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Samstag, 8. Februar 2014

Machtkartell für Kartenhäuser

Was für ein Theater
Als das Opernhaus von Sydney geplant wurde, sollte es 3,5 Millionen Pfund kosten, am Ende waren es 50 Millionen. Das war für manche weniger schlimm als die Tatsache, dass es statt 1965 erst 1973 fertig wurde. Dicht dran in der Bilanz gebauten Schreckens ist die Hamburger Elbphilharmonie, die es wohl bei einer Verzehnfachung der Kosten belässt, dafür aber in der Gesamtsumme bei 789 Millionen Euro liegt. 2003 war hier Baubeginn, die Fertigstellung rückt so rasant näher wie Achilles der Schildkröte. Da haben wir wohl nach heutigem Anschein mit dem Berliner Pannenflughafen noch Glück gehabt. Der Aufruhr in der Öffentlichkeit ist verständlich, doch die Frage bleibt, warum uns ein paar Millionen Euro stören, die andernfalls wer weiß wo verjubelt worden wären, wenn wir kritiklos hinnehmen, dass unsere Umwelt mit Scheußlichkeiten zugebaut wird. Ist das, was weltweit passiert, nun Dummheit oder Absicht?


In Berlin beispielsweise entsteht gerade rund um den doch noch recht ansehnlichen, von Ingenieurskunst geprägten Hauptbahnhof auf alten Gewerbeflächen einerseits ein komplettes neues Stadtviertel mit Hotels, Bürogebäuden und 560 Wohnungen und gleichzeitig nach gegenwärtigem Stand der Planung eine Albtraumlandschaft aus kahlen, uninspirierten und deprimierenden Betonflächen. Warum ist das so, und das nicht nur hier? Es wäre ja eigentlich nicht schwer zu erkennen, wo Menschen gerne hinziehen oder sich aufhalten, also zu erkennen, dass sie ganz andere Vorlieben haben, als in besseren Lagerhallen zu wohnen, dort zur Schule zu gehen oder aus ihnen regiert zu werden. Ebenso ist für den gesunden Menschenverstand schon bei den ersten Skizzen der Architekten sichtbar, wie die Quartiere bei der Fertigstellung die Verslummung bereits in sich bergen.

Der Schweizer Max Dudler, der den Architekturwettbewerb für die genannte Europa-City gewann, ist in Berlin kein Unbekannter. Er baute an zentralen Orten, etwa die Erweiterung des Umweltministeriums oder die neue Bibliothek der Humboldt-Universität. Sein Markenzeichen: düster und kubisch, Fenster, wo sie denn sein müssen, von außen möglichst unsichtbar - nicht zu vergessen die erheblichen, millionenteuren Baumängel. Es kann also niemand behaupten, man habe von nichts gewusst. Und Dudler ist kein Einzelgänger, sondern nur ein Gesicht des bauenden Mainstreams.

Wie überall, wenn es in der Gesellschaft schiefläuft, liegt das mitnichten ursächlich an den Personen, die es schieflaufen lassen. Die Figuren sind nur die Marionetten, die an destruktiven gesellschaftlichen Strukturen hängen. An der Architektur lässt sich das so gut wie nirgends sonst zeigen: Es ist auch hier ein Strukturprozess, ein Prozess des Niedergangs. Dazu ein anderes Mal an dieser Stelle noch mehr, heute mögen uns einmal nur die konkreten Machtstrukturen interessieren: An den Universitäten gilt seit fast 100 Jahren die Doktrin von der Klassischen Moderne, die sich durch programmatische Schlichtheit, (ehemals) linkspolitische Orientierung und geometrische Formen, besonders solche, die auf dem rechten Winkel basieren, definiert.

Speziell in Deutschland und der Schweiz, wo die Seuche erstmals auftrat, hat sie an den Universitäten den Status einer Religion. Wem nach dem zweiten Semester noch nicht entsprechend das Gehirn gewaschen wurde, der wechselt entnervt das Fach oder wird einfach aussortiert. Dissidenten, die nach Studienabschluss einer modernen Moderne oder irgendeiner anderen Ästhetik folgen lassen sich im Promillebereich messen.

Die Universitäten betreiben so Kulturvernichtung in großem Maßstab. Moderne Architekten sind beispielsweise aufgrund ihrer Ausbildung in der Regel nicht mehr in der Lage, ein Schrägdach zu bauen. Sie haben auf das Funktionale reduzierte Rasterpläne in ihren Computerdateien, die nur minimal abgewandelt zu werden brauchen, um den angeforderten Minimalansprüchen zu genügen. Unter „form follows function“ wurde dieses Billigbauen ästhetisch-ideologisch hoffähig gemacht. Dabei halfen auch fleißig die sogenannten Architekturkritiker mit, die ja aus derselben Denkschmiede kommen. Und so gerastert sieht es inzwischen auch in den Köpfen der Planer aus; die Fähigkeit zum kreativen Denken geht in einem Prozess der Anpassung verloren.

Nun werden aber nicht nur die Architektenschaft, sondern auch die Fachleute in der Verwaltung von diesen Universitäten beliefert. Daraus entsteht ein in sich stabiles Machtkartell, eine Lobby, eine ökonomische Interessengemeinschaft, für die das Festhalten an ihrer Ideologie ein wesentliches ökonomisches Überlebenskriterium zur Ausgrenzung anderer Denkweisen ist. Hinzu kommt, dass die Klassische Moderne aufgrund ihrer funktionalen Schlichtheit kostengünstig ist und damit kurzsichtig denkenden Bauherren, also meist seelenlosen Kapitalgesellschaften, entgegenkommt. Der Bauherr alter Prägung erzeugte ein Gegengewicht, weil er auf die Werthaltigkeit seiner Immobilie achtete.

Wenn nun ein Architekt sein Datei-Kartenhaus vom Computer hat fertigzeichnen lassen, lässt er es erst vom Bauherrn billig-en und legt es dann der Bauverwaltung vor. Diese ist dann erfreut, weil sie ja aus derselben Ideen-Zuchtanstalt rekrutiert wurde. Katastrophal wird es schließlich, weil diese Planer, der menschlichen Natur folgend, ihre Umwelt nach ihren scheinbar eignen Vorstellungen formen wollen. Deshalb üben sie in jeder Form Druck auf Abweichler aus, was praktisch in Berufsverbote mündet.

Wo die eigentlich der Baukunst verpflichteten Verwaltungsbeamten nicht die direkte Entscheidungsgewalt ausüben können, installieren sie Architekturwettbewerbe. Angeblich ist das eine demokratische und unabhängige Entscheidungsfindung, die der besten Qualität zum Durchbruch verhilft. Tatsächlich ist es durch die dortige Versammlung von Architekturideologen eine Bündelung aller negativen Elemente der Sparte. Dummerweise ist das in einer Gesellschaft, die dem Expertenkult huldigt, noch kaum jemandem aufgefallen. Auch bei der Europa-City vernebelt ein Jurymitglied die triste Realität der 4000 Euro/qm-Wohnungen und verwandelt virtuell Wasser zu Wein. „Da es sich um keine typische Wohnlage handelt, mussten die Entwürfe mit einer hohen gestalterischen Qualität überzeugen". In der Zeitung liest sich die wundersame Qualitätsvermehrung journalistisch korrekt so: „Um Vorwürfe einer fehlenden architektonischen Qualität zu verhindern, hatte die Senatsbaudirektorin verordnet, dass nur noch nach einem ausgerufenen Architekturwettbewerb neue Gebäude entstehen dürften, um der stadtbildprägenden Lage des Quartiers gerecht zu werden.“ Da wurde wohl der Bock zum Gärtner gemacht…

Kritiker sagen inzwischen unwidersprochen, in Deutschland sei durch moderne Architektur mehr historische Substanz zerstört worden als durch den Bombenkrieg. Der Wahn einer eigentlich schon lange unmodern Moderne ließ einst systematisch den Stuck von Gründerzeithäusern abschlagen, ließ wertvolle historische Substanz zu Gunsten einer höheren Ausnutzung abreißen und platzierte brutal Kistengebäude in gewachsene Ortslagen. Bonn und Hamburg sind die Opfer einer vermessenen Ideologie, aber bei weitem nicht die einzigen.

Und wenn irgendwo mal ein Architekt gegen den Strom schwimmt und entweder eine innovative moderne Architektur vorschlägt oder historische Qualitäten wiedergewinnen will, wird er als Lachnummer oder Reaktionär ausgegrenzt und beruflich für vogelfrei erklärt. Man denke an die Kampagnen gegen Friedensreich Hundertwasser, Ricardo Bofill oder Antoni Gaudi.

Einige wenige konnten sich unter erheblichem existenziellen Druck oder unter dem Patronat engagierter Mächtiger dann doch durchsetzen. Wenn dann aber beispielsweise das Hotel Adlon in Berlin in sanft modernisierter Form den Platz am Brandenburger Tor wiedergewinnen half, mussten die Architekten anschließend dafür büßen, indem potentiellen Bauherren bei neuen Projekten von der Verwaltung durchgängig gedroht wurde, wenn man mit diesen Architekten arbeite, werde es bei der Durchführung „erhebliche Schwierigkeiten“ geben.

Wirkliche moderne Architektur konnte in Berlin nur von Daniel Libeskind mit seinem inzwischen hochdekorierten Jüdischen Museum verwirklicht werden und das auch nur, indem er der Berliner Verwaltung drohte, sie als judenfeindlich zu brandmarken. Und will jemand in historischer Bausubstanz eine Lücke schließen, heißt es „Wir können doch nicht überall historisch bauen“ oder: „Das ist doch alles Disneyland“. So bleibt materiell und ideell sichergestellt, dass die Klassische Moderne ihre Gewaltherrschaft auch im zweiten Jahrhundert ausüben kann.

Kommentare:

  1. Auch der architektonische Würfelhusten wird zu Ende gehen. Siehe:

    http://www.prabelsblog.de/2014/01/ein-mausoleum-fuer-das-bauhaus/

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  2. Mir ist gerade eine Parallelität zwischen der Entwicklung der Architektur und der klassischen Musik im 20. Jahrhundert aufgefallen. Beide Kunstformen sind in ihren hohen Ausprägungen (also Großbauten einerseits und Orchestermusik und Oper andererseits) sehr stark staatsabhängig - ohne staatliche Gelder gäbe es sowohl die Ausbildungsapparate als auch die Ergebnisse in aller Regel nicht. Das ist anders als bei Literatur oder Malerei, die mehr von Privatkunden leben und nur in Ausnahmefällen staatliche Gelder bekommen (Preise bzw. Museen), ganz zu schweigen von der Filmkultur oder Populärmusik.

    Damit hatten sowohl Architektur als auch klassische Musik die Möglichkeit, sich vom Geschmack des Publikums unabhängig zu machen. Das Ergebnis spricht für sich - sowohl bei Architektur als auch bei der klassischen Musik gibt es einen Bruch zwischen der Kultur und dem Publikum. Es hat in beiden Fällen lange gedauert, um ihn zu erkennen, aber inzwischen merkt man es deutlich - die Städte sind unwirtlich geworden, und die "Neue Musik" ist unter Klassik-Fans berüchtigt und dem Rest völlig unbekannt. In beiden Fällen ist eines der Epizentren der Entwicklung Deutschland.

    Der Bruchpunkt war meiner Meinung nach der 2. Weltkrieg und der darauf folgende Kalte Krieg - die Staaten des Westens wollten sich vom "Sozialistischen Realismus" und Stalin'schen Zuckerbäckerstil absetzen, und viele Intellektuelle von der Vergangenheit des 3. Reiches und darüber hinaus. Das Publikum wurde in beiden Fällen nicht wirklich gefragt, wobei die "autogerechte Stadt" sicher nicht auf viel Widerstand gestoßen ist.

    Das ist vielleicht das Verblüffende - die eher linken Intellektuellen und die eher konservativen, gegen den Kommunismus stehenden Regierungen haben das kulturelle Desaster der modernen Architektur und Musik gemeinsam herbeigeführt. Und wie im Blog schon bemerkt, stabilisiert sich das jeweilige Kultursystem seitdem selbst, nach Politbüro-Manier.

    Ich glaube, die organischen Entwicklungslinien der Vergangenheit haben durchaus eine Chance, wiedererweckt zu werden. Sowohl in der Architektur als auch in der Musik gibt es Schaffende, die nicht den radikalen Pfaden der Bauhaus-Architektur oder der Seriellen-Musik-Moderne gefolgt sind. Aber nur dann, wenn das Publikum mitzieht, sich interessiert und deren Werke wahrnimmt und diskutiert, gibt es diese Chance.

    Bei der Musik versuche ich, mein Scherflein beizutragen, ich habe vor wenigen Wochen ein Internetradio mit Ausrichtung auf genau diese "vergessene Moderne" unter Umgehung der "Neuen Musik" gestartet, zu finden unter http://www.twentysound.net

    Nicht dass ich viel Hoffnung habe, die kulturelle Entwicklung wenigstens in der Musik wieder auf eine neue Schiene setzen zu können, wir leben ja bekanntlich im Zeitalter des Niedergangs, aber einen Versuch ist es trotzdem wert.

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  3. Lieber Dingodog,

    eine interessante Perspektive, die Sie da entwickeln.
    Wenn ich Ihren Gedanken in die Vergangenheit zurückspinne, komme ich zu dem Schluss, dass sich die Führungs„kultur“ schon immer in Baustil und Musik widerspiegelte. Der Westen musste sich demnach also zwangsläufig auch in der Architektur und in der Weiterentwicklung der klassischen Musik vom Osten abgrenzen – und umgekehrt.

    Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem aus meiner Sicht sehr gelungenen Versuch, dem Zeitalter des Niedergangs die „vergessene Moderne“ gegenüberzustellen.
    Mich jedenfalls haben Sie schon auf Ihre Seite gelockt und überzeugt, denn ich bin seit längerer Zeit auf der Suche nach interessanten neuen alten Kompositionen.

    Besten Dank sagt

    Annette S. aus K.

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