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Samstag, 29. November 2014

Natur aus der Spur

Schaurig schön
Wenn sich in Berlin 2000 Menschen in Tierkostümen treffen, ist nach dem SNAFU-Prinzip (Situation Normal, All Fucked Up) im Sinne R.A. Wilsons alles in den üblichen Bahnen. Furries nennen sich die lustigen Gesellen, die ihr Problem mit der eigenen Identität hinter einer Ganzkörper-Maske verstecken, mit der sie teilweise psychisch verschmelzen. Die ähnlich dekonstruktive Alternative zu dieser Flucht vor dem eigenen Körper, welchen die Natur doch in der Regel ganz ordentlich zur Verfügung stellt, ist dessen Veränderung - egal, wie viel Entstellung dafür notwendig ist. Deshalb ist, besonders in den USA, das Aufspritzen des Gesäßes auf Hottentotten-Niveau derzeit stilbildend. Kim Kardashian und Beyoncé werden als Vorbilder bzw. prominente Nachahmer gefeiert. Beide Phänomene sind nur eklatante Beispiele für die rasch wachsende Erscheinung des Niedergangs, sich nicht mehr nur nicht in dieser Welt, sondern auch nicht mehr im eigenen Körper wohlzufühlen. Das Ergebnis ist ein weltweiter Denaturierungsprozess.

„Als Mensch hatte ich früher kaum Freunde, jetzt kann ich besser auf Menschen zugehen und habe mehr Selbstvertrauen“, beschreibt ein Teilnehmer der Berliner Furry-Konferenz seine Metamorphose zum Husky. Als sicher ist anzunehmen, dass der Identitätswechsel auch mit einer Flucht vor den Anforderungen des modernen Lebens zu tun hat (Beruf, Partnerschaft, Selbstdarstellung). Auch dem sexuellen Leistungsterror entzieht man sich bepelzt weitgehend, denn in den sogenannten Fursuits sind sexuelle Handlungen konstruktionsbedingt nur begrenzt möglich. Aber letztlich geht es nicht um diese Flucht vor konkreten Herausforderungen: Die eigene, naturgegebene Identität wird immer mehr als unzureichend empfunden. Jedenfalls wird es interessant sein zu beobachten, wann es die Forderung nach eigenen Furry-Toiletten und einer eigenen Furry-Kategorie bei Facebook geben wird. Es soll doch niemand diskriminiert werden.

Nicht einmal Ärsche? Ärsche gibt es seit Menschengedenken - auch im übertragenen Sinne -, aber modern sind nun fette Ärsche. Im Rahmen der natürlichen Evolution waren dicke Hinterteile ein Zeichen für ausreichende Fettreserven der Muttertiere für Notzeiten. Mit der gesellschaftlichen Überwindung solcher Notwendigkeiten wurde der schlanke Hintern wie beim Mann auch bei Frauen zum Schönheitsideal. Nun aber führt der Überfluss dazu, dass besonders in prekären gesellschaftlichen und/oder ethnischen Gruppen das Elend der eigenen Existenz mit andauerndem Essen begegnet werden soll. Das Lustgefühl überwindet so die natürliche Esshemmung bei Sattheit. Dadurch entsteht ein Niedergangs-Standard, der sich nicht mehr an der Evolution orientiert, sondern an der Degeneration.

Gesund ist das nicht, weder für die Gesellschaft noch für die Individuen. Eine Frau in Georgia zahlte 1500 Dollar für ein neues Silikongesäß - und starb daraufhin an einer Lungenembolie. Ein Ermittler berichtete, dass bei der Obduktion der Leiche das Silikon „überallhin spritzte“. Dennoch ist das Arschimplantat inzwischen weltweit auf dem zweiten Platz in der Liste der „Schönheits“operationen angekommen.

Die ausgesprochen kluge Entertainerin Desiree Nick hat ein ganzes Buch über die von ihr so genannte Arschterrasse geschrieben, in dem sie dies ein Phänomen unserer Zeit nennt. „Der Welt wird fast 50 Jahre nach Beginn der Frauenbewegung ein Schönheitsideal übergestülpt.“ Das endet natürlich nicht am Arsch. „Abendkleider sind heute so tief am Rücken ausgeschnitten, dass man keinen BH mehr drunter tragen kann, aber dafür braucht man eben Brüste aus Beton.“ Und sowieso gebe es kaum noch unwattierte BHs zu kaufen, woraus Nick folgert: „Früher war es Travestie, heute trägts die Grundschullehrerin“. Es  gehe bei dieser Entwicklung um das Selbstwertgefühl. Was früher der Gartenzwerg oder der eigene Volkswagen war, sei heute der Körper. Der Körper sei das letzte Schlachtfeld der Selbstdarstellung, auf dem wir nun selbst zur Ware geworden sind.

Worte Kustos’scher Wahrheit, die uns nicht am Arsch vorbeigehen sollten, doch das Problem geht weit über das bloße Selbstwertgefühl hinaus. Das Verstecken der eigenen Persönlichkeit wird zum Überlebensreflex in einer virtuellen Welt, die mit ihrer scheinbaren Perfektion in den Individuen tiefe Unsicherheit erzeugt. Die Menschen könnten diese denaturierten Ideale ja ablehnen, aber sie können es aufgrund der psychologischen Zwänge eben nicht. Wenn wir also sogar am Arsch entarten, sind wir grundsätzlich im Arsch.

Die längste Tradition hat das Verkünstlichen des menschlichen Erscheinungsbilds in den Spielformen Mode und Parfüm. Während am französischen Königshof des Absolutismus mit den Riechchemikalien fehlende Hygiene überdeckt werden sollte, dienen sie in Zeiten des kollektiven Waschzwangs der Tarnung der eigenen Identität, sind nonverbale Lügen. Inzwischen gibt es auch kaum noch Waschmittel, die nicht mit „Frischedüften“ geimpft sind, die tagelang die Schleimhäute reizen und Allergien auslösen. Was ist an diesem „frisch“ besser als am herkömmlichen „sauber“?

Hinzu kommen, und darüber wurde hier schon viel berichtet, die Entstellung des eigenen Körpers mittels einer Vielzahl von „Schönheitsoperationen“, Tattoos, und Piercing, Branding, Cutting usw.. Allen gemein ist, den eigenen Körper in seiner natürlichen Erscheinungsform zu verachten. Veränderungen tun scheinbar not, selbst wenn sie den Zustand offensichtlich verschlimmern.

Die entwurzelten Menschen folgen also irgendwelchen Moden und glauben, ausgerechnet damit die eigene Individualität herauszustellen und zu entwickeln. Sie verwechseln das Herumpfuschen an der Natur mit Persönlichkeit. Persönlichkeit aber liegt innen und nicht außen. So wird aus einem sozialen Wesen ein individualistischer Narziss, dessen nach sinnvollen Werten herumsuchender Verstand sich im Zeitalter des Niedergangs nicht mehr an realen Menschen, Traditionen oder Vorbildern orientieren kann, sondern mit Virtualitäten vorliebnehmen muss.

Wenn die Eltern davon überzeugt sind, muss die Einübung in den Narzissmus auch bei den Kindern früh beginnen. Das fängt schon mit dem ach so süßen clownesken Kinderschminken an, dass den Kindern auf jedem Bierfest als Event aufgezwungen wird. Dabei ist erwiesen, dass eine Veränderung der natürlichen menschlichen Züge Ekel und Erschrecken auslöst. Coulrophobie heißt der Fachterminus. In einer englischen Studie wurden junge Menschen zwischen vier und 16 Jahren über Clowns befragt. Keiner von ihnen fand Clownsbilder lustig. Einige fürchteten sich vor ihnen, viele fühlten sich unbehaglich. Ebenso äußern sich Erwachsene, unter konkretem Bezug auf geschminkte Gesichter, Kostüme und das fremdartig freundliche Erscheinungsbild. Psychologen erklären das damit, dass durch das fremdartige Erscheinungsbild ein Erkennen der wahren Emotionen verhindert wird. Die Verstellung produziert in einem funktionalen Umfeld Ablehnung.

Stattdessen geht es dann aber mit Maskentragen, Halloweenverkleiden und Schminken der Mädchen in der Frühpubertät, die angeblich artgerecht sei. Seit 26 Jahren gibt es die „American Girl Puppen“, die so hergestellt werden, dass sie wie die jeweiligen Puppenmuttis aussehen. Sowas hat zurzeit immensen Erfolg. In der Produktpalette gibt es schon Zeitschriften, Events und eine Shop-Kette, in der Zubehör wie Zahnspangen und Rollstühle erhältlich sind. Früher hatten Mädchen Puppen, um zu lernen, für andere zu sorgen. Heute gibt es die Puppen, die das Ego bestätigen, schlimmer, die dafür sorgen, nur sich selbst im Blick zu haben.

Letztlich ist die Frage, wer daran schuld sei, unerheblich, wenn eine Dreijährige ihre Eltern in Berlin (angeblich) so sehr drängen konnte, dass die mit ihr in ein Tattoo-Studio gingen, um ihr Ohrlöcher stechen zu lassen. Das Kind reagierte auf die Körperverletzung mit Verstörung und die frustrierten Eltern mit einer Klage gegen die Studiobetreiberin. Man forderte 120 Euro für Schmerzensgeld sowie Anwaltskosten und schließlich kam es sogar zum Prozess. So ein Aufstand, wo doch die Beschneidung kleiner Jungen aus religiösen Gründen in Deutschland zeitgleich ausdrücklich legalisiert wurde.

Straffrei ist es mittlerweile, wenn der  schwule FDP-Politiker Michael Kauch stolzer Vater werden konnte, indem er mit seinem Partner und einem lesbischen Pärchen eine vierköpfige Elternkonstruktion schuf. Das war vor anderthalb Jahren, und ich möchte zu gerne wissen, wie es der Nichtfamilie und dem Kind inzwischen geht. Die Natur hat jedenfalls auch das genauso wenig vorgesehen, wie den Kindersegen für einen 70-jährigen Italiener und seine 58- jährige Gattin (nach künstlicher Befruchtung im Ausland). In Turin gab es immerhin gesellschaftlichen Widerstand in der Form, dass das Jugendamt (nach 18 Monaten) einschritt und das Kind zur Adoption freigab.

Wie viel hätte ein solches Kind noch von seinen Eltern? Wie viel Erziehung ist da noch möglich? Wie früh muss das Kind sich um die gebrechlichen Eltern kümmern? Das mit der Frage befasste Gericht nannte jedenfalls die Eltern narzisstisch und egoistisch. Doch mit dem Fortschritt der Reproduktionsmedizin wird dieses Problem noch gewaltige Ausmaße annehmen. Die Eltern können sich ein Leben lang um Spaß und Karriere kümmern, um dann zum Lebensende auf Kosten des Kindes und der Allgemeinheit noch etwas für ihre individuelle Unsterblichkeit zu tun. Auch bei Gianna Nannini, die sich zur Erfüllung ihres privaten Wunsches einem Unbekannten hingegeben hatte, brauchte es 54 Jahre bis zur persönlichen Befriedigung.

Die Natur hat keinen besonderen Stellenwert in der Welt des Niedergangs. Was gegen sie unternommen werden kann, wird auch unternommen. Chemiker entwickeln beispielsweise Modulatoren, mit denen bekannte Lebensmittel in ihrem Geschmack völlig auf den Kopf gestellt werden. Damit soll den Konsumenten ein neuer Kick vermittelt werden, offiziell dient es nur natürlich dazu, Gutes zu tun. Man wolle gesündere Lebensmittel schmackhafter machen, und auch der weltweite Hunger soll eingedämmt werden. Was wirklich passieren wird, ist,  dass wir unseren natürlichen Sensorien nicht mehr vertrauen können und uns jedem Gift auf gut Glück ausliefern müssen. Diese sogenannten Wissenschaftler ignorieren, dass etwas, das uns nicht schmeckt, in der Regel auch nicht gut für uns ist und der natürliche Geschmack deshalb eine lebenswichtige Funktion hat.

Mediziner forschen parallel daran, wie man das Sättigungsgefühl durch Medikamente verbessern könne. Wahrscheinlich, um die wachsende Dickleibigkeit zu bekämpfen, dabei haben wir oben schon gesehen, dass es sich beim übermäßigen Essen um ein soziales Problem handelt, bei dem es um das Befriedigungsgefühl und nicht die Sattheit geht. Künftig werden die Kandidaten also auch noch gegen gesundheitsschädliche Medikamente anfressen müssen.

Ein Harvard-Professor schließlich hat nach dem Motto, „Dinge, die die Welt nicht braucht“ ein „oPhone“ entwickelt, also ein Mobilfunkgerät, das Gerüche über Bluetooth versenden kann. 300.000 Gerüche aus 400 „Duft“-Stoffen kann der Prototyp schon produzieren. Sicher ein gefundener Gestank für die Werbeindustrie, die sowieso immer mehr dazu übergeht, uns in den Shoppingcentern flächendeckend mit allergenen Gerüchen zu überschwemmen. Über Crowdfunding soll das oPhone nun in die Produktion gehen.

Wir lassen also all die Denaturierung nicht nur geschehen, wir treiben sie  noch aus eigenem Antrieb voran. Dies alles ist aber sowieso nicht nur eine Folge überbordender Möglichkeiten in Parallelität mit einem hemmungslosen Egoismus. Es ist ein existenzielles Phänomen des Niedergangs: Nur über sich selbst hat der Mensch noch die Verfügungsgewalt, wobei der Rahmen für Änderungen, der von der Natur vorgesehen ist, eng begrenzt ist. Deshalb weicht er auf unnatürliche, kontraproduktive Veränderungen aus. Er schädigt sich, um seine Handlungskompetenz und -freiheit trotz all seiner Machtlosigkeit nachweisen zu können. Nur als Nebeneffekt sollen das die anderen wissen, denn hauptsächlich ist er selbst das Ziel seiner Demonstration.

Das Vorbild der Natur könnte uns helfen, Verlockungen und Irrwege, die von der entwickelten Gesellschaft produziert werden, zu erkennen und zurückzuweisen. Das Gegenteil passiert: Kurzfristige, persönliche Interessen und ein übergreifender psychosozialer Defekt spielen zusammen. So entstehen erst denaturierte Modetrends, und es folgt die Denaturierung der Welt. Mal sehen, wie lange die Natur sich das gefallen lässt…

Kommentare:

  1. Auch wenn es der menschlichen Eitelkeit missfällt - der Natur ist es herzlich egal, welchen Modetrends eine bestimmte Primatenspezies folgt, die in der dünnen Biosphäre eines kleinen Planeten einer der vielen Milliarden Sonnen einer der noch viel mehr Galaxien in irgendeinem der Paralleluniversen des Multiversums lebt.

    Die einzigen, die sich hierfür interessieren, sind wir selber. Wir müssen uns aus Eigeninteresse die Frage stellen, welche der beschriebenen Handlungsweisen für unsere Gesellschaft schädlich, welche nur überflüssig und welche durchaus nützlich sind.

    Dass die Silikonisierung von Körperteilen und ähnliche Verstümmelungen auf der schädlichen Seite einzuordnen sind, darüber sind wir uns sicher einig. Die Folgen in Form von Krankenkassenbeiträgen etc. tragen wir alle. Die Massenproduktion überflüssiger Konsumgüter ist hauptsächlich schädlich für die Umwelt, das trifft die heutige Wegwerfmode genauso wie viele Geräte der Unterhaltungselektronik. Allerdings, wo ist die Grenze? Immerhin schreibe ich diese Zeilen an einem vielleicht völlig überflüssigen Gerät.

    Wenn Mitmenschen unsere Gesellschaft nur noch in gemeinschaftlicher Verkleidung ertragen, so ist das kein neues Phänomen. Die Klosterbewegung des frühen Mittelalters war auch nichts anderes, eine Flucht vor der Realität. Das ist durchaus ein Symptom für gesellschaftliche Probleme, aber in sich selbst nichts böses. Besser ein Fusselbär als ein IS-Kämpfer - das ist eine andere, weit schädlichere Möglichkeit, seine Ablehnung gegenüber der modernen Gesellschaft auszudrücken.

    Zwischen den vielen Zeilen versteckt brandmarkst du aber etwas als "unnatürlich", bei dem sich bei mir die Nackenhaare sträuben (nein, ich trage kein Hundekostüm). Wenn ein Frauenpaar sich Kinder wünscht, die sie gemeinsam aufziehen wollen, ist das für mich etwas absolut positives. Natürlich können sie das Kind nicht auf die von der Kirche vorgeschriebene Art zeugen, vielleicht kommen deshalb auch etwas unkonventionelle Familienmodelle zum Tragen. Aber unkonventionelle Familien gibt es auch ausserhalb dieser Kategorie viele, was solls? Ich kenne persönlich zumindest Teile einer solchen Familie und weiss, dass sie viel mehr für die Gesellschaft leisten als viele andere. Abgesehen davon, ob "Natürlichkeit" ein sinnvolles Kriterium sein kann (siehe oben), kommt die Wissenschaft immer mehr zum Schluss, das Homosexualität grundsätzlich natürlichen, genetischen Ursprungs ist und nicht eine "Perversion der modernen Gesellschaft".

    Ähnliches gilt übrigens auch für "fortschrittliches" und "konservatives" Verhalten und Denken - die Evolution hat dafür gesorgt, dass bei höher entwickelten und insbesondere in Gruppen lebenden Tieren eine relativ große Bandbreite des Verhaltens vorhanden ist, das hat die Anpassungsfähigkeit der Arten aufrechterhalten und gefördert. Vielleicht gilt das ja sogar für diejenigen, die sich als Pelztier kostümieren?

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    1. Vielen Dank für das anschauliche Szenario. In der Tat geht es nicht darum, dass wir der Natur zu gefallen haben, sondern wir sind darauf angewiesen, nach ihren Regeln zu spielen, wenn wir überleben wollen. Das vergisst der Mensch in seiner Hybris gern. Da spielt es auch keine Rolle, ob ein Computer überflüssig ist oder nicht: Er ist da! (Übrigens liegt zwischen Selbstverstümmelung und Konsum mindestens eine Qualitätsstufe, das solltest du nicht gleichsetzen.)
      Um gesellschaftliche Zustände zu beschreiben reicht es allerdings nicht aus, darauf zu verweisen, dass es so etwas schon immer gegeben habe. Die Einordnung von Phänomenen erfordert nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Bewertung. Will sagen: Wenn jetzt alle etwas machen, das früher nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung zu tun vermochte, ist dies der entscheidende Faktor. Aber unabhängig davon ist Dir ein kleiner Dyslogismus unterlaufen: Natürlich ist der Realitätsflüchtende nicht böse, wie von Dir mir unterstellt, gesagt zu haben, sondern es ist ein Ausdruck eben seiner Probleme.
      Und schließlich muss ich doch energisch protestieren, dass Du mir unterjubelst, etwas gegen Homosexuelle zu haben. Lies doch noch mal meinen Text zu Conchita Wurst oder den meines guten Freundes Bernhard Kempen. Wogegen ich mich als unnatürlich ausgesprochen habe, war die Aufzucht von Kindern in beliebigen Lebensabschnittspartnerschaften, möglichst noch ohne genetischen Bezug und eben ohne die wichtige Yin-Yang-Erfahrung heterosexueller Bezugspersonen. Also klapp die Nackenhaare wieder runter und denke mehr an das Schicksal der Kinder als an die Bedürfnisbefriedigung postmoderner Partnerschaftskonstrukte.
      Bei Deinem letzten Absatz bin ich wieder voll bei Dir, gebe aber zu bedenken, dass das mit der Bandbreite nur dann nichtig funktioniert, wenn das am besten überlebensfähige Verhalten in der Mitte und der Mehrheit ist. Ich empfehle dazu die Lektüre von Richard Dawkins.

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    2. Ich wollte dir da nichts unterjubeln, das hast du vielleicht falsch verstanden. Ich meine bloß, dass man nicht jede Art der unkonventionellen Familienbildung als Lifestyle-Konstrukt einstufen sollte. Eine "Yin-Yang-Erfahrung" ist sicher wertvoll, aber auch in konventionellen Familien oft nicht mehr vorhanden, wenn sie auseinanderbrechen oder wenn ein Partner stirbt. Wichtig ist, dass die Beziehung und Familie auf Dauer und Verlässlichkeit ausgelegt ist.

      Und wichtig ist, wer so etwas wie liest. Es gibt sicher auch Leser, die deine Sätze in eine jedem neuen und fremden feindliche Richtung hinein lesen und sich in ihren Vorurteilen bestätigt finden. Muss man diesen Charakteren (um ein freundliches Wort zu wählen) Futter geben?

      Zu Richard Dawkins.... ja, wollte ich immer mal lesen. Auch wenn er in vielen Details umstritten ist. Ach ja, Zeit müsste man haben.

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  2. Was ich schreibe ist geradezu prädestiniert dazu, irgendwelche Vor(ur)teile zu stützen. Aber soll ich deshalb aufhören, das Richtige zu schreiben - und zu denken? Das ist ja gerade der Poco-Mechanismus: Vermeiden, jemandem zu schaden und deshalb lieber die Wahrheit ausblenden. Da ich gegen diese Umkehrung der Wirklichkeit kybernetisch anschreibe, werde ich immer von (zu kurz) Intuitivdenkenden unerwünschte Bestätigung finden.

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