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Samstag, 25. Januar 2014

Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

Bild: "Vertreibung aus dem Paradies"
© Lise Noergel, www.photocase.de
Gott sei Dank hat die Freie Universität Berlin mithilfe ihrer Computer den Beweis angetreten, dass Gott existiert. Allerdings nur in einem Denkgebäude, das sich so weit im Virtuellen bewegt, dass es sich um die Realität keine Gedanken mehr zu machen braucht. Für uns wird da eher der Beweis angetreten, dass seriöse Wissenschaft, oder was wir immer noch naiv für eine solche halten, nicht mehr existiert. Bei der Spezialdisziplin „Soziologie“ könnte man noch sagen, dass es sich gar nicht mehr um Wissenschaft handelt, wo sie herausfindet, dass Dänen besonders kinderfreundlich sind und Deutsche in diesem Ranking ganz hinten liegen. Jedenfalls dann, wenn sich erweist, dass die Forscher ausschließlich das Selbstbild der Befragten zugrundelegten. Geht es noch unwissenschaftlicher? Aber selbstverständlich: Anknüpfend an den Zuspruch für den Post der vergangenen Woche beweist dies die Art und Weise, wie herrlich dämlich sich eine Baseler Hochschul-Philosophin des Themas „Gender“ angenommen hat. So wird offenbar, dass sich große Teile der Wissenschaft längst in den Dienst des neuen Herrschaftswissens der „politisch korrekten“ Ideologie und Indoktrination gestellt haben.


Fast eine ganze Seite hatte Frau Katrin Meyer in der Neuen Zürcher Zeitung zur Verfügung gestellt bekommen, um uns zu erklären, dass das Gender Mainstreaming aus wissenschaftlicher Sicht quasi den Charakter eines neuen Naturgesetzes hat. Um es kurz zu machen: Sie argumentiert nicht an einer einzigen Stelle wissenschaftlich, erhält aber durch Sprache und Formulierungen den Anspruch der Wissenschaftlichkeit aufrecht. Das wenigstens ist auch klug so, denn der Mensch des Niedergangs glaubt ja in der Wissenschaft die Rettung zu finden, so wie früher der den Naturgewalten ausgelieferte Mensch die Rettung in Gott und Religion sah, und wird ihr deshalb eher glauben.

Da kann es kein Zufall sein, dass Frau Meyer sich in ihrem Text als Prügel-Kasper den Churer Bischof Vitus Huonder gewählt hat, der in einer Streitschrift den Begriff Genderismus prägte oder aufgriff. Für ihn ist Genderismus in Abgrenzung zum Begriff Gender eine „tendenziell totalitäre Ideologie, die gegen die Natur, gegen naturwissenschaftliche Erkenntnisse und gegen die christliche Schöpfungsordnung“ verstoße. Das mit der Schöpfungsordnung wollen wir hier einmal wohlwollend unter den Tisch fallen lassen, ansonsten hat der Mann damit eine wundervolle sprachliche Handhabe gegen die Vergewaltigung der Idee geschaffen, dass Männer und Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit gemeinsam zum Nutzen aller leben und arbeiten können.

Meyer verschleiert also die Ideologie-Gemeinsamkeit von Genderismus und Religion, indem sie versucht einen Gegensatz aus reaktionärer Religion und fortschrittlicher Wissenschaftlichkeit zu konstruieren. Was für ein primitiver Trick. Der funktioniert allein schon deshalb nicht, weil sie niemals über das Niveau einer schlechten Polemik hinauskommt. Selbst wenn vorausgesetzt wird, dass korrumpierte Wissenschaft inzwischen ein Normalfall ist, ist eine solche Qualität an sich nicht tolerierbar.

Nach der neuen Meyerschen Schöpfungsordnung ist der Genderismus, den sie natürlich nie so bezeichnen würde, der Sieg „liberaler Rechtsstaatlichkeit“ über die Tradition (in diesem Falle der „heterosexuellen bürgerlichen Kleinfamilie“). Objektiv hat sie damit natürlich recht, denn die Tradition hat tatsächlich nur noch eine schwindende Kraft, gegen die Unterwanderung des Rechtsstaates durch Ideologien aggressiver Minderheiten standzuhalten. Deshalb bringt Meyer es sogar fertig, die Leugnung biologischer Unterschiede zwischen den Geschlechtern zum elementaren Prinzip der demokratischen Gesellschaft zu erklären.

In der Diktion nicht weit entfernt von früheren kommunistischen Kampfschriften der Studentenbewegung schreibt sie: „Weil Gender eine soziale Geschlechtsidentität bezeichnet, die durch kulturelle Normen und gesellschaftliche Strukturen bedingt ist, werden Geschlechterverhältnisse als historische Praktiken erkennbar - und damit prinzipiell veränderbar.“ Auf Deutsch: Das jeweilige Geschlecht ist lediglich eine gesellschaftliche Praxis und kann durch öffentlichen Druck abgeschafft werden. Letztlich heißt das so ehrlich wie unbedarft, mithilfe eines neuen Wortes lasse sich die Wirklichkeit verändern. Und ganz unrecht hat sie nicht, erleben wir doch täglich, wie mehr und mehr irrwitzige ideologische Konstruktionen es schaffen, zumindest (traurige) politische Realität zu werden.

Genau darauf zielt der Genderismus. „Das Genderkonzept öffnet einer Gesellschaft somit einen geschlechterpolitischen Handlungsspielraum … und transformiert die angeblich gottgegebene Geschlechterordnung in Kultur und die vermeintlich unabänderliche Geschlechternatur in Politik.“ Genderismus ist also, dass jede(r) mit muss. Wohlwollend zitiert sie eine amerikanische Kollegin (Judith Butler), die sogar den biologischen Unterschied von Mann und Frau leugnet. Nach Butlers verdienter „Forschung“ sei die „Unterscheidung von Sex und Gender unhaltbar“ und es könne „erkenntnistheoretisch keine objektiven biologischen Definitionsmerkmale der Geschlechter“ mehr geben.

Das ist so dreist, dass dem Leser der Atem stockt und er sich sogleich ernsthafteren Themen zuwenden will. Doch genau diese Dreistigkeit ist inzwischen zur Grundlage des politischen Handelns geworden, und wer das ignoriert, ist genauso mitschuld an der aufkommenden neuen Diktatur, wie es die Deutschen vor Hitlers Machtergreifung waren. Und die neue Diktatur muss von keiner Geheimpolizei gestützt werden, denn ein perfektionierter Ideologischer Apparat sorgt schon im Vorfeld dafür, dass es keinen Widerstand geben wird.

Diese neue „Mentaldiktatur“ konnte es früher nicht geben, weil das Selbstbewusstsein der Menschen größer war. Erst der Niedergang mit seiner hilf- und ratlos machenden Informationsüberflutung und in deren Folge aufkommenden unbegreifbar komplexen Machtstrukturen stürzte die Menschen in die Sehnsucht nach stabilisierenden Weltmodellen. Je einfacher diese dann strukturiert sind und je gutmenschlicher sie zu sein behaupten desto größer ist die Akzeptanz bei den Haltsuchenden.

Auffällig ist auch hier, dass besonders die sogenannten Intellektuellen besonders anfällig gegenüber diesen Heilslehren sind. Vermutlich liegt das daran, dass in deren abstrakten Denkstrukturen die Realität leichter vernachlässigt werden kann. Deshalb keilt die Meyer auch so heftig gegen den armen Bischof, wagt er es doch, seine Gedanken an der Wirklichkeit auszurichten (jedenfalls solange es nicht um seine „Schöpfungsordnung“ geht).

Sie behauptet, dass mit dem Begriff Genderismus „der Geschlechterforschung ihre Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird“. Als wenn diese Forschung durch ihre ideologische Befangenheit nicht längst selbst jeden Anspruch an Seriosität zertrümmert hätte. Zynisch fordert ausgerechnet dieses Musterexemplar ideologischer Indoktrination, Wissenschaft müsse sich nicht am Glauben, sondern an Kritik und Aufklärung orientieren. Ihr Wort in die Ohren des Fliegenden Spaghettimonsters.

In einem Punkt muss Konrad Kustos Frau Meyer aber gegen den Bischof, wenn auch aus völlig anderer Perspektive, in Schutz nehmen: Tatsächlich bringt es nichts, die Begriffe Gender und Genderismus gleichzusetzen. Könnte es gelingen, mit Genderismus den ideologischen Missbrauch einer wichtigen gesellschaftlichen Fragestellung zu brandmarken, dann wäre der Begriff Gender wieder frei, um nach tatsächlich überwindbaren, nicht biologisch bedingten Diskriminierungen welchen Geschlechts auch immer zu forschen. Dies setzt aber eine Wissenschaft voraus, deren Ergebnisse nicht schon vor der Untersuchung feststehen.

In dem Zusammenhang ist interessant, dass erst kürzlich eine Studie veröffentlicht wurde, nach der sich die Unterschiede von Mann und Frau umso stärker entfalten könnten, je freier eine Gesellschaft sei. Sollte das wahr sein, und es spricht viel dafür, wirft der gleichmachende Genderismus ein bezeichnendes Bild auf den Totalitarismus seiner Verfechter und der Gesellschaft, in der jene Karriere machen können. Vorausgesetzt, Freiheit ist ein erstrebenswertes Ziel, heißt das aber auch, dass der Genderismus gleichermaßen sowohl gegen die Interessen von Männern als auch von Frauen arbeitet.

Kommentare:

  1. Fürwahr und trefflich auf dem Punkt – zumindest aus meiner Sicht.

    Im Übrigen sehe ich jeden Tag die biologischen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein, denn ich habe Kinder beiderlei Geschlechts. Oder heißt das jetzt: Geguts?

    Wenn Gender - und bitteschön, dieses Wort geht gar nicht, enthält es doch den männlichen Artikel! - zum hohen Gut der Menschlichkeit führt, in dem sich hoffentlich beide Gegüter wiederfinden dürfen, dann wäre ich ja zufrieden. Aber danach sieht es so gar nicht aus ...

    Leider kann auch ich die Augen vor der Verblödung der Gesellschaft durch die Wissenschaft nicht verschließen und befürchte, dass meine Kinder dann irgendwann MaPa oder PaMa zu mir sagen müssen :-).
    Wie schrecklich ist das denn !?

    Ich wünsche allseits ein schönes Wochenende

    Annette S. aus K.

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  2. Sehr guter Artikel!

    Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist der Sieg liberaler Rechtsstaatlichkeit.
    Der Genderismus ist, genau wie religiös motivierte Geschlechterhierarchien, ein ideologisches Hirrngespinst.

    Nette Grüße

    Harald H. aus Niedersachsen

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    1. Sehr geehrter Herr H. aus Niedersachsen,

      wie darf ich Ihren ersten Satz verstehen?
      Meinen Sie, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter der
      liberalen Rechtsstaatlichkeit zum Sieg verholfen hat? Oder umgekehrt?

      Gespannte Grüße aus der wettermäßigen Tristesse des 7gebirges

      Annette S. aus K.

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