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Samstag, 10. Mai 2014

Grün-der-Wahn

"Grüne Prokrustes-Couch"
Nach den Plänen eines grünen Bezirksstadtrats sollte im kommenden Jahr in Berlin ein ganzer Innenstadtteil zugunsten eines „Eco-Mobility-Festivals“ für einen ganzen Monat von jeglichem fahrenden oder stehenden Kraftfahrzeugverkehr befreit werden. Wenige Tage danach hat sein Bürgermeister im Einvernehmen mit anderen Stadträten aller Couleur die grüne Allmachtfantasie vorerst gestoppt. Doch das Szenario war beeindruckend: 20.000 Anwohner hätten dann täglich einen Weg von teilweise mehr als einem Kilometer bis zur U-Bahn, 3500 Autos dürften nicht nur nicht fahren, sondern müssten anderswo abgestellt werden. Das hier zum Glück noch zahlreich ansässige Gewerbe könnte nicht mehr beliefert werden, und Kunden blieben fern. Aber es wäre natürlich ein vernichtender Schlag gegen den weltweit dräuenden Klimawandel. Wundert es uns, dass dieses Vorhaben vor seinem schmählichen Ende in der Planung schon weit gediehen war und Unsummen verschlungen hatte, aber weder im Bezirk noch im Senat oder gar bei den Bürgern bekannt war? Das Ganze ist auch nicht nur ein Ausrutscher eines durchgeknallten Politikers, sondern ein vorerst gescheiterter Zwischenschritt auf dem Weg zur grünen Umgestaltung der Demokratie in ein weltfernes Bevormundungssystem.


Die Idee stammt vom überzeugungsradfahrenden Stadtrat für Stadtplanung, einem Urgestein bezirklicher DDR-Opposition und zweifachem Großvater Jens-Holger „Nilson“ Kirchner, der schon mit der bürgerfernen Umgestaltung ganzer Straßenzüge und der zum Glück gescheiterten Planung einer obrigkeitsverordneten „Ekelliste“ für Restaurants traurige Berühmtheit bis hinein in die Tagesschau erlangte. Da stellt sich nebenbei die Frage, ob es dem Mann wirklich um die Weltrettung oder eher um die Befriedigung seines eigenen Egos geht.

„Sein“ Helmholtz-Kiez ist das Zentrum der Yuppie-Kultur, die soziales Palaver und egozentrisches Handeln zu neuen Höhen geführt hat und den Grünen Wahlergebnisse in SED-Dimensionen beschert. Dieser Quadratkilometer in Prenzlauer Berg ist aber auch von der Abrisswut der Nachkriegsstadtplaner verschont gebliebene Gründerzeit, und damit einer der interessantesten Orte für Tourismus, Wohnen und Unterhaltung. Wer Geld hat, mitten in der Stadt wohnen und sich für angesagt halten will, glaubt hier dabei sein zu müssen. Insofern könnte man schadenfroh lachen, und sagen: ‚Das habt ihr nun davon’. Doch was sich hier abspielt, sind über Schadenfreude hinaus die ersten Zuckungen einer neuen Kultur der Unfreiheit, die unsere bisherigen Vorstellungen von Demokratie und Weiterentwicklung schon bald über den Haufen werfen wird und von der hinterher natürlich wieder keiner etwas gemerkt haben will.

Trotz des englischen Titels für das Festival ging es um die mit deutscher Gründlichkeit zu erkämpfende Öko-Mobilität. Was mit Strom oder Muskelkraft fährt, war erlaubt, obwohl die Ökobilanz solche Antriebsarten angesichts des mangelhaften Wirkungsgrads von Kraftwerken sowie menschlichen Körpern mehr als zweifelhaft ist. Das Auto ist aber nun mal der Hauptfeind der neuen Denkungsart und steht wie Nazis und Zigaretten auf der undiskutierbaren Abschussliste dieser besonderen Spezies, die aus vollem Herzen bereit ist, andere Menschen zu ihrem Glück zu zwingen.

Wen interessieren da die Alten und Gebrechlichen, wen die, die für ihren Parkplatz teuer bezahlt haben, wen die Gewerbetreibenden, für die ein Monat Einnahmeausfall schon den Ruin bedeuten kann? Da wundert es nicht, dass die dazu befragten Planer nicht zu sagen wussten, wie viele Gewerbetreibende und in welchem Maße von der Maßnahme betroffen sein würden. Ebenso erstaunt es nicht, dass die publikumswirksam ins Auge gefassten Abstellplätze für 3500 deportierte Kraftfahrzeuge gar nicht zur Verfügung stehen, weil sie durch die normale Nutzung schon überlastet sind.

Der schon in und nun um Lohn und Brot gebrachte Chefplaner der Aktion sah jedoch keine Probleme, denn Anwohner müssten „auf nichts verzichten, sondern nur anders Autos nutzen“. Erlauben wollte man schließlich Elektroautos, E-Bikes und Lastenräder (wohlgemerkt nicht einmal Taxen). Was für eine Alternative angesichts der Tatsache, dass 0,205% der 2013 in Deutschland zugelassenen Kraftfahrzeuge elektrisch angetrieben werden. Ich habe die schwerbehinderte Oma aus dem Seniorentreff vor Augen, wie sie ihr E-Bike aus dem Keller holt und losbraust, um ihr Müsli im Nachbarbezirk zu kaufen. Oder den Rohrfummler, der zu einem Rohrbruch gerufen wird und den Kunden auf den nächsten Monat vertrösten muss.

Über schnöde Details hat der Chefplaner aber sicher nicht nachgedacht, denn sein Auftrag war die ideologische Weltrettung. Oder hätte es Grenzposten im Prenzlauer Polizeistaat geben, die die Schranken für ein Klempner-Visum öffnen? Für Händler, so versprach der Unmobilitäts-Manager, sollten Umladezonen (sic!) eingerichtet werden, wohl für unbezahlbar teure Umladevorgänge, derer es gar nicht bedarf, wenn die Kunden ausbleiben. Auch der den Anwohnern versprochene reduzierte Verkehrslärm ist ein zweischneidiges Schwert, wenn diese dafür angesichts geplanter vierwöchigen Feierlichkeiten mit Konzertbühne und Saufgelagen bis in die Nacht versorgt werden.

In dieser Sprache und in diesem Handeln zeigen sich Vorboten einer Arroganz der Diktatur, wenngleich das zugrundeliegende Thema ‚Ökologie’ zu recht positiv besetzt ist. Es finden sich in der Geschichte sowieso nicht viele Diktaturen, die sich nicht massenwirksam auf den Zeitgeist und das vermeintlich Heilsbringende ihres Tuns gestützt haben. Ein Wesen der Diktatur ist nämlich, ein Prinzip zu absolutieren und vielfältige andere Interessen und Notwendigkeiten zu ignorieren.

Nicht umsonst nennt die Tageszeitung TAZ Kirchner einen „staatsfixierten Ordnungsfanatiker“ und wundert sich, das sei doch eigentlich untypisch für einen Grünen und eine Partei, die in Opposition gegen Staat und Ordnung entstanden ist. Anscheinend hat es nicht nur die alternative Tageszeitung noch nicht mitbekommen, dass sich genau dieser Wandel zwischen Opposition und Machtausübung inzwischen abgespielt hat. Die Grünen haben nun Teilhabe an der Macht, und sie nutzen sie, um sich beispielsweise in der Energiepolitik Pfründe zu sichern und eine grüne (Ver-)ordnungspolitik zu installieren.

Und, wie gesagt, der Kirchnersche Alleingang stützt sich inzwischen auf einen parteiübergreifenden grünen Geist des Rechtsbruchs und der Bevormundung, der besonders in den Verwaltungen blüht und gedeiht. Hätte der lokale SPD-Bürgermeister das Projekt nicht aus der Kenntnis der örtlichen Besonderheiten kurzerhand als „nicht durchführbar und nicht erstrebenswert“ ausgebremst, wäre es wahrscheinlich Realität geworden, denn die SPD-geführte Stadtplanungsbehörde des Senats hatte am Tag nach Bekanntwerden der Pläne nichts Besseres zu tun gehabt, als das rechtsferne Vorhaben als begrüßenswert zu bezeichnen. Zwar war auch sie über die monatelangen Planungen und die Gründung einer Vorbereitungsgesellschaft nicht informiert aber man freute sich darauf, dem ganzen „mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“.

Diese Initiative wird also kein Einzelfall bleiben. Das Kirchnersche Überfallkommando sollte Pflöcke einschlagen und Grenzen austesten. Es setzte auf das allgemein ökofreundliche weltanschauliche Klima in der Stadt und die normative Kraft des Faktischen. Fakten schaffen, und anderslautende Meinungen als fortschrittsfeindlich aus dem Weg räumen - so lautet die Philosophie des Handelns. An diese Fakten, so glaubt man sicher sein zu können, würden sich die Berliner genauso gewöhnen wie an die Sperrung der ganzen oder halben Stadt für Radfahrdemonstrationen, über mehrere Tage dauernde Marathonläufe, Weltkulturfestivals und nur sporadisch genutzte „Festmeilen“ zu obskuren Anlässen, bei denen es im Grunde traditionell darum geht, dem motorisierten Verkehr möglichst konsequent den Weg von A nach B abzuschneiden.

Der Trick dabei ist immer der gleiche: Das Aushebeln bürgerlicher Freiheiten wird kombiniert mit Gelegenheiten zum Saufen, Fressen und Glotzen, um der Masse ihre Entmündigung buchstäblich schmackhaft zu machen. Brot und Spiele eben. Das Neue diesmal ist neben der fehlenden demokratischen Absprache die Dimension des Projekts und die Auswalzung der Schikane auf ganze vier Wochen. Das strategische Ziel ist klar: die ideologisch motivierte dauerhafte Vollsperrung ganzer Stadtviertel. Auch damit werden wir noch leben können, womit wir nicht leben können, ist der Geist der Unterdrückung, aus dem das erwächst.

Kommentare:

  1. Statt eines Kommentars, Grüner Senator in Bremen:

    http://www.radiobremen.de/politik/nachrichten/kritik-an-klimagesetz100.html

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    1. Super, oder?
      Endlich mal einer, der bestehende Gesetze auch umsetzt ...

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  3. Aber "staatsfixierter Ordnungsfanatiker" ist schön - ich glaube, so etwas witterte die Taz früher immer bei CDU-Leuten ...

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  4. Es ist sehr wissentwert, wie der Name des Abgeordneten ist.
    Im Falle eines Falles kann dann jeder sich an diese Person wenden.

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  5. Liebe Annette S. aus K., da ich nichts im Kommentar ändern kann, habe ich ihn weisungsnahe gelöscht. Bitte neu einstellen, dann gibt es auch eine Antwort.:-) Und für solche, ähnliche und andere Fälle wäre mal Ihre E-Mail-Adresse an meine E-Mail-Adresse sinnvoll. Grüße von KK

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  6. Lieber Herr Kustos,

    was Sie weltfernes Bevormundungssystem nennen, ist wohl Realität in vielen Teilen der Welt.
    Davon mal ganz abgesehen, finde ich Kirchners Idee erst mal gar nicht schlecht – im Grundsatz jedenfalls.
    Dass die Planung dieses Vorhabens bereits Unsummen verschlungen haben soll, kann ich nicht nachvollziehen. Vermutlich haben Sie zum Wort „Unsumme“ eine andere Konnotation als ich.
    „Allmachtsfantasie“ in diesem Zusammenhang halte ich im Übrigen für ebenso polemisch wie „weltfernes Bevormundungssystem“.

    Aber natürlich gebe ich Ihnen insofern Recht, als Unternehmen und bestimmte Tagesgeschäfte ebenso wenig behindert werden dürfen wie gehbehinderte oder alte bzw. kranke Menschen.
    Und natürlich muss der Verzicht aufs Auto möglich gemacht werden – über bezahlbare Preise und gut ausgebaute öffentliche Verkehrsnetze, die in Berlin meiner Erinnerung nach allerdings erheblich besser und günstiger sind als in vielen anderen Regionen.

    Was haben Sie gegen die Ekelliste für Restaurants? Das ist aus meiner Sicht jedenfalls eine hilfreiche Idee, die vielleicht nicht zur Weltrettung beiträgt, aber Hilfestellung bei der Restaurantwahl bietet und die Restaurantbesitzer – hoffentlich! – dazu bringt, kundenfreundlich zu denken und zu handeln.
    Wo ist das Problem? Ich verstehe es nicht!

    Die ersten Zuckungen einer neuen Kultur der Unfreiheit, die unsere bisherigen Vorstellungen von Demokratie und Weiterentwicklung schon bald über den Haufen werfen wird, führe ich im Gegensatz zu Ihnen nun wirklich nicht auf die Ideen des Herrn Kirchner zurück. Da gibt es ganz andere Kaliber und Ideen!
    Ich weiß, dass Sie das auch wissen ...

    Und es wird hoffentlich nicht Ihr Geheimnis bleiben, was Sie dazu bringt, Nazis, Zigaretten und Autos in einen Topf zu werfen und den Grünen zu unterstellen, dass sie nicht über diese Themen diskutieren (wollen).
    Oder ist Ihr Ansatz hier, dass alle drei in der Tat gefährlich sind, aber trotzdem weitergemacht werden soll wie gehabt?

    Wenn Demokratie Ihrer Ansicht nach so aussieht, dass jedeR machen kann, was er oder sie will, ohne dabei gesellschaftliche Erfordernisse berücksichtigen zu müssen, dann frage ich, ob das nicht genau der Punkt ist, der ein System ins Chaos führt.

    Bei Ihrer Hinführung zu – Zitat: „Oder hätte es Grenzposten im Prenzlauer Polizeistaat geben, die die Schranken für ein Klempner-Visum öffnen?“ – fällt mir dann auch nur noch ein verständnisloses HÄH? ein.
    Wollen Sie wirklich sagen, dass diese doch eher harmlose Idee des Herrn Kirchner in den Polizeistaat führt?
    Oder habe ich Sie hier womöglich gänzlich missverstanden?

    Auf http://www.taz.de/!51201/ steht im – wie immer wichtigen Kontext –, was die TAZ tatsächlich über Kirchner schreibt.
    Danach finde ich den Herrn sehr moderat und vernünftig. Und seine Ideen sind aus meiner Sicht Schritte, den Wahnsinn, wie er im Moment läuft, bewusst zu machen und gegenzusteuern.

    Ich freue mich auf eine faire Diskussion und grüße herzlich aus dem 7gebirge

    Annette S. aus K.

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  7. PuhHa, Annette S. hat geschrieben und der Sonnabend Abend geht für die Antwort drauf. Aber was muss, das muss :-). Ich arbeite die Punkte mal möglichst in der Reihenfolge ab, muss mich aber zuvor grundsätzlich kritisieren, da ich anscheinend manche Sachen nicht deutlich genug vermittelt habe.
    Bevormundungssysteme (im Unterschied zu echten Diktaturen) gibt es überall dort, wo die Freiheit des Einzelnen über den gesellschaftlichen Bewusstseinsstand und eine objektive Notwendigkeit hinaus gebeugt wird, weil der Staat für sich die Weisheit in Anspruch nimmt, sie mit Regeln oder anderen Druckmitteln zu beugen. Ich glaube dazu im Gegensatz, dass diese Rolle nicht wechselnden Weltanschauungen einer politischen Klasse zukommt, sondern, sagen wir es so vereinfacht, der Moral. Diese muss sich aber aus Erfahrungen der Menschen frei speisen und entwickeln können - daraus können sich danach auch gesetzliche Regeln ableiten. Minderheiten spreche ich dieses Recht der Bevormundung als Angriff auf die offene Gesellschaft grundsätzlich ab. Natürlich ist jede Gesetzgebung von dieser Frage abhängig zu machen und ein schwieriges Geschäft. Dafür gibt es aber institutionalisierte komplizierte Prozesse, die die Kirchners dieser Welt einfach aushebeln wollen.
    Begriffe wie das von Ihnen als polemisch bemängelte "Allmachtsfantasie" gibt es bei Konrad Kustos häufig, ganz einfach, weil der Stil bisweilen in der Tat polemisch ("Streitkunst", der Wortherkunft nach) ist. Mein Ziel ist es, damit auch Emotionen in der Debatte zu zeigen, mich nicht hinter bloßen Wortgebilden zu verstecken. Das gehört zu dem, was ich unter "kybernetisch" verstehe. Außerdem tragen solche Begrifflichkeiten auch ihren eigenen Sinngehalt, der oft mehr vermittelt als rationale Sätze.
    Ekellisten führen zu Korruption und Meinungsterror. Wer entscheidet, was Ekel oder untolerierbar ist? Nach welchen Kriterien geschieht das? Ist Sauberkeit wichtiger als Gemütlichkeit oder Schmackhaftigkeit? Usw. Auch hier geht es um Bevormundung beziehungsweise die Freiheit , die nicht von Experten oder gar Politikern beschnitten werden darf. Ist ein Restaurant wirklich gesundheitsgefährdend, dann gehört es geschlossen, wenn nicht, muss der Kunde entscheiden können, ob es ihm gefällt.
    Herr Kirchner bedroht die Freiheit nicht persönlich. Er ist aber einer von Millionen kleinen Kirchners, und er ist ein Ausdruck eines bedrohlichen Strukturwandels. Diktatoren wachsen später auf einem so bereiteten Boden, nicht umgekehrt. Ich suche solche Beispiele, um auf die Kraft dieser strukturellen Veränderungen aufmerksam zu machen. Ende Teil 1, Teil 2 folgt später.

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  8. AaA (Antwort auf Annette) 2. Teil.
    Dieses Zusammenspiel von Autos, Nazis und Zigaretten war gewagt, aber beabsichtigt. Trotz des sehr unterschiedlichen objektiven Charakters haben die drei "Dinge" eines gemeinsam: Manche Menschen überziehen ihre sachliche und moralische Kompetenz, wenn sie hier willkürlich zuordnen und Differenzierungen vermeiden: Solche verfolgen Raucher auch da, wo diese keinem schaden (KK ist übrigens lebenslang überzeugter Nichtraucher). Solche nennen streitbare Demokraten Nazis, weil diese eine konservative Position haben. Solche halten Autos für durchgängig böse, weil sie deren Vorteile ignorieren.
    Ausgerechnet KK vorzuwerfen, er würde individuelle Freiheiten absolutieren, heißt, noch nicht seine entsprechenden flammenden anderslautenden Posts gelesen zu haben. Das Gemeinwesen muss Individuen resolut regulieren, wenn diese gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen. Das Gemeinwesen definiert sich aber über Recht, Gesetz und Moral und nicht über zweifelhafte Fortschrittsfantasien einer selbstgerechten Minderheit.
    Zur HÄH-Frage: Einen ganzen Stadtteil für Autos zu sperren setzt in der Tat erhebliche Kontrollen und Polizeipräsenz voraus. Dies sind Sandkastenspiele und Gewöhnungsversuche für zukünftige obrigkeitsstaatliche Machtausübungen im Interesse der "guten Sache", die zwar nicht zwangsläufig in den Polizeistaat führen müssen, aber ein ordentlicher Schritt dorthin sind.
    Zu dem Wahnsinn, von dem Sie sprechen und den Kirchner Ihrer Meinung nach bekämpft, kann ich nichts sagen, weil ich keinen Wahnsinn erkennen kann, den er bekämpft, und Sie das auch nicht näher ausführen.
    Im Grunde umdribbeln Sie mit Ihren Fragen aber die eigentlichen Aussagen meines Textes. Beispielsweise viele Beispiele im Detail über die Gutsherrenart des Stadtrates, aus der sich alleine schon eine über ihn hinaus weitverbreitete Arroganz und Selbstgerechtigkeit dieser Klientel erkennen lässt. Einer Mentalität, die aus der eigenen Selbstgerechtigkeit erwächst, in Machtpositionen strebt und die subjektiven und objektiven Interessen der Mehrheit der Regierten ignoriert. Hier sind wir wieder bei den Fragen 'Demokratie', 'offene Gesellschaft' und unserem alten Reizbegriff 'Gutmensch' angekommen. :-)
    Ich hoffe, ich konnte meinen Text auf Ihre Fragen hin noch etwas präzisieren und verbleibe mit herzlichen Grüßen
    Ihr Konrad Kustos

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    1. Schön, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben!

      Tja, mit der objektiven Notwendigkeit ist das so eine Sache.
      Die gibt es nämlich nicht, genauso wenig wie den gesellschaftlichen Bewusstseinsstand. Und genau deshalb brauchen wir Menschen mit neuen Ideen.
      Sie helfen uns, die Dinge zumindest zu hinterfragen und neu zu betrachten. Für Politik interessieren sich viele Menschen aber offensichtlich erst oder nur dann, wenn es ihnen an die eigene Bequemlichkeit geht (das meine ich ganz grundlegend und keinesfalls persönlich).

      Ideengeber haben immer das Risiko, von anderen Menschen (noch) nicht richtig verstanden zu werden. Dennoch leisten sie einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, da über Vernunft und Unvernunft, Machbarkeit, Moral usw. zumindest diskutiert wird.
      Und genau das ist aus meiner Sicht gelebte Demokratie und kein Bevormundungssystem.

      Da der Kategorische Imperativ (Zitat): „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ nicht nur vernunftbegabte und moralisch handelnde Menschen voraussetzt, an deren Existenz zumindest ich nur sehr eingeschränkt glaube, sondern auch den Willen, vernünftig und moralisch zu handeln, ist es meiner Meinung nach wichtig, die Freiheit da zu begrenzen oder zumindest da den Finger in die moralische Wunde zu legen, wo Menschen eben nicht verantwortungsbewusst handeln.

      Wenn die Moral sich aus den Erfahrungen der Menschen frei speisen und entwickeln könnte, wäre das wunderbar. Dafür müssten aber viele Menschen viele gute Erfahrungen machen, damit sie die Welt konstruktiv und verantwortlich speisen könnten. Gutes bringt Gutes hervor, das Gegenteil ist selten der Fall.
      Hier sind wir dann allerdings schon wieder an dem Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht: Was ist gut, was ist schlecht?

      Ich glaube, dass die Kirchners dieser Welt versuchen, einen Weg einzuschlagen in der Hoffnung, mit guten Ideen Gutes zu schaffen (s.o.). Diese Ideen müssen natürlich praktisch umsetzbar sein, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Entwicklung neue Ideen braucht und Menschen, die sie entwickeln, sonst geht alles seinen gewohnten und aus meiner Sicht unvernünftigen Gang, nur der Taktschlag erhöht sich, und der Stresspegel steigt.
      Im Hinblick auf den Autoverkehr heißt das zum Beispiel: Die Staus werden länger, die Parkplatzsuche wird noch mühsamer, von der Umweltverschmutzung – auch durch Lärm – mal ganz abgesehen. Dieses Beispiel streift den Wahnsinn, den ich meine ...

      Wie gesagt, den Strukturwandel sehe ich ganz woanders, den Grund für Diktaturen übrigens auch.
      Es ist aus meiner Sicht zwingend notwendig, die Dinge grundlegend so sauber wie möglich zu analysieren und zu trennen, damit sie überhaupt diskutiert werden und zur Erkenntnis führen können.
      Ob das Schüren von Emotionen und Parteilichkeiten hierbei hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln, wenngleich ich verstehe, dass diese Themen durchaus Emotionen hervorrufen.
      Und auch Ratlosigkeit – zumindest bei mir. Denn letztlich muss immer wieder neu definiert werden, wer Recht, Gesetz und Moral zu wessen Gunsten installiert und durchsetzt.
      Ich persönlich glaube, dass Recht und Gesetz häufig genug gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen – dafür brauchen wir keine Kirchners, dafür reichen durchaus auch die großen regierenden Parteien.

      Tja, spätestens hier beißt sich die Katze dann selbst in den Schwanz.

      Ich danke Ihnen aber natürlich dennoch für Ihre Präzisierungen.
      Ein bisschen besser habe ich Ihr Anliegen dadurch auf jeden Fall verstanden. Glaube ich.

      Für heute herzlich wie immer herzlich

      Annette S. aus K.

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    2. Ich nochmal. Ideen finde ich toll: Vorschläge, individuelle Aktionen, Initiativen etc., aber keine Zwangsbeglückung durch Bezirksfürsten mit Auswirkungen auf die gesamtstädtische Allgemeinheit. Wer sich in einer Machtposition ein Mandat nimmt, dass ihm nicht zusteht, handelt einerseits ungesetzlich und andererseits undemokratisch.
      Natürlich muss Freiheit begrenzt werden, das schrieb ich schon, aber durch dafür legitimierte Institutionen. Dass dann trotzdem vieles schiefgeht wissen wir beide, aber das setzt das Prinzip nicht außer Kraft, weil es das beste und einzige in Frage kommende ist. Alles andere ist Liebäugeln mit dem Totalitären - und dass Ihnen dieser Gedanke als sehr kluger Frau anscheinend so fern ist, sehe ich als ein weiteres Zeichen für den stillschweigenden Einmarsch des grünen "gutmeinenden" Totalitarismus in unser Denken. Dagegen schreibe ich mit aller Kraft an.
      Wenn Sie das Auto als Wahnsinn ansehen, ich aber, und ein paar andere (Millionen), es als Problem und Chance in einem begreifen, zeigt sich schon, wie unterschiedliche Denkweisen zu unterschiedlichen Handlungsmaximen kommen - Kant hin oder her. Deshalb müssen solche strittigen Fragen auch gesamtgesellschaftlich diskutiert und angegangen werden und nicht von Herrn Kirchner par ordre de mufti. Ich meine im übrigen, um nicht nur im Abstrakten zu verharren, dass man die Probleme am Autoverkehr nur mit finanziellen Regularien in den Griff bekommt. Hier wäre die Regulierung nicht destruktiv, sondern käme in Form von Steuern dem Allgemeinwohl zugute. (falls das Geld dann auch für das Allgemeinwohl eingesetzt wird, aber das ist eine andere Geschichte). Eine solche marktwirtschaftliche Regulierung ist unsozial, ich weiß, na und? Autofahren ist ja auch irgendwie unsozial.
      Viele Grüße von KK

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  9. Aber wir leben ja glücklicherweise immer noch in einer halbwegs brauchbaren Demokratie, die sich – zumind. genau in der von Ihnen beschriebenen „regionalen Kleinheit“ – immer noch nach kybernetischen Gesichtspunkten selbst organisiert.
    Wenn sich in einer Machtposition auf dieser in der Hierarchie ziemlich unteren Ebene also tatsächlich jemand ein Mandat nimmt, das ihm nicht zusteht, haben andere die Möglichkeit, diese Aktionen zu stoppen. Und so ist es ja auch geschehen, wenn ich richtig informiert bin.
    Im Kleinen ist das also immer noch machbar und abwehrbar.

    Sehr viel intransparenter sind da ganz andere Strukturen wie die EU, die hinter geschlossenen Türen das Schicksal von Nationen verhandeln, aber das hatten wir ja schon.

    Ich sehe übrigens nicht das Auto als Wahnsinn an, sondern den Umgang damit.
    Ich fahre selbst Auto, aber auch Rad, wenn's irgendwie geht. Oder auch mit dem Zug.
    Und ich finde die Idee gut, Menschen noch einmal bewusst zu machen, dass es andere Möglichkeiten der Fortbewegung gibt als das Auto. Und ich finde es zudem gut, noch einmal erlebbar zu machen, wie die kleine Lebensumwelt ohne Auto vier Wochen lang auf die Seele und das Zusammenleben wirkt.
    Man kann den Unterschied nur wahrnehmen, wenn man den Unterschied wahrnehmen kann …

    Lieber Herr Kustos, wir stimmen trotz allem ganz sicher darin überein, dass jede Form des Totalitarismus furchtbar ist.
    Und ich finde es sehr schön, dass wir so fair und konstruktiv diskutieren können – eine Form, im Kleinen die Freiheit der anderen und deren Meinung wertzuschätzen und auszudiskutieren.

    Ich wünsche Ihnen eine gute Woche und freue mich auf Ihren nächsten Beitrag

    Annette S. aus K.

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