Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 20. Juli 2013

Neu verkabelt


Berliner Rieselfelder
Das klang doch nach einer guten Idee. Mit einem Volksbegehren versucht eine Berliner Initiative die Energieversorgung der Stadt wieder in hoheitliche Hände zu legen. Nicht ein schwedischer Konzern soll die Preise und die Qualität des Angebots diktieren, sondern, wie es vor der Privatisierungspolitik des Postkapitalismus üblich war, der Staat. Dieser klugen Meinung schlossen sich 250.000 Berliner mit ihrer Unterschrift an, weswegen es nun, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Bundestagswahl, einen Volksentscheid unter allen Hauptstädtern geben wird. Von einem Sieg des „Berliner Energietischs" ist auszugehen, denn der dicke Pferdefuß ist schwer zu erkennen.


Wenn es dann an die praktische Umsetzung geht, wird das Heulen und Zähneknirschen allerdings groß sein. Die schlauen Basisdemokraten haben es nämlich geschafft, den Berlinern klammheimlich ein zweites, völlig andersgeartetes Projekt unterzujubeln. Das ist ungefähr so, als wenn man sich ein kostenloses Zeitungsprobeabo andrehen lässt und mit der Unterschrift gleichzeitig ungewollt eine Waschmaschine kauft. So wird also vermutlich das fortschrittliche Berlin ein „Stadtwerk“ erhalten, das die Stromproduktion komplett auf zweifelhaften Ökostrom umstellt und die Stromkosten dafür dramatisch erhöhen muss. Eine entsprechende Information der Bevölkerung findet bis jetzt weder durch die Initiatoren noch durch die Politik statt. Und nicht nur in der Brieftasche werden es die Bürger zu spüren bekommen: Schon jetzt haben die Planer vorgesehen auf der wunderschönen innerstädtischen Heidelandschaft der Berliner Rieselfelder einen Windmühlenwald zu pflanzen. Das nennt sich dann wohl grüne Energiepolitik. Über andere Auswüchse dieser scheinbar guten und tatsächlich fatalen Politik hat Konrad Kustos „Voll verkabelt“ schon am 6.Mai 2011 geschrieben. An den Aussagen hat sich bis heute nichts geändert:

Nein, hier ist nicht der Platz mit Verspätung eine Kernkraftnutzungsdiskussion loszutreten.  Es wäre allerdings wohl die einzige in diesem Land, denn wo wird sonst schon diskutiert? Alle sind sich einig – von den grünen Neoliberalen bis zu den schwarzen Linksopportunisten. Von den Medien bis zu den (zu vielen der) repräsentativ Befragten. Dank der staatlich verordneten Massenhysterie bin ich jedenfalls vom vorsichtigen Kernkraftskeptiker zum moderaten Kernkraftverteidiger mutiert.

Wenn Dinge nicht mehr offen diskutiert werden können, weiß ich, dass Niedergangsprozesse am Werk sind – und deren Wirkung ist in jedem Falle schlimmer als jede Atomkatastrophe. Wenn wir nicht in der Lage sind, Entscheidungen nach kollektiver Debatte zu fällen, muss der gesellschaftliche Geigerzähler nicht nur in Bezug auf die Demokratie, sondern für die Zukunft der ganzen Zivilisation rattern. Dann sind Werte gestorben, die für das Überleben unverzichtbar sind.

 „50 Helden sind dem Tod geweiht“, meldete die Hamburger Morgenpost Mitte März und zitierte einen Münchner Strahlenbiologie-Professor, dass in Fukushima eingesetzte Aufräumarbeiter alle innerhalb der nächsten Wochen sterben werden. Anfang Mai gab es (zum Glück) immer noch keinen Toten. Für die Medien mussten daher in einem riesigen Aufriss zwei tote Mitarbeiter, die bereits bei beim Erdbeben oder dem Tsunami gestorben waren, als Kraftwerksopfer herhalten. „Rettungskräfte suchen verstrahlte Opfer“ titelt der Focus, und keiner der Leser erfährt danach, ob ein verstrahltes Opfer gefunden wurde oder eben dass keine Opfer gefunden wurden. Das wäre ja auch keine echte Meldung in einer Niedergangsgesellschaft.

Das macht die Recherche über die Lügen und ihr System so schwierig: Es gibt unübersehbar viele katastrophale Prognosen bei dieser katastrophalen Berichterstattung, doch den Dingen wird nicht journalistisch nachgegangen. Stattdessen hört man nie wieder davon.

Aber der Schaden im Bewusstsein der Geschädigten dieser Terror-Propaganda ist real und bleibt. So reichert sich in unseren Köpfen Jahresring um Jahresring an vorsätzlich produziertem Datenmüll an, der uns suggeriert, in einer Zeit der Katastrophen zu leben. Dabei verblasst die einzige wirkliche Katastrophe: der meist unwiederbringliche Verlust von Werten und Funktionalität unseres Zusammenlebens. Wer da auch nur ein bisschen paranoid ist, könnte mutmaßen, das ganze virtuelle Feuerwerk werde bewusst inszeniert, um von den lukrativen Geschäften der Niedergangsgewinnler abzulenken. Und wer heutzutage nicht paranoid ist, muss nach Kissinger ja tatsächlich verrückt sein.

Dabei haben die Vorfälle in Japan eigentlich nur eines gezeigt: Ein altes Kernkraftwerk in Risikolage, mit schlampiger Wartung und sträflich reduzierten Sicherheitsparametern havariert bei einer gewaltigen Naturkatastrophe. Dabei kommt es weder zum GAU und erst recht nicht zum schon sprachlich unmöglichen Super-GAU. Stattdessen werden Hilfskräfte ohne Schutzstiefel in das Kraftwerk geschickt, und selbst das besorgt den Medien noch nicht die sehnsüchtig erwarteten Toten. Bewiesen wird also eher, dass ein Atomkraftwerk eine Menge aushält. Schon das weitaus schlimmere Tschernobyl wurde damals und wird bis heute ideologisch herausgeputzt: Während sämtliche Weltverbesserer die Zahl der Toten mit rund 90.000 beziffern, kommt der offizielle UNO-Bericht 20 Jahre danach auf eine Zahl unter 50!

Dennoch ist natürlich jenseits aller Fälschungen Furchtbares passiert, und noch viel Schlimmeres hätte passieren können oder könnte in Zukunft passieren. Aber hat uns nicht Erich Kästner gelehrt „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich“? Wie viele Verkehrstote könnten wir sparen, wenn wir uns nur noch zu Fuß fortbewegten? Wie viele Kriegstote wären zu vermeiden, wenn wir bei Pfeil und Bogen stehengeblieben wären? Wie viele Menschen müssten nicht verhungern, wenn ihre Eltern nicht dank moderner Medizin, Ackerwirtschaft und humanistischer Rettungsaktionen weiter an der Überbevölkerung hätten „arbeiten“ können?

Letztlich muss immer abgewogen werden, wie viel Risiko für die Verbesserung der Lebensqualität in Kauf genommen wird. DIESE Diskussion hätte ich mir hier gewünscht. Fragen wie: Können wir unseren Energieverbrauch drosseln, um auf gefährliche Kraftwerke verzichten zu können? Ist es besser, die Umwelt durch Kohle- und Gaskraftwerke schleichend, aber gründlich zu vergiften als punktuell um ein Kernkraftwerk herum eine potenzielle Risikozone zu schaffen? Was könnte man tun, um die Sicherheit und Sauberkeit von Kraftwerken generell zu erhöhen? Hilft es, in Deutschland Kraftwerke zu schließen, und dafür Atomstrom aus den Nachbarländern zu kaufen? Tut es denn weniger weh, von den finnischen, tschechischen und französischen Kraftwerken verstrahlt zu werden, die jetzt gebaut werden, damit wir in Ruhe abschalten können? Ist der ökonomische Schaden für eine Volkswirtschaft zu verantworten und zu stemmen? Können alternative Energiequellen sicherer, bezahlbar und vertretbar Alternativen bereitstellen? Unbequeme Fragen, die man natürlich mit einem undifferenzierten Primat des Atomausstiegs alle wegfegen kann. Sollten wir uns dass so einfach machen? Können wir uns das so einfach machen?

Angesichts der fehlenden Patentlösung, werden alternative Energiequellen als Weisheit letzter Schluss angeboten. Erdwärme also, die in mehreren Großversuchen zu Erdbeben geführt hat und in der häuslichen Anwendung erhebliche ökologische Schäden anrichtet. Wasserkraft, die blühende Landschaften frisst und bei einem Staudammbruch schlimme Schäden verursacht. Sonnenenergie, die großmaßstäblich ohne Beherrschung des Wasserstoffs nicht aus den Erzeugerländern zu uns transportiert werden kann, und die im kleinräumigen Maßstab nur mit erheblichen Subventionen bezahlbar ist, also letztlich aus dem billigen Atomstrom erwirtschaftet oder vom kleinen Mann bezahlt werden muss. Mit 13 Milliarden Euro wird 2011 der gesamte Ökostrom subventioniert; 3,5 Cent zahlt der Verbraucher pro Kilowattstunde – rund ein Fünftel seiner Stromrechnung also und fast das Doppelte des Vorjahres.

Daran beteiligt ist auch die Windkraft, die extrem teuer in der Herstellung ist, die nur zur Verfügung steht, wenn der Wind weht (also zusätzliche konventionelle Grundlastkraftwerke braucht), und die die schönsten Landschaften und Himmel mit riesigen blinkenden, buntgestreiften Propellern verschandelt. Diese Kraft, die Dörfer mit ihren Vibrationen entvölkert, Vögel schreddert, Tourismus als oft einziger Erwerbsquelle vertreibt.

Und jetzt, daraus folgend, kommt der eigentliche, aus der Überschrift vermittelte Aufhänger für dieses Blog ganz am Schluss. Um den Süden Deutschlands mit Windstrom zu versorgen, müssten bis 2020 laut Deutscher Energieagentur 3600 Kilometer (!) zusätzliche Kilovolt-Freileitungen gebaut werden. Das soll 9,7 Milliarden Euro kosten. Landschaften wie die Uckermark, wo dem Betrachter heute vor Schönheit noch fast das Herz stehen bleibt (falls nicht schon jetzt Windmühlen, den Effekt verhindern), sind vorgesehenes Durchzugsgebiet für diese linearen Umweltsünden. Unsere gebaute Umwelt, durch die Zivilisation ohnehin in kritischem Maße neurotisierend, verliert ein entscheidendes Stück Natürlichkeit und damit Menschlichkeit. Ist es das wert? Trifft das den Kern der Sache? Ich empfehle statt linearer Denkwege auch für unsere Energienetze ein vernetzendes Denken. Wer da nicht mitdenken will, wird die Rechnung Stück für Stück präsentiert bekommen. Aber ebenso passiert das dem, der sich gegen das Dummdenk des Niedergangs nicht wehrt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen