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Samstag, 7. September 2013

Giftige Bomben

Es ist Zeit zu handeln. Die Lage ist unerträglich. Menschen kommen zu schade. Wir tragen Verantwortung. Diese Schlagworte passen eigentlich in jeder beliebigen Periode zur weltpolitischen Situation, aber derzeit assoziieren wir sie automatisch mit Syrien. Warum das? Weil die Medien und das in Washington beheimatete selbsternannte Weltgewissen uns das suggerieren. Unbestritten geschehen in Syrien furchtbare Dinge, aber ohne eine kybernetische Betrachtung, warum dies so ist und wie man helfend eingreifen könnte, droht die Gefahr, dass es durch jedwede Intervention schlimmer statt besser wird. Dessen ungeachtet werden aber die Kriegstrommeln geschlagen, und wir fragen uns im Durcheinander möglicher Motive hilflos, wer eigentlich ein Interesse an diesem Krieg in und gegen Syrien hat.


Was waren das für Zeiten, als die Lager noch eindeutig definiert und ideologisch motiviert waren. In Zeiten des nun herrschenden Niedergangs sind sowohl die Wertvorstellungen als auch die Bereicherungskonzepte schon so konfus geworden, dass inzwischen schon Kriege gegen die eigenen Interessen geführt werden. Das ist so, als würde man sich beim Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spielen selber rausschmeißen. Nur weniger lustig.

Gegenwärtig hat ja vieles mit dem Islam zu tun. Wenn Al-Qaida das World Trade Center pulverisiert, wenn amerikanische Botschaften gestürmt werden oder wenn der Islam der westlichen Lebensweise grundsätzlich den Krieg erklärt, dann wären das nachvollziehbare Gründe für westlichen Widerstand. Doch in Syrien bekämpfen sich unterschiedliche islamische Strömungen, bei denen bei keiner einzigen moralische oder materielle Hilfestellung zu rechtfertigen ist. Schlimmer noch: Bei einem Sieg der Rebellen droht ein völlig unkontrollierbares gegenseitiges Abschlachten der einzelnen Strömungen untereinander, dass nur mit einem Endsieg der ohnehin schon die Fäden ziehenden Hardcore-Islamisten zu beenden wäre - dann aber mit allen bekannten Konsequenzen für die Bürger dieses Landes und die gesamte Zivilisation dieser Region.

Doch die entscheidenden Kriterien der moralisch verbrämten Kriegslust liegen jenseits solcher Funktionalitätsfragen, sonst würde auch anderswo einmarschiert, denn wie wollte man eine objektive Notwendigkeit für Angriffskriege überhaupt definieren. Wenn eben mal in Nordkorea ein Dutzend Künstler öffentlich exekutiert wird, weil zu dieser Gruppe die ehemalige Konkubine des Diktators Kim Jong-Un gehörte. Wenn dieses Regime seine Untertanen in allgemeiner Armut und blutiger Unterdrückung hält und zudem mit seiner Atomwaffenpolitik eine Gefahr für die ganze Welt darstellt, kommt niemand auf die Idee, mit Waffengewalt den Wahnsinn zu stoppen.

Wenn in Nigeria radikale Islamisten ein Dorf nach dem anderen überfallen und dort die Einwohner mit Messern massakrieren, weil die nicht nach einer strengen Auslegung der Scharia gelebt haben, führt der Westen keinen Militärschlag. Auch angesichts inzwischen tausender Toter ist das keine Option, obwohl doch die Gerechtigkeitsinvasoren von den Menschen hier wahrscheinlich mit Freuden empfangen würden.

Wenn in Dubai eine Norwegerin vergewaltigt wird und deshalb zu 16 Monaten Haft wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs verurteilt wird, ist dieser Anschlag auf das Menschenrecht auch keine Intervention Wert. Na klar, ein einziger Fall schiene vernachlässigbar, doch wissen wir, wie viele Menschen in den Vereinigten Arabischen Emiraten regelmäßig der religiösen Willkür zum Opfer fallen? In diesem Falle kam der Skandal nur an die Öffentlichkeit und es im Anschluss zu einer Begnadigung, weil westliche Medien den Fall aufgegriffen hatten.

Und warum darf ein Regime weiterregieren, welches ein 15-jähriges Mädchen, das von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war, zu 100 Peitschenhieben verurteilt? Auch hier gab die Regierung der Malediven erst internationalen Protesten nach. Dabei ist vorehelicher Geschlechtsverkehr auf den Malediven durchaus legal: Wenn er unter Touristen praktiziert wird.

Wenn Islamisten Terroristen sind, sind dann die Lenker rigoroser islamischer Staaten nicht auch Islamisten und damit Terroristen? Und nicht auch Gewaltherrscher an sich? Müsste, wenn es ein Weltgewissen gäbe, nicht permanent gegen himmelschreiende Ungerechtigkeit Krieg geführt werden? Nein, müsste es nicht. Erstens, weil Krieg aufgrund seiner grauenhaften Folgen für die Betroffenen das ultimativ letzte Mittel bleiben muss. Zweitens, weil Krieg nur im Verteidigungsfalle toleriert werden darf, wenn man nicht eine fatale Legitimationslawine auslösen will. Und drittens, weil jeder Eingriff von außen verhindert, dass die Menschen selbst die Probleme ihres Landes in den Griff kriegen.

Der arabische Frühling war gerade erst ein schlimmes Beispiel, wie gutgemeinte politische und kriegerische Interventionen des Westens einigermaßen weltoffene politische Systeme hinwegfegten und der Rückkehr des Mittelalters Bahn brach. Wenn westliche Arroganz auf andere, rückwärtsgewandte Wertsysteme trifft, ist sie oft nicht in der Lage zu begreifen, dass Demokratie und offene Gesellschaft einen jahrtausendelangen zivilisatorischen Entwicklungsprozess voraussetzen, der nicht durch einen Blitzkrieg ersetzt werden kann.

Ausgerechnet Wladimir Putin, der sich innenpolitisch nicht gerade als Verteidiger der Freiheit gibt, hat das begriffen und handelt nach der Doktrin der Nichteinmischung der Weltmächte in lokale Konflikte innerhalb souveräner Staaten, falls die Vereinten Nationen eine solche nicht sanktioniert. Angesichts der Hetze, der Putin seitens westlicher Medien ausgesetzt ist, stellt sich nebenbei die Frage, ob nicht auch hier ein Zusammenhang besteht. Empfinden die Propagandisten eines virtuellen weltweiten Gutmenschentums den gesunden Menschenverstand des neuen Zaren als Bedrohung für ihre weltweite Umwertung der Werte?

Kommen wir zurück nach Syrien und dem nun fast sicheren westlichen Anschlag, sei es der Amerikaner allein oder zusammen mit ihren Verbündeten. Unentwegt propagiert der amerikanische Präsident gegen die Interessen seiner Bevölkerung, gegen die Interessen von Senat und Repräsentantenhaus und gegen die Interessen seiner eigenen Partei den Militärschlag. Ausgerechnet jener Präsident also, der bei uns zu Lande als demokratischer Erneuerer und Friedensfürst gefeiert wurde. Er wirft die Würde seines Amtes in die Waagschale, um den demokratischen Widerstand auszuschalten.

Der Giftgasvorwurf kommt da merkwürdig rechtzeitig und erinnert an die Vorwände für den zweiten Irakkrieg. Immer wieder wird von vorliegenden Beweisen gesprochen, ohne sie der Öffentlichkeit vorzulegen. Lächerlich geradezu, wie Obama versucht, einen Zusammenhang zwischen dem ominösen Giftgaseinsatz und den nationalen amerikanischen Interessen zu konstruieren, ein Zusammenhang, den er braucht, um ohne Verfassungsbruch einen Militärschlag bei fehlender Zustimmung der Legislative zu befehlen. Ohne dies verschwörungstheoretisch unterstellen zu wollen: So ein Giftgas ist schnell mal freigesetzt, von wem auch immer, und an den Toten klebt kein Zettel, wer verantwortlich ist.

Auf die Frage, warum der Westen letztlich so selbstzerstörerisch hinsichtlich seiner Interessen und seiner Werte vorgeht, muss auch Konrad Kustos weiterhin passen. Das Öl taugt diesmal nicht als sonst gerne gewählte, aber letztlich naive Erklärung. Vielleicht ist es die Feindschaft mit dem Iran, der ja Syriens Machthaber stützt? Oder es ist der Versuch, der für Assad kämpfenden Hisbollah zu schaden und damit Israel zu nutzen? Angesichts des zuvor Gesagten ist die Frage nach dem Warum aber eigentlich auch nebensächlich. Das einzige, was klar zu Tage tritt, ist die Auflösung der Wertsysteme der zivilisierten Welt.

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