behaupten. Man fragt sich geradezu, warum nicht mit Toten nach dem Komma gerechnet wird. Fakt ist, dass jede einigermaßen seriöse Studie bei so groben Schätzungen immer mit Cirka-Zahlen arbeiten würde.

Es fällt schwer zu glauben, dass die Leute von der IPPNW einfach nur so dumm oder so borniert sind. Die Manipulationsabsicht ist offensichtlich. Aber warum? Das alles geschieht natürlich, wie so oft, zu einem „guten Zweck“ und angeblich im Interesse der Menschen, die nicht gefragt werden, ob sie getäuscht werden wollen. Man glaubt, mit hemmungsloser Übertreibung die Gesellschaft einschüchtern zu können und damit die Verwendung der Atomkraft zu reduzieren. Meine schlichte Erfahrung ist, dass nur die Wahrheit nachhaltig positive Entwicklungen befördern kann. Die Lüge mag kurzfristig Dinge befördern, mittelfristig wird die Lüge erkannt, und der Warner hat dann seine Glaubwürdigkeit verloren, selbst wenn er wirkliche Gefahren anspricht. Lügen sind inflationär, erst recht die inflationär eingesetzten.

„Ärzte in sozialer Verantwortung“ nennt sich diese Gutmenschentruppe, obwohl sie den Respekt vor ihren Adressaten längst verloren hat. Konrad Kustos würden im übrigen viele Dinge einfallen, die Ärzte in sozialer Verantwortung vor ihrer eigenen Haustür erledigen könnten. Jeder Kranke, egal ob verstrahlt oder nicht, hat schon erfahren, wie unmoralisch und ineffizient in dieser Berufssparte agiert wird. Auch ein verstärktes Engagement zur Gesundheitspolitik wäre doch eine höchst erforderliche Aufgabe.

Angesichts der Dreistigkeit dieser Veröffentlichung mag übrigens auch der Verdacht erlaubt sein, dass hier Funktionäre als „Kriegsgewinnler“ sich ihren Posten sichern oder an Studien wie dieser gut verdienen wollen. Was ansonsten an Erklärungsversuchen bleibt, ist möglicherweise das tolle Gefühl, das man sich selber besorgt, als Retter der Welt aufzutreten. In jedem Falle ist es ein Geschäft mit der Angst.

Kommentare:

  1. Sie sprechen mir aus der Sehle! Danke für Ihr Nach-Gedacht und Neu-Nachgedacht! Leider sind in Deutschland die Ideologen auf der Erfolgsstrasse... wie anders soll man sich erklären, daß über den Atomausstieg eine ETHIKkommission mit entscheidet. Eine Ethikkomission in der tatsächlich von "Teufelszeug Atomkraft" die Rede war.... ich würd` mal sagen "willkommen im Mittelalter"

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  2. Hier übrigens noch eine hübsche Geschichte, Konrad, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann ...
    http://www.science-skeptical.de/energieerzeugung/greentec-awards-macher-stemmen-sich-gegen-online-voting/0010190/

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    1. Hm, der Artikel erinnert mich an einen Fußballspieler, der entsetzt und empört darauf hinweist, dass ihn ein Gegner mit einem ganz bösen Foul gestoppt hat. Was das ganze mit "Science Skeptical" zu tun haben soll, ist mir nicht klar.

      Der Science Skeptical Blog scheint nur ein einziges Thema zu kennen, die Klima- und Energiediskussion, und Titel wie "Tempolimit - aus Freude am Verbieten!" machen auch keinen irgendwie gearteten wissenschaftlichen Eindruck. Das ganze klingt eher wie gelbschwarze Wahlkampfmunition. Gähn.

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    2. Manchmal verstehe ich Dich nicht. Soll der Spieler sich nicht beschweren, oder was?
      Und "Wahlkampfmunition" ist kein Argument.

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    3. Hm, ich dachte, du schaust regelmäßig Fußball. Ich finde die schlechten Schauspielleistungen von Spielern peinlich, die sich erst wild über Fouls beschweren (wobei der Schuldige sie manchmal gar nicht berührt hat), und die dann 10 Minuten später ein eigenes Foul bösester Art liefern. So ähnlich kommt es mir hier auch vor.

      Und "Wahlkampfmunition" ist ein Argument, wenn in einem "wissenschaftlichen" Blog auffallend häufig Parteinamen oder -farben auftreten.

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  3. @Frank Böhmert hab ich auch grade gelesen.... unfassbar!!
    http://www.eike-klima-energie.eu/news-cache/skandal-um-greeentecaward-gewinner-inherent-sicheres-kernkraft-konzept-unerwuenscht/

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  4. Inzwischen hat es die Jury des Greentec-Awards damit auch in die Online-Ausgabe der Welt geschafft:
    http://www.welt.de/debatte/kolumnen/Maxeiner-und-Miersch/article117088671/Wie-man-einen-Reaktor-verschwinden-laesst.html

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  5. Danke für den Link auf die Studie! Es sind doch einige spannende Details enthalten, die von dir, lieber Konrad K., leider übergangen werden. Wenn du der Studie vorwirfst, zwar viele Tausende Tote hochzurechnen, und zwar auf den einzelnen Toten "genau", aber keine konkreten Fälle zu nennen, ist einfach logische Folge einer statistischen Herangehensweise. Reale physikalische Messwerte (z.B. eine grobe Verdoppelung der Hintergrundstrahlung in Japan) werden kombiniert mit international anerkannten statistischen Krankenzahlen. Internationale Organisationen gelten normalerweise nicht als atomkraftfeindlich.

    Was fehlt, ist die Standardabweichung, aber das kommt sicher daher, dass der Artikel eine zusammenfassende Sekundärstudie ist.

    Ganz "heiss" finde ich den Punkt auf Seite 7, bei dem es um Schilddrüsenzysten bei japanischen Kindern geht, die plötzlich um ein mehrfaches häufiger auftreten als in früheren Jahren oder in andern Ländern. Das sind konkrete Zahlen, die, wenn sie stimmen, ein klarer Hinweis auf zukünftige Krebsfolgen sind.

    Eine grundsätzlich andere Herangehensweise als die des IPPNW-Dokuments an statistische Phänomene ist mir nicht bekannt, ausser religiösem Glauben (hier an das Gute im Atom) oder die DDR-Methode, wissenschaftliche Ergebnisse einfach von der Parteiführung festzulegen, wie 1986 nach Tschernobyl .

    Ob die Angaben im Detail "richtig" sind, kann man selbst nach Analyse der Primärquellen wohl nie herausfinden, aber ich fürchte, zumindest die Größenordnung der Angaben ist nicht falsch. Immerhin trägt selbst die IAEA die Zahl 4000 als Anzahl der Todesopfer von Tschernobyl mit, siehe
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tschernobyl-Ungl%C3%BCck#Gesundheitliche_Folgen

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  6. Ganz "heiss" finde ich den Punkt auf Seite 7, bei dem es um Schilddrüsenzysten bei japanischen Kindern geht, die plötzlich um ein mehrfaches häufiger auftreten als in früheren Jahren oder in andern Ländern.
    Dingodog, genau an dieser Stelle habe ich beim Lesen des Papiers auch gestutzt: Hierzu würde ich gern Genaueres wissen.

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  7. Die Schilddrüsenzystenhäufigkeit bei japanischen Kindern ist wohl allgemein hoch. Ein Unterschied zwischen radioaktiv belasteten und unbelasteten Gebieten besteht besteht nicht.
    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/2034708/

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    1. Ah, gut, vielen Dank für den Link!

      Ich verstehe das so, dass die Frage, ob es zu zusätzlichen Fällen von Schilddrüsenkrebs bei Kindern kommt, tatsächlich noch offen ist.

      Bei Unscear setzt man die Gefahr eher niedrig an, bei den Ärzten gegen den Atomkrieg eher hoch.

      Bei Unscear scheinen mir die politische Neutralität und wissenschaftliche Seriosität jedoch eher gegeben zu sein, schon aufgrund von Organisationsform und Zielsetzung.
      http://en.wikipedia.org/wiki/United_Nations_Scientific_Committee_on_the_Effects_of_Atomic_Radiation

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    2. Ein paar gute Artikel dazu habe ich bei zerohedge gefunden, ein wenig vom schwarzen Zynismus geprägt, der diese Site prägt. Definitiv keine links-ökologische Gutmenschenseite.

      Nach neuesten Zahlen entwickeln sich die Schilddrüsenkrebszahlen bei Jugendlichen der Provinz Fukushima massiv nach oben, derzeit grob 10 mal so viel wie im japanischen Durchschnitt:
      http://www.zerohedge.com/news/2013-12-23/thyroid-cancers-surge-among-young-fukushima

      Darin auch der Link auf die eigentliche Quelle:
      http://www.scmp.com/news/asia/article/1388611/surge-cancers-among-young-fukushima-experts-divided-cause

      Aber das deckt nur einen Aspekt der Folgen von Fukushima ab. Amerikanische Seeleute, die vom Flugzeugträger "Ronald Reagan" aus beim Unfall geholfen haben, zeigen klare Symptome von Strahlenkrankheit:
      http://www.zerohedge.com/news/2013-12-21/us-sailors-assisting-fukushima-clean-crippled-cancer

      Quelle ist hier der sich selbst als "fair and balanced" beschreibende Sender Fox.

      Und schliesslich wird nochmal deutlich gemacht, wie groß die Menge an Radioaktivität ist, die hier ausgetreten ist:
      http://www.zerohedge.com/contributed/2013-12-22/wave-radiation-fukushima-will-be-10-times-bigger-all-radiation-nuclear-tests-

      Das gezeigte Diagramm ist logarithmisch skaliert. Linear skaliert würden die Vergleichswerte von Tschernobyl und den Atomtests in den Pixeln des Bildunterrands verschwinden.

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  8. "Die IPPNW begann als Organisation von „Ärzten gegen den Atomkrieg“. Mangels Ausbleibens eines solchen..."

    Huch! Habe ich einen Atomkrieg verpasst?

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    1. Damn! Und das mir. Ist schon korrigiert. Vielen Dank.

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