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Samstag, 11. Januar 2014

Wieder Mist gebaut

"City-Cube: Quadratisch ja,
doch Praktisch? Gut?"
„Quadratisch - Praktisch - Gut.“ Der Werbespruch für die Ritter-Sport-Schokolade hat sich Generationen eingeprägt. Dieses QPG gilt aber auch als Credo jener Spezies von unsportlichen Raub-Rittern, die mit nichts weniger als der Aufgabe betraut sind, unser Lebensumfeld zu gestalten: Architekten. Deren stetig wachsendes Sündenregister wird merkwürdigerweise öffentlich weniger diskutiert, als der Geschmack und die Inhaltsstoffe von Schokolade, dabei ist die Umgebung, in der wir leben und arbeiten, ein ungleich wichtigeres Lebensmittel. Wenn ein Politiker sich räuspert, sind die Medien voll davon, wenn ein Architekt für Hunderte von Millionen Euro eine Innenstadt mittels grauer Beton- oder Granit- oder Glaswürfel vernichtet, ist das eine Randnotiz in der Lokalpresse. Die Tatsache, dass Berlin nun auch noch einen City Cube der Marke QPG erhält, ist wenigstens für Konrad Kustos Anlass, das Wirken einer besonderen Spezies von mehrheitlich gefährlichen Ideologen in Augenschein zu nehmen.


Dieser City Cube soll Berlins neue Kongresshalle werden. Zwar hat die Stadt mit dem ICC ein stets ausgelastetes und international berühmtes Kongresszentrum, doch finden das die Experten nicht mehr schick und setzen die Politik seit Jahren unter Druck, das Milliardenobjekt abzureißen. Wenn der rund 90 Millionen Euro teure Cube erst steht, wird wohl auch tatsächlich dieser Abriss erfolgen. Dann ist einer der wenigen wirklich modernen, nämlich nicht „klassisch modernen“, trotz seiner Größe filigranen Lichtblicke der Berliner Nachkriegsarchitektur durch einen monumentalen düsteren Steinwürfel ersetzt.

Leider ist ein solcher Affront gegen die Lebensqualität nicht die Ausnahme, sondern die Regel (wenngleich es davon durchaus erfreuliche Ausnahmen gibt). Nicht nur in Berlin, sondern in praktisch jeder Stadt auf der Welt. Das geschieht dann oft auch noch in Tateinheit mit der achselzuckenden Zerstörung wertvoller Bausubstanz oder eines historisch gewachsenen Umfelds. Man denke an das Centre Pompidou, Stuttgart 21, die Hamburger Hafen-City, die Berliner Museumsinsel oder die Dresdner Waldschlösschenbrücke, für die sogar das ganze Dresdner Elbtal von der Weltkulturerbeliste gestrichen wurde.

Bleiben wir der Anschaulichkeit halber aber in Berlin und schildern ein bisschen die Spannweite vorgeblich moderner Umtriebe. Die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes für 4000 Mitarbeiter, dort wo früher das Stadion der Weltjugend stand, kann in seinem düsteren QPG nicht mit einem Massengefängnis verglichen werden, weil solche Gefängnisse gegen die Menschenrechtskonvention verstießen. Nebenbei: Die Baukosten stiegen von 500 auf derzeit geschätzte 912 Millionen Euro. Jedes der sechs teilnehmenden Architekturbüros in der Endausscheidung erhielt allein für die Vorplanung 350.000 Euro. Die Jury in ihrer unsäglich arroganten Distanz zur Wirklichkeit lobte beim Sieger eine „noble Distanz zur Stadt“.

In Adlershof entstand ein „Landschaftspark“ von solcher Künstlichkeit, dass man sich wundert, dass das Ganze nicht auch noch mit Kunstrasen ausgelegt wurde. Sicher scheiterte das nur an den Kosten. Immerhin formen sich die viele Meter breiten Betonwege nicht nur zu Quadraten, sondern bisweilen auch zu Dreiecken.

Immerhin für 1,9 Millionen Euro wurde die Mittelpromenade des Tauentziens umgestaltet. Die berühmteste Berliner Einkaufsstraße erhielt statt freundlicher Blumenbeete neue rechteckige Betonwannen voller düsterer Eiben. Langfristig sollen damit Kosten gespart werden, weil Blumenpflanzen zu teuer sei. Bei solchen Argumenten für das Zentrum einer Touristenmetropole fällt selbst Konrad Kustos nichts mehr ein. Selbstverständlich ging der Entscheidung ein demokratischer Wettbewerb voraus.

Keinen Wettbewerb, sondern nur Kostengründe brauchte die Stadtentwicklungsplanung des Senats dazu, das Aus für 10.000 historische Gasleuchten zu beschließen. Die Umrüstung der Lampen von unermesslichem Wert für das Stadtbild und die Lebensqualität kostet allerdings 30 Millionen Euro.  Und wenn man weitere Gründe sucht: Angeblich sinkt dadurch die CO2-Belastung um 9200 t. Was für ein schönes Beispiel, wofür man das Phantom des Klimawandels alles benutzen kann.

„Buntes Wohnen“ nennt die örtliche Zeitung euphemistisch die Planung eines Studentendorfs, in dem die Bewohner tatsächlich in 307 (QPG-) Frachtcontainern wohnen sollen. Die Zeitung ist begeistert und setzt (ungewollt zynisch) noch einen drauf: „Das Projekt lebt auch von seiner Ästhetik, jeder Container liegt im Grünen, wo sie auch Gemüse ziehen dürfen.“ Die Ästhetik eines Bauwerks entsteht also nicht aus sich selbst, sondern aus seiner Umgebung. Wozu aber, braucht man für das Aufstellen von Containern dann hier einen Architekturwettbewerb?

Neudeutsch „Green Village“ nennt sich ein Wohnungsneubaugebiet in Friedrichshain. Doch dort entsteht kein Dorf und das auch nicht im Grünen, sondern für 3300 Euro pro Quadratmeter gibt es  bessere Plattenbauten im Stil QPG und einen Hof mit Rasenfläche. Die Bauträger wissen also schon was die Menschen wollen, sie wollen es denen nur nicht bauen. Bei solcher Namensgebungs-Virtualität geht es sicher um Kosten, aber auch um das Expertenimage der Architekten, die unerschütterlich zu wissen vorgeben, was schön ist und was nicht.

Die Menschen haben keine Lobby. Der Zirkel aus privaten Planern und jenen in den öffentlichen Verwaltungen sowie den für propagandistischen Begleitschutz sorgenden Architekturjournalisten braucht noch nicht mal Schmiergeld, um zu funktionieren. Es reicht die gemeinsame Ideologie des Bauhauses und der klassischen Moderne, die heutzutage so absurd ist, dass sie sich sicher sein können, dass herrschaftssichernde Alleinstellungsmerkmal zu behalten.

Wie über der Gesellschaft die Political Correctness, so schwebt über dem Bauwesen die Ideologie des QPG wie ein tödliches Schwert. Wer da vorsichtig anmerkt, in einer historischen Altstadt könnte auch eine historische Rekonstruktion eines Hauses das Mittel der Wahl sein, oder wer sich gar erkühnt, etwas wirklich Modernes, also beispielsweise etwas Dekonstruktivistisches oder auch Naturalistisches zu fordern oder anzubieten, der wird erst verlacht und dann bekämpft.

Wenn die Politik ausnahmsweise an bedeutenden Orten einmal nicht treudoof mitspielt und beispielsweise die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses als ästhetischen Abschluss des ansonsten intakten historischen Lindenboulevards wenigstens teilweise durchsetzt, ist eine Planerin wie die Senatsbaudirektorin nicht weit, die einen gegenläufigen Wettbewerb für die umliegenden Freiflächen auslobt. Ein Wettbewerb, der gar kein richtiger ist, weil von vornherein alles ausgeschlossen wird, was nicht der so genannten Moderne entspricht. Es reicht dort nicht, das Ergebnis nach gewohnter Methode durch die Auswahl der Architekten und der Jury vorzugeben, es muss sicherheitshalber auch noch die ausdrückliche Forderung nach moderner Architektur (übliches Schlagwort: „zeitgemäße Form“) sein. „Das Konzept sollte die historische und städtebauliche Kontinuität wahren, aber in einer zeitgemäßen Form umgesetzt werden“, lautet die Kernformulierung, mit der jeder sensible Umgang mit der Ortslage ausgeschlossen wird.

Falls sich jemand gewundert hat, warum bisher in jedem Absatz von Wettbewerben die Rede war, folgt hier die Auflösung: Gerade weil das ganze Prozedere ungefähr so demokratisch organisiert ist wie der Stalinismus, braucht man den scheinbar unabhängigen und qualitätssichernden Wettbewerb als Legitimation - gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch, um Abweichler aus den eigenen Reihen ruhigzustellen. Wer wagt es schon, dem Ergebnis eines seriösen Auswahlverfahrens zu widersprechen, das mit angesehenen Vertretern des Berufsstandes besetzt ist. Dies gilt, obwohl Insider natürlich ganz genau wissen, dass allein durch die Auswahl des Juryvorsitzenden das Ergebnis im Grunde feststeht. Gleichermaßen könnte man das Zusammenspiel von Teufel und Beelzebub als demokratischen Prozess charakterisieren.

So kommt es, dass die Bürger, die mit der QPGen Verwahrlosung ihres Lebensumfelds leben müssen, die Architektur so gut es geht aus ihrer Wahrnehmung ausblenden, während sich die Verursacher für ihre Kulturleistungen selbst und gegenseitig auf die Schulter schlagen. Nur die Kneipen, Restaurants und edlen Geschäfte wissen, was die Menschen anzieht, und siedeln sich in den Altstädten an.

Beim City Cube sollte aber diesmal alles ganz anders werden. Zwar konnte man nicht guten Gewissens den Geschmack des Pöbels (so wird der Bürger im privaten Gespräch von Planern gerne bezeichnet) berücksichtigen, doch holte man sich weitere Expertenhilfe: Beauftragt wurde die Astrologin Birgit von Borstel, ein Bau-Horoskop zu erstellen. Sie versicherte dann in ihrer Expertise: „Das Horoskop für die Grundsteinlegung des City Cube verspricht Wachstum und gewinnbringenden Austausch." Willkommen an Bord, Frau von Borstel!

Kommentare:

  1. Lieber Herr Kustos, Sie sprechen mir aus der Seele! Zu allem Überfluß soll in Weimar noch ein Bauhaus-Museum entstehen! Ich würde es ja akzeptieren, wenn die Würfelarchitektur neben anderen Ausdrucksformen gleichberechtigt ihren Platz fände. Aber es hat sich wirklich eine geschmacksstalinistische Diktatur etabliert.

    Das Wettbewerbswesen hat übrigens auch Auswirkungen auf die vielgescholtenen Kostenexplosionen. Ich hatte dazu mal einen Eintrag geschrieben:
    http://www.prabelsblog.de/2013/10/warum-die-kosten-bei-offentlichen-bauten-durch-die-decke-gehen/
    Intransparente Vergabeverfahren führen notwendig zu intransparenten Baukosten.
    Und anonym sind Wettbewerbe in der Regel nicht.

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  2. Ich brauch das garnicht zu lesen.

    Das passiert wohl überall in der Republik und wird auch nicht besser. Das Gelungene wird immer mit dem Hässlichen aufgewogen. In meiner Stadt gibt es zahllose Beispiele und ich sehe schon die nächsten zwei.

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  3. Ausnahmsweise kann ich KK hier mal fast vollständig zustimmen, bis auf einen einzigen eingestreuten Absatz, den ich einfach ignoriere. Heutige Groß-Architektur schafft es nur in den seltensten Fällen, etwas für das Stadtbild und das städtische Leben positives zu Wege zu bringen. Nichts gegen meine Lieblingsschokolade, aber Quadratisch Praktisch Gut ist für Architektur einfach zu wenig. Diese Bau"kunst" erinnert mich an meine Kindheit - ich hatte mal einen Riesenbeutel Korken und einen ebensogroßen Stapel Bierdeckel zur Verfügung und habe daraus ganze Städte gebaut. Ein Geschoss = 4 Korken + 1 Bierdeckel. Die Ausbildung heutiger Architekten muss so ähnlich laufen.

    Wobei das schon länger so geht: Wenn man ehrlich ist, das neue Stadtschloss ist die Umsetzung von QPG mit Mitteln der Renaissance. Kein Wunder, dass so etwas heute so gut ankommt.

    Ich weiss nicht, ob das ICC Berlin, 1979 eröffnet, wirklich abgerissen werden soll wie vor einigen Jahren der Palast der Republik. Dann hätte es gerade mal ca. 50 Jahre gehalten. Da sich heute alles beschleunigt, kann es sein, dass ich vielleicht noch den Abriss einiger heutiger "Neubauten" erleben werde. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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