Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 24. Mai 2014

Bau-Banausen

Europawahl - was ist das? Irgendwelche Hanseln versorgen sich mit neuen Pfründen, na und? Das ist uns hier natürlich keinen Post, keine zweite Zeile wert. Der morgen parallel in Berlin stattfindende Volksentscheid ist hingegen ein ganz anderes Kaliber. Eine Bürgerinitiative möchte auf der Freifläche des ehemaligen Tempelhofer Flughafens die von der Stadt geplante Mischung aus Grünanlage und Wohnbebauung verhindern. Auch wenn das Ansinnen noch scheitern könnte, ist es doch allein wegen der im Vorfeld gesammelten 220.000 Unterschriften ein beredtes Beispiel für eine neue Gutsherrenmanier mit der eine neue Generation von (die eigene) Weltverbesserern anderweitige Anstrengungen für ein funktionierendes Gemeinwesens torpediert. Anstrengungen, die tatsächlich selbst im Niedergang bisweilen noch vorhandenen sind.


Ironie des Schicksals, dass der ehemalige Zentralflughafen Tempelhof vor einigen Jahren beinahe per Volksentscheid zum Weiterbetrieb eines defizitären und gefährlichen Flugbetriebs gezwungen worden wäre. Nun breitet sich hier eine grüne Wüste aus. Nicht einmal Spontanvegetation konnte sich relevant entwickeln. Doch die Fläche entwickelt einen großen Reiz auf die Berliner, die hier die Chance haben, mitten in der Stadt einmal fast bis zum Horizont gucken zu können. Parallel dazu zwingt die wachsende Wohnungsnot der schnell wachsenden Stadt die Landesverwaltung, Bauflächen zu finden und bereitzustellen.

Der Kompromissvorschlag des Senats, von den 300 vorhandenen Hektar Freifläche 70 abzuzwacken, um in Randbereichen Platz für 4700 Mietwohnungen zu schaffen, soll nun durch den Volksentscheid gekippt werden. Es interessiert die Antragsteller nicht, dass nach Adam Riese 230 Hektar, also mehr als das Dreifache, für eine Grünfläche übrigblieben, was knapp 500 Fußballfeldern entspricht. Mit 350 Hektar ist der Central Park  in New York auch nicht entscheidend größer als die nach einer Bebauung verbleibende Freifläche, und der ist dabei noch vollgestopft mit Gebäuden, Straßen, Sportanlagen und Gewässern.

Bei Flächenangaben ist noch nicht berücksichtigt, dass direkt der Volkspark Hasenheide mit weiteren 50 Hektar und etliche begehbare Friedhöfe angrenzen. Eine für künftige Bewohner innerstädtische Lebensqualität schaffende Randbebauung des derzeit zugigen und unaufgeräumten Tempelhofer Feldes käme im Übrigen der Grünfläche womöglich sogar zugute, eine parkähnliche Gestaltung oder wenigsten Bepflanzung sowieso. Die schon installierten Bürgergärten oder der alternative Minigolf könnten dort problemlos weiterexistieren. Stattdessen will die Initiative den Status quo derart radikal sichern, dass jede Veränderung der öden Freifläche und auch ein zentraler See verhindert wird.
Rückendeckung gibt es vom Naturschutzbund BUND, der nicht nur hier den Naturschutz als Antagonismus zum Menschen interpretiert. Am liebsten würde der Bund das ganze Feld menschenfrei machen, um die dort siedelnden Feldlerchen zu schützen. Verhältnismäßigkeit geht anders. Gegen das Wasserbecken wurde jedenfalls schon Mal erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht geklagt, weil „es keinen ökologischen Nutzen" habe. Dafür haben die Bürger nun keinen See, und das Land Berlin muss jährlich für 300.000 Euro Regenwasser in die Kanalisation pumpen.

Nicht umsonst nennt sich also die zuständige Bürgerinitiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Kompromisslosigkeit ist Programm. Alles soll so bleiben, wie es ist, Wohnungen müssten eben woanders gebaut werden, möglichst weit weg, denn man selbst hat ja schon eine. Wo das dann sein soll, wissen die initiativ-aktiven Bürger nicht, wollen es auch gar nicht wissen. Sie gehören nämlich zu der stetig wachsenden gesellschaftlichen Schicht selbstgefälliger Minderheiten, die mit Maximalforderungen und Volksentscheiden das Allgemeinwohl auch noch dort außer Kraft setzen wollen, wo es die orthodoxen Mächtigen noch nicht für nötig erachtet haben.

In ihrer individualistischen Logik leugnen sie, dass es in einem Gemeinwesen immer um das Abwägen und Ausgleichen unterschiedlicher Interessen sowie die Umsetzung des Machbaren geht. Diffus irgendwo links orientiert, weil man zwar dazugehören, aber lieber nicht über Zusammenhänge nachdenken will, kämpft man mal für Milieuschutz und billige Mieten, mal für einen Kindergarten am Altenheim oder die Umwandlung einer Durchgangsstraße zur Spielstraße und ein anderes Mal eben gegen Wohnungsbau. Der gemeinsame Nenner ist, das lokale, individuelle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchgesetzt werden sollen. Diese neue Oberflächlichkeit wird von einer ausgeprägten Selbstgerechtigkeit begleitet, so dass es nicht stört, dass billige Mieten marktwirtschaftlich gesehen nur haltbar sind, wenn über Wohnungsneubau die Nachfrage befriedigt und damit der Druck von den Mietkosten genommen wird.

Das Tempelhofer Feld wird so zur Spielwiese für die neue Bürgerlichkeit, also für die Reichen und Schönen, deren schick gepflegtes Revoluzzer-Image sich nicht mehr um soziale oder anderweitige Gerechtigkeit, Ausbeutung der Menschen oder den Ausverkauf des Landes kümmert, sondern um die eigene kleinteilige Lebensqualität. Eine Spielwiese der Oppositionen, die ihnen von den Mächtigen elegant zur Ruhigstellung überlassen wird. Wir wären jedenfalls besser dran, könnte das Volk über Europa abstimmen und den Politikern in Tempelhof das Feld überlassen.

Kommentare:

  1. Lieber Herr Kustos,

    diffus irgendwo links orientiert, weil man zwar dazugehören, aber lieber nicht über Zusammenhänge nachdenken will, und die neue Bürgerlichkeit, also die Reichen und Schönen – das passt für mich jedenfalls immer noch so gar nicht zusammen. Und wenn es so wäre, wäre das doch wunderbar …

    Immer noch leben wir glücklicherweise in einer relativen Demokratie, in der selbst diese interessante Mischung ihre Forderungen einbringen darf/dürfte.
    Ich empfehle ganz nach rheinischem Motto: Arsch huh, Zäng ussenander!
    Und Gegenargumente und Gegenstimmen liefern.
    Dann kann verhandelt werden …

    Ich wünsche ein produktives und konstruktives Wahlwochenende und grüße herzlich aus dem 7gebirge

    Annette S. aus K.

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    1. Aber, dass die Leute nicht mehr nachdenken, finden Sie nicht wirklich wunderbar oder? ;-)

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    2. Nein, das finde ich natürlich nicht wunderbar.

      Glücklicherweise gibt es ja doch immer noch welche, die sich sehr wohl so ihre Gedanken machen. Vermutlich sogar genau die, denen Sie das Gegenteil nachsagen.

      Leider stimmen die Gedanken der meisten Menschen allerdings nicht besonders häufig mit meinen überein - ja, manchmal sind sie sogar krass konträr.
      Aber das ist eine andere Sache ...

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  2. Was der wichtigste strategische Fehler dieser BI sein dürfte, ist, sich aus Rücksicht auf den Steuerzahler in diese Wahl-Farce am Sonntag einzuklinken. Es erscheint mir durchaus als möglich, daß durch das Fernbleiben entscheidender Mehrheiten das Scheitern des Anliegens von »100% Tempelhof« bevorsteht.
    Ich würde mich klammheimlich darüber amüsieren, baute man dort eine Gated-Community mit sieben Meter hohen, geweißelten Mauern und Panzerglaskästen am Eingang für das Sicherheitspersonal. Dann sähe man wenigstens deutlich, welchen Geistes Kind der schleichende Bevölkerungsklassenaustausch ist. Daß so manch einer gern zum Volksentscheid gegangen wäre, um schlicht und einfach nur der allgemeinen Verlogenheit der »Classe Politique« Widerstand zu leisten, hat Herr Kustos vielleicht nicht bedacht.

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    1. Nachtrag zu meinem post am 24. 17:44. Wer hätte das gedacht? Ich muß zugeben, mich (fast) gänzlich geirrt zu haben. Der Wille zur Teilnahme am Volksentscheid hat offenbar sogar die Wahlbeteiligung in B hochgetrieben! Darauf wäre ich nicht gekommen. So ist dies denn wohl doch als Bekundung eines tiefen Mißtrauens ggü. dem Senat, der bereits erwähnten classe politique, zu werten. Inzwischen, wie das Leben so spielt, wenn man sich nur unzureichend vorher informiert hat, erfuhr ich von anderen Bürgern per Zufall, daß es wohl sogar Bauvorhaben von Baugenossenschaften gegeben haben soll. Wie die Anteiligkeit derartiger Projekte ggü. anderen »Investoren« ausgefallen wäre, entzog sich meiner eigenen Uninformiertheit. Das Mißtrauen gegen noch so »freundlich« ausgelegte Pläne allerdings ist berechtigt. Preisfrage: Wer versteht eigentlich das Volk? Ich habe darauf jedenfalls kein Abo.

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  3. und wenn das Volk nicht will wie die Initiatoren, gibt es immer noch feldhamsterverleih.de

    Schön das Bildungsbürger etwas gegen Bildung ( Stadtbibliothek ) haben.

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    1. Klasse-Link: http://www.feldhamsterverleih.de/haupt.htm. Danke.

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