Kustos kommentiert nicht mehr -
Der Blog schweigt wegen "antifaschistischer" Angriffe.

Samstag, 21. März 2015

Der Mechanismus des Humanismus

Auf gutem Weg in eine bessere Welt
Quelle: Waldorfblog
Wir aufgeklärten Menschen der Neuzeit sind selbstverständlich dem Humanismus verpflichtet. Unser Handeln richtet sich nach den Geboten der Menschlichkeit. Wir halten den Frieden für das höchste Gut und weitgehende Toleranz für seine Vorstufe. Also verteidigen wir uns nicht, wenn wir angegriffen werden, und tolerieren jene, die sich auf Kosten der Allgemeinheit Vorteile verschaffen. Wir folgen den Geboten der Menschlichkeit und wissen dabei überhaupt nicht, ob und, wenn ja, wie diese definiert werden können. Vor allem aber bekämpfen wir jeden auf das Unmenschlichste, der sich nicht unserem Humanismus unterwirft. Diesem uneingestandenen Credo folgten die folgenreichen moralischen Debatten und Vorgänge der letzten Monate, was beweist, dass wesentliche Grundpfeiler des Abendlandes keineswegs durch den Islam ins Wanken geraten, sondern selbst auf tönernen Füßen stehen.


Von Anfang an haben weder die alten Griechen noch die Neubegründer des Humanismus zu Anfang des 19. Jahrhunderts ihre wohlklingenden Ideen zu Ende gedacht. In der gegenwärtigen historischen Phase des Niedergangs unserer Zivilisation werden die Begriffe dieser Philosophie nun aber mehr und mehr zu Phrasen im Interesse destruktiver Mechanismen. Die Pegida-Hetze hat gezeigt, dass Menschen die Gedanken des Humanismus zu ihrer eigenen Überhöhung verfremden und dann aus dieser omnipotenten moralischen Position heraus glauben, Anstand, Fairness und Wahrhaftigkeit nicht mehr nötig zu haben. Und sie hat leider gezeigt, dass solche Methoden bei vielen naiven, wohlwollenden Menschen auf fruchtbaren Boden fallen.

Dabei schien der vor 200 Jahren neugeborene Humanismus doch eine Ideenlehre zu sein, die gar nichts falsch machen konnte. Es ging den damaligen Moralisten um Taten der Güte, der Menschenliebe, der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und des Mitgefühls. Erstmals war auch von „unveräußerlichen Menschenrechten“ die Rede. Schon damals aber war die Lehre nicht so unbefleckt, wie sie daherkam. So war es auch eine Herrschaftsphilosophie, die die Ungebildeten einzuschüchtern und von Entscheidungsprozessen fernzuhalten hatte. Der Philosoph Helmuth Plessner kritisierte in der Rückschau, dass der Humanismus die „überhebliche Auffassung“ impliziere, andere Kulturen zu missionieren und „Menschlichkeit erst beibringen“ zu wollen. Anscheinend eine Erbsünde des Humanismus, denn das gilt auch noch heute.

Während man damals durchaus zurecht über hehre Ziele sann, regierten Kolonialismus, Ausbeutung und Sklaverei. Das allerdings kann man dieser Philosophie noch nicht vorwerfen, denn sie hat tatsächlich mehr Menschlichkeit und anfangs auch Effektivität in die Welt gebracht. Sie setzte eine wichtige Gegenposition zu den Grausamkeiten des Überlebenskampfes. Tatsächlich müssen Humanität und Effektivität auch nicht in einem Gegensatz stehen, wie es heute gerne praktiziert oder vermutet wird. Schließlich haben die Nordstaaten der USA  die Sklaverei hauptsächlich deshalb abgeschafft, weil sie nicht so produktiv war wie die Ausbeutung von Lohnabhängigen.

Friedrich Nietzsche kritisierte schon grundsätzlicher, dass das Gegensatzpaar „gut/böse“ Ausdruck einer „Sklavenmoral“ sei. Er schlug in seiner bekannten - und hier sicher auch problematischen - Radikalität vor, gut/böse durch gut/schlecht zu ersetzen. Immerhin hatte er erkannt, dass bloße Emotionalität und die Unterstellung, der Mensch sei von Natur aus gut, verhindere, dass besser funktionierende Gesellschaftsstrukturen entwickelt werden. Wer gut und schlecht zu unterscheiden versucht, verharrt nicht in moralischen Kriterien, sondern betrachtet die Welt als Ganzes.

Humanität ist dennoch ein wichtiges Instrument der Ordnung. Auch Konrad Kustos ist eine friedlichere und fürsorglichere Welt lieber als eine, in der sich alle gegenseitig auf der Suche nach Vorteilen oder dem korrekten Weg zum Glück auf die Köpfe schlagen. Ach, wenn die modernen Humanisten sich doch nur solche Gedanken machten, statt ihre Interpretation der Gerechtigkeit mit Ideologie und Einschränkungen der Freiheit durchsetzen zu wollen. Ohne Humanität jedenfalls wäre die Welt für viele ein schlechterer Platz, würden die Mechanismen des Zusammenlebens stocken, würde der selbstsüchtige Einfluss des Individualismus zunehmen.

Doch ebenso hat die Menschenfreundlichkeit in einer evolutionären Gesellschaft zu enden, wenn Ungerechtigkeiten begangen oder sogar kultiviert werden. Ebenso, wenn sie per Dekret entgegen den vorhandenen Möglichkeiten verordnet wird. Oder wenn aufgrund verdrehter Heilslehren von der Inquisition über den Sozialismus bis zur Political Correctness von grundguten Menschen bei negativen Entwicklungen im besten Fall geschwiegen und im schlechtesten gegen die eigene Absicht gehandelt wird. In all diesen Fällen wird Widerstand zur Pflicht des Demokraten und der Bürger. Oder wie es der olle Plato gesagt hat: „Wenn die Guten nicht kämpfen, werden die Schlechten siegen.“

Der ‚aufgeklärte’ Mensch bildet sich heute ein, über die Möglichkeit zu verfügen, komplexeste Strukturen nach seinem Willen zu formen. Dabei geht ihm spätestens beim dritten zu berücksichtigenden Parameter intellektuell und praktisch die Luft aus. Ideologie füllt dann die Lücken im System. Dazu ein Beispiel: Für das Überleben der Welt und der Menschheit in Würde ist das Problem der Überbevölkerung schlimmer als (und Voraussetzung für) jede mögliche Klimakrise. Aber die Wahrnehmung dieses Problems wird nicht nur mit allen Mitteln verhindert, sondern mit humanitären Zwangsverordnungen ideologisch unterdrückt.

Durchaus human gedacht werden Nahrungsmittel dorthin geschickt, wo immer mehr Menschen geboren werden, doch damit wird die Gebärfreudigkeit befördert und immer größere Not erzeugt. Es entsteht ein durch Humanität befeuerter Teufelskreis. Die UNO lässt immer tiefere Brunnen bohren, um Menschen in Gebieten mit Wasser zu versorgen, die niemals die dadurch wachsenden Populationen ernähren können. So schafft falsch verstandene Humanität direkt menschliches Elend. Dabei darf außerdem nicht vergessen werden, dass solche ‚Hilfsaktionen’ für diverse Institutionen und Unternehmen erhebliche persönliche Vorteile bringen, aber das ist ein anderes Thema.

Und wie haben die humanistischen Kreise in den USA kürzlich gejubelt, als Präsident Obama aus ausdrücklich und angeblich humanitären Gründen an jedem existierenden Gesetz und jeder Vernunft vorbei fünf Millionen illegale Einwanderer nachträglich legalisierte. Die Auswirkungen werden in diesem Land mit ohnehin schon zusammenbrechenden Sozial- und Infrastrukturen für alle Beteiligten, die nicht direkt davon profitieren, katastrophal sein.

Und wie glaubwürdig ist ein Weltfußballverband, der vor jedem Spiel von seinen Spielern monotone Appelle gegen einen diffusen „Rassismus“ vorlesen lässt, der aber seine Weltmeisterschaft für viel Geld an ein Land wie Katar vergibt, in dem Menschenrechte nur deshalb nicht permanent und in unglaublicher Art und Weise verletzt werden, weil es dort eben einfach keine gibt? Wie human, humanitär oder humanistisch ist ein Verband, der absurd hohe Strafen für Vereine ausspricht, bei denen sich ein paar von Zehntausenden Zuschauern rassistisch danebenbenehmen, der aber natürlich nicht auf die Idee kommt, in Katar Aktionen zu planen gegen Gräueltaten des Islam wie Auspeitschungen, Hinrichtungen und Terror gegen Frauen?

Ähnliche Szenarien könnte man heute für jedwede moralisch-politische Fragestellung beschreiben. Das Verhältnis von Funktionalität und Humanität wird nicht mehr gesucht, sondern entweder gnadenlose, menschenfeindliche Macht- und Wirtschaftspolitik oder eben vernunftentfremdeter Humanismus betrieben - wobei dies immer häufiger in Tateinheit geschieht (dazu ein anderes Mal Ausführliches). Als Fazit bleibt nur: Eine solche Variante von Menschenfreundlichkeit kann höchstens noch als ‚virtueller Humanismus’ beschrieben werden.

Er wird über die reine Menschenfreundlichkeit hinaus einer bestimmten Moral unterworfen, der ein utopisches, sozialoptimistisches Menschenbild zugrunde liegt. ‚Gutheit‘, am besten noch in Tateinheit mit 'Gleichheit' wird nicht als naiver Menschheitstraum und diffuses Ziel verstanden, sondern als Naturgesetz mit klaren Definitionsmöglichkeiten. Mit diesem Kunstgriff muss der Zwang zum Gutsein nicht mehr mit so profanen Dingen wie Notwendigkeit, Nützlichkeit oder Sozialverträglichkeit legitimiert werden. Und es steht der perfekte Knebelmechanismus zur Verfügung für alle, die anderer Meinung sind.

Für diesen Kunstgriff muss natürlich die Komplexität der Wirklichkeit und damit die Wirklichkeit selber ignoriert werden. Der Wunsch überformt die Wirklichkeit, ersetzt sie durch Virtualität. Eine solche virtuelle Moral schert sich nicht um Fragen wie: ‚Für wen wird gut gehandelt?‘, ‚Welche Legitimation steht dafür zur Verfügung?‘, ‚Hat es der Behandelte überhaupt verdient?‘, ‚Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem angeblich guten Handeln für ihn selbst oder für Dritte?‘

So aber wird nicht nur sozialer Fortschritt, sondern selbst die Aufrechterhaltung des bisher Erreichten verhindert. Eine soziale Evolution, solange sie nicht wie bei uns schon geschehen dem Niedergang zum Opfer gefallen ist, funktioniert wie die biologische: Verhaltensweisen, die der Gruppe weniger nützen, werden abgelegt und durch bessere ersetzt. Dies geschieht in einem offenen Wettstreit der Interessen und mit diversen Härten und Rückschritten, aber es geschieht. Eine soziale und/oder eine arbeitsteilige Gesellschaft entwickelt beispielsweise größere Produktivkräfte als der Feudalismus oder der Frühkapitalismus (oder eben der regierende Postkapitalismus) und macht zudem mehr Spaß.

Die Gesetze der Evolution haben aber die Humanisten noch nie groß interessiert. Tatsächlich treffen diese sich hier mit den Kreationisten, die für den Menschen und seine Natur ganz eigene Regeln erfunden haben. Mit willkürlichen Setzungen von höheren Mächten oder einer ‚Seele behelfen sie sich, wo Argumente oder das Verständnis für die Abläufe der Welt fehlen. Die entsprechende Setzung der Humanisten ist die Aushebelung der bisweilen schmerzhaften Evolution durch das ‚Gutsein’. Der Humanismus ist ein verkopfter, missglückter Klon der Evolution. Doch ohne Evolution, so einfach ist das, geht unabhängig von der Motivation der Akteure alles mit erschreckender Konsequenz den Bach runter.

Letztlich ist die menschliche Natur ein Fressen und Gefressenwerden, bei dem es der Evolution als einziger vorstellbaren Kraft möglich ist, die Abhängigkeit von Einzelinteressen durch die von Gruppeninteressen zu ersetzen. Die Gruppe kümmert sich um die Alten und Schwachen und sorgt für sozialen Ausgleich - nicht, weil es von humanistischen Predigern gefordert wird, sondern weil es gesellschaftlich nützlich ist. Das Kollektiv ist jedem Individuum, besonders in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, immens überlegen. Wenn es der Gruppe gut geht, kann sie sich Menschenfreundlichkeit leisten und wird davon profitieren. Eine Win-win-Situation. Wenn die Gemeinschaft aber im Interesse und zum Vorteil Einzelner oder Weniger oder von Außenstehenden unter dem Deckmantel der Humanität geschädigt wird, ist die Menschlichkeit das erste, das verloren geht.

Unsere gesamte Gesellschaft gleicht dem Leben eines archaischen Stammes an einem Wasserloch. Es können nur die leben, die vom Wasserloch und der von ihm ermöglichten Ökologie ernährt werden. Wenn das Wasser nicht reicht, weil man über seine Verhältnisse lebt, beispielsweise unbeschränktes Wachstum zulässt oder zu viele Fremde integriert, welche der Gruppe nicht weiterhelfen, werden Menschen verhungern und verdursten – mit oder ohne Humanismus.

Kommentare:

  1. Ich finde Ihren Artikel – wie so oft – hervorragend, bis er dann eine für meine Begriffe eigenartige Wendung nimmt, nämlich ab da, wo Sie den Humanismus der Evolutionstheorie gegenüberstellen. Da wird aus dem „linken“ „utopistischen“ und „totalitären“ Humanismus plötzlich ein „rechter“ „kreationistischer“. Der Kritik an ersterem pflichte ich bei und möchte zwei Ergänzungen machen.

    In der Antike, die Sie auch erwähnen, war die oberste Pflicht der Bürger die Staatstreue, die virtus, und zwar als persönliche Tugend. Die „humanitas“ bewegte sich nur innerhalb der Grenzen des dem Staat gegenüber Gebotenen. Der moderne linke Humanismus dagegen ignoriert jede Verpflichtung auf das Gemeinwesen und jede Verantwortung dafür, dass politisches Handeln das Gemeinwesen als Ganzes zu befördern und nicht zu schwächen oder auszunutzen hat. Oft wird mit anarchistischen Beigedanken geradezu daran gearbeitet, unter dem Deckmantel des Humanismus die stabilen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen zu zerstören – Beispiel Flüchtlingspolitik, Familienpolitik, Bildungspolitik.

    Der klassische Humanismus ist vor allem auch eine individuelle Haltung mit einer starken Ausrichtung auf Bildung. Der moderne linksgrüne Humanismus dagegen tritt nicht als individuelle Haltung in Erscheinung, sondern als ideologische Doktrin mit totalitärem Hang zur Umerziehung anderer. Wenn nicht an deren Verschwinden aktiv gearbeitet wird, so werden staatliche und gesellschaftliche Strukturen als quasi unendlich belastbare Ressourcen betrachtet. Das wird deutlich in Forderungen, jedwede Einreisebeschränkung aufzuheben, oder in den naiven Phantasien, Deutschland könne die Flüchtlingsproblematik dadurch lösen, dass es die Probleme der Flüchtlinge in ihren Heimatländern löse.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die (archaische) Gruppe kann keinen evolutionären Vorteil haben falls sie Schwache und Alte durchfüttert bis zu deren Genesung oder Tod. Nein! Es ist der unselbstständige, unerfahrene Nachwuchs der durch die, momentan oder dauerhaft am ausreichenden Nahrungserwerb gehinderten --aber dennoch erfahrenen und teilenden-- Schwachen und Alten einen evolutionären, individuell verwertbaren Vorteil bekommt -- durch mitgeteilte Erfahrung (z.B. im Basislager während die Tüchtigen eg. jagen und sammeln).

      Alles andere, d.H. was nicht den unselbstständigen, unerfahrenen Nachwuchs als Ausgangspunkt und Ziel der Überlegungen hat, ist nur herbeigewollte Ideen- und Gruppen(verwirrungs)lehre und hat keinerlei evolutionäre Auswirkung. Deshalb kann der selbstsüchtige Einfluss des Individuums auch nur (immer wieder aufflammen und) zunehmen, manchmal sogar wie bei einer Schwarmintelligenz ;-)

      Löschen
  2. Vielen Dank für Ihre Gedanken, die meine vielleicht etwas langen Ausführungen noch einmal so richtig auf den Punkt bringen. Hinsichtlich des Kreationisten-Vergleichs kann ich Sie hoffentlich beruhigen: Er bezog sich nur auf die mit dem Humanismus gemeine Leugnung der Evolution. Dann geht es ja gleich weiter mit der Beschreibung des Humanismus als ideologische Fessel des Denkens und der (eben sozial-evolutionären) Entwicklung der Gesellschaft.

    AntwortenLöschen
  3. "Gut" und "Böse" - eine verhängnisvolle digitale Aufteilung, die alle zu Egoisten formt -
    denn jeder hält sich selbst für das "Gute" und erhebt sich dadurch über andere, die nicht so "Gut" sind.

    Alles ist polar und nicht dual - und jeder ist "Gut" und "Böse" bzw. "Gut" und "Schlecht" gleichzeitig - eine
    sehr subjektive Wahrnehmung - denn aus der Sicht der Mikroben,
    welche wir alle bei jedem Schritt zertreten, sind wir doch zweifelsohne "schlecht" - da kann man noch so heilig sein.

    Doch alle anderen passen immer in irgendeine Schublade, selber ist man ja immer "die Ausnahme".


    Der Humanismus klingt für mich wie eine katholische Erfindung: in der Ferne "helfen", aber die eigenen Reihen
    im Dreck lassen oder gar in den Dreck treten.


    Achja PEGIDA: ein hochgeschaukeltes Kindergartenspiel, um uns von der Kriegsentwicklung Europas abzulenken - DA
    sollte man sich ernsthaft darum sorgen, bevor die ersten Bomben bei uns einschlagen.


    Ansonsten gute Nacht im "Abendland" - aber möglicherweise wird damit auf die Geistesdämmerung gewisser Köpfe hingewiesen.

    Es ist schon seltsam, dass da Menschen gegen die "bösen" Islamisten auf die Strasse gehen - und sich weiterhin
    von den "guten" Bänker und PO-litiker aussaugen lassen.

    Martin D'Agaro

    AntwortenLöschen
  4. Meine Lieben,
    Intellekt ist gut, allerdings hat dieser keine Moeglichkeiten Gefuehle auszudruecken.
    Wir sollten wieder unserem Herz zuhoeren.
    Alles Liebe

    AntwortenLöschen
  5. Leider fehlt es dem Artikelschreiber an den grundlegenden Kenntnissen über den Humanismus in seiner historischen Entwicklung als Begriff. So kommt es bei ihm zur Begriffsverwirrung. Er redet vom Humanismus, kritisiert aber das Konzept der Humanität, und das ist nicht dasselbe. Der Humanismus entwickelte sich in der italienischen Renaissance als Reaktion auf die Gotik. In dieser stand Gott im Zentrum der Weltbetrachtung und die Renaissancephilosophen (allen voran Ficino und Mirandola) versuchten, statt dessen den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen und dabei Aristoteles und Platon in einer Synthese zu vereinen. Gut und Böse, die Hauptkriterien des gotischen Zeitalters, das sich chileastisch allein auf den Jüngsten Tag und das Weltgericht kaprizierte und die Welt als Jammertal ansah, waren da keine Kriterien in der Renaissance, sondern (wie bei Nietzsche) "richtig und falsch". So kam es dann aus der humanistischen Renaissancebewegung heraus zur Herausbildung der europäischen Wissenschaften und mit ihnen zum Rationalen Zeitalter des Barock. Diese Entwicklung bedeutete aber einen erheblichen Machtverlust der Kirchen (katholischen wie protestantischen), aus denen nun ihrerseits humanitäre (keine humanistischen) Lehren hervorgingen wie Quietismus und Pietismus, die anhand der mit den Wissenschaften einhergehenden Glaubenskrisen Gott aus der Transzendenz in die Immanenz beförderten, ihn also nicht mehr im Himmel, sondern im "menschlichen" Herz eines jeden Individuums verorteten. So wurde aus der "Würde des Menschen" der Renaissancehumanisten die "menschliche Würde". Der Unterschied zwischen beiden ist der, dass die "Würde des Menschen" ihre Ebenbildlichkeit mit Gott hervorhebt, also nicht an das Individuum gebunden ist, sondern die Gattung Mensch im Gegensatz zu Gott als sein Geschöpf meint. Somit ist der humanistische Renaissancediskurs stehts um Objektivität bemüht. Die "menschliche Würde" der Quietisten und Pietisten, die maßgeblichen Einfluß auf die Aufklärung des 18. Jh. nahmen, meint aber das Subjekt Mensch, das selbstverantwortlich handelt aufgrund seines ihm innewohnenden Gottes der Liebe und Gerechtigkeit. Aus dem Quietismus entwickelte sich so die Philosophie Rousseaus, aus dem Pietismus die eines Lessing, Hegel oder Kant, der als Quintessenz seiner Philosophie das Sittengesetz postulierte, das wir als seinen Kategorischen Imperativ kennen. Mit seinen drei großen Kritiken machte er als "Alleszermalmer" der Welt klar, dass das, was der Humanismus unter Vernunft verstand, nicht objektiv sein kann, weil der menschliche Geist die Welt nur beschränkt erkennen kann. Also versuchte Kant, das Sittengesetz als objektiven göttlichen Kern jedes Menschen zu erklären (Kritik der Urteilskraft) und so als Naturgesetz des Menschen im Individuum zu verankern. Er verwarf die Reine Vernunft (und somit die reine Rationalität seines Zeitalters) zugunsten der Praktischen Vernunft (Kategorischer Imperativ). "Das moralische Gesetz in mir und der gestirnte Himmel über mir" wurde so zum Spannungsfeld zwischen Mensch und Gott.

    AntwortenLöschen
  6. Aus Rousseau, Lessing und Kant wurde das Konzept der Humanität zusammengerührt. Durch sie wurde der Mensch, der zuvor noch seinen objektiven Stand innerhalb der göttlichen wie weltlichen Natur suchte, über das Allgemeine Sittengesetz als Naturgesetz zum moralischen Subjekt erklärt und als solches ist er erst aufgeklärt.

    Die Evolutionstheorie hat einen ganz anderen philosophisch-theologischen Hintergrund. Sie entstand zwar ebenfalls aus einem katholisch-protestantischen Syntheseversuch (nicht zufällig in England), aber hier kommen Ideen des Jesuitismus und Calvinismus zur Anwendung, also das jesuitisch machiavellistische Konzept der Willensfreiheit und das calvinistische Konzept der Gnadenwahl. Konzepte wie der Sozialdarwinismus vereinen beide in einer Art Quadratur des Kreises. Der Darwinismus besagt, das der Stärkere auserwählt ist, den Schwachen zu besiegen und erkennt darin das evolutionäre Naturgesetz der Selektion durch Gott selbst. Insofern wäre nach diesem Konzept der Wille des Stärkeren als der Wille Gottes über den Willen des Schwachen erhaben und somit frei. Er bestimmt, was richtig und falsch ist in der Welt, weil er der Stärkere ist und als solcher Gottes Werk und Willen tut. Damit wurde die Willensfreiheit an die Willensstärke gebunden. Gut und Böse sind dagegen nur die Kriterien des Schwachen (Nietzsche nennt es Sklavenmoral). Der Gott der stärkeren Calvinisten ist aber der Gott des Deismus, also einer, der die Welt zwar erschaffen hat, sich aber nicht weiter um sie kümmert. Diesen Gott hat der Jesuitismus natürlich von Anfang an mit allen Mitteln bekämpft. Er macht deshalb geschickt aus der darwinistischen "Zuchtwahl" den Kreationismus, d.h., ihr Gott kümmert sich weiter intensiv um seine Schöpfung, nach dem er sie geschaffen hat, da er mit ihr einen Plan verfolgt. Da dieser Plan göttlich ist, kann er nicht im Widerspruch zu den Naturgesetzen stehen, sondern stellt sozusagen ihren Generalplan dar. Diesen kann der menschliche Verstand widerum durch Geometrie, Algebra und Physik nachvollziehen, da Gott ja laut Salomon die Welt aus Maß, Zahl und Gewicht erschaffen hat (Buch der Weisheit, Kapitel 21). Es kann also nur derjenige die Welt im Namen Gottes beherrschen, der diese Dreieinigkeit beherrscht. Und während nun der Calvinismus der Engländer die Welt mit Krieg und Eroberungen ausraubt, in dem er glaubt, als der Stärkere ein Recht darauf zu haben, weiß der Jesuit, dass diese Art der Weltherrschaft nicht nachhaltig ist und versucht seit dem, die Menschheit über das Finanzsystem zu unterjochen. Rotschild (das wußte schon Heinrich Heine), ist nur der Bankier des Vatikans und konnte deshalb auch bis heute so erfolgreich sein.

    Der Kampf zwischen Evolutionstheorie und Kreationismus ist also lediglich der Kampf zwischen Jesuitismus und Calvinismus.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ihre Deutung der Evolutionstheore ist recht eigenwillig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ich glaube, dass Sie irren, wenn sie den Darwinismus auf religiöse Schulen zurückführen wollen. Der Darwinismus ist das Kind eines ganz anderen Geistes, beziehungsweise zweier Geister, d.h. Strömungen, die beide charakteristisch für das 19. Jhd. sind: Der Historismus und der Materialismus. Darwin versucht, mit den Mitteln einer materialistischen Weltbeschreibung die Geschichte zu rekonstruieren. In seinem Fall die Naturgeschichte. Nicht zufällig unternahmen zwei Deutsche fast im selben Jahr (1859) dasselbe Unternehmen für die menschliche Geschichte (Historischer Materialismus). Und nur wenige Jahrzehnte danach taucht ein dritter Versuch einer materialistischen Rekonstruktion eines Entwicklungsprozesses auf: Freuds Theorie der Individualentwicklung.

      Da haben Sie die Quellen des Darwinismus. Und der Kreationismus ist das Ergebnis eines langsamen Absterbens der Fähigkeit unserer Kultur, eine mythologische Erzählung auch als Mythos zu erfassen, und nicht als materiell historische Faktizität. Der Verlust dieser Fähigkeit ging übrigens auch einher mit dem Aufkommen des Materialismus.

      Sie mögen Vergleiche ziehen zwischen Jesuitismus und Evolutionstheorie etc., aber hier einen realen Zusammenhang, eine ursächliche Verknüpfung zu sehen, ist doch reichlich aus der Luft gegriffen. Was hätte Darwin denn mit dem Jesuitentum zu schaffen gehabt? Denn natürlich war er Anglikaner.

      Löschen
    2. Ich habe die Evolutionstheorie nicht gedeutet, sondern historisch aus den entsprechenden Glaubensrichtungen hergeleitet. Historismus und Materialismus sind im Übrigen nicht plötzlich als Eingebungen irgend welcher Gelehrter in die Welt gekommen. Die Rekonstruktion der Geschichte durch Darwin basiert nicht auf spinnerte Ideen von ihm, sondern natürlich auf dem christlich-calvinistischen Gnadenwahlkonzept. Der Historismus tut imgrunde dasselbe, denn seine Geschichte ist ja auch nicht reel, sondern fiktiv. Die Naturgeschichte war seit der Renaissance stets an die Naturrechtsdebatte gebunden. D.h., wie alle Geschichte legitimierte sie sich aus dem Recht, dessen höchster Ausdruck Gott selbst ist. Die Herrscher Großbritanniens legitimieren sich bekanntlich noch heute aus dem Recht Gottes. Ebenso der Vatikan und seine Jesuiten. Seit Ende des 30jährigen Krieges wurde aus dieser Debatte eine Debatte über die Rechtfertigung Gottes angesichts der Greul dieses Krieges, die er zugelassen hatte. Die Theodizee von Leibniz ist hier in Deutschland die geistige Grundlage. Leibniz gehörte zu den Philosophen, welche danach strebten, Katholizismus und Protestantismus wieder zusammenzuführen, weshalb er auch eng mit den Jesuiten zusammenarbeitete.

      Löschen
    3. Das "Recht des Stärkeren" basiert auf der Naturrechtsdebatte, ist aber eher eine Parodie des Naturrechts. Dieses "Recht" als Grundlage der materialistischen Evolutionstheorie zu postulieren, wie es Darwin tut, ist nicht weniger fiktiv, als der Kreationismus. Beide fallen als Erkenntnistheorien weit hinter Kants Kritik der Reinen Vernunft zurück. Der Historische Materialismus von Marx und Engels basiert dagegen auf der Gleichstellung von Materie und Ökonomie sowie auf den jüdisch-christlichen Messianismus, nur, dass bei ihnen das 1000jährige Reich Christi Kommunismus heißt und nicht durch die Gnade eines Gottes zustande kommt, sondern durch die "Historische Mission der Arbeiterklasse", was die Missionierung einer Gruppe durch eine andere darstellt, wobei Marx hierbei den Hegelschen Weltgeist und dessen Missionswerk umdichtet. Das aber ist reiner Jesuitismus! Von diesen drei Faktoren (Materie, akkumulierende Ökonomie, Mission) leiten die Marxisten die Entwicklung der Geschichte als Naturgesetz ab, wobei sie der Natur einfach ihr System der Akkumulation unterschieben. Dieses Konzept führt aber schon aus sich heraus das Konzept des Rechts des Stärkeren ad absurdum, gerade weil beide das linear verlaufende Evolutionskonzept zur Grundlage haben. Bei Marx ist der Stärkste der Zusammenschluß der Schwachen gegen die Starken. Insofern widerspricht er den Sozialdarwinisten, ordnet aber das Individuum mittels des platonischen Konzepts der "Einsicht in die Notwendigkeit" in eine Masse ein, die er Klasse oder gesellschaftliche Schicht nennt und macht daraus den Klassenkampf von Gut und Böse um die Produktionsmittel, wobei die unterste und somit zahlreichste Klasse siegen muß, also die der Unterdrückten, die sich die Produktionsmittel durch ihre Einigkeit aneignen werden. Durchgesetzt werden kann dieses Recht der stärksten Masse nur durch die Diktatur (des Proletariats). Die Masse bedarf allerdings erst der weisen Führer, die sie zum Guten hin bewegt. Somit sind wir wieder beim platonischen Staatskonzept, auf dem in der Neuzeit alle Massengesellschaften seit dem Jesuitenstaat Paraguay beruhen, einschließlich Kommunismus und Faschismus.
      Nur was ist, wenn der Starke alles Schwache akkumuliert hat? Zuende gedacht kann es bekanntlich nur Einen geben, der dann alle Stärke in sich vereint, so, wie es, wenn das Kapital akkumuliert, es irgendwann nur noch ein Einziger besitzen kann. Das mag zwar in der Spieltheorie möglich sein, so, wie in der jüdisch-christlichen die Menschheit sich ja auch auf Adam und Eva zurückführen läßt; in der realen Welt zeigt sich aber auch hier in der utopischen Prognose der Marxismus als bizarre Fantasie auf der "wissenschaftlichen" Grundlage der mittelalterlichen Scholastik, die es ebensowenig vermochte, sich mit ihren aristotelischen Spieltheorien der Realität von Mensch und Natur zu stellen.

      Löschen
    4. Freuds Theorie der Individualentwicklung ist zwar zunächst empirisch, doch knüpft auch sie letztlich an Konzepte an, die auf Mythen beruhen (siehe Ödipus-Komplex). Bei Jung wird dann daraus der reinste Mystizismus. Man könnte die gesamte Psychologiebewegung um Freud, Adler und Jung auch als Versuch nehmen, alte Mythen auf eine materialistische Grundlage zu heben, sie so zu Wahrheiten zu stilisieren und eine Art "Naturrechtsmythos der menschlichen Natur" zu schaffen. Der Mensch (eigentlich Mann) ist bei diesen drei Psychologen also tief in seinem Innern (seinen sogenannten Unterbewußtsein) wahlweise ein potentieller Vatermörder und Mutterschänder auf dem Weg zur Zivilisation, der ab der phallischen Entwicklungsphase uralte Stammesmythen in seiner eigenen Entwicklung nachvollzieht, die zunächst aber eine erotische Verwicklung ist, deren Endziel ein menschliches Wesen sein muß, das sich aus dieser Verwicklung zu befreien vermag (also ein neurotisches Wesen, das durch die Überwindung der Neurose mittels Analyse ein höheres Bewußtsein erlangt, das ihm geistige Gesundheit einträgt, die ihn befähigt, sich der modernen industriellen Massengesellschaft der "Entfremdung" einzuordnen ohne sich unterzuordnen). Der marxistische Klassenstolz wird hier durch den Stolz des Individuums auf das von ihm erlangte Selbstbewußtsein gelenkt und zur Grundlage des "gesunden" Klassenstolzes des "Starken" (d.h. nun fortan Gesunden) gemacht. Dass dieses Konzept dann auch auf den "gesunden Rassestolz" anwendbar ist, hat sich im Lauf des 20. Jh. als evident erwiesen.

      Im Übrigen sind Anglikaner lediglich Katholiken ohne Papst. Spätestens seit der Restauration der Stuarts sind die Anglikaner lediglich das Einfallstor der Jesuiten nach England gewesen. Man könnte auch sagen, Darwin hat mit seiner Naturrechtstheorie den Calvinismus und seine Prädestinationslehre der Anglikanischen Kirche zugetrieben und diese hat ihn mit dem römischen Katholizismus kompatibel gemacht. Darwinismus und Jesuitismus basieren beide auf dem Recht des Stärkeren bei der Zuchtwahl; hier der biologischen und dort der geistigen. Nirgends herrscht das darwinistische Auswahlprinzip gnadenloser, als im Jesuitenkolleg - auch heute noch.

      Löschen
    5. @ Aufklärer

      Zitat: „Das "Recht des Stärkeren" basiert auf der Naturrechtsdebatte, ist aber eher eine Parodie des Naturrechts. Dieses "Recht" als Grundlage der materialistischen Evolutionstheorie zu postulieren, wie es Darwin tut, ist nicht weniger fiktiv, als der Kreationismus.“

      Das ist leider eine ziemliche Verzerrung der Theorie von Darwin. Nun bin ich selbst kein Fan dieser Theorie, und will sie daher auch nicht verteidigen, aber wenn man sie kritisiert, deutet oder den Anspruch hat, sie herleiten zu können, dann sollte doch die Voraussetzung sein, ihre Prinzipien verstanden zu haben.

      Darwins Idee war es, die Naturgeschichte als eine Kette von Kausalprozessen zu erklären, und das heißt: als ein vollkommen passivisches Geschehen, da Kausalprozesse stets passivisch sind in dem Sinne, dass das Frühere das Spätere naturgesetzlich bestimmt ohne das Wirken eines intrinsischen Wollens oder Strebens, also nur so, wie das Wasser den Berg hinunter fließt. Darwin selbst allerdings erkannte immerhin noch ein letztes Teleologisches, ein Streben an, nämlich auf der Ebene der individuellen lebendigen Existenz. Hier gibt es einen „struggle for life“, wie denn auch Darwin noch Anhänger der Idee einer Lebenskraft gewesen ist. Doch seit knapp hundert Jahren ist man in einschlägigen Kreisen schon dazu übergegangen, das echt Teleologische auch dieses Überlebenswillens zu bestreiten, indem man nämlich die Existenz einer „Lebenskraft“ innerhalb der Wissenschaft nicht mehr für eine vertretbare Anschauung hält.

      Von einem „Recht“, oder gar „Recht des Stärkeren“ hingegen ist bei Darwin gar nicht die Rede. Recht ist eine Kategorie, die in die Natur keine Anwendung finden kann. Insofern kann Ihre Herleitung nicht greifen. Die Wahrnehmung gewisser Strukturähnlichkeiten von Theorien oder Lehren will ich Ihnen gar nicht bestreiten, und hier lässt sich auch immer wieder der Zeitgeist bei der Arbeit beobachten, aber eine Herleitung der einen aus der anderen, zumal wenn sie sich auf so verschiedenem Terrain bewegen wie christliche Lehre und Naturgeschichte, hat doch einen so hohen Grad von Spekulation und reiner Assoziation, dass ich ihr keinen substantiellen Erkenntniswert beimesse.

      Der Materialismus hat – anders als Sie insinuieren – eine solide originäre Abstammung in der Antike – Demokrit, Leukipp, Epikur, Lukrez, auch die Stoiker etc. Damals war er eine ganz elitäre Philosophie. Ich sehe ihn – in der modernen Form - als eine Übersteigerung des intellektuellen Erkenntnis- und Herrschaftsanspruchs des Menschen an, gepaart mit einer individuellen Disposition der Abneigung gegen alles Numinose und Unkontrollierbare. Die christlichen Mönche haben den Kernbestand des antiken Rationalismus in Form von Logik und Dialektik (Trivium) über die Zeit gerettet und ab dem 11. Jhd. wieder weiterentwickelt, so dass es im 17. Jhd. parallel zur Entstehung der experimentellen Naturwissenschaften dazu kam, eine mechanistische Weltanschauung zu formulieren, welche dann im 18. Jhd. weiter ausgefeilt und radikalisiert wurde in verschiedenen Konzepten des Atheismus und Materialismus. Theologische Konzepte des Deismus ruhen auf diesen auf, nicht umgekehrt. Der Materialismus des 19. Jhd schließt daran an und nimmt vor allem Bezug auf technische und naturwissenschaftliche Theorien und Erkenntnisse. Eine weitere Steigerung erfährt die Anerkennung des Materialismus im 20. Jhd. auf der Basis der Erfolge der exakten Naturwissenschaften und daran anknüpfender Phantasien quasi unbegrenzter Naturbeherrschung, wie sie sich heute noch in Hirnforschung, Genetik, Träumen von KI und künstlichem Leben u.v.a. manifestieren.

      Löschen
  7. Zitat fegalo: "Darwins Idee war es, die Naturgeschichte als eine Kette von Kausalprozessen zu erklären, und das heißt: als ein vollkommen passivisches Geschehen, da Kausalprozesse stets passivisch sind in dem Sinne, dass das Frühere das Spätere naturgesetzlich bestimmt ohne das Wirken eines intrinsischen Wollens oder Strebens, also nur so, wie das Wasser den Berg hinunter fließt."

    Da haben Sie es doch! Kausale Prozesse sind im Sinne Darwins stets lineare Prozesse. Er interpretiert sie als Zeitprozesse (Entwicklung), bei denen das Vorherige das Spätere bestimmt. Diesem "völlig passivistischem System" der Natur unterstellt er aber darüber hinaus ein Ziel, einen Zweck (die Zuchtwahl, d.h. er beschreibt einen absichtsvollen Selektionsprozess, auch wenn er sich scheinbar von selbst ergibt. Die Naturgesetze sind bei ihm Vorsorge des deistischen Gottes, der sie schuf, um sich nicht weiter mit seiner Schöpfung beschäftigen zu müssen, so, wie ein Mechanismus, ist er erst einmal geschaffen, aufgrund seiner mechanischen Gesetze Kräfte bewegt und steuert). Der Darwinsche Gott ist noch immer ein Gott aus der Maschine. Und natürlich ist auch bei Darwin das "Recht des Stärkeren" zentrales Thema, denn die Zuchtwahl setzt ein solches ja voraus.

    Wenn Sie schreiben: "Recht ist eine Kategorie, die in die Natur keine Anwendung finden kann.", dann leugnen sie sämtliche Naturrechtsdebatten in Europa seit dem Neuplatonismus. Dann leugnen Sie quasi die gesamte Geistesgeschichte und Zivilisationsgeschichte des "Abendlandes", vor allem auch die Aufklärungsdebatten. Die Geschichte kennt auch keine Sprünge, wie schon Sokrates wußte. Daher hat sich die Debatte der Moderne auch und gerade in den Naturwissenschaften natürlich aus deren jüdisch-christlichen Vorläufern entwickelt. Diese widerum war eine Reaktion auf den antiken Rationalismus. Der polare Kampf zwischen Idealisten und Empiristen wird von keiner Entwicklung gewonnen, entwickelt sich daher nicht, sondern ist sowas wie die "Wiederkehr des Gleichen". Aber das geschieht nicht linear, sondern, wenn Sie so wollen, spiralförmig (im Sinne eines Kreises, der sich nicht schließt).

    Die Quellen, die Sie für den Materialismus nennen, sind allesamt die Quellen des Deismus. Die christlichen Mönche haben allenfalls die Logik als Bestandteil der Sieben Freien Künste über die Zeit gerettet. Die Dialektik haben die Neuplatoniker auf den Universitäten in das Trivium eingeführt. Das Theologische Konzept des Deismus basiert vor allem auf Empedokles, Epikur und Lucrez. Einfach nochmal nachlesen! Sie selbst sind es schließlich, der mit dem Satz "Der Materialismus des 19. Jhd schließt daran an und nimmt vor allem Bezug auf technische und naturwissenschaftliche Theorien und Erkenntnisse." einsieht, dass diese Weltsicht ohne den Deismus gar nicht erklärbar ist.

    AntwortenLöschen
  8. Mit der Philosophie kann ich leider nicht mithalten. Dafür fehlen mir die Voraussetzungen.

    Deshalb meine eher auf's Praktische ausgerichtete Anmerkung.

    Angeregt durch Deine Ausführungen möchte ich zwei Vorgänge darstellen, die ich nicht verstehe.

    1. In den Entwicklungswländern gibt es externe Bemühungen, die unter dem Begriff Entwicklungshilfe laufen, die Geburten- bzw. Säuglings- und Kleinkindsterblichkeit zu minimieren.
    Dies geschieht ohne darüber nachzudenken, woher die Überlebenden Wasser und Nahrung bekommen.
    Gleichzeitig wird das Gesundheitssystem entwickelt. Die Lebenserwartung der Menschen ist dadurch gestiegen. Im Vergleich zu früher, also in Zeiten hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit ist die Zahl der Geburten stark zurück gegangen. Die Überbevölkerung ist nicht auf die steigenden Geburtenzahlen zurückzuführen, sondern auf die gestiegene Lebenserwartung.
    Trotzdem wird versucht die Geburtenzahlen durch Aufklärung zu senken. Gleichzeitig wird alles daran gesetzt um die Lebenserwartung zu steigern.

    Es ist wie überall. Der Versuch irgendwelche Vorgänge, das gilt auch für die Wirtschaft, durch den Staat zentral zu steuern, endet über kurz oder lang im Desaster.

    2. Auch in Deutschland gibt es extreme Anstrengungen die Säuglingssterblichkeit zu senken. Mit viel Aufwand werden ganz frühe Frühchen (25. SSW; 340g ist wohl der "Rekord") am Leben erhalten.
    Wie vereinbart sich das damit, dass es in Deutschland 100 000 Schwangerschaftsabbrüche im Jahr gibt und selbst Abbrüche bis zu 22.SSW möglich sind.
    Ist eine Gesellschaft die derartiges ermöglich, toleriert, noch normal.

    Ich jedenfalls habe dafür kein Verständnis.

    Herzlich, Paul (so bin ich sonst im Netz unterwegs)

    AntwortenLöschen