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Samstag, 1. März 2014

Hollywoods Höllenfahrt

Den Golden Globe hat er schon, den Oscar will er am Sonntag noch: „12 years a slave“. Der Film verfügt über große Bilder, große Schauspielleistung, große Tragik und erst recht einen großen Anspruch - und umso größer ist sein Scheitern. In den Medien und der anderweitigen Öffentlichkeit wird das allerdings nicht wahrgenommen. Hier adelt ihn seine eindeutige moralische Position und seine Aufarbeitung eines schrecklichen Kapitels der amerikanischen Geschichte. Doch reicht das aus? Die erzählte Geschichte verlässt sich in dreistem Maße auf das gezeigte menschliche Elend und eine unglaubliche und unnötige Zurschaustellung von Brutalität, mit der davon abgelenkt wird, dass die Geschehnisse und die handelnden Personen undifferenziert geschildert werden und damit unglaubwürdig und blass bleiben. So  könnte man kalauern, es handele sich um eine echte Schwarz-Weiß-Story. Das aber wiederum ist Absicht und der Grund, warum dieser Film in der Herstellung wirklich ärgerlich ist und in der Rezeption ein verallgemeinerbares Schlaglicht auf das Kulturverständnis des Niedergangs wirft.


Die Südstaatentragödie von einem Schwarzen, der eigentlich als freier Mann im Norden der USA lebt, dann aber entführt und zwölf Jahre im Süden als Sklave gehalten wird, ist düsteres Gefühlskino ohne Inspiration, ohne Perspektive und ohne Ausweg. Gut, Regisseur Steve McQueen, vom britischen Imperial War Museum einst zum „offiziellen Kriegskünstler für den Irakkrieg“ ernannt, hat die schlimmen Klischees vom bösen Weißen und guten Schwarzen weitgehend gemieden. Aber in all den voraussehbaren Geschehnissen lässt er weder Platz für ein tieferes Verständnis der Emotionen und Wahrnehmungen der Betroffenen noch für tiefere Emotionen des Zuschauers, die über Entsetzen hinausgingen.

Nicht ein einziges Mal wird die gewollte Beklemmung durch ein schönes Erlebnis glaubwürdiger gemacht, das es für jeden Menschen auch in dessen schwärzester Stunde und unter den schlimmsten Umständen gibt. Und wäre es nur der vielzitierte Sonnenuntergang oder die Freude über ein Lächeln eines Leidensgenossen. So suhlt sich der Film in künstlicher Schlechtigkeit und bleibt eine fatale Mischung aus Agitprop und emotionaler Vergewaltigung.

All das ist für die Medien und die diversen Vermarktungsapparate kein Problem, im Gegenteil: Es ist der Grund für den weltweiten und kritiklosen Hype. Jene sehen die politische Botschaft, die sich gegen das mächtige Amerika und seine Vergangenheit wendet und baden sich in ihrem „kritischen“ Gutmenschentum. Die Bösen sind die anderen - in unserem Fall auch noch weit weg -, und man selbst würde so etwas natürlich nie tun.

Psychologisch kommt noch eine Metaebene hinzu, die mehr und mehr hier, aber leider eben nicht nur hier, ausgebeutet wird: Die abendländische, protestantische Lust am Leiden und der Verzweifelung! Über Jahrhunderte, beginnend mit dem historisch letztlich erfolgreichen Leiden von Jesus am Kreuz, hat unser Kulturkreis die Botschaft verinnerlicht, dass Leiden gottgefällig und erfolgversprechend ist, und nun ist der Mechanismus eben in Hollywood angekommen.

Der durchzieht im übrigen auch unseren sonstigen Alltag. Deshalb verkneifen sich beispielsweise viele Leidende Schmerzmittel und sind noch stolz darauf. Deshalb essen die Leute einseitig „biodynamisch“ und glauben selbst dann, dass es ihnen gut tut, wenn ihnen schon die Haare ausfallen. Deshalb haben wir indifferente Schuldgefühle und fühlen uns mitschuldig am Leiden der Welt, nur weil es uns (glücklicherweise) relativ gut geht. Und deshalb werden auch politische Entscheidungen getroffen, die weit von jeder Vernunft entfernt sind.

Diese selbstkasteiende Betroffenheitskultur hat sich im Zuge des wachsenden Individualismus für eine bestimmte Klientel zusätzlich weiterentwickelt. Hierbei befreit die virtuelle Betroffenheit beim Kinobesuch subjektiv von realer sozialer Verantwortung. Wer sich hier (oder anderswo) lauthals auf die Seite des nominell Guten schlägt, will sich der eigenen Verantwortung entledigen, sich im wirklichen Leben „gut“, also sozialverträglich, zu verhalten. Es dürfte demgemäß kein Zufall sein, dass sich gerade unter den Gutmenschen so viele selbstgerechte und rücksichtslose Egomanen zu befinden scheinen.

Wenn er nur die richtige Gesinnung hat, braucht ein Film also keine künstlerische Leistung mehr, keine komplexe Auseinandersetzung, keine differenzierten Emotionen oder Sachverhalte. Dann reicht es, in primitivster Art und Weise mit den Ängsten und der Angstlust des Zuschauers zu spielen. Dann reicht es, eine Geschichte weitgehend ohne feinere, bereichernde oder nachdenklich machende Zusammenhänge bloß in Blut, Schmerzen und Paranoia zu ertränken.

Für das Entsetzen des Zuschauers angesichts des unglaublichen Verlustes und der Machtlosigkeit des Protagonisten hätte es nicht bedurft, dass man Haut unter den gefühlt unendlichen Peitschenhieben zentimetertief und in Großaufnahme aufplatzen sieht. Man hätte den Sex unter den Sklaven nicht als beklemmende gegenseitige Vergewaltigung inszenieren müssen. Und auch die minutenlange Agonie des am Galgen Gefolterten zielt weniger auf eine Bedeutung denn auf die Lust an der Grausamkeit.

Dies gibt vor, Realismus zu sein, dies behauptet aufklärerisch und erzieherisch zu sein, doch angesichts seiner Grobheit, Oberflächlichkeit und Einseitigkeit bleibt es nur eine perverse Ausbeutung der Gefühle des Zuschauers. Es ist beklemmend, gewiss, aber wozu dient diese Beklemmung? Gilt es, nachträglich die Sklaverei zu bekämpfen? Meines Wissens haben wir auf der Welt mittlerweile ganz andere Probleme. Gilt es, Vergangenheit aufzuarbeiten? Das leistet der Film nicht, denn er erzählt ja weniger eine Geschichte über die Sklaverei als über das persönliche Schicksal des Opfers eines Verbrechens. Gilt es zu zeigen, dass die amerikanische Nation ausschließlich aus dem Bösen geboren wurde? So kurz das auch greift, und so falsch es in seiner Oberflächlichkeit ist, liegt hier wahrscheinlich die Absicht der Filmemacher, die psychologisch geschickt die Stimmung der veröffentlichten Meinung eingeschätzt haben.

So offenbart sich auch, warum die Machart des Machwerks den Medien und den Kritikern und den Juroren nicht ein- und auffällt. Auf einem ähnlichen Ticket reisten ja schon erfolgreich die Filme über den Zweiten Weltkrieg und das Dritte Reich, in dem sich gleichermaßen amerikanische und deutsche Filmschaffende austobten. Doch letztere waren trotz ihrer niederen Motive immerhin noch historisch näher und politisch relevanter, denn Krieg und Diktatur sind im Gegensatz zur Sklaverei eine weiter und immer bestehende Gefahr.

„12 years a slave“ ist nicht mehr als ein Horrorfilm neuer Prägung. Die Macher müssten sich nicht wundern, wenn der Film in der neuen Generation nicht als Betroffenheits-Fühlkino, sondern als neue Form eines Grausamkeitskicks rezipiert würde. Und für das Betroffenheitspublikum sei daran erinnert, dass die in dem Film so makellos strahlenden Yankees die Sklaverei weniger aus Menschenfreundlichkeit abgeschafft haben, sondern weil „freie“ Menschen bessere Arbeiter und bessere Konsumenten abgeben. Ein Film über „Lohnsklaven“ hätte dann allerdings viel zu sehr mit der Realität zu tun gehabt.

Kommentare:

  1. Lieber Herr Kustos,

    ich danke Ihnen für die feinsinnige Wiedergabe Ihres Eindrucks, der meine Gefühle beim Anschauen des Trailers noch unterstreicht – ich werde also ganz bestimmt NICHT in diesen Film gehen …

    In verschiedenen Foren lese ich immer wieder den Ausdruck „Gutmensch“.
    Auch bei Ihnen taucht der auf und eben auch im Zusammenhang mit diesem Film. Und ich frage mich – und jetzt auch Sie –, was genau Sie mit diesem Wort verbinden.

    Nach der Definition bei Wikipedia

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch

    ist der Gebrauch dieses Begriffs m.E. höchst fragwürdig und erklärungsbedürftig.
    Damit ich seine Bedeutung in Ihren Texten zuordnen kann, wäre ich Ihnen dankbar für Ihre Erläuterung, mit welcher Konnotation Sie dieses Wort verwenden.

    Über Ihre Antwort würde ich mich sehr freuen!

    Ich wünsche allseits ein wunderschönes Wochenende

    Annette S. aus K.

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  2. Liebe Annette S., zuerst mal: Schön, dass Sie wieder dabei sind. Bei Ihrer Frage weiß ich nicht so recht, ob sie vielleicht ein bisschen kritisch-rhetorisch gemeint ist. Jedenfalls versuche ich mich mal an einer Definition. Eigentlich müsste der Begriff "Gutmensch" natürlich quotiert werden, denn er meint ja etwas völlig anderes als einen guten Menschen. Da Gutmensch aber vorher sprachlich nicht im Sinne von guter Mensch besetzt war, ist es wohl auch so in Ordnung. Ein Gutmensch wäre dann jemand, der sich im Bemühen, gut zu sein, auf die Seite einer unguten, das Gute aber für sich reklamierenden, moralischen Gruppierung schlägt, die wiederum den Anspruch benutzt, für ihre Anhänger ideelle und materielle Vorteile herauszuschlagen. Dazu wird wie bei jeder aggressiven Ideologie das freie Denken und Reden der Andersdenkenden weitmöglichst eingeschränkt. Die Meinungsführerschaft und Macht wird angestrebt. Dies geschieht nicht institutionalisiert, wie etwa beim Sozialismus, sondern strukturell, sozusagen kollektiv unterbewusst. Im Denkgebäude von Konrad Kustos würde das heißen: Die "Kollektive Kybernetische Kompetenz" der Menschen (also so etwas wie der gesunde Menschenverstand nur mehr) wird von einem negativen "Metaorganismus" getäuscht und korrumpiert. Einzelheiten dazu in meinem Buch. Viele Grüße KK

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    1. Lieber Herr Kustos,

      diese Frage habe ich nicht kritisch-rhetorisch, sondern kritisch-interessiert gestellt.

      „Gutmensch“ ist für mich einfach ein Begriff, mit dem ich wenig anfangen kann. Dafür müsste ich erst einmal wissen, was „gut“ und was „schlecht“ ist, aber diese Diskussion kann hier natürlich nicht geführt werden.

      Interessanterweise benutzen nach meiner Beobachtung insbesondere Wirtschaftsleute aus der – ich vermute mal – neoliberalen Ecke diesen Begriff, um KritikerInnen mundtot zu machen.
      „Gutmensch“ wird von dieser Gruppe ähnlich hohlphrasig benutzt wie “Sozialneid“. Das sind eben nicht wirklich gefüllte oder gar definierte Begriffe, deshalb können so Bezeichnete dem erst mal wenig entgegensetzen und geraten – beabsichtigterweise! – ganz schnell in die Rechtfertigungsfalle. Sämtliche Argumente werden dann in erwähnter Manier als kleinkariert und moralisierend abgebügelt.

      Ich hatte mir zwar gedacht, dass Sie diesen Begriff anders verwenden und definieren als von mir bisher rezipiert, aber ich wusste eben nicht, wie.

      Ich danke Ihnen für Ihre Erläuterung ganz herzlich und wünsche ein schönes Restwochenende

      Annette S. aus K.

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