Kustos kommentiert nicht mehr -
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Samstag, 22. März 2014

Wie die Medien sich erledigen

„In Kiew erschossen sich Menschen auf offener Straße“, schrieb kürzlich das bürgerliche Renommier-Magazin „Zeit“ (-online). Donnerwetter, das ist ja auch eine Meldung: Nicht nur dass die da Bürgerkrieg haben, sie scheinen auch massenhaft öffentlichen Selbstmord zu begehen. Doch keine Sorge, es handelt sich nur um die fehlende sprachliche Kompetenz des Autors Steffen Dobbert (von Beruf Sportreporter) und die Unfähigkeit einer medialen Instanz mit intellektuellem Führungsanspruch, selbst einfache Fehler vor der Drucklegung zu korrigieren. Da wundert es nicht, wenn eine andere Qualitätszeitung in der Überschrift schreibt: „Wir bleiben so lange hier, wie wir gebaucht werden“. So geht es täglich die Medien rauf und runter. Einfache Schreibfehler paaren sich mit inhaltlichen Mängeln und schlichter Schlamperei, was die Akzeptanz und das Vertrauen in unsere Informationsmedien grundlegend erschüttert. Die Fehltritte sind im Einzelnen zwar oft ziemlich komisch, aber in der Summe wirft es ein beängstigendes Bild auf das Können, die Sorgfalt und die Leistungsbereitschaft in unserer Gesellschaft.


Zu oben genanntem Zitat schrieb ein Kommentator im Thread: „Werter Herr Dobbert, könnten Sie sich - trotz Ihrer EU-Besoffenheit - vielleicht dazu durchringen, sich unmissverständlich auszudrücken? Wie wäre es mit „… erschossen Menschen in Kiew einander auf offener Straße"? Allmählich tut es wirklich weh, in einer Zeitung, die sich Bildung auf die Fahnen schreibt, ein derart schlechtes Deutsch zu lesen! Vielen Dank!“. Da sind die entscheidenden Punkte zusammengefasst, nämlich die Arroganz des Mediums, die manipulative inhaltliche Einseitigkeit des Autors sowie seiner Redaktion und die mangelhafte formale Kompetenz beider.

Sensationalistisch heißt es anderswo in der Überschrift „Die kalte Progressioon schröpft ihre Bürger“. Das tut so weh, dass man gar nicht mehr fragt, wie eine Progression denn Bürger haben, geschweige denn schröpfen könne. Gleich zweimal in einem Blatt erfahren wir prominent „Kathryn Bigelow dreht Film über die Tötung Osama Bin Ladens“, nur dass es in der Version des Kulturteils ein Film „… über Tot von Bin Laden“ ist. Da kann man sich beim Lesen schon totschämen, während die Zeitungsmacher da schulterzuckend darüber hinweggehen.

Wohlmeinend wird dem politischen Frühstarter und -verlierer David McAllister nach seiner Wahlniederlage zugerufen „Will kommen im Leben“. Ist das eine Aussage zu seinem Sexualleben oder eine gescheiterte Referenz an die uns scheitern lassende Rechtschreibreform? Dazu passt, wenn im Kulturteil berichtet wird, der Film „Unbroken“ erzähle das Schicksal eines Mannes, der „gefangen genommen“ werde. In dem scheinbaren Vergewaltigungsdrama treibt der arme Mann dann auch noch auf einem Floss im Pazifik. Flossen weg von dieser Zeitung, möchte man sagen. Aber es ist eben kein Einzel-, sondern ein Strukturproblem aller Medien - nicht nur, weil es anderswo heißt, der Verleger Hans Barlach sei kalt gestellt worden. Durchaus realistisch angesichts des ungeplanten Verlaufs der Aktion könnte allerdings die Überschrift „SEK stoppt Fluchauto mutmaßlicher Einbrecher“ gemeint gewesen sein.

Fehler passieren uns allen, auch Konrad Kustos, doch eine Zeitung, die von Hunderttausenden gelesen wird, muss sich Korrektoren leisten können und wollen oder Schlussredakteure haben, denen so etwas auffällt. So einer müsste also sehen, wenn es in der Bildunterschrift ganz offensichtlich falsch heißt „… ind er Datenwolke“. Oder gibt es indische Datenwolken? Sprachlich kongenial zum Thema heißt es in einem Bericht über den Vierlingssegen einer türkischen Familie mit elf Kindern in einer Zwischenüberschrift: „Die Sehnsucht der Schwestern nach einen Brüder“. Das Gute ist: Auch der Journalist könnte sich notfalls von Hartz IV ernähren.

Der Grenzbereich zur politisch-korrekten Hofberichterstattung, zu deren Schlampereien es demnächst einen eigenen Post geben wird, ist tangiert, wenn in einem Bericht über eine Berliner Lichterinstallation, die als „Lichter für Toleranz und Vielfalt“ beschrieben wurde, noch einmal ein fast wortgleiches Politikerzitat angefügt wird, nur dass es dann heißt „Die Installation versteht sich als Zeichen für gesellschaftliche Vielfahrt und Toleranz“. Aber hoffentlich wenigstens mit Tempo 30.

Fehlende Kompetenz paart sich auch mit fehlender Sorgfalt, wenn man nicht merkt, was man da eigentlich schreibt. Wenn es etwa in der Überschrift heißt „Kinder mögen Süßes, das bestimmt die Genetik“. Der Genetik ist ja bestimmt einiges anzulasten, aber dass sie schon die Geschmacks-Gene von kleinen Kindern ändern können, dürfte vorerst ein (Medien-)Gerücht bleiben. Lediglich stillos ist es, wenn die Überschrift fragt „Wer bitte zerstört einen Kuschel-Raum?“ Anscheinend hatte ja schon jemand die Kita verwüstet, und man muss nicht mehr um Nachahmer bitten. Und wenn die “Letzte Lotto-Ziehung live im Fernsehen“ angekündigt wird, kommt man erst nach einigem Überlegen darauf, dass es sich um die letzte Lotto-Live-Ziehung gehandelt haben mag und das Ende dieses staatlich organisierten Volksbetrugs keineswegs eingeläutet wurde.

Was aber ist von der fachlichen Kompetenz unserer aktuellen Journalistengeneration zu halten, wenn ungestraft in der Überschrift zu lesen ist „Diebe gehen immer brutaler gegen Wohnungsmieter vor“? Vielleicht hat man ihnen den Verstand geraubt? Wenigstens in der Polizeiredaktion sollte man doch den Unterschied zwischen Raub und Diebstahl kennen.

Richtig schlimm wird es, wenn der Leser mit falschen Fakten desinformiert wird. Als der große amerikanische Fernsehsender NBC den Astronauten Neil Armstrong mit dem Sänger Neil Young verwechselte, wird sich der noch lebende Altrocker schon darüber gewundert haben, dass man über ein Staatsbegräbnis für ihn nachdenke. Als Faustregel gilt, dass die größten sprachlichen Schlampereien im Sport und die schlimmsten inhaltlichen Fehler ausgerechnet in der Wissenschaftsredaktion passieren. Ist den Typen nicht aufgefallen, dass es sich nicht wirklich um eine rasante Steigerung handelt, wenn neuerdings der Rhein seit 15 Millionen Jahren durch Europa fließen soll, wo doch vorher zehn Milliarden Jahre angenommen wurden? Und warum schreibt man in einer Überschrift, dass sich geologisch die Kontinente Amerika und Europa nähern (tatsächlich schreiben sie sogar annähern, was ich aber im Sinne besserer Verständlichkeit hier schon korrigiert habe), während es im Text offensichtlich darum dreht, dass sie sich entfernen? Ein völlig wirrer Artikel über kommende Raumschiffsgenerationen wird noch getoppt durch die dazugehörige Bildunterschrift „Nautilus-X ist nicht windschnittig, doch das muss die Raumfähre in der Schwerelosigkeit des Alls nicht sein“. Da hätte ein studierter Wissenschaftsredakteur vielleicht mal merken können, dass der Windschnittigkeit, wie der Name schon sagt, die Gravitationsverhältnisse vollkommen egal sind, sondern es dabei auf den Wind oder vielmehr die Atmosphäre bzw. in diesem Fall das Vakuum des Weltraums ankommt.

Tragikomisch ist auch die Meldung, dass schon Babys Sprachen voneinander unterscheiden können, weil im Englischen die Artikel kürzer sind als die Hauptwörter. Na klar, das ist ja auch im Deutschen und Französischen vollkommen anders. Nur noch tragisch ist es aber, wenn der Inhalt im Interesse einer Botschaft verfälscht wird. Da heißt es beispielsweise in der Unterüberschrift „Wer täglich mehr als 40 Gramm Fleisch isst, riskiert den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, obwohl es in dem Text nur um die Wurst geht und die Risiken, die speziell beim Räuchern, Salzen oder Pökeln dieser speziellen Fleischzubereitung entstehen.

Auffällig, dass gerade bei Themen, die von neuen Ideologien wie Klimawandel, Wellness oder Political Correctness besetzt sind, die von den Chef-Journalisten gebastelten Überschriften dem oft eher sachlichen Text besonders eklatant widersprechen. Etwa so: „Jeder hat die Chance, in Gesundheit zu altern“. Eine zynische Überschrift und hier auch ein zynischer Text, die zusammen für zumindest jeden chronisch oder erbkranken Menschen ein Schlag ins Gesicht sind. Genauso verwerflich ist die in so vielen ähnlichen Artikeln transportierte Unterstellung, mit mehr Bewegung und weniger Genüssen würde es uns allen bis ins hohe Alter gutgehen. Und wem es nicht gutgeht, der ist also selber schuld und muss, wenn er dem Arbeitslosenmarkt nicht mehr bis ins hohe Alter zur Verfügung steht, sehen, wo er bleibt.

Manche glauben, das Problem mit den Medien sei, dass sie immer mehr zu einem Instrument der Gängelung und der Verdummung werden. Dies ist zwar richtig, aber nicht nur. Auch die Medien selbst sind Opfer von Gängelung und Verdummung. Der Springer-Verlag hat es beispielhaft vorgeführt, als er bei der Berliner Morgenpost die Mitarbeiterzahlen so weit reduzierte, dass ein seriöses Arbeiten schlicht unmöglich wurde. Die traditionsreiche Zeitung war wie auch das Hamburger Abendblatt und eine Reihe auflagenstarker Zeitschriften für ihn ein bloßes Renditeobjekt, das solange ausgequetscht wurde, bis es genau wegen dieser ungesunden Verschlankung für die Funke-Gruppe so attraktiv wurde, dass diese dafür 920 Millionen Euro auf den Tisch legte.

Die Manager des Niedergangs glauben, dass sie unbegrenzt an der Renditeschraube drehen können, weil ihnen die inhaltliche und formale Qualität egal ist. Sie glauben auch, dass die Leser sich das unbegrenzt gefallen lassen, weil ja in allen Konkurrenzprodukten das gleiche passiert. Deshalb gehört es zu dieser virtuellen Welt dazu, dass sie ihre selbst verschuldeten Auflagenverluste ausschließlich dem Internet vorwerfen.

Gleichzeitig ziehen diese verantwortungslosen Verantwortlichen sich eine neue Generation von Journalisten heran, die für ein Viertel des Lohns rund um die Uhr anwesend ist und zum Ausgleich auf sprachliche Fähigkeiten und kritisches Denken verzichtet. Als Konrad Kustos in den achtziger Jahren beim Berliner Tagesspiegel volontierte, flog noch jeder raus, der Trage mit Bahre verwechselte oder „gewunken“ schrieb. Heute werden diese Fehler von den jung-dynamischen Chefs in die Texte notfalls noch reinredigiert. So sind die Medien einerseits ein Transporteur des Niedergangs wie auch sein prominentes Opfer.

Kommentare:

  1. „Wer täglich mehr als 40 Gramm Fleisch ist, riskiert den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ - wenigstens ein Beitrag auch mal für kleinere Leute.

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  2. Danke! Habe herzlich gelacht.

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  3. Herrlich - das war wieder mal eine sehr vergnügliche Lektüre …

    Einige dieser höchst amüsanten Fehler sind mit Sicherheit auf echtes Nichtkönnen zurückzuführen.
    Aus Erfahrung weiß ich, dass an bestimmten Stellen – selbst in einem renommierten Sender in Köln – hochbezahlte Redakteure sitzen, die keine journalistische oder vergleichbare Ausbildung haben und gar nicht selten echte Highlights auf der Selbstoffenbarungsebene produzieren, weil sie es einfach nicht besser wissen.
    Ich erinnere mich an den Satz eines Kollegen aus meiner Zeit in diesem Sender, der da lautete: „Die Leiche des Müllers lag tot am Fluss“.
    Der Mensch, der das geschrieben hat, war sehr wohl leistungsbereit, doch das allein reicht eben leider nicht aus.

    Aber was wäre das Leben ohne die Fehler der anderen?
    Wir hätten weniger zum Schmunzeln – und weniger Gelegenheit, uns überlegen zu fühlen.
    In diesem Sinne freue ich mich über jeden Lapsus :-).

    Beste Grüße für heute

    Annette S. aus K.

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  4. Ja, es sollte auch mal was zum Lachen sein, aber zum Weinen natürlich auch. Jeder Mensch macht Fehler, aber durch die Ausbeutung der eigenen Mitarbeiter kommt es dazu, dass nun alle andauernd Fehler machen. Das ist schon ein systemisches Problem. Bis vor vier Jahren war ich noch mittendrin und habe mitgelitten. Und ich habe natürlich Kontakt zu Exkollegen: Es ist unbeschreiblich, was da jetzt abgeht. Demnächst kommt übrigens noch eine Fortsetzung zum Thema...

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    1. Ja, in den Redaktionen der Print-Medien sieht es in der Tat düster aus, das ist wohl wahr und auch systemisch betrachtet eine Katastrophe.
      Insbesondere aber natürlich für die Leute, die nach und nach ausgeblutet werden oder verheizt – und im schlimmsten Falle beides.

      Berufsbezeichnungen wie "JournalistIN", "ÜbersetzerIn", "Redakteurin", "LektorIn" usw. ist aber leider ebenso wenig geschützt wie "Psychologin" - und damit steht dem Niedergang eigentlich nichts mehr im Weg – Fachleute werden heutzutage durch Leute ersetzt, die im wahrsten Sinne des Wortes „artfremd“ sind. Ein Freund von mir hatte es letztens mit einer "Redakteurin" zu tun, die aus der Logistik kam.
      Mich wundert in dieser Hinsicht also wirklich nichts mehr.

      Da solche Leute vermutlich auch glauben, journalistisch arbeiten zu können, und es offensichtlich Printmedien gibt, für die sie für wenig Geld arbeiten dürfen und die offensichtlich trotz aller Fehler und Mängel ihre Kundschaft finden, ist es letztlich logisch, dass die Medienwelt so aussieht, wie sie aussieht.

      Aber mal ehrlich: Wem fällt das noch auf? Oder anders: Wer findet das noch wichtig – außer offensichtlich ein paar Leuten, die in der Masse leider untergehen?
      Umso toller finde ich es, dass Sie die Fahne für ein kulturelles Gut hochhalten, das den Teil der Gesellschaft, der lesen kann und es auch tut, in starkem Maße prägt.

      Ich freue mich auf mehr zum Lachen und zum Weinen und wünsche ein schönes Restwochenende

      Annette S. aus K.

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  5. Als Angehöriger der MINT-Fraktion, also bar jeglicher Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse, möchte ich doch einen Umstand anmerken der mir auch in vielen anderen zusammenhängen immer wieder negativ auffällt. Sie schreiben: "Manche glauben, das Problem mit dem Medien sei, dass sie immer mehr zu einem Instrument der Gängelung und Verdummung werden. Dies ist zwar RICHTIG, aber nicht nur".
    Dieses Wort RICHTIG ist aus meiner Sicht grundlegend falsch in diesem Zusammenhang. Das, aus meiner Sicht richtige Wort ist "WAHR".
    Was meinen Sie zu meiner Sicht?

    MfG: M.B.

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    1. Lieber Herr Brand, was Sie sagen ist sicherlich sowohl richtig als auch wahr, wenn man das Wort "richtig" in diesem Zusammenhang nicht als zulässige Verkürzung von "richtig wahrgenommen" ansieht. Die Sprache ist voll von solchen Verkürzungen (Ellipsen) http://de.wikipedia.org/wiki/Ellipse_(Linguistik). Das konnten Sie als echter MINTer natürlich nicht wissen... ;-) Viele Grüße KK

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  6. „Wer täglich mehr als 40 Gramm Fleisch ist, riskiert den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ -- ich bin jeden Tag mehr als 40 Gramm Fleisch, und zwar schon beim Aufstehen. Ich hab wohl keine Chance...

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    1. Gut gegeben, war aber schon seit einigen Tagen korrigiert....:-)

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  7. Die geldgierigen Manager sind dafür verantwortlich? Puh! Da bin ich aber froh, dass nicht wir Leser und Zeitungskäufer schuld sind.
    Wir Leser erwarten ja eigentlich keine Doktorarbeit, sondern eher Unterhaltsames. Dass angesichts der zunehmenden Medienflut - Kostenlos-Zeitungen, TV-Spartenprogramme, Internet - unsere Zahlungsbereitschaft bei Printmedien sinkt, kann ja nicht dazu führen, dass Journalisten schlechter bezahlt werden oder Lektoratsstellen eingespart werden.

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