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Montag, 12. Mai 2014

kurz-geklagt: Die zwei Seiten der Wurst


Heute geht es um die Wurst, ach nein, den Wurst. Da hat ein „Travestiekünstler“ diesen unsäglichen, aber dank seichtspülender Medien populären ESC (Eurovision Song Contest) gewonnen. Normalerweise wäre das für den meist wertkonservativen Konrad Kustos ein Anlass gewesen, gegen die Dekadenz des Niedergangs zu wettern. Doch siehe da, es kommt ganz anders. Er hörte bei allem Getöse den Geist der Innovation durchklingen. Die Dekadenz lag dann eher bei der Begleitmusik und betraf die Jubelchöre, die Propaganda beim schlichteren Teil des Volkes initiieren kann. Schlussakkorde in Moll müssen befürchtet werden.


10.000 Zuschauer waren live in Dänemark dabei, 180 Millionen weltweit, davon 8,2 Millionen in Deutschland. Sie hörten viel schlechte Musik, sahen aufwändige Bühnentechnik und erlebten einen Hauptdarsteller, bei dem sich irgendwie aufdrängte, eine an anderer Stelle so verteufelte Gender-Schreibung für seinen Namen zu benutzen. Diese(r) Conchita Wurst aus Österreich ist nicht eine grell geschminkte Karikatur eines Geschlechts, wie wir es von Transvestiten normalerweise kennen. Er ist mit schönem Vollbart ein männlicher Mann und mit feinen femininen Zügen eine schöne Frau. Er ist keine schräge Mischung, er ist beides, und in beidem gut. Die Gleichzeitigkeit beider Geschlechter in dieser so noch nicht gekannten Kunstfigur ist geradezu perfekt.

Er hat den schüchternen Charme eines David Bowie und die Bühnenausstrahlung einer Shirley Bassey. Und er kann singen, aber hallo! Mit seiner verstörenden Parallelität bringt er unsere eingefahrenen Synapsen zum Flimmern und schließlich zur Neuordnung. Er schafft es mehr als seine Vorgänger und alle ideologischen Geschlechter-Gelehrten zusammen, unser Bewusstsein zu metaprogrammieren. Wir lernen: Egal ob männlich oder weiblich oder irgendwo dazwischen oder jenseits davon - Hauptsache, es funktioniert und ist nicht peinlich.

Natürlich geriet so die ganze Veranstaltung auch ein bisschen zur Demonstration für die Rechte von Homosexuellen, was eine Musikveranstaltung, die ausdrücklich der Beurteilung musikalischer Qualität gewidmet ist, eigentlich nicht sein sollte. Aber diese Demo war unterlegt von Argumenten in Person von Herrn Wurst und damit eindringlich, inhaltlich und glaubwürdig. Dankbar nahmen wir diese Hilfe zur Erweiterung unserer doch immer wieder eingeengten Wahrnehmungsmöglichkeiten entgegen.

Zwei Dinge deprimieren aber umso mehr. Erstens: Kein Medium verzichtete bei der Berichterstattung darauf, den schrägen Spaß-Event als Demonstration gegen Putin, den Krim-Besatzer, zu verwursten. Dafür gab es natürlich keinerlei inhaltliche Anknüpfungspunkte. Eher nachvollziehbar wäre noch eine Demonstration gegen Putin, den Schwulenfeind, gewesen, doch auch hier störte dann der künstlich aufgebauschte Missbrauch einer im Grunde banalen Showveranstaltung für ein ernstes Thema. Doch nichts anderes war zu erwarten gewesen.

Doch zweitens war das Verhalten des Publikums in Kopenhagen regelrecht erschütternd. Die russischen Teilnehmer wurden schon im Halbfinale mit Pfiffen und Buhrufen überhäuft, und die ukrainische Interpretin bekam übermäßig viel Applaus. Wie gedankenlos oder wie gedankenverformt muss man sein, unschuldige „Künstler“ zu beleidigen und zu behindern, wenn man eigentlich eine ferne Regierung meint, von der man nichts weiß, außer dem, was einem die Medien erzählt haben?

Die dort anwesenden Menschen machten sich so unter Verletzung aller sportlichen Regeln und ihrer eigenen Würde zum Hanswurst eines Feindseligkeit und Konflikte provozierenden Propagandaapparats. Es zeigt, wozu die Medien als Vasallen einer zunehmend amoklaufenden Herrschaft fähig sind. Werden die Kopenhagener in ihrer Variante des Sportpalastes auch so aufgehetzt skandieren, wenn die NATO zu den Waffen ruft? Der im Prinzip nebensächliche ESC zeigt beispielhaft, dass es um die Wurst geht. Und Konrad Kustos ist ein heißer Wurst lieber als ein kalter Krieg.

Kommentare:

  1. Sehr treffender und ausgewogener Text, tatsächlich nicht der erwartete Reflex. Was wirklich bedenklich stimmt, ist, dass das Wurst wahrscheinlich auch gewonnen hätte, wenn es überhaupt nicht singen könnte.

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    1. Lieber Frank,

      man weiß es nicht, und somit ist Ihre Vermutung das, was Vermutungen sind: Spekulation.
      Ich halte mich lieber an Fakten und freue mich, dass ein Mensch,
      der absolut professionell auftritt und eine sehr gute Stimme hat, diesen Contest gewonnen hat.
      Hinzufügen möchte ich, dass ich diese Art von Musik überhaupt nicht mag, aber das ist hier für mich zweitrangig.

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  2. Lieber Herr Kustos,

    ohne Ihren Text hätte ich mir das Wurst-Video vermutlich niemals angeschaut, weil mir diese Art von Musik Conchitas Nachname ist.
    So haben Sie mich kulturell wieder mal bereichert :-) - vielen Dank auch für den stilistisch sehr schönen Text.

    Viele Grüße

    Annette S. aus K.

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  3. Im Kopenhagener Sportpalast ist garantiert kein repräsentativer Querschnitt von Musikliebhabern anwesend gewesen. Ich kenne sehr viele Leute, die aus Putin geradezu einen Freheitskämpfer stilisieren, die in Rußland das Shangri-la der Bürgerlichkeit erkennen. So oder so, alles Mißverständnisse eben...

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