Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 30. November 2013

Medizinisches Handaufhalten

Nachdem die Schulmedizin nachhaltig ihre Unfähigkeit bewiesen hat, Probleme, die sich gängiger medikamentöser oder operativer Methoden entziehen, auch nur einigermaßen hinreichend zu bewältigen, wächst und wächst ein Schattenreich der Pseudomedizin. Alle möglichen Präparate und Methoden von völlig unglaubwürdig bis nicht beweisbar, von Esoterik bis zu überstrapazierter Naturheilkunde machen Milliardenumsätze. Schlimmer noch: Unser guter alter Halbgott in Weiß, der moralisch unantastbare und scheinbar unfehlbare Arzt, wird mit seinem bunten Angebot nicht seriöserer individueller Gesundheitsleistungen immer mehr zum medizinischen Äquivalent des Staubsaugervertreters.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK schätzt den so direkt aus menschlichem Leid generierten jährlichen Umsatz der Ärzteschaft auf 1,5 Milliarden Euro. Jeder vierte Patient bekommt inzwischen beim Arztbesuch eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) angeboten - je wohlhabender desto Nepp-affiner. Nun gibt es glücklicherweise eine IGeLliste der gesetzlichen Krankenkassen - bei aller angebrachten Skepsis hinsichtlich deren Lauterkeit - und damit eine Orientierungshilfe für den völlig überforderten Patienten.

Rund 350 zweifelhafte Zusatzleistungen soll es bereits geben, die in den Arztpraxen mit teils aggressiven Methoden angeboten werden. Im Unterschied zu vielen anderen wirkungslosen Arztbehandlungen ist hier das Besondere, dass der Patient die Kosten selber tragen muss - und in seiner kranken Abhängigkeit auch oft trägt. Die Palette reicht von Glaukom-Früherkennung über Akupunktur und Migränevorbeugung bis zu Thrombose-Checks - allesamt Methoden strittigen Charakters.

Der Arzt verliert so seinen Status als Heiler und wird zum Verkäufer. Die Patienten in den Praxen wissen oft gar nicht, dass es sich um eine IGeLleistung, also eine mit unbewiesener Wirksamkeit handelt. Der Arzt missbraucht damit ihr Vertrauen, besonders, weil diese Leistungen häufig auch belastend oder schädlich sind. Selbst der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung appellierte wohl aus gutem Grund an seine Kollegen, mit dem Thema „sensibel“ umzugehen. Deswegen ist auch die Forderung der Krankenkassen an den Gesetzgeber richtig, wie bei jedem Haustürgeschäft als Überrumpelungsschutz eine Einspruchsfrist für Patienten zu verankern, wenn ihnen der Arzt eine IGeLleistung verkauft.

Natürlich wollen die Krankenkassen vor allem Geld sparen, doch ist das auch ihr gutes Recht, wenn sie im Interesse von uns Beitragszahlern Kosten für wirkungslose Behandlungen einzusparen trachten. Und überhaupt bedeutet die diktatorische Macht der Krankenkassen, wenn es um die Genehmigung einer Behandlung geht, nicht automatisch, dass sie unrecht hätten. Zu viele Scharlatane tummeln sich inzwischen auf diesem Gebiet.

Man denke nur an die „rein-natürlich“-Gesundheitsindustrie, die selbst schwerste Krankheiten mit Kräutertee und Moorbädern heilen will. Oder die Esoteriker, die mit ihren Inkubatoren, kosmischer Strahlung oder Handauflegen den Körper wieder zum Funktionieren bringen können wollen. Oder an die Alchimisten, die Naturstoffe billiardenfach verdünnen, und vorgeben, dass sich dabei durch Schütteln die nicht vorhandene Wirksamkeit erhöht: also die Homöopathen, die Bachblüten-Sammler und die Salz-Schüssler.

Von gläubigen Nutzern und verantwortungslosen Medien werden die Irrlehren kopfverdrehender Pillendreher im Volk verankert. Besonders tun sich dabei sogenannte Gesundheitsreports und Seniorenzeitungen hervor, die unter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit beliebige Behauptungen zu Fakten hochstilisieren. Was sie schreiben, hat dann meist den Wahrheitsgehalt der Anzeige gleich daneben.

Eine ganze Seite in der Zeitung erhielt ein Reiki-Meister zum unhinterfragten „Beweisen“ seiner Erfolge bei der Schmerztherapie, die aus einer Kombination von vorsichtigem Handauflegen mit anschließendem resoluten Handaufhalten besteht. Neben seinen Behauptungen hatte der Heiler auch noch schriftliche Belege vorzuweisen, schließlich füllen seine Patienten immer alle einen Fragebogen aus, dessen Auswertung eine Erfolgsquote von sage und schreibe 85% ergab (sicher nur bei den Patienten, die dumm genug waren, bis zum Ende dabeizubleiben).

Dass Menschen dem nachgehen, von dem sie glauben, dass es sinnvoll ist, soll hier nicht kritisiert werden - selbst nicht bei einem so offensichtlichen Hokuspokus, aber der gefeierte Meister, bei dem „die Hände prickeln, heiß werden und pulsieren“, wenn er sie den Patienten auflegt, arbeitet im quasi-öffentlichen Unfallkrankenhaus Berlin (die Klinik wird von den Berufsgenossenschaften getragen), und berichtet zudem stolz, dass an seiner Arbeitsstelle bereits sechs Therapeuten mit solchen alternativen Verfahren tätig sind. Tatsächlich werden diese Maßnahmen von Ärzten auch noch offiziell verordnet, neben Reiki gibt es hier noch Akupunktur und Qi Gong. Das ist schlimm, weil die Patienten, in der Regel sowieso gesundheitlich und seelisch angeschlagen, sich meist dagegen weder körperlich noch intellektuell zur Wehr setzen können.

Dass Naturheilverfahren im Trend sind, ist im Prinzip gut so, denn es ist die Rückwendung zu den Erfahrungswissenschaften, die die Medizin im Zuge des Himmelssturms der Wissenschaften zu Unrecht als Altlast ad acta gelegt hatte. Problematisch ist es nur, wenn die natur-gemäße Beschränktheit der Naturheilverfahren ignoriert wird. Oder wenn sogar die Schulmedizin diese kritiklos vereinnahmt, um irgendwie das Image eigener Unfehlbarkeit zu retten. Bachblüten, Homöopathie und gemahlene Tigerzähne wie in der chinesischen Medizin – alles scheint möglich, ohne dass Erfolge jemals seriös nachgewiesen werden konnten.

Heilpraktiker - nutzen wir dies einfach mal als Oberbegriff, ohne die sicher irgendwo existierenden seriösen Vertreter ihres Berufs in die Kritik einzubeziehen - umgeben sich jenseits ihrer zweifellos vorhandenen Möglichkeiten mit einem arztähnlichen Image der Unfehlbarkeit, dass schon bei studierten Ärzten problematisch genug ist. Mit der Augendiagnose wollen sie unfehlbar den Fußpilz erkennen.

Vielleicht sind es auch gar nicht immer ökonomische Interessen, die solche letztlich betrügerischen Verhaltensweisen entstehen lassen, sondern einfach die Angst des Mini-Mediziners, sich einzugestehen, wie wenig er den Menschen mit seiner Kunst angesichts der Unbezähmbarkeit der Natur helfen kann.

Die Krankenkassen als gewinnorientierte Unternehmen haben den Zug der Zeit jedenfalls schon lange vor ihrer IGeLliste erkannt und nutzen wirkstofffreie, aber kostengünstige ‚Medikamente‘ wie Phytopharmaka skrupellos zur Etatgesundung. Ein moderner Aberglaube wie die Homöopathie ist inzwischen von ihnen anerkannt, obwohl es bisher selbst nach Aussage eines führenden deutschen Homöopathen und gleichlautend des Weltkongresses der Homöopathen 2005 in Berlin keine wissenschaftlich (was bekanntlich auch noch kein Beweis wäre) haltbare Untersuchung dazu gibt.

Die Verordnung von Placebos, also ganz offiziell wirkstofffreien Scheinmedikamenten wird offen als nächster Schritt diskutiert. Man begründet das mit Statistiken, wonach sich deren Wirksamkeit kaum von ‚echten‘ Medikamenten unterscheide. Da heilt sich der Patient also durch die Kraft der Einbildung kostengünstig, aber leider nur angeblich selbst. Welch eine moralische Entartung zeigt sich darin, wenn offen nicht mehr darauf hingearbeitet wird, Krankheiten heilbar zu machen, sondern lediglich auf die Selbstheilkräfte des Patienten spekuliert wird. Und wie bezeichnend ist es, wenn damit in der Medizinerszene so offen an der eigenen Kunst gezweifelt wird.

Die Krankenkassen wollen sparen und schaffen diesmal durch die IGeLliste tatsächlich etwas mehrheitlich Sinnvolles: Sie schützen die Patienten damit vor Alchimisten und Halsabschneidern im weißen Kittel. Sie schützen aber auch eine immer hysterischere Patientenschar, die glaubt, dass man Gesundheit kaufen kann, selbst dann, wenn man eigentlich gesund ist. Die IGeLliste ist ein erster, wenn auch nur die gängigsten Produkte und Methoden umfassend, wichtiger Schritt. Eine kritische Öffentlichkeit muss die Krankenkassen kontrollieren, für die die Versuchung natürlich groß ist, so selbst begründete Leistungen zu verweigern. Bedenklich ist in dem Zusammenhang, dass letztere schon die Gelegenheit genutzt haben, auch Sportuntersuchungen und Reiseimpfungen aus der Leistung zu nehmen. Letztlich  kommt es sowieso darauf an, wie viel moralische Integrität in diesen Institutionen noch vorhanden ist, einen seriösen Job zu machen.

Kommentare:

  1. Die staatliche Regulierung der natürlichsten Ereignisse eines Menschenleben nämlich Geburt, Krankheit und Tod offenbart den Größenwahn, welcher seit über tausend Jahren mit dem Spruch: "Macht euch die Erde untertan" in die Köpfe eingebrannt wurde.
    Solange der Mensch sich nicht in die Natur eingebunden empfindet sonder sich als darüberstehender Herr begreift wird dieser Größenwahn und die Anmaßung nicht enden wollen.

    Diese Tatsache betrifft die Schulmedizin und die esoterische Heilpraxis gleichermaßen.
    Bei letzterer ist die Anmaßung allerdings nicht ganz so groß.

    Naturereignisse wie Geburt, Krankheit oder Tod funktionierten seit Menschengedenken ohne Regulierung von oben.
    Ansonsten wäre das Menschengeschlecht ebenso untergegangen wie die Planwirtschaft der DDR.

    Der Umstand einer Krankenversicherungspflicht ohne freie Arztwahl zeigt die Größe der Geistesstörung an.

    wolfswurt

    AntwortenLöschen
  2. Gesundheit ist auch Ergebnis gesunder Nahrung.
    Bei diesen Zuständen braucht man sich um das Gesundheitssystem eigentlich nicht mehr kümmern: Das Gift im Kuhstall Sterbende Tiere, Kranke Menschen - http://www.youtube.com/watch?v=c4uUx507ZZU

    Unfassbar die Verantwortungslosigkeit oder besser die verbrecherische Energie, welche in den Regierungen steckt.

    wolfswurt

    AntwortenLöschen
  3. Sehr geehrter Herr Kustos,

    ich sehe es in den meisten Fällen ebenfalls als nicht legitim an, IGEL-Leistungen
    zu verkaufen - und damit häufig gleich das Ansehen des Ärztestandes gleich mit.

    Ich stimme Ihnen auch zu, dass auf dem "Gesundheitsmarkt" inzwischen äußerst fragwürdiger Wildwuchs vor sich hinwuchert und mit Heilsversprechen Menschen in einer Notlage abzockt.

    Allerdings weiß ich – und erkenne diesen Umstand auch an – dass die Psyche bei vielen Krankheiten sehr wohl eine große Rolle spielt und dass der Glaube an Heilung einen Selbstheilungsprozess unterstützt und vielleicht sogar erst auslöst.
    Das ist keine Esoterik, sondern eine systemische Betrachtungsweise auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.

    Es gibt in diesem Zusammenhang in der Tat erstaunliche wissenschaftliche Studien zum Placeboeffekt.
    Als Placeboeffekte werden alle positiven psychischen und körperlichen Reaktionen verstanden, die nicht auf eine spezifische Wirkung, sondern auf den gesamten psychsozialen Kontext einer Behandlung zurückzuführen sind.
    Ihre Auswirkungen auf ein Individuum wird als Placeboantwort bezeichnet.
    Diese kann immer nur individuell sein, da sie in engem Zusammenhang u.a. mit der Erwartungshaltung, der Konditionierung, Vertrauen zum Behandler/zur Behandlerin und (suggestiven) Glaubenssätzen eines Menschen zusammenhängt.

    Außerdem kann es durchaus sinnvoll sein, den Körper mit Qigong oder Tanz und anderen Bewegungselementen positiv zu beeinflussen und damit einen Gesundungsprozess anzustoßen oder zu begleiten.

    Ich empfehle Ihnen, sich näher und vor allem tiefgehender mit medizinischen/ psychosozialen Themen auseinanderzusetzen und bitte nicht alles in einen Topf zu werfen.

    AntwortenLöschen
  4. Mit der Augendiagnose wollen sie unfehlbar den Fußpilz erkennen.

    Der war schön! Da musste ich laut auflachen.

    AntwortenLöschen