Kustos kommentiert nicht mehr -
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Samstag, 28. Dezember 2013

Philadelphia-Phänomen

Nicht alles ist Käse, aber mit dem Käse geht es doch eigentlich schon los: Wer hat einmal versucht, in einem Discounter seiner Wahl eine Packung Doppelrahmfrischkäse zu kaufen? Den richtigen, den weißen, den Vater aller Frischkäse? Den, der im Volksmund zumeist und zu unrecht auf „Philadelphia“ reduziert wird? Dann wisst er, wovon ich spreche. Der ist nämlich meistens nicht zu haben. Stattdessen hat der Hersteller Varianten auf Lager mit Knob- und Bärlauch, fettarm und –frei, mit Joghurt und Schmand, rot und grün, mit Kräutern und Gewürzen. So gut wie kein Mensch will das künstlich aufgepumpte Zeug essen, weshalb man in einem zerwühlten Haufen von Käsefälschungen wühlen muss, stets hoffend, doch noch ein Original zu erhalten. Für die Variante „Natur“ müsste man eigentlich inspiriert wie einst Gerd Müller exakt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und das Phänomen beschränkt sich keineswegs auf den einen  Hersteller. Wie kommt es trotz Marktwirtschaft zu solcher Mangelwirtschaft?

Vordergründig, weil von jeder Sorte fair und demokratisch in Sortimentstableaus immer die gleiche Anzahl abgepackt wird. In Deutschland gibt es eben keine diskriminierten (Käse-)Minderheiten mehr. Was aber vom Verbraucher nicht gewollt wird, bleibt nicht nur beim Käse trotzdem liegen. Warum also produzieren die Betriebe mit erhöhtem Aufwand Dinge, die nachweislich nicht gebraucht werden? Oder besser gefragt, warum zieht sich das Phänomen seit vielen Jahren durch alle Discounter, ohne dass über Kommunikation mit dem Handel oder über Remittenden das Problem irgendjemand zu Bewusstsein kommt?

Der Kommentar ausgewählter befragter Verkaufskräfte in den Filialen ist ein Teil der Antwort: ein „Häh?“, mit einem stimmlosen „Lass mich doch in Ruhe, du Penner“. Und hier sind wir schon beim eigentlichen Thema dieses Posts: der Dienstleistungsgesellschaft. Denn beim Philadelphia-Phänomen ist der Käse mit dem Käse nicht gegessen, sondern es geht sozusagen um die Wurst: Als Mann versuche man doch mal, in einem Schuhgeschäft im Herbst ein paar ordentliche, angenehm zu tragende Winterstiefel oder im Frühjahr etwas Luftiges zu bekommen. Oder, in abgeschwächtem Maße, das beliebte „Gold“-Bier in einem Wust obskurer Biersorten (Penny hat seinen Verkaufsrenner gleich ganz aus dem Sortiment genommen). Oder wo gibt es noch Jeans ohne Zwangslöcher oder Stickgirlanden. Nicht zu vergessen, dass der Buchhandel Unmengen Bücher praktisch direkt für den Krabbeltisch produziert, während ein wegweisendes Werk wie „Chaos mit System“ von einem gewissen Konrad Kustos froh sein muss, wenn es von einem Kleinverlag herausgebracht wird.

Letzteres natürlich nur nebenbei, denn jeder könnte aus der eigenen Erfahrung die Liste eines solchen so unnötigen wie unverständlichen Überfluss an Mangel-Erscheinungen nach kurzem Überlegen sicher beliebig verlängern. Das Philadelphia-Phänomen wirkt auch über den Einzelhandel hinaus. Im kommunalen Bürgerbüro etwa winden sich an einem Schalter die Warteschlangen gleich mehrfach um die Plastikpalmen, während am anderen Schalter die Beamten wie einst Fox Mulder aus Langeweile Bleistifte an die Bürodecke werfen. Und was sollen die arbeitslosen Facharbeiter und Ingenieure jenseits der 40 sagen, für deren nicht existierenden Jobs dringend Auszubildende und aufwändig anzuwerbende Inder gesucht werden?

Das alles lässt sich nicht mehr mit zufälligen Missgeschicken erklären, das ist ein Chaos mit System. Selbstverständlich wäre es möglich, Angebot und Bedarf besser aufeinander abzustimmen, wenn die Beteiligten miteinander kommunizierten. Genau das, also die Grundlage von Zivilisation, ist den Wirtschaftsprozessen des Niedergangs aber weitgehend abhandengekommen. Ohne Kommunikation ist die Korrektur von Fehlern nicht möglich, sie bleiben erhalten, während neue sowieso dazukommen. Es entwickelt sich eine Fehlerlawine.

Je komplizierter und anspruchsvoller die Distributionstheorien, die an den Fachschulen gelehrt werden, desto mehr verstecken sich die Beteiligten hinter virtuellen, standardisierten, dysfunktionalen Abläufen. Vielleicht ist es aber auch nicht nur Kommunikationsunfähigkeit, sondern sogar Kommunikationsunwilligkeit? Sind also die Produktverantwortlichen so verliebt in ihre Ideen, dass sie nicht mehr hören wollen, was daran falsch sein könnte? Müssen sie sinnlose Neuerungen zum Erfolg quälen, indem sie im eigenen Hause die Konkurrenz des traditionell Erfolgreichen abwürgen, um dem Chef ihre innovative Effizienz zu beweisen?

Den Händlern jedenfalls ist alles egal, weil sie ja warten können, bis der Kunde dann doch, der Not gehorchend, den postmodernen Kräuterkäse kauft. Oder er schlägt nach ausreichender Regallagerzeit 30 Cent drauf und verkauft ihn als Frischrahm-Schimmelkäse.

Kommentare:

  1. Vermutlich wird der Philadelphia-Mangel vom Versuch der Handelsketten hervorgerufen, mit Hilfe ausgefeilter Software die Wünsche der Kunden perfekt zu erkennen. Der klassische weisse Philadelphia entspricht halt nicht mehr deren Wünschen - das kann ich auch gut verstehen, jeder einfache Quark schmeckt mir besser. Und die jungen Marketing-Experten lernen heute, dass einfache Produkte ohne "value add" nicht mehr profitträchtig sind, sie können zu leicht nachgemacht werden, und dank Werbekosten-Ersparnis der Nachmacher bei gleichem Preis zu besserer Qualität.

    Da bleibt nur noch das "Philadelphia-Experiment", leicht zu googlen, um einen Tunnel in die 70er Jahre zu schaffen, über den man wieder den richtigen Käse (und billiges Benzin und Schlaghosen) einkaufen kann. Viel Glück!

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  2. In der Mode war das schon immer so, daß Kundenwünsche mit Füßen getreten wurden. Deshalb spricht man von Modezaren, die den Geschmack bestimmen. Das hat damit zu tun, daß der Kunde öfter den Handel frequentieren soll, um das gewünschte Produkt vielleicht doch mal zu finden. Bei den vielen Gelegenheiten kauft er dann auch viel anderes...Darum werden ja auch die Regale periodisch umgestellt...
    Ich bin da zu sperrig und kaufe nur was ich mir vorher ausgedacht habe. Was ich nicht finde, wird von der Einkaufsliste gestrichen. Weniger Umsatz - selber Schuld - Handel!

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