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Samstag, 27. Juli 2013

Neuer Rad-Rat

Kürzlich bekam eine Italienerin einen Strafzettel für falsches Parken in Höhe von 32.000 Euro. Das lag allerdings nicht an der Verwerflichkeit ihres Tuns, sondern an der fehlenden Fehlertoleranz des Niedergangssystems. Der Polizist hatte nämlich beim Eintippen versehentlich anstatt 2008 als Jahreszahl 208 vermerkt, und mit Zins und Zinseszins rechnet der Computer da allerhand zusammen. Doch die Tücken des Verkehrs und seiner Regelung erfahren wir oft viel alltäglicher als in dieser kleinen Anekdote mit großem Hintergrund und stellen fest, dass kleine Verfehlungen in der Masse durchaus große Probleme ergeben können. Schon am 27. Juli 2011 war darüber in diesem Blog zum Thema ‚Ratschläge und Radschläge’ einiges zu lesen:

Linear gedacht, ist alles so einfach. Für den Autofahrer, dass Radfahrer rücksichtslose Verkehrshindernisse sind, und für den Radfahrer, dass Autofahrer mit der Macht ihrer PS und ihres Maschinengewichts gefährliche Verkehrsmachos sind. Und da beide akzeptieren, dass es zu der Regel auch Ausnahmen gibt, kommen sie sich dabei, uneinsichtig wie sie sind, auch noch uneinseitig vor. Nicht nur der Umstand, dass der Fußgänger als ungefragtes Opfer dieses Konflikts immer wieder und immer mehr den Kürzeren zieht, zwingt mich heute zu ein paar kybernetischen Gedanken auf diesem undankbaren Feld ideologischer Vollsperrungen, sondern die Tatsache, dass es nun in Berlin eine anonyme Plakataktion gibt, die sich gegen rücksichtsloses und gefährliches Verhalten sogenannter „Kampfradler“ richtet.

Erstmals artikuliert sich hier also Bürgersinn nicht mehr nur gegen die alten, sondern direkt gegen alltägliche Frustrationen und Gefährdungen seitens der neuen Herren der Straßen (+ der Bürgersteige + der Grünanlagen). Art und Weise dieser Bedrängungen müssen hier nicht näher erläutert werden, weil sie dem Leser bekannt sein werden. Schon im April hatten sich in einer Dekra-Umfrage 77 Prozent von 1600 Verkehrsteilnehmern beklagt, dass sich Radfahrer häufig über die Verkehrsregeln hinwegsetzen. Immerhin 44 Prozent der Befragten gaben an, Radfahrer brächten dabei auch Fußgänger in Gefahr. Daraufhin sah sich sogar als politische Rampensau Verkehrsminister Peter Ramsauer genötigt, den Wildsäuen unter den Radlern zu sagen, viele „Radfahrer müssen lernen, dass sie nicht die Robin Hoods der Straße sind“. Ramsauer benutzte damals schon den Begriff „Kampfradler“. Der einstmals liebevoll so bezeichnete Pedalritter bekommt so ein ganz neues Image.

Das Plakatieren in Berlin wendet sich nicht gegen die eine oder andere Fraktion der streitbaren Verkehrsbeteiligten, sondern ganz konkret gegen eine (wenn auch zahlreiche) Gruppe von Individualisten unter den Radfahrern, die nicht mehr bloß rücksichtslos, sondern sich ihres rücksichtslosen Tuns gar nicht mehr bewusst sind. Das Chaos, das sie erzeugen, hat System, denn es kommt aus einer umsichgreifenden Haltung der Niedergangsgesellschaft, nach der das Individuum immer recht habe. Ob es Touristen sind, die in Wohngebieten die Nacht durchfeiern, oder Picknickende, die im Wald ein Schlachtfeld hinterlassen, oder eben Kampfradler, die notfalls über Leichen fahren – ihnen allen ist gegenüber den Arschlöchern, die es auch früher schon gab, gemein, dass sie keinerlei Unrechtsbewusstsein haben.

Erst recht nicht in einer Stadt wie Berlin, die das Radfahren zur Staatsreligion erhoben hat. Überall werden hier Straßen mit durchaus begrüßenswerten Fahrradspuren versehen, aber dabei wird an großen Kreuzungen der kleine bauliche Aufwand gescheut (oder politisch bewusst schikaniert), Abbiegespuren für die anderen Verkehrsteilnehmer zu erhalten. So geht es den Sommerradlern gut, aber den ganzjährig mit Dauerstau konfrontierten Anwohnern, Autofahrern sowie der Umwelt und der Wirtschaft schlechter. Hier werden Personen zu offiziellen Fahrradbeauftragten der Regierung gemacht, die direkt aus der Hardlinerfraktion der Pedaltreter rekrutiert werden. Und konsequent wird das Verhalten der Kampfradler achselzuckend als menschlich allzumenschliches Phänomen abgetan, wenn nicht sogar mit dem spöttischen Nachsatz versehen, der sich Beschwerende sei sicherlich Autofahrer und/oder habe die Zukunft der europäischen Stadt eben nicht verstanden.

Das Staatswesen verzichtet darauf, im Interesse der Allgemeinheit zu agieren, zu dem auch das Einhalten von Gesetzen und der Schutz Unbeteiligter gehören sollte. Besonders unschön zu sehen ist das auf der mächtigen Mainzer Rheinquerung, der Theodor-Heuss-Brücke. Infolge der technisch bedingten starken Wölbung der Brücke muss ein Radfahrer bergauf mächtig ackern, während er bergab Rekordgeschwindigkeiten und einen entsprechenden Massenimpuls erreicht. Das ist für ihn zwar ein Nullsummenspiel, aber nicht für die Fußgänger, die von der Stadtverwaltung auf beiden Seiten der Brücke gezwungen werden, sich den Seitenstreifen mit den Radlern zu teilen. Nicht einmal eine Trennlinie auf dem Trottoir ist den Stadtvätern die Situation wert. Dass es hier noch nicht zu tödlichen Unfällen gekommen ist, mag dem Schicksal oder der unforcierten Vorsicht Mainzer Radfahrer zu danken sein.

Solch fahr-lässige Nicht-Auto-ritäten können sich bei ihrer Blindfahrt der Unterstützung der bekanntermaßen blinden Justitia sicher sein. Kürzlich verurteilte das Oberlandesgericht Celle einen Autofahrer, der mit gerademal 15 Stundenkilometern mit einem aus der falschen Richtung kommenden Radfahrer zusammenstieß. Diese Verfahrensweise ist nicht neu, sondern unschöne Praxis. Neu war die Begründung: Der Autofahrer sei „wegen der verbreiteten und allgemein bekannten Disziplinlosigkeit von Radfahrern verpflichtet“ gewesen, sich darauf einzustellen. Außerdem, so drehten die Richter am Rad der Gerechtigkeit, habe ein Radfahrer auch dann Vorfahrt, wenn er auf einer vorfahrtsberechtigten Straße in falscher Richtung unterwegs sei. Was lernen wir daraus? Dass der Recht bekommt, der nur ausreichend disziplinlos ist? Autofahrern wäre danach zu raten, mehr Gesetze zu brechen, um weniger verurteilt zu werden.

So entsteht aus falsch verstandener Liberalität, ideologischer Motivation und Bequemlichkeit ein rechtsfreier Raum, der auch weidlich genutzt wird und der denen recht gibt, denen das Recht egal ist. Vor wenigen Tagen konnte das ein guter Freund von mir am eigenen Leibe erfahren. Mit dem Auto unterwegs musste der begeisterte Radfahrer hinter vier (illegal) nebeneinander fahrenden Radfahrern herschleichen, was er mit lautem Hupen quittierte. An der nächsten Ampel wurde ihm dafür von einem mit Helm und Radlerhose maskierten Sportsfreund viermal durch das offene Autofenster ins Gesicht geschlagen. Prellungen und ein blaues Auge waren der Radschlag aufgrund eines gehupten Protestes gegen Rücksichtslosigkeit.

Dieses Beispiel ist sicher (noch) nicht typisch für den Stand des Straßenkampfes. Meist beschränken sich die Kampfradler auf „passive“ Rechtsverletzungen. Doch der Fall weist auf ein „Chaos mit System“ hin, das die Situation immer weiter eskalieren lässt: Während Autofahrer einen Führerschein machen müssen und dabei ihre Pflichten lernen, muss das der Radfahrer nicht. Während der Autofahrer bei kleinsten Mengen Alkohol kriminalisiert wird, gilt das für den Radfahrer nicht. Während der Autofahrer über sein Fahrzeugkennzeichen bei Fehlverhalten fast immer identifizierbar ist, bleibt der Radfahrer fast zu 100% unerkannt – egal ob er prügelt oder „bloß“ eine alte Frau anfährt und ihr den Arm bricht.

Aus dem aufgeklärten Bewusstsein zivilisierter Menschen entsteht Gesetzestreue nur bei einem Zusammenkommen optimaler Faktoren, ansonsten aber aus einem festen, nachvollziehbaren Regelwerk, das für alle gilt. Auch für jene, die sich als Opfer wähnen und das Recht durch Selbstgerechtigkeit ersetzen. Auch unter Verzicht auf lineares Denken, also aus kybernetischer Sicht, kann nicht leicht ermittelt werden, wie der Friede und die Funktionalität im Straßenverkehr zu gewährleisten ist. Sicher ist aber, dass dazu eine Gleichbehandlung und ein Schutz der Gesetzestreuen gehört. Und dazu gehört nicht nur die dringende Bereitschaft der Verfolgung von Fehlverhalten rücksichtsloser Radfahrer, sondern auch die Ermöglichung dieser Verfolgung. Auch wenn die Praxis einige Probleme bereithält und die Umsetzung ein stabiles Rückgrat voraussetzt, ist die Kennzeichenpflicht für Fahrräder spätestens in der Gesellschaft des Niedergangs ein guter Ratschlag.

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