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Samstag, 6. Dezember 2014

Nachdenken statt Nahdenken

Zeichnung: http://artsfwd.org
„Sieh, das Gute liegt so nah“, meinte einst der gute Goethe, wobei wir ihm halbherzig recht geben wollen. Halbherzig deshalb, weil ein guter Gedanke tatsächlich etwas Gutes ist, aber keineswegs naheliegt. Politiker und Experten wollen uns zwar gerne weismachen, dass ihr Denken in geistigen Abkürzungen schneller zum Ziel führt, doch ist das scheinbar Naheliegende eher die Abkürzung ins intellektuelle Nirwana. „Lieber einmal in der Woche freiwillig Spinat mit Ei als jahrelang unfreiwillige Überwachung durch die NSA“, folgerte beispielsweise einst die Spitzenkandidaten der Grünen in ihrem Wahlkampf und wollte damit irgendeinen verschwurbelten Zusammenhang zwischen Veggie-Day und Anti-Unterdrückungspolitik herstellen. „Frauen schonen die Umwelt“, ermittelte allen Ernstes die Universität Halle, weil diese weniger klimaschädliches Fleisch zu sich nähmen. Dass es zwischen Männern und Frauen Stoffwechselunterschiede und andere Besonderheiten (etwa Schwerstarbeit) geben könnte, fiel dabei nicht ins Kalkül. Die Crux unserer Zeit ist es, dass komplexe Zusammenhänge auf ein paar griffige Parolen reduziert werden, und das geschieht leider nicht nur bei den vorauseilenden Verlautbarungen, sondern auch in der täglichen Praxis.


In dem üblen Sinne naheliegend war beispielsweise der Gedanke der Berliner Verkehrsverwaltung, aus einem Rückgang des motorisierten Individualverkehrs und der Zunahme des Fahrradverkehrs abzuleiten, dass man weniger Straßen und mehr Radwege brauche. Ein kluger Berliner hielt per Leserbrief in einer Tageszeitung unerhört und ungehört dagegen, dass im selben Zeitraum der öffentliche Nahverkehr doppelt so stark zurückgegangen sei wie der Autoverkehr, und ersterer mit derselben Logik noch stärker reduziert werden müsste als der Autoverkehr. Er fügte hinzu, dass in der offiziellen Prozente-Spielerei verheimlicht wurde, dass objektiv alle drei Verkehre zugenommen hätten, nur eben der Fahrradverkehr am meisten.

Dieses Nah-Denken anstelle eines nachhaltigen Nachdenkens hat der Nah-Verkehr natürlich nicht exklusiv, was beispielsweise das zunehmende überzogene Sicherheitsdenken beweist. Am historischen und wunderschönen Berliner Landwehrkanal haben verantwortungsvolle Nah-Denker in kurzen Abständen Sicherheitsleitern in gelb-grüner Leuchtfarbe in den Sandstein geschraubt und damit die ästhetische Wirkung des Baukunstwerks erheblich geschädigt. Meines Wissens ist in den mehr als 300 Jahren seiner Existenz niemals jemand deshalb final im Kanal gelandet, weil er die Sicherheitsleiter nicht fand, stattdessen aber relativ häufig, weil er sich entweder das Leben nehmen wollte oder jemand anders es ihm schon genommen hatte.

Aus dem kleinen Beispiel ist ersichtlich, dass der sicherlich ehrenwerte Vorsatz, Leben zu retten, nicht andere Gesichtspunkte außer Kraft setzen oder außer Acht  lassen darf, erst recht nicht, wenn eine quantitative Komponente hinzukommt. In unserem Beispiel heißt das, dass jetzt noch immer keiner bei der Leiternsuche ertrunken ist, dafür aber den Abertausenden, die den Kanal täglich zu Gesicht bekommen, der Spaß versaut wurde.

Ähnlich liegt der Fall, wenn auf Brandenburgs Alleen tagtäglich rund um die Uhr ebenfalls Abertausende nur 70 km/h fahren dürfen, weil sich alle zwei Jahre irgendein besoffener Idiot um einen der vielen Bäume wickelt. Eine solche Regelung wäre sogar dann schwachsinnig, wenn man nicht davon ausgehen müsste, dass sich besagter Idiot sowieso nicht an Verkehrsregeln halten wird. Ich könnte jetzt viel und sarkastisch über Evolution schreiben, lasse das aber im Interesse des Naheliegenden.

Komplexes, oder, wie es hier gerne heißt, Kybernetisches Denken muss nicht nur viele Faktoren zusammenbringen, sondern die einzelnen auch quantitativ und qualitativ bewerten sowie Wechselwirkungen bedenken. Kybernetisch gesehen geht es um das Verhältnis von Aufwand und Nutzen, um die Effektivität von Regeln und Maßnahmen, um den möglichen Ausschluss von Erfahrung und Selbstbestimmung, kurz: um ein komplexes Gesamtbild auch über einen längeren Zeitraum betrachtet. Angesichts dieser Implikation können ein paar mögliche Tote in der Tat auch als Kollateralschaden betrachtet werden.

Allensbach-Meinungsforscherin Renate Köcher sagt: „Wenn die Alltagserfahrung der Menschen den täglichen Alarmmeldungen widersprechen, orientieren sich die meisten an ihren eigenen Erfahrungen. Vieles prallt dann an ihnen ab.“ Das ist ein Grund, warum mir der gesunde Menschenverstand des „einfachen“ Bürgers meistens so viel lieber ist als das Expertengerede. Er erdet seine Meinungen und Entscheidungen intuitiv-komplex an der Realität, während die, die es angeblich besser wissen, sich zu oft in intellektuellen Teilbetrachtungen verlieren.

Wichtig ist, was passiert, nicht was passieren soll, könnte oder müsste. Unsere virtuelle Planungspolitik handelt aber genau umgekehrt. Sie lässt komplexe Prozesse aus. Sie folgt einer falschen Kausalität. Beispiele dafür zu suchen ist müßig, denn es gibt im öffentlichen Raum so gut wie gar keine Gegenbeispiele, und auch in der Privatheit gewinnt das nicht nur lineare, sondern auch noch verkürzte Nah-Denken zunehmend an Einfluss.

Gehen wir die These aber dennoch einmal am Beispiel der sogenannten Lebensmittelampel durch. Die scheint nämlich auf den ersten Blick eine feine Sache zu sein. Rote, gelbe und grüne  Markierungen an den Lebensmitteln sollen den Verbraucher darauf aufmerksam machen, was gut für ihn ist und was nicht. Doch welcher Ampel-Juror könnte sich anmaßen, angesichts in der Regel völlig divergierender wissenschaftlicher Erkenntnisse und vor allem sehr häufig divergierender persönlicher Bedürfnisse oder Erfahrungen der Verbraucher dies festzulegen?

Was er bestenfalls festlegen könnte, wäre eine Momentaufnahme der Durchschnittsbedürfnisse und des fachlichen Erkenntnisstandes. Nur rechtfertigt dies tatsächlich, die Nutzer zu dominieren und einzuschränken? Diese Ampel, wo sie denn noch eingeführt werden sollte, bedeutet einen weiteren Schritt hin zur Herrschaft der Besserwisser und eine weitere Entmachtung des Erfahrungswissens, eine Gleichschaltung des Denkens und eine Missachtung des Individuums. Der Verbraucher wird damit für dumm erklärt, schlimmer: seine Erfahrungen, sein Wissen und seine Bedürfnisse werden nicht nur ignoriert, sondern als bestenfalls nichtig, schlimmstenfalls schädlich gebrandmarkt.

Eine Reduktion auf die drei Zustände rot, gelb und grün gibt scheinbare Antworten und vereinfacht unzulässig komplexe Zusammenhänge. Das passt natürlich in die virtuelle Gesellschaft wie die Faust aufs Auge. Rhabarber bekommt dann ein Grün, ohne zu berücksichtigen, dass dessen erhöhter Konsum giftig ist. Auch wenn es am Anfang vielleicht nur um den Gehalt von Salz, Fett und Zucker in den jeweiligen Produkten gehen sollte, ist doch jeder Stoffwechsel und jedes Ernährungsprofil anders - Männer haben andere Bedürfnisse als Frauen, Sportler andere als Couch Potatoes. Unterzuckerung erhöht die Wahrscheinlichkeit von Schlaganfällen, Salzmangel von Krampfzuständen. Man fühlt sich nicht von ungefähr an die Energieampel erinnert, bei der mit einem Verzicht auf Leistung und Volumen energiepolitische Correctness hergestellt werden soll.

Eine solche Regelung stellte immerhin sicher, dass die Menschen an einer Schlüsselstelle ihres Lebens nicht mehr selber denken müssen. Auf solch ein intellektuelles Entzugstraining haben viele schon gewartet, die mit unserer Demokratie noch besonderes vorhaben. Als wenn durch die Medien mit Ratgebern, Wellness-Visionen und werbefinanzierten Wohlfühlzeitschriften nicht schon genug Ernährungsgehirnwäsche betrieben wird. Grundsätzlich zeigt sich bei allen Spielformen eine unglaubliche Verachtung der Entscheider in Bezug auf ihre Adressaten, also auf die Menschen und ihren gesunden Menschenverstand. Die Bevormundung bewirkt eine perfide Art von self-fulfilling prophecy, denn der so für dumm Verkaufte verliert in der Tat irgendwann seine Handlungskompetenz.

So steht die Ampel auf Grün für eine ganz neue Form von Entmündigung - nicht nur in der Frage der Ampel. Big Brother braucht gar keine Überwachungsanlage mehr, Big Brother wird den Leuten in Form von freiwilliger Unterordnung unter jene, „die es doch besser wissen“, scheinbar gutwillig ins Bewusstsein implantiert. Die Menschen sind dann für ihre mentale Marginalisierung selber zuständig. Das spart Kosten und ist effektiv.

Für die Konsumenten bedeutet es praktisch eine Impfung mit permanent schlechtem Gewissen, wenn sie sich die Tüte Chips dann am Sonnabendabend doch spendieren. Am Ende führt das eben nicht nur zu Depressionen, sondern auch zu einer Abstumpfung gegenüber jeder Art von Input, also auch von sinnvoller Information. Dann regiert nur noch entweder das Lustprinzip oder die Fremdbestimmung.

Zum Glück hat unsere EU sich vorerst gegen die von unseren Verbraucherschützern und Politikern geforderte Ampel ausgesprochen. Diese sei irreführend und wissenschaftlich nicht fundiert. Wie schlimm muss es um unsere Fachverantwortlichen bestellt sein, wenn sie sogar von einer nicht gerade als menschenfreundlich bekannten EU zurückgepfiffen werden müssen. Die EU plant nun, den Herstellern europaweit einheitliche Angaben zum Gehalt möglicherweise schädlicher Bestandteile abzuverlangen. Das ist ohne jeden Sarkasmus vorbildlich, denn so kann der Konsument sich aus Fakten ein eigenes Urteil bilden.

Kommentare:

  1. Guter Artikel, übrigens, bei mir könnten die Ampeln anzeigen, was sie wollten. Nicht Fett oder Zucker sind an sich schlecht. Man schaue auf die Fertignahrung oder Tütennahrung, was da alles an Chemie und Maltodextrin und anderen Zuckerarten drinnen ist, was absolut nichts mit der jeweiligen Suppe oder der Tiefkühlkost zu tun hat. Aber dort setzt niemand an, weil die Konzerne und ihre gesponserten Ernährungswissenschaftler dann vielleicht weniger verdienen würden. Ich bin gern der dumme Verbraucher. Sollen die doch reden, wie sie wollen. Wenn alles so schlimm wäre, würden wir nicht so alt werden. Punkt.

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    1. Interessante, wenn auch nicht ganz klare Aussage auf der Selbstoffenbarungsebene, werter PeWi, die ich so interpretiere, dass es Ihnen egal ist, wie viel und vermutlich auch, welche Chemie in der Tütensuppe ist. Außerdem sagen Sie, dass Zucker und Fett an sich nicht schlecht sind.
      Da haben Sie in der Tat Recht – an sich ist erst einmal nichts gut oder schlecht. Erst die Wirkung auf ein System macht etwas gut oder schlecht – wenn Sie zum Beispiel DiabetikerIn sind oder einen hohen Cholesterinspiegel haben, können Zucker und Fett relativ schnell tödlich sein. Wenn Sie am Verhungern sind, können beide Stoffe lebensrettend sein.
      Grundsätzlich kommt es schon darauf an, um welche Zuckerarten und Fette es sich handelt, wie sie raffiniert bzw. verarbeitet wurden und wie hoch sie dosiert sind.
      Nach dieser Überlegung möchte ich das Ergebnis Ihrer aus meiner Sicht doch eher eindimensionalen Schlussfolgerung wenigstens ein bisschen komplexer betrachten:
      Vielleicht können Sie sich ja meinem Gedankengang öffnen, dass die meisten aus dem Gleichgewicht geratenen Körpersysteme möglicherweise nur deshalb so lange überleben, weil sie durch Medikamente, Kuren und andere gesellschaftlich „gesponserte“ Maßnahmen überlebensfähig gehalten werden.
      Wenn ich diesen Gedanken weiter fortführe, lande ich unweigerlich bei der Frage, wo die Abfallprodukte sowohl aus der Lebensmittelforschung, dem Lebensmitteltuning und der Pharmaforschung entsorgt werden.
      Übrigens werden diese Stoffe interessanterweise auch von WissenschaftlerInnen und ExpertInnen für und gegen alles entwickelt – für die dummen VerbraucherInnen und für die im wahrsten Sinne des Wortes armen Schweine und ihre tierischen Leidensgenossen, die bei so viel Dummheit ganz nebenbei leider häufig genug ebenfalls dran glauben müssen.
      Sämtliche Stoffe (denn ich einem System geht nichts verloren) landen dann praktischerweise – nach dem Durchlauf durch mehrere Systeme angereichert und möglicherweise in ihrer schädlichen Wirkung potenziert – im Abwasser, um dann wiederum im Trinkwasser und in der Lebensmittelkette aufzutauchen.
      Und sofort stellt sich mir die nächste Frage: Wie viel Dummheit einzelner Individuen kann ein Gesellschaftssystem in der Summe eigentlich ausbalancieren, ohne mittelfristig vor die Hunde zu gehen?

      An dieser Frage knackt schon lange

      Annette S. aus K.

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