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Samstag, 13. Juli 2013

Neue Gesänge des Grauens

Obwohl die Lage der Welt glänzend scheint, müssen immer irgendwelche Miesepeter versuchen, uns die gute Laune zu rauben. Da haben doch Forscher der Universität von Canterbury (Neuseeland) die Gesichtszüge von 6000 Lego-Figuren analysiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Zahl der von negativen Gefühlen gezeichneten Grimassen zunimmt. Vorausgesetzt, die Studie hat recht, stellt sich natürlich die Frage, ob es eine Korrelation mit den tatsächlichen menschlichen Gesichtern gibt oder ob es mit den sich im Laufe der Zeit wandelnden Lego-Verkaufsstrategien zu tun hat - oder worin da der Unterschied läge. Keinen Unterschied werden auch Eurovisionssongcontestenthusiasten, Justin-Bieber-Anhänger oder Fußballfans finden, denen gemeinsam kein Anlass blöd genug ist, Gesänge des Grauens anzustimmen, über die hier schon am 21. August 2011 zu lesen stand:

Am Mittwoch spielte der FC Bayern München daheim gegen den FC Zürich um den Einzug in die Hauptrunde der Champions League. Gomez traf fast alles, also die Luftlöcher, den Rasen und den Gegner, nur nicht das Tor. Der Ball kreiselte mit hohem Tempo und war am Ende der Stafette wieder beim Torwart. Der Rasen war schön grün, wurde uns aber zu oft durch pomadige Fußballer des Blickes entzogen. Aus dem Einstieg ersieht man, dass es hier schon wieder um Fußball geht, wenn auch diesmal um den der Männer, und nicht um ein gender-maingestreamtes Schaulaufen wie bei der Frauen-Weltmeisterschaft im ausgefallenen Hochsommer. Es geht diesmal also um das wirkliche Leben, und darauf kommt es ja in diesem Blog im Grunde an.

Auf dem Platz war also nicht viel los, dafür aber auf den Rängen. 90 lange Minuten tobten, sprangen und sangen die Fans, dass es (für sie) eine Freude war. Alte Schlager, klassische Triumphgesänge, sogar die Vereinshymne der preußischen Hertha – kein Liedgut war vor ihnen sicher. Es ist sicher kein Verlust, dass von den Texten am heimischen Fernseher nur ein monotones „LaLa, BlaBla“ ankam. Was brachte die Fans eigentlich so in Bewegung? An diesem schönen Sommerabend gab es keinen Grund, sich warm zu halten, kein TV-Sender suchte neue Superstars, und die Darbietungen auf dem Spielfeld gaben sowieso kaum Anlass für wesentliche emotionale Regungen. Was war also geschehen?

Genau das, was seit einiger Zeit in allen Stadien des Landes passiert: Das Spiel wird zur Nebensache, zum bloßen Event für ein feierlustiges Publikum. Traditionelle Winzerfeste und Biermeilen haben ausgedient, weil hier rein gar nichts passiert außer Saufen, beim Fußballspiel gibt es stattdessen ab und zu Tore und am Ende ein emotionales Gesamtresultat, nämlich Sieg oder Niederlage. Und man kann sagen, man sei dabeigewesen, wenn flüchtige Geschichte geschrieben wird. Das Spiel selbst, dieses oft wunderbare Kunstwerk aus durch Bewegung und menschlichen Geist erzeugten komplexen Strukturen, diese atavistische Rückbesinnung auf evolutionär definierte Werte wie Kampf, Strategie, Spiel und Durchsetzungsvermögen, spielt keine Rolle mehr.

Ein Pulk von Narzissten nennt sich Fußballfans und feiert sich doch lediglich selber. Dass es dabei die (schätzungsweise) andere Hälfte der wirklich am Fußball interessierten Zuschauer stört, ist einer der Nebeneffekte. Während sich die Spieler auf dem Rasen abmühen, schwappt schon wieder die nächste La Ola heran, und man fühlt sich genötigt, ein ums andere Mal mitzumachen. Kollektiv reißen die Menschen die Arme hoch wie beim Reichsparteitag - nur „lustiger“.

Das hat nur den Haken, dass Fußballschauen eine emotionale und intellektuelle Konzentration erfordert. Würde man beim Lesen eines herausfordernden Buches alle 20 Sekunden aufstehen und monotonen Singsang in der Lautstärke startender Flugzeuge ertragen müssen, käme dabei auch nicht viel heraus. Letztlich wird - nicht nur hier - die Suche nach dem Sinn durch die Suche nach der Besinnungslosigkeit ersetzt.

Die Partygesellschaft hat den Fußball erobert, nicht durch harten Kampf, nicht nach Elfmeterschießen, sondern einfach so nebenbei. Möglich wird das durch den allgemeinen Niedergang der Zivilisation, der im Buch „Chaos mit System“ ausführlich beschrieben wird. Sei es beim Sommermärchen 2006, als viele kleine Mädchen Spaß hatten, sich schwarzrotgold anzumalen und Bier zu trinken, während viele große Jungs Spaß hatten, zu grölen und Bier zu trinken, oder sei es beim erwähnten Bayernspiel: Feiern, bis der Sanitäter kommt. So stehen sie in der stetig wachsenden Kurve im Abseits, ohne die Abseitsregel zu kennen oder zu brauchen.

Die Medien freuen sich über das positive Lebensgefühl und die immer wieder gelobte „Stimmung der tollen Fans aus der Kurve“. Die Gesellschaft bekommt nicht mit, dass sich hier ein Wertewandel vollzieht. Sie will es auch gar nicht mitbekommen, denn sie steht ja schon für die neuen Werte von kurzfristigem Genuss auf Kosten nachhaltigen Erlebens, von exzessiver Lebensfreude statt sinnerfüllten Verhaltens, von Konsum anstelle des Schaffens neuer Werte – und sei es nur ein schönes Fußballspiel und die aktive Freude, es anzuschauen.

Ein Fußballspiel, selbst ein schlechtes, hat eine eigene Dynamik. In den magischen 90 Minuten gibt es Phasen des Findens, des Taktierens und der Erholung, aber auch solche unbändigen Willens, rauschhaften Kombinierens oder plötzlich erwachsender Dramatik. Diese unberechenbare Sprunghaftigkeit macht einen großen Teil des Reizes aus und verträgt sich kein bisschen mit anderthalbstündigen Stammesgesängen. Das letzte Aufbäumen der Heimmannschaft gegen die drohende Niederlage, der neue Mut nach dem Anschlusstor, selbst der plötzliche Konter der bisher im eigenen Strafraum eingesperrten eigenen Mannschaft sind normalerweise für den Zuschauer tiefe emotionale Schlüsselmomente, in denen sich jahrtausendealte, nie erloschene Prägungen Bahn brechen. Solche Momente erfordern das spontane befreiende Schreien oder das selige Aufspringen und Singen nach dem Ausgleichstor.

Aber in dem Dauerton der Party People ist dafür kein Platz. Wie gesagt, für jene ist das Spiel auch nur der Aufhänger, sich als Individuum selbst zu feiern und gleichzeitig in einer diffusen Gruppe Schutz und Beistand zu suchen, ohne diesen zu finden. Die Stimmung ist dort nicht mehr an die Wirklichkeit gekoppelt, sondern an Alkohol und Hysterie. Im Gegenteil, die Wirklichkeit leidet sogar darunter. Früher konnte das Publikum mit Sprechchören in als entscheidend erkannten Situationen die angefeuerte Mannschaft zu neuen Höchstleistungen stimulieren. Der spielfremde Geräuschpegel aus der Kurve nivelliert dagegen auch das Geschehen auf dem grünen Rasen, das Spiel verliert seinen Rhythmus, wird monotoner. Ich weiß, dass das kein Beweis ist, aber erklärt sich so vielleicht, warum seit mehr als zwei Jahren die Mannschaft mit den „besten Fans der Liga“, Hertha BSC, auswärts wesentlich erfolgreicher als daheim ist und seit zwei Jahren kein Bundesligaheimspiel mehr gewonnen hat?

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